Das Tor zu Europa ist jetzt anderswo

Der Fotograf Christian Dinkel ist ins rumänische Städtchen Sulina gereist, einen Ort, der vom Zentrum an den Rand gerutscht ist.

Sulina liegt dort, wo die Donau nach über 2800 Kilometern ins Schwarze Meer mündet. Vor gut hundert Jahren war der Ort ein Zentrum der Donauschifffahrt, der Handel blühte und die kleine Stadt ebenso. Ein Theater gab es, Konsulate, Schulen, Geschäfte, Unternehmen und eine bunt gemischte Bevölkerung verschiedener Nationalitäten und Religionen. Ein «Europa in Miniatur» wurde Sulina genannt.

Das rumänische Städtchen, das nur per Schiff zu erreichen ist, liegt geografisch zwar noch immer am selben Ort. Doch es ist in den letzten Jahrzehnten an den Rand gerutscht, an die Aussengrenze der Europäischen Union sowie an die wirtschaftliche und gesellschaftliche Peripherie. Der Handel ist schon lange zum Erliegen gekommen, und die Fischkonservenfabriken, die zur Zeit des kommunistischen Diktators Nicolae Ceausescu die Stadt am Laufen hielten, stehen heute leer.

Der Luzerner Fotograf Christian Dinkel ist nach Sulina gereist. Seine Bilder zeigen einen Ort, bei dem der Lack ab ist. Nichts glänzt mehr, und der Himmel präsentiert sich in lustlosem Grau. Es gibt Häuser, bei denen Wände fehlen. Wie offene Wunden geben sie den Blick frei auf hastig zurückgelassene Habe. Und in den Augen der Menschen liegt zwar nicht gerade Resignation – aber schwere Müdigkeit.

Der Bürgermeister von Sulina kämpft mithilfe von EU-Geldern dafür, den Ort am Leben zu erhalten. Ein schwieriges Unterfangen bei einer Arbeitslosigkeit von rund 40 Prozent. Die Hoffnung setzt man im Donaudelta vor allem in den Tourismus.

Die Exotik in Sulina ist anders. Fremd wirkt dieses Europa aber auch.

Sulina

Christian Dinkel, geboren 1970, hat kürzlich die Ausbildung zum Pressefotografen absolviert, doch die Kamera begleitet ihn schon länger. Seit er in den 90er-Jahren in Afrika unterwegs war, bereist er den Kontinent immer wieder. Dinkel fotografierte Nomaden in der Sahara, heilige Stätten in Äthiopien oder Fischer auf dem Tanganjika-See.

6 Kommentare zu «Das Tor zu Europa ist jetzt anderswo»

  • Doris Graf sagt:

    Eine ganz tolle Fotoserie. Vielen Dank. Eindrückliche Bilder, sehr vielfältig, stimmungsvoll. Bringt mich ins Reisefieber… mit Wehmut.

  • Mischa Kaufmann sagt:

    Danke Herr Dinkel – das sind stimmungsvolle Bilder, im Kern zur Ruhe gekommen, weil sie ehrlich sind und genau deswegen auch etwas Tröstliches ausstrahlen. Ähnliche innere Stimmungsbilder erlebe ich bei meinen Patienten, wenn der Prozess nach Krisen dort ankommt, wo eben der Lack ab ist.
    Mit lieben Grüssen, Mischa Kaufmann, Komplementär Therapeut.

  • Janine Holenstein sagt:

    Ein einseitig düsteres Bild, das da gezeichnet wird! Seit 2 Jahren lebe ich nun schon in Sulina (2016 hatte ich es am Ende meiner Solotour mit dem Rad entdeckt) und kann sagen, es gibt auch viele wunderbare Aspekte (nebst den unguten, die ich keineswegs abstreiten will). Genüssliche Ruhe inmitten der grandiosen Natur, die kaum zu überbieten ist, von vielen herbeigesehnt wird und in der westlichen Hektik wohl kaum zu finden sein wird, außer alles würde umgekrempelt… Das Leben findet voll statt, mit all seinen Facetten, die andernorts halt oftmals untergehen oder übertüncht werden. Ja, es ist auch schwierig, und genau daran wachsen wir, wenn wir uns dem stellen statt auszuweichen, uns ablenken, zur ‚Tagesordnung‘ übergehen. Es gibt immer nur diesen einen Moment, tauchen wir voll ein!

  • Hans Oeggerli sagt:

    Die Bilder beeindrucken mich sehr. Ein Ort, den wohl niemand kennt, mit Leuten die Überleben in einer trostlosen Situation. Ich finde es gut, dass ein Fotograf den Weg dorthin gefunden hat und uns zeigt, wie gut wir es hier haben. Aber trotz aller Widrigkeiten behalten die Leute ihre Würde.

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