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Never Mind the Markets

Total konzeptlos

Tobias Straumann am Mittwoch 16. Mai 2012
Der griechische Präsident Karolos Papoulias (M.) trifft sich mit den Führern verschiedener Parteien, 15. Mai 2012. (Keystone)

Der griechische Präsident Karolos Papoulias (M.) trifft sich mit den Führern verschiedener Parteien, 15. Mai 2012. (Keystone)

Man hat sich in den letzten zwei Jahren allmählich daran gewöhnt, dass das Management der Eurokrise alles andere als optimal ist. Aber was wir in den letzten Tagen beobachten konnten, übertrifft selbst die geringsten Erwartungen. Die Griechen haben mit ihrem Wahlzettel klar zu verstehen gegeben, dass sie weitere Sparmassnahmen ablehnen, aber die Eurozone-Länder und die EU-Kommission bestehen darauf, dass weiter gespart wird und eine Regierung eingesetzt wird, die diese Sparziele umsetzt. Es wäre ehrlicher, man würde den Griechen das Wahlrecht entziehen.

Die Anweisung aus Brüssel ist auch deshalb verfehlt, weil die Sparstrategie ganz offensichtlich gescheitert ist. Griechenland ist in einen Abwärtsstrudel geraten, aus dem es aus eigener Kraft nicht mehr herauskommt. Sparen macht nur dann Sinn, wenn es einen Beitrag liefert zu einem späteren Aufschwung, aber selbst nach vier Jahren ist weit und breit kein Ende der Krise in Sicht. Die griechische Wirtschaft ist nicht wettbewerbsfähig, weil die relativen Lohnstückkosten mindestens 30 Prozent höher liegen als bei den wichtigsten Handelspartnern. Sparen verbessert die Wettbewerbsfähigkeit nicht, sondern würgt die Binnenwirtschaft ab. Mit anderen Worten: Griechenland erlebt eine Depression à la 1930er-Jahren.

Man müsste also einen neuen Vorschlag machen, um Griechenland aus dem Abwärtsstrudel zu befreien. Aber nichts dergleichen, Brüssel ist total konzeptlos. Da und dort wird wieder vor einem Exit Griechenlands gewarnt. Aber alle wissen, dass der Exit früher oder später sowieso eintritt, wenn alles weiter läuft wie bisher.

Vielleicht geht es auch nur noch darum, den Griechen die Schuld für den Exit in die Schuhe zu schieben. Dieses Spiel beobachtet man immer wieder vor Währungsabwertungen. Wer eine Abwertung offen anspricht, läuft Gefahr, sie auszulösen, worauf man ihm oder ihr alle Schuld gibt, obwohl die Abwertung früher oder später sowieso eingetreten wäre.

Auch die gegenwärtigen Warnungen vor einer Abwertung findet man in der Geschichte immer wieder. So hiess es vor der Abwertung des argentinischen Peso im Januar 2002, das werde ausser Inflation gar nichts bringen. Genau das Gegenteil ist passiert: Nach einem tiefen Taucher 2002 ist das Wachstum emporgeschnellt, das Pro-Kopf-Einkommen ist heute höher als vor der Abwertung.

Auch bei Griechenland ist eine Abwertung nach aller historischer Erfahrung die einzige Möglichkeit, wieder wettbewerbsfähig zu werden. Griechenland war auch füher ein armes Land mit schlecht funktionierenden politischen Institutionen, dennoch hat man immer wieder investiert, weil es ein günstiger Standort war – zum Beispiel Landis & Gyr in Korinth (die Produktion läuft bis heute). Warum soll es nicht erneut zu Investitionen kommen, wenn Griechenland wieder ein günstiger Standort wird? Auch der griechische Tourismus würde von einer Abwertung profitieren. Dasselbe hat man in der Türkei nach der Abwertung vor zehn Jahren beobachten können.

P.S.: Oft wird gesagt, dass der Euro nur deshalb eingeführt wurde, weil Frankreich ohne Euro die deutsche Wiedervereinigung blockiert hätte. Ich habe das selber auch lange Zeit geglaubt, aber es scheint nicht zu stimmen. David Marsh, der ehemalige «Financial Times»-Korrespondent in Deutschland und Frankreich, der zu allen wichtigen Entscheidungsträgern Zugang hatte und als einer der besten Kenner der Euro-Entstehung gilt, schreibt es klar in seinem Buch «The Euro» (Paperback Edition 2011):

«The historical record, as set out by this book, demonstrates that Germany did not give up the D-Mark as part of a bargain for German unification, which would have happened anyway whether nor not it was accompanied by a political process that included EMU. German unity lent extra impetus to the decades-long quest for a single currency, but led to no significant German concessions on the make-up of the new monetary order.» (S. 17)

Auch Kenneth Dyson und Kevin Featherstone, die das Standardwerk zum Vertrag von Maastricht geschrieben haben, kommen zu diesem Schluss. Diese Korrektur der historischen Legende ist wichtig, weil sie mit der Idee aufräumt, die Einführung des Euro sei eine zwangsläufige Folge der damaligen Umstände gewesen. Auch die deutschen Politiker, allen voran Hans-Dietrich Genscher, Helmut Kohl und Theo Waigel, wollten den Euro. Alles auf die Franzosen abzuschieben ist allzu billig.

Die Systemfrage

Markus Diem Meier am Montag 14. Mai 2012

Dass die Europäische Währungsunion in ihrer aktuellen institutionellen Ausprägung auf die Dauer nicht funktionieren kann, war  ihren politischen Pionieren in den 1990er-Jahren durchaus klar. Ökonomen konnten sich ohnehin kaum dafür begeistern. Der Euroraum ist und war offensichtlich besonders weit weg von einem «optimalen Währungsraum» und ein ausgleichendes Pendant bei den Staatsfinanzen zur einheitlichen Geldpolitik war noch nicht einmal vorgesehen (wie das sonst jeder «Währungsraum» kennt – auch jener der Schweiz). Die Politiker haben darauf gesetzt, dass der Euro notwendige institutionelle Änderungen und das Zusammenwachsen der europäischen Länder automatisch zur Folge haben, bzw. erzwingen werde. Wie sich jetzt zeigt, ist das Experiment gerade auch in dieser Hinsicht gescheitert: Das Projekt trennt die Länder immer mehr und schlimmer noch, es führt zu einer Entfremdung der Politiker innerhalb der Länder von ihrem Wahlvolk.

Die politische Dimension der Eurokrise führt damit zur Frage, unter welchen politischen Rahmenbedingungen Gesellschaften wirtschaftlich gedeihen können und unter welchen nicht. Genau dieser Frage geht ein aktuelles Buch der Ökonomen Daron Acemoglu und James Robinson unter dem Titel «Why Nations fail» nach. Das folgende kurze Video mit Acemoglu macht in aller Kürze klar, worum es geht:

Vor der Auseinandersetzung mit dem Inhalt noch ein paar Worte zu den Personen im Kurzinterview: Der 1967 geborene Daron Acemoglu gilt als Jungstar der Ökonomenszene. 2005 hat er die so genannte «John Bates Clark»-Medaille abgeräumt, die bis 2009 nur jedes zweite Jahr für den wertvollsten Beitrag an die Wissenschaft an Ökonomen unter 40 Jahren verliehen wurde (seither wird sie jährlich verliehen). Die Medaille gilt als ebenso begehrt wie der Nobelpreis und die damit Geehrten erhielten nicht selten später auch noch diese Auszeichnung. Hier die Gallerie der Ausgezeichneten. Die Fragen an Acemoglu stellt Ryan Avent, Redaktor der Zeitschrift «Economist» und Autor von dessen Blog «Free Exchange». Acemoglu und Robinson unterhalten ebenfalls einen lesenswerten Blog zum gleichen Thema und unter dem gleichen Namen wie ihr Buch: «Why Nations fail».

Damit zurück zum Thema: Wie das Interview schon vermuten lässt, dreht sich auch das Buch nicht um die Währungsunion. Warum seine Thesen dafür dennoch relevant sind – genauso wie für die weitere Entwicklung der USA oder Chinas oder warum sie eine Erklärung für den relativen Erfolg der Schweiz liefern, sollte bald klar werden. Hier nun die wichtigsten Thesen:

  • Für wirtschaftliche Prosperität haben angemessene politische Institutionen eine herausragende Bedeutung.
  • Institutionen, die die Macht der Eliten (bzw. einflussreicher Sondergruppen) gegen sie gefährdende Einflüsse abschotten und so ihren Einfluss bewahren, schaden der wirtschaftlichen Fortentwicklung. Acemoglu und Robinson bezeichnen eine solche Gesellschaft als «extraktiv», weil es den Eliten hier gelingt, auf die eine oder andere Art ihre Bevölkerung auszubeuten. Damit untergräbt eine solche Gesellschaft auch die Legitimität der politischen Macht in der Bevölkerung und behindert den politischen Wettbewerb genauso wie den wirtschaftlichen. Damit werden zukunftsträchtige Innovationen verhindert, die zu besseren, effizienteren und günstigeren Produkten, Prozessen oder politischen Lösungen führen. Solche Innovationen sind immer eine potenzielle Bedrohung von hergebrachten Strukturen, insbesondere auch hergebrachten Machtstrukturen.
  • Umgekehrt gedeihen «inklusive» Gesellschaften besonders gut. Inklusive Gesellschaften sind solche, wo es den Eliten (und einflussreichen Sondergruppen) eben gerade nicht gelingt, ihre Macht zu zementieren. Das sind Gesellschaften, die die Rechte der Einzelnen achten und auf den demokratischen Wettbewerb setzen. Sie haben genau die umgekehrten Wirkungen wie die oben beschriebenen extraktiven Gesellschaften und gedeihen daher besonders gut.
  • Grundsätzlich sind moderne westliche Gesellschaften laut Acemoglu und Robinson «inklusiv» und daher auch erfolgreicher als andere. Doch die Autoren machen auch klar, dass es erstens verschiedene Stufen von Inklusivität gibt und zweitens diese Inklusivität stets gefährdet bleibt, da Eliten bzw. machtvolle Sondergruppen überall und immer versuchen werden, ihren eigenen Einfluss zu zementieren.
  • Entscheidend sind daher politische Institutionen, die diesen Versuch von Eliten und machtvollen Sondergruppen von vorneherein möglichst verunmöglichen.

