Sie erfasste das Wesentliche im Vorbeisehen

Das Repertoire von Evelyn Hofer ist breit. Dabei schloss die deutsch-amerikanische Fotografin den Zufall entschieden aus.

Als Evelyn Hofer ihre ersten Auftragsarbeiten für Modemagazine abliefert, sind die Reaktionen nicht gerade euphorisch: Ihre Aufnahmen seien keine Modefotografien, heisst es, sondern Porträts der Modelle. Und das trifft die Sache ziemlich genau: Die deutsch-amerikanische Fotografin zeigt oft nicht, was man erwarten würde. Trotzdem erfasst sie das Wesentliche – im absichtlichen Vorbeisehen.

Wie etwa bei den Fussballern, die sie an einem Sonntag im Jahr 1966 in Dublin fotografiert. Zwar sind die Knie schmutzig und die Wangen gerötet, doch wie harte Kerle sehen die Männer in ihren rosa Kostümen vor dem diffusen Hintergrund nicht aus. Kunststars wie Andy Warhol oder Jackson Pollock porträtiert Hofer, indem sie nicht ihre Gesichter, sondern ihre Wohnungen oder persönlichen Gegenstände zeigt. Und in ihren Städtereportragen nimmt Hofer nicht nur ikonische Gebäude, sondern auch mal einen Abfalleimer in den Fokus.

Evelyn Hofer wird 1922 im deutschen Marburg an der Lahn geboren. Schon früh zieht die Familie ins Engadin, und Evelyn lässt sich in Zürich zur Fotografin ausbilden. Nach einer Zwischenstation in Mexiko zieht die junge Frau 1946 nach New York und beginnt für Zeitschriften und Magazine zu arbeiten.

Die Schweiz bleibt aber zeitlebens ein Refugium; den Sommer verbringt Hofer bis zu ihrem Tod 2009 oft in Soglio im Bergell. Dort entstehen intime Porträts von Dorfbewohnern, die deutlich machen, dass Hofer stets die Nähe zu den Menschen sucht, die sie fotografiert. Und dass ihre Bilder nicht Aufnahmen aus dem Moment heraus sind, sondern in Aufbau und Farbe bewusst gestaltete Kompositionen.
Am klarsten erkennbar ist Hofers Nähe zur Malerei bei den Stillleben. In enger Anlehnung an den spanischen Barockmaler Zurbarán drapiert sie Früchte vor dunklem Hintergrund. Als wolle sie betonen, dass in ihrem Werk der Zufall ausgeschlossen bleibt.

China

Weitere Bilder sind bis am 24. Mai 2020 in der Ausstellung «Evelyn Hofer: Begegnungen» in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu sehen.

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