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Fussball schauen

Frau B am Samstag den 11. September 2010

Ich gehe davon aus, dass Sie das häufig und gerne tun, wenn Sie das «Runde Leder» lesen. Und folglich lesen Sie auch, was über Fussball geschrieben wird, und diskutieren mit Gleichgesinnten über Fussball. Dann passiert es Ihnen bestimmt auch hin und wieder, dass Sie absolut nicht einverstanden sind mit dem Geschriebenen oder Gesagten, was die Leistung eines Fussballers in einem Match betrifft oder die Darbietung des Schiedsrichters oder das Spiel überhaupt. Und da Ihr Gegenüber beziehungsweise der Autor wie Sie kein Fussballlaie ist, fragen Sie sich vielleicht: ‹Hat der das gleiche Spiel gesehen wie ich?›

Die Frage zielt in die richtige Richtung, aber sie ist falsch gestellt; sie müsste nämlich lauten: ‹Hat der das Spiel überhaupt gesehen?› Natürlich hat er – jedenfalls ist er fest davon überzeugt. Fragt sich nur, wie sehr er bei der Sache, also beim Spiel, war. Bei meinem letzten Besuch im Stadion beobachtete ich mit wachsendem Erstaunen, dass viele Zuschauer häufig auf ihre Handys blickten anstatt auf den Rasen. Es ist erwiesen, dass sich der Mensch nicht auf zwei oder mehr Dinge gleichzeitig konzentrieren kann. Das Gehirn kann nur einer Sache aufs Mal bewusst Aufmerksamkeit widmen, es ist nicht fähig zu echtem Multitasking (der Computer ist es übrigens auch nicht). Da zahlen manche Stadionbesucher also eine erkleckliche Summe, um ein Spiel anstatt aus der TV-Kameraperspektive direkt mit eigenen Augen zu verfolgen, und verpassen einen grossen Teil davon.

Harry Redknapp verpasst das Spiel

Als Mitglied eines FC-Liverpool-Internetforums wundere ich mich auch immer wieder darüber, wie viele Fans während eines Spiels ihrer ‹Reds› Zeit finden, haufenweise schriftliche Kommentare abzugeben, während sie die Partie am TV oder via Stream verfolgen. Ich habe nur einmal versucht, während eines Liverpool-Matches im Forum mitzudiskutieren. Frustriert stellte ich fest, dass die Hälfte des Spiels meiner Aufmerksamkeit entgangen war. Ich glaube nicht, dass irgendjemand auf diese Weise einen gescheiten Kommentar zum Geschehen auf dem Platz abgeben kann, weder während des Spiels, noch nachher. Nie wieder, sagte ich mir, und ich habe auch aufgehört, Spiele anderer Teams mit dem Notebook auf dem Schoss zu verfolgen. Es ist ungeheuer befreiend, sich voll und ganz einer einzigen Sache zu widmen.

Überhaupt geniesse ich es, regelmässig offline zu sein, mich gar der Langeweile auszusetzen, indem ich mich durch nichts unterhalten und ablenken lasse. Solche Momente brauche ich, damit ich auf eigene Ideen komme und meine Gedanken spinnen kann, zum Beispiel für diese Kolumne. Während Sie das lesen, langweile ich mich gerade mit Herrn Pelocorto beim Wandern – grossartig!

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5 Kommentare zu “Fussball schauen”

  1. Znuk sagt:

    Sehr guter Bericht.

    (Beim wandern von meinem Iphone aus gesandt).

  2. dr Pe sagt:

    Sie gehen ins Stadion zum Fussball schauen, Frau B?

    Richtige Fans drehen doch dem Spiel während des grössten Teils den Rücken zu!
    Oder sie diskutieren über das Bier und die YB-Wurst.

    *Überleg*

    Ist Spiel schauen und Fangeschreie schreien auch Multitasking?

  3. imi sagt:

    könnten sich die Verantwortlichen der Fussballclubs von Gelsenkirchen und Bern zu einer Freundschaft der Grössenwahnsinnigen zusammenschliessen.

    DAS geht nicht, sonst gibt es Probleme mit der Frau BVB-Fänin und das wollen wir ja nicht. Guten Morgen.

  4. imi sagt:

    Überhaupt geniesse ich es, regelmässig offline zu sein, mich gar der Langeweile auszusetzen, indem ich mich durch nichts unterhalten und ablenken lasse.

    Vollkommen Ihrer Meinung. Toller Beitrag, Frau B. Ich hab hier noch gar nichts zum neuen Trainer von Aston Villa gesagt. Es hätte schlimmer kommen können und wenn er wie mit Liverpool auch mal den UEFA-Cup gewinnt, ist gut. Was meinen Sie Frau B. als Villa-Sympathisantin?

    *überleg*

    Obwohl sind werden meine Zeilen gar nicht lesen, da offline. Geniessen Sie das Wandern!

  5. Baresi sagt:

    ‹Hat der das gleiche Spiel gesehen wie ich?›

    Maxword, Frau B. Und trotzdem, auch wenn ich mich ganz auf das Spiel konzentriere, spielt es eine Rolle, wo und mit wem ich es tue. So wie Theater im Fernsehen nicht das Gleiche ist wie Theater im Theater ist es auch beim Fussball. Und im Stadion spielt es eine Rolle, wo man sitzt.

    Hinter dem Tor kann man bei Offside-Entscheiden nicht mitreden; auf den Seiten weniger, ob die Fankurve gut drauf war; auf der Galerie sieht man die Spielanlage am besten; unten am Feld der individuelle Einsatz der Spieler und auf der Hauptribüne hat man einen guten Blick auf den vierten Offiziellen und die Trainer. Ganz zu schweigen von den Zeiten, als man in der Pause noch hinter das andere Tor wechseln konnte. Selbstverständlich habe ich alles schon ausprobiert. Zudem spielt es eine Rolle, mit wem ich im Stadion bin. Spiele mit Herr Gygax zum Beispiel sind besser als ohne ihn. Sogar wenn mein Team dabei verliert.

    Möglicherweise ist es aus all diesen Gründen (und weiteren, hier nicht erwähnten) grundsätzlich nicht möglich, dass alle das gleiche Spiel sehen können.