Damit jetzt zur Schlussfolgerung zuerst für die Eurozone:

  • Die Eurozone mit ihren Regeln geht gerade in die gegengesetzte Richtung von Inklusivität. Die Selbstbestimmung der Bevölkerung in den einzelnen Mitgliedsländern wird zum Problem für das Gesamtkonstrukt. Die Eurozone insgesamt verfällt dem Technokraten-Irrtum.
  • Lösungen werden daher in einer zunehmenden politischen Endmündigung der einzeldemokratischen Prozesse gesucht – was im Kontext der Währungsunion auch gar nicht anders möglich ist. Die Erklärung dafür ist das doppelte Trilemma.
  • Als Folge davon wächst die Macht einflussreicher Gruppen – vor allem aus der Bürokratie – die ihre Vorstellungen und Erwägungen nicht mehr einem breiten Wettbewerb aussetzen müssen und die auch nicht mehr durch die Bevölkerung legitimiert sind. Für Lobbygruppen wird es hier viel einfacher, sich Einfluss zu verschaffen und zu bewahren. Einkünfte und Einfluss über das Lobbyieren zu suchen, wird so zu einer gefährlich vielversprechenden Alternative zum Versuch, über echte Innovationen das eigene Wohl (und damit jenes der Gesellschaft) zu befördern.
  • Dadurch zerfällt aber immer mehr die Legitimität des gesamten Systems. Damit verbunden ist eine steigende politische Instabilität und Verdrossenheit gegenüber der hergebrachten Politik. Extremisten aller Art können sich das zunutze machen. Genau das können wir momentan in der Eurozone viererorts beobachten.

Was lässt sich aus den Thesen für die Schweiz schliessen?

  • Die politischen Institutionen hier sind ausgesprochen stark auf politische Integration und Kompromisse ausgelegt. Das sorgt für eine ausserordentlich grosse Legitimation des Gesamtsystems und einer entsprechenden politischen Stabilität.
  • Eliten und mächtige Sondergruppen gibt es auch hier. Dank einem System, das an allen Ecken und Enden auf Verhinderung von Machtkonzentration ausgelegt ist, kann sich niemand vom Rest absetzen und auf Dauer das System zu seinen Gunsten ausbeuten.
  • Ein zentrales Element dieses Systems von verhinderter Machtkonzentration sind die direktdemokratischen Mitbestimmungsmöglichkeiten. Letztlich muss jede Sondergruppe in Konkurrenz mit anderen Sondergruppen ihre Anliegen vor der Allgemeinheit begründen und verteidigen.
  • Damit kommen vielleicht nicht immer die besten Lösungen zustande, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist weit grösser als nur schon in einer repräsentativen Demokratie, wo Sondergruppen und Eliten nur gerade eine Regierungspartei oder führende Parlamentarier für sich gewinnen, bzw. kontrollieren müssen.
  • In der Schweiz selbst wurde dieses System immer wieder als zu langsam und nicht mehr zeitgemäss kritisiert (das war Thema meines vorletzten Buches). Tatsächlich ist dieses System ein wichtiger Pfeiler des wirtschaftlichen Erfolgs der Schweiz.

Was ist nun mit China: Die Diktatur der Kommunisten dort ist offensichtlich kein Beispiel von Inklusivität und dennoch hat das Land ein beachtliches Wachstum hingelegt.

  • Daron Acemoglu und James Robinson sind überzeugt, dass China ohne dramatische politische Reformen sich nicht mehr so weiter entwickeln kann wie bisher. Den Erfolg bisher schreiben sie einer Reihe besonderer Umstände zu. Einer davon ist, dass es den Chinesen lange gut gelang, die Innovationen anderer Länder zu adaptieren («Catch-up»-Effekt). Hier finden sich weitere Gründe in einer Zusammenfassung. Die Ökonomen weisen darauf hin, dass lange auch die Sowjetunion für ihr starkes Wachstum bewundert wurde und im Westen die Ansicht weit verbreitet war, diese einstige militärische Grossmacht werde auch wirtschaftlich den Westen überrunden.

Und wie steht es um die USA?

  • Wenn die zunehmende ökonomische Ungleichheit zu einem faktischen politischen Ausschlusssystem führt, dann wird sich das negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung niederschlagen – meint Daron Acemoglu im Interview. Der feine Unterschied hier ist wichtig: Die Ungleichheit kann Ergebnis des Erfolgs besonders innovativer Leistungen Einzelner sein und ist dann kein Problem, sondern Zeichen einer erfolgreichen gesellschaftlichen Entwicklung. Wenn dieser Erfolg aber dazu führt, dass die politische Pluralität und Mitbestimmung gefährdet wird, weil sich die wirtschaftlich erfolgreiche Elite ein Übermass an Einfluss sichern und zementieren kann, dann wird diese Ungleichheit zur Gefahr für die weitere wirtschaftliche Entwicklung.

