Höherer Unfug, leider aus Beton

Serge Fruehauf sucht und sammelt die Ungeheuerlichkeiten des gebauten Alltags. Womöglich mag er sie sogar.

 

© 2016 Serge Fruehauf

Man kann ja die Betroffenen fragen, also die Vertreter dieser Branche: Sie schämen sich. «Etwas peinlich» – so findet jedenfalls die Rezensentin in der Zeitschrift des Bundes Deutscher Architekten, was dieser Bildband alles zeigt: Baukunst. Aber als Kunst war es gedacht, vollbracht mit gutem Willen und mit Absicht, denn unbewusst hat sich noch kein Haus gebaut.

© 2016 Serge Fruehauf

© 2016 Serge Fruehauf

Schiefgegangen ist es trotzdem. Seit zwanzig Jahren sucht und sammelt der Fotograf Serge Fruehauf die Unglücksfälle der architektonischen Nachkriegs­moderne in Westeuropa, die Ab­stru­si­tä­ten des gebauten Alltags, die man sonst gerne übersieht. Über tausend Bilder zählt sein Archiv, und fast ein Fünftel davon zeigt nun der Genfer Fotograf – und zwar, ohne die Orte zu verraten – in einem Buch. Das heisst «Extra Normal», und genau so hat Frueh­auf seine Funde auch ins Bild gerückt: extra professionell, extra sorgfältig, extra unaufgeregt. Als wäre es nur Architektur. Und nicht jener höhere Unfug, der dann zustande kommt, wenn gestalterischer Übereifer auf Beton trifft, der bekanntlich alles mit sich machen lässt. Da werden Räume geschaffen, die auf ewig unbenutzbar bleiben. Da spreizen sich Fassaden ins Nichts. Da stellt sich die Architektur zuerst dem Blick und dann dem Benutzer in den Weg.

© 2016 Serge Fruehauf

© 2016 Serge Fruehauf

© 2016 Serge Fruehauf

© 2016 Serge Fruehauf

© 2016 Serge Fruehauf

Das alles sieht man in diesem Band, und formlos sind diese Bauten nicht, im Gegenteil: Hier türmen sich die Formen. Und zwar so hoch, dass sie jeden Zweck unter sich begraben. Form follows function? Diese Bilder ­zeigen eine Architektur, die nur noch zu sich selber spricht, und für die Zunft ist das wirklich «etwas peinlich». Es ist aber auch eini­ger­mas­sen komisch, und dafür sorgt Frueh­auf mit seiner Fotografie. Bei aller Gelassenheit: Liegt da vielleicht nicht auch eine gewisse Zuneigung im Blick, mit dem er sich um diese Ungeheuer kümmert?

Daniel Di Falco

00004203726

Serge Fruehauf: Extra Normal.
Verlag Scheidegger & Spiess,
Zürich 2017. 200 Seiten, 177 Bilder,
etwa 49 Franken