So nah war die Fremde noch nie

Ausgestattet mit einem Tagesvisum, besuchte der Fotograf Udo Hesse regelmässig die Hauptstadt der DDR. Seine Bilder zeigen Tristesse pur.

 

Wer in West-Berlin studierte, liess sich die Gelegenheit nicht entgehen, in regelmässigen Abständen den Ostteil der Stadt zu besichtigen. Nach jedem dieser Besuche, für die ein Tagesvisum erforderlich war, ging es einem entschieden besser: Was als politische und gesellschaftliche Alternative in der Hauptstadt der DDR zu erleben war, verströmte eine derartige Tristesse, dass alle Nachteile im Westen dagegen verschwindend klein wirkten.

Man musste schon massiv verblendet oder ein orthodoxer, unkritischer Marxist sein, um im real existierenden Sozialismus so etwas wie eine ökonomische oder politische Überlegenheit zu erkennen. Der Kabarettist Georg Kreisler sagte einmal, auf dem Wiener Zentralfriedhof gehe es lustiger zu und her als in Zürich – mit welchem Vergleich hätte er wohl die Stimmung, die in Ost-Berlin herrschte, eingefangen?

 

 

Der Bildband «Tagesvisum Ost-Berlin» des Fotografen Udo Hesse evoziert die Trostlosigkeit der 80er-Jahre im Osten der Stadt. Alles ein wenig schäbig und heruntergekommen, die Gesichter der Passanten, den Fassaden der Häuser ähnlich, waren wenig einladend, geradezu abweisend. Skeptische Blicke begleiteten die Spaziergänger durch das so nahe und doch fremde Land namens DDR. Das schlechte Wetter auf den Bildern trägt auch nicht zur Aufhellung der Gemütslage bei.

Amüsiert bis gar schockiert stellte man zudem fest, dass der angeblich so fortschrittliche Sozialismus im Kern bieder war. Der Eintritt in eine Disco etwa wurde westlichen Jugendlichen verwehrt mit dem Hinweis auf deren Jeans. Sollte das weltweit Schule machen?

 

 

Die grossartigen Bilder erzählen nüchtern von einem Leben, das nicht ganz so aussah, wie es die hehre Theorie vorsah. Was sich hinter dem Eisernen Vorhang abspielte, war ein Missverständnis globalen Ausmasses: Das verordnete Glück roch verdächtig nach geordnetem Unglück.

Von Freiheit und Befreiung keine Spur, im Gegenteil: Unterdrückung und Überwachung überschatteten den Alltag, und hinter jeder Strassenecke lauerte ein Spitzel der Stasi. Einige mussten gar nicht nach draussen, sie sassen am Familientisch.

 

 

Einmal wurde Udo Hesse von der Volkspolizei festgenommen, weil er, so der Vorwurf, verbotene Motive wie Grenzbauten und Sicherungsanlagen aufgenommen habe. Lange nach dem Fall der Mauer, der sich am 9. November zum 30. Mal jährt, wurde ihm ein Teil der Bilder zurückerstattet. Auch diese zeigt nun der Band.

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Udo Hesse: Tagesvisum Ost-Berlin
Hartmann Books, 2019
104 Seiten, 84 Duplex-Abbildungen
Preis: ca. 40 Franken
ISBN: 978-3-96070-042-5

Erscheint Ende Oktober

 

16 Kommentare zu «So nah war die Fremde noch nie»

  • Joachim sagt:

    @Cédric Ruckstuhl:
    Erstaunlich für mich: Wo sehen Sie Unbesorgtheit und Sicherheit in den Bildern, wenn sie die Tristesse nicht wahrnehmen?

    Und stellen Sie sich mal vor, dass Sie niemandem trauen konnten, da die Stasi jeden verpflichtet haben und auch im Nachhinein – sogar mit völlig haltlosen Vorwürfen – unter Druck setzen konnte, ihnen ‚zuzuliefern‘.

    Möglicherweise war ein Fotograf mit Westkleidung und einer Kamera, die, nehme ich an, erkennbar nicht aus DDR-Produktion stammte, erst recht verdächtig, ein getarnter Stasi-Mitarbeiter zu sein (die setzte ja sogar Concava Tessina und Nagra SN zur Bespitzelung ein).

    Schöne Sicherheit und Unbesorgtheit. Ich bin überzeugt davon, dass selbst viele ‚voll auf Linie‘ immer mal wieder Angst hatten, es könne eventuell nicht reichen…

  • Joachim sagt:

    Entspringen die gewisse Kommentare jeweils eigener Erfahrung? In den 70ern bin ich öfters durch die DDR nach Berlin gefahren und hatte immer Beklemmungen. Mein Vater erzählte mir von der Leipziger Messe der Jahre davor. In Hannover sah ich mal täglich den Robotron-Stand (am letzten Tag wurden alle Pflanzen aus den Kästen gerissen und die Erde lag in den Gängen). In der Vorwendezeit besuchte ich Jena und Leipzig. Alles und immer mit einem detailreichen Gefühl von Mangel und Tristesse verbunden. Dito später beim Anschauen alter DDR-TV-Krimis, beim Besuch der Spionage- und DDR-Museen in Berlin, beim ‚Bespielen‘ von DDR-Experimentierkästen und bei ‚Literatur‘ über die GST. Die ‚Neidlosigkeit‘ in der DDR hat mir Anfang der 80er ein DDR-Bürger mal genauer (z)erklärt – ebenso trist.

  • Cédric Ruckstuhl sagt:

    @Armin
    Mir scheint, Sie denken selber ideologisch. Bitte erklären Sie mir doch, was auf den obigen Bildern trist sein soll. Was an einem sicheren öffentlichen Raum, arbeitenden Menschen, unbesorgt die öffentlichen Verkehrsmittel benutzenden Rentnern und jungen Frauen, sauber angezogenen Menschen, gemütlich im Café sitzenden Omas trist sein soll.

  • Hubert sagt:

    In Ost-Berlin 1973 (da war ich im Westen am Studieren) war es wirklich sehr unfrei. Dafür waren die Menschen sehr freundlich und einem Fremden gegenüber warmherzig, natürlich immer mit Misstrauen. Genau so habe ich damals auch unsere Schweiz erlebt (mit dem Fischenskandal kam es ja dann nachher