Die Party, die sich als Krieg entpuppte

Mark Dittli am Freitag 11. Mai 2012
Die Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart. (Keystone)

Die Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart. (Keystone)

Schulden haben eine enorm mühsame Eigenschaft: Sie verschwinden nicht einfach, wenn man sie loshaben will. Schulden sinken nur, wenn a) man sie durch harte Arbeit und durch Konsumverzicht abzahlt, b) sie vom Gläubiger freiwillig oder unfreiwillig abgeschrieben werden oder c) ihr realer Wert durch Inflation erodiert wird.

Makroökonomisch betrachtet haben Schulden noch eine weitere ungemütliche Eigenschaft: Sind sie zu hoch, hemmen sie das Wirtschaftswachstum. Die Ökonomen Carmen Reinhart, Vincent Reinhart und Kenneth Rogoff – Erstere und Letzterer sind die Autoren von «This Time is Different», des nach wie vor wichtigsten Buches zur Finanzkrise – haben nun in einer Studie mit dem Titel «Debt Overhangs: Past and Present» diesen wachstumshemmenden Effekt zu quantifizieren versucht.

Die Resultate sind unerfreulich.

Zunächst ist eine kurze Unterscheidung nötig. Für eine Volkswirtschaft sind im Wesentlichen vier Arten von Schulden kritisch: die Staatsschulden; die kumulierten Schulden des Privatsektors; die kumulierten externen Schulden – das sind öffentliche und private Schulden, die sich in den Händen ausländischer Investoren befinden; sowie die buchhalterisch meist nicht erfassten Eventualverpflichtungen des Staates im Altersvorsorge- und Gesundheitssystem.

Reinhart/Rogoff haben sich im ersten Teil ihrer nun publizierten Arbeit primär den Staatsschulden gewidmet.

Bereits vor drei Jahren haben Carmen Reinhart und Rogoff nachgewiesen, dass eine Volkswirtschaft in der Regel eine markante Wachstumsverlangsamung erlebt, wenn der Stand der Staatsschulden die Marke von ungefähr 90Prozent des BIP überschreitet. Mehrere andere Studien, etwa diese hier von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, haben in der Zwischenzeit die These bekräftigt.

In ihrer aktuellen Arbeit definieren Reinhart/Rogoff als Schuldenüberhang («Debt Overhang»), wenn ein Land während mindestens fünf Jahren eine Staatsschuld von mehr als 90 Prozent des BIP aufweist. In 22 untersuchten Industrieländern über einen Zeitraum von 1800 bis heute haben sie insgesamt 26 derartige Schuldenüberhang-Episoden identifiziert.

Die ernüchternde Erkenntnis: Im Durchschnitt fällt das Wirtschaftswachstum in Jahren mit einem Schuldenüberhang um 1,2 Prozentpunkte niedriger aus als in «normalen» Jahren. Konkret: Länder mit Schuldenüberhang expandierten im Betrachtungszeitraum im Durchschnitt mit realen jährlichen Wachstumsraten von 2,3 Prozent, veglichen mit 3,5 Prozent für Länder, die Staatsschulden von weniger als 90 Prozent des BIP aufwiesen.

Die durchschnittliche Dauer der beobachteten Schuldenüberhang-Episoden einzelner Länder beläuft sich auf 23 Jahre. Wer nun denkt, eine Wachstumsverlangsamung von 1,2 Prozentpunkten sei nicht so erheblich, sollte sich den Zinseszinseffekt vergegenwärtigen: Ein Land, das mit 3,5 Prozent pro Jahr wächst, weitet sein BIP über 23 Jahre von 100 auf 221 aus. Mit einem jährlichen Wachstum von 2,3 Prozent  resultiert bloss ein Anstieg von 100 auf 169.

Diese Grafik aus der Studie illustriert schön den Unterschied:

Ein sehr gutes Beispiel für das wachstumshemmende Schuldenüberhang-Problem liefert Italien: Im beobachteten Zeitraum von 1861 bis 2011 wies das Land während insgesamt 69 Jahren eine Staatsschuld von mehr als 90 Prozent des BIP auf – die letzte dieser Episoden begann 1988 und dauert bis heute an. In diesen 69 Jahren wuchs Italiens Wirtschaft im Durchschnitt real mit 1,1 Prozent. In den Jahren ohne Schuldenüberhang waren es 3,9 Prozent.

Die meisten der anderen beobachteten Länder kamen in aller Regel nach grossen Kriegen in die Situation eines Schuldenüberhangs: Grossbritannien und die Niederlande beispielsweise nach den Napoleonischen Kriegen, Frankreich und Grossbritannien nach dem Ersten und mehrere Länder nach dem Zweiten Weltkrieg.

Jetzt sind wir wieder soweit? Wie IWF-Chefin Christine Lagarde am Montag in ihrer Rede an der Universität Zürich erwähnte, liegt die durchschnittliche Verschuldung aller Industrieländer derzeit auf leicht über 100 Prozent. Hier eine Grafik aus dem Papier von Reinhart/Rogoff, die die durchschnittliche Verschuldung von 22 Industrie- und 25 Entwicklungsländern zeigt:

Sehr schön zu sehen, wie der Schuldenstand der Industrieländer (rot) in den vergangenen Jahren explodiert ist und heute höher liegt als unmittelbar nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Die Exzesse im Boom vor 2007 haben uns einen grösseren Schuldenberg hinterlassen als die grossen Kriege des letzten Jahrhunderts.

Ebenfalls schön zu sehen ist der Schuldenauf- und –Abbau der Emerging Markets (blau) in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Heute sind wir die wahren Schwellenländer.

Besonders gefährlich für ein Land ist gemäss Reinhart/Rogoff die externe Verschuldung, also die kumulierten öffentlichen und privaten Schulden, denen ausländische Gläubiger gegenüberstehen. Gefährlich deshalb, weil der Zufluss des ausländischen Kapitals abrupt stoppen kann (das Thema «Sudden Stop» haben wir in diesem Blogbeitrag beschrieben) und weil private Schulden in einer Finanzkrise in aller Regel früher oder später auf die Bilanz des Staates wandern.

Dieser Effekt ist momentan in Spanien beispielhaft an der staatlichen Rettungsaktion für die viertgrösste Bank des Landes, Bankia, zu beobachten.

Und nun schauen Sie sich diese Grafik von Reinhart/Rogoff an. Sie zeigt die durchschnittliche externe Verschuldung der untersuchten 22 Industrieländer und 25 Entwicklungsländer:

Haarsträubend, wie die externe Verschuldung in den Jahren nach 2000 in die Höhe geschossen ist, nicht wahr? (Wer mehr über diesen grössten Schuldenaufbau aller Zeiten erfahren will, findet in diesem Blogbeitrag mehr Informationen.)

Ähnlich wie bei den Staatsschulden haben Reinhart/Rogoff auch bei den externen Schulden die Schwelle von 90 Prozent des BIP identifiziert, deren Überschreiten oft eine markante Wachstumsverlangsamung verursacht. Besonders akut ist dieser Fall gemäss den drei Ökonomen derzeit in der Eurozone, wo die externe Verschuldung der Länder im Durchschnitt auf über 180 Prozent des BIP liegt.

Das also steht uns, der westlichen Welt, nach aller Erfahrung der vergangenen 200 Jahre bevor: Lange Jahre mit deutlich unterdurchschnittlichen Wachstumsraten. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit, die heute schon in zahlreichen Ländern herrscht, ist das keine schöne Aussicht.

Übrigens: Die einzigen von Reinhart/Rogoff untersuchten Länder, die in 200 Jahren nie einen Schuldenüberhang (mindestens fünf Jahre mit mehr als 90 Prozent Staatsschulden/BIP) erlebt haben, sind: Österreich, Dänemark, Finnland, Deutschland, Norwegen, Schweden, die Schweiz, Portugal und Island. (Im Fall letzterer zwei sind die Staatsschulden allerdings im Jahr 2009 respektive 2010 auf über 90 Prozent gestiegen.)

Ach ja, und vielleicht interessiert es Sie, welches der untersuchten Länder klar am schlechtesten abschnitt und in einem Beobachtungszeitraum von 163 Jahren während satten 91 Jahren unter einem Schuldenüberhang litt?

Richtig. Griechenland.

Ein Zerfall der Eurozone bleibt möglich

Tobias Straumann am Mittwoch 9. Mai 2012
François Hollande winkt seinen Anhängern zu, 7. Mai 2012. (Keystone)

Ob der neue französische Präsident Frankreich aus der Krise führen kann, steht in den Sternen: François Hollande winkt seinen Anhängern zu, 7. Mai 2012. (Keystone)

Nach den Wahlen in Frankreich und Griechenland wird überall beschwichtigt: Hollande sei ein Pragmatiker, Griechenland nur ein kleines Land am Rande der Eurozone, ausserdem könne man die Wahlen ja wiederholen. Die Optimisten sehen gar in der Wahl Hollandes eine grosse Chance. Endlich sei es möglich, eine Wachstumspolitik zu formulieren. Die Zeit der Austerität sei vorbei.

Schön wär’s. Das Wahlergebnis in Griechenland ist nichts anderes als ein Desaster. Es zeigt, dass das ganze Sparprogramm vollends unrealistisch geworden ist. Die Wirtschaft schrumpft seit vier Jahren, ohne jede Aussicht auf Besserung. Die Griechinnen und Griechen haben kein Vertrauen mehr und leeren ihre Konti, viele von ihnen verlassen das Land. Die Krise, die vor zwei Jahren ausgebrochen ist, ist trotz aller Massnahmen immer noch voll im Gang. Das Wahlergebnis beweist, dass die EU mit ihren Sanierungsideen vollkommen gescheitert ist.

Die Wahl Hollandes ist ebenfalls beunruhigend. Sie zeigt, dass auch in Frankreich das Vertrauen in das Krisenmanagement dramatisch abgenommen hat. Hollande ist ein farbloser Karrierepolitiker, der in seinem Wahlkampf alles getan hat, um den Franzosen die bittere Wahrheit zu verheimlichen. Die Wähler wollen, dass er Frankreich aus der Krise führt, ohne ihnen weh zu tun. Es ist unwahrscheinlich, dass er mit diesem schwachen Mandat grosse Schritte unternehmen kann. Dabei stehen Frankreich schwierige Jahre bevor: Die Löhne sind im Vergleich zu Deutschland zu hoch, die Staatsschulden steigen schnell, die Anleihemärkte sind misstrauisch, die Banken sind unterkapitalisiert, die Arbeitslosigkeit hat ein alarmierendes Niveau erreicht, besonders unter den Jungen. Und im Hintergrund lauert der Front National.

Aus diesen Gründen haben die Wahlergebnisse das Krisenmanagement noch schwieriger gemacht. Bis sich Hollande und Merkel auf eine gemeinsame Linie verständigt haben, wird viel Zeit verloren gehen. Am Schluss steht wahrscheinlich eine Art Wachstumspakt, der es beiden Seiten erlauben wird, das Gesicht zu wahren, aber so stark eingemittet ist, dass er irrelevant ist. Ich glaube deshalb, dass sich die Wahrscheinlichkeit eines Zerfalls der Eurozone seit dem vergangenen Wochenende erhöht hat. Sie ist insgesamt immer noch unter 50 Prozent, aber ich würde nie darauf wetten, dass es den Euro in zehn Jahren in der heutigen Form noch gibt.

Warum so pessimistisch? Bis heute sind keinerlei Ansätze für eine gemeinschaftliche Politik sichtbar, welche die Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone verringern würde. Wer eine dauerhafte Währungsunion haben möchte, muss umfangreiche institutionelle Veränderungen vornehmen, wie wir sie aus Deutschland, der Schweiz oder den USA kennen. Wenn die UBS in Zürich ins Wanken kommt, muss nicht der Kanton Zürich geradestehen, sondern die Bundesbehörden. Wenn der Kanton Jura eine höhere Arbeitslosigkeit hat als der Kanton Zürich, muss er nicht die Arbeitslosengelder kürzen. Und der Finanzausgleich hilft mit, dass ärmere Gemeinden und Kantone ihre Steuersätze nicht in astronomische Höhen stemmen müssen und sich wegen Auswanderung entleeren. All diese Mechanismen existieren in der Eurozone nicht, weil der Wille zur Integration fehlt.

Stattdessen werden die wettbewerbsschwachen Ländern sich selbst überlassen, worauf eine Spirale aus Rezession und Sparpolitik einsetzt, ohne dass sich die Wettbewerbsfähigkeit verbessern würde. Nur wenn sie ihre Löhne und Preise mittels einer Währungsabwertung massiv reduzieren könnten, hätten sie eine Chance, wieder zu wachsen. Dieser Weg steht ihnen aber nicht offen, weswegen sie nicht mehr vom Fleck kommen und die politische Polarisierung zunimmt. Griechenland mag klein und speziell sein, aber was wir dort bisher beobachten konnten, ist in Ansätzen auch in den anderen südeuropäischen Ländern und neuerdings auch in Frankreich sichtbar. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, um die Eurozone mittels einer stärkeren Integration zu stabilisieren.

Bundeskanzlerin Merkel sagte einst: «Scheitert der Euro, scheitert Europa.» Der Satz ist falsch. Er muss genau umgekehrt heissen: «Scheitert Europa, scheitert der Euro.»

François Hollande und die Wachstumsdebatte

Markus Diem Meier am Montag 7. Mai 2012
François Hollande spricht zu seinen Wählern, 6. Mai 2012. (Keystone)

François Hollande spricht zu seinen Wählern, 6. Mai 2012. (Keystone)

Mit der Wahl von François Hollande zum französischen Präsidenten wird sich die Politik in der Eurozone verändern. Schon im Wahlkampf hat der Sozialist Hollande mit seiner Opposition gegen den Fiskalpakt die Debatte geprägt. Seine Kritik am Pakt, der ausschliesslich auf eine schärfere Kontrolle der Staatsausgaben fokussiert, hat Hollande damit begründet, es müsse auch über Wachstumsinitiativen gesprochen werden. Seither ist «Wachstum» zum Lieblingsthema der Politiker in der Eurozone geworden – ebenso von Mario Draghi, dem Chef der Europäischen Zentralbank. Mit der Wahl von Hollande wird das Thema die Politagenden wohl endgültig dominieren.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Diese «Wachstumsdebatte» – zumindest wie sie bisher geführt wird – scheint mir ziemlich schräg zu verlaufen. Warum? Zuerst einmal wird hier etwas als neue Einsicht verkauft, was es nicht ist. Es war noch nie umstritten, dass mehr Wachstum nötig ist, um die Arbeitslosigkeit zu senken und die Schuldenkrise zu bewältigen. Aber  wie kommen die gefährdeten Länder zu Wachstum? Das ist die entscheidende Frage. Unter anderem hier unterscheiden sich die verschiedenen Antworten der Politiker nicht im geringsten von denen, die sie schon immer gaben. Kommt dazu, dass nicht alle dasselbe meinen, wenn sie von Wachstum sprechen. Kurz: Die Wachstumsdebatte enthält nichts inhaltlich Neues. Aber sie sorgt für ein begriffliches Wirrwarr.

Wenn man von Wachstum spricht, sollte man zuerst einmal klären, woran man hier denkt. Die Ökonomen unterscheiden grundsätzlich zwischen zwei verschiedenen Wachstumsbetrachtungen:

  • Zum einen kann das Wachstum im Zuge einer Rezession einbrechen oder die Wirtschaft sogar schrumpfen, weil die Gesamtnachfrage zusammenbricht – etwa durch fehlenden Konsum, fehlende Investitionen, fehlende Exportchancen und einen Staat, der ebenfalls seine Ausgaben zurückfährt. Hier spricht man von einer konjunkturellen Wachstumsstörung. Sie zeichnet sich durch einen raschen Anstieg der Arbeitslosigkeit aus und meist auch durch eine sinkende Inflation. Die Lösung liegt hier darin, die so genannte Outputlücke – die fehlende Gesamtnachfrage – durch stimulierende Massnahmen zu schliessen. Am besten ist hier gewöhnlich die Geldpolitik geeignet. Über tiefe Leitzinsen stimuliert sie die Investitionen, den Konsum und – weil das die Währung schwächt – auch die Exporte. Doch wenn die Geldpolitik machtlos ist, bleibt bloss noch die Fiskalpolitik: Stimulierungsmassnahmen des Staates. Wann ist die Geldpolitik machtlos? Bei Verwerfungen im Finanzsystem (über das sie vermittelt wird), angesichts von Leitzinsen bei Null (wie in den USA) oder weil sie (wie in der Eurozone) bei einer stark unterschiedlichen Entwicklung der Mitgliedsländer gar nicht auf einzelne Länder eingehen kann.
  • Die zweite Wachstumsbetrachtung dreht sich um das so genannte Potenzialwachstum bzw. die Produktionsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft. Hier interessiert, welche Faktoren die Wirtschaft unabhängig von Nachfrageschwankungen in welchem Ausmass wachsen lassen, das heisst auch dann, wenn keine Output-Lücke existiert. Oft genannte Faktoren für das so betrachtete Wirtschaftswachstum sind hier das Wachstum der Bevölkerung (das allerdings für das relevantere Wachstum pro Kopf wieder bedeutungslos wird) und das Wachstum des Kapitalstocks. Langfristig hat aber der Faktor des Produktivitätszugewinns, bzw. des technologischen und organisationellen Wandels die grösste Bedeutung (pro Kopf zählt sogar nur dieser Faktor). Nach gängiger Lehre sind Marktstrukturen hierfür besonders förderlich. Entsprechend kann das Aufbrechen von Marktbehinderungen (wo Märkte grundsätzlich funktionieren) das langfristige Wachstum fördern. Funktionierende Marktstrukturen geben Anreize für Innovationen und beschleunigen den Strukturwandel, dank dem weniger produktive Bereiche einer Volkswirtschaft wegfallen und produktivere gedeihen. Kapital und Arbeit richtet sich dann ebenfalls den produktiveren Bereichen zu und wendet sich von den unproduktiven (bzw. unproduktiv gewordenen) ab.

Zurück zur Eurozone: Hier liegt das Problem gleich bei beiden Arten von Wachstum:

Die «Eurosklerose» mit all den dramatischen Strukturen insbesondere auf den Arbeitsmärkten ist ein Faktum. Für Unternehmen in Spanien oder Italien (und nicht nur dort) ist es kostspielig, Unternehmen zu begründen und im Falle des Scheiterns Leute zu entlassen. Das fördert eine Spaltung des Arbeitsmarkts. Wer einen festen Job hat, ist hier relativ gesehen sicherer positioniert. Wer neu einen Job sucht, hat es dagegen besonders schwer. Das trifft daher vor allem die Jugendlichen.Wenn die Arbeitslosigkeit generell zunimmt, trifft es sie am stärksten.

Doch die unflexiblen Marktstrukturen in der Eurozone sind kein neues Problem. Die dramatische Verschlechterung der Lage in den Krisenländern ist klar konjunkturell bedingt und die aktuellen Euroinstitutionen verhindern eine Linderung. Spanien war trotz seiner ebenfalls rigiden Arbeitsmärkte noch in den 2000er-Jahren konjunktureller Überflieger. Jetzt ist das Land tief in die Rezession abgestürzt. Was jetzt vor allem fehlt, ist die Gesamtnachfrage. Wie in diesem Blog schon so oft angeführt, fehlen gefährdeten Euroländern die üblichen Möglichkeiten, um einer Konjunkturkrise zu entkommen: eine unabhängige Geldpolitik, um die Zinsen und den Wert einer unabhängigen Währung zu senken, die so Investitionen und Exporten Schub verleihen könnte. Die Einheitswährung hat ausserdem zur Folge, dass Kapitalflucht aus dem Land sehr einfach möglich ist und die Lage weiter verschlimmert – weil die Währung dadurch nicht an Wert verliert (was wiederum die Exporte stützen würde) und weil keine Zentralbank als letzte Retterin bereitsteht. All diese Faktoren machen Staatsanleihen von Ländern wie Spanien zu einem viel höheren Risiko als etwa von Ländern wie Grossbritannien, dessen Verschuldung noch höher ist (mehr dazu hier).

Jetzt sollte klar sein, weshalb ich die Wachstumsdebatte für so schräg halte. Zwar stellen alle sich jetzt hinter die Forderung nach mehr Wachstum, aber jeder und jede meint damit das, was er oder sie schon immer gemeint hat. Vor allem die deutsche Regierung und die Europäische Zentralbank fordert Strukturreformen, während andere – darunter immer mehr Ökonomen und ja, auch Hollande – konjunkturelle Anschubmassnahmen fordern oder zumindest ein Ende der gegenwärtigen Austeritätspolitik, die von den Regierungen in den gefährdeten Staaten drastische Ausgabenschnitte verlangt, was die Gesamtnachfrage weiter einbrechen lässt und die Arbeitslosigkeit in der Eurozone insgesamt auf den Rekordwert von 10,9 Prozent (PDF) ansteigen liess. Die folgende Grafik ist von Eurostat:

Klar braucht es beide Arten von Wachstumspolitik, aber die Reihenfolge ist entscheidend. Bessere Marktstrukturen allein zeigen keine rasche Wirkung. Und selbst wenn sie es täten, würden sie nur das Potenzial der betroffenen Wirtschaft erhöhen, an der Nachfragelücke würden sie nichts verändern. Sie muss zuerst behoben werden. Kommt dazu, dass eine wirtschaftliche Depression wie in Spanien – mit einer Arbeitslosigkeit von mehr als 24 Prozent und einer Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 50 Prozent – auch das langfristige Wirtschaftspotenzial schwächt (mehr zu diesem so genannten Hysterese-Effekt hier und hier). Wie sehr die anhaltende Konjunkturkrise allein die politische Stabilität untergräbt, zeigt sich allein an den Wahlresultaten des gestrigen Sonntags in Griechenland und Frankreich. Und es sind nicht die ersten Regierungen, die über diese Krise gestolpert sind.

Wie soll aber weniger Austerität für ein Land wie Spanien funktionieren? Selbstverständlich kann dieses Land das nicht allein schultern. Das Geld dafür fehlt und die Zinsen auf den Kapitalmärkten machen eine zusätzliche Verschuldung unmöglich. Nötig ist ein gemeinsames Einstehen der gesamten Eurozone, wie das in jeder real existierenden Union mit Einheitswährung und wirtschaft unterschiedlich gedeihenden Regionen der Fall ist, etwa wie in der USA oder der Schweiz. Bei aller Einigkeit über die Notwendigkeit von mehr Wachstum fehlt aber ein Bekenntnis zu solchen gemeinsamen stützenden Institutionen. Ohne solche geht es nicht.

Was bewirkt nun die Wahl von François Hollande? Seine Forderung nach mehr konjunkturellem Wachstum und weniger Austerität stellt er zu Recht. Dennoch darf er es nicht dabei belassen. Warum?

Bei notwendigen Euro-Institutionen, die gefährdete Länder gemeinsam stützen, tragen jene Länder mit der grössten Finanzkraft das grösste finanzielle Risiko. Das ist aktuell vor allem Deutschland. Sie sind dazu eher bereit, wenn sie auf Seiten der aktuell unterstützten Länder auch die Bereitschaft erkennen, dort die eigenen wirtschaftlichen Strukturen anzupassen, wo das langfristig die eigene Wirtschaftskraft erhöht. Genau diesen Zusammenhang hat auch EZB-Präsident Mario Draghi an seiner Pressekonferenz vom vergangenen Donnerstag angesprochen, als er vom Fiskalpakt als dem Anfang eines Prozesses sprach, der in einer Transferunion enden könnte:

Collectively, we have to specify a path for the euro. How do we see ourselves ten years from now; what has to be in place in ten years’ time? If we want to have a fiscal union, we have to accept the delegation of fiscal sovereignty from the national governments to some form of central body, but how do we get there? Talking about a transfer union cannot be the starting point of this path. That is why the fiscal compact is so important, that is the starting point. But we also have to highlight what this path is and what conditions have to be in place in order to see what will happen to the euro in ten years’ time. In other words, clarity about our future, about our common European future, is one important ingredient of growth.

Wenn François Hollande seine Forderung nach mehr gemeinsamer konjunktureller Stützung mit innenpolitischen Massnahmen ergänzt, die dem langfristigen Wachstum zuwiederlaufen (wie einem sinkenden Rentenalter angesichts einer steigenden Lebenserwartung), dann wird es sehr schwer werden, die Institutionen in der Eurozone im notwendigen Sinn zu verändern – das heisst in dem Sinn, dass die aktuelle Krise überwunden werden kann.

Hinweis der Redaktion: Never Mind the Markets wurde ausgezeichnet. Wir gratulieren! Mehr dazu hier.

Hausmitteilung

Redaktion am Freitag 4. Mai 2012

Wir gratulieren unseren Bloggern zum dritten Platz beim Finanzblog Award 2012! Zitat der Jury:  «Sie beeindrucken durch Fachwissen und verzichten auf einen belehrenden Ton. ‹Never Mind The Markets› hat es deshalb verdient, ausgezeichnet zu werden!» Dem können wir nur zustimmen. Die Redaktion.

Mark Dittli (r.) und Markus Diem Meier (3.v.r.) im Kreise der Ausgezeichneten in Berlin, 2.5. 2012.

Mark Dittli (r.) und Markus Diem Meier (3.v.r.) im Kreis der Ausgezeichneten in Berlin, 2. Mai 2012.

Natürlich wäre dieser Erfolg nicht ohne Ihre Kommentare, die im Blog immer wieder zu angeregten Diskussionen geführt haben, zustandegekommen. Deshalb gebührt die Auszeichnung auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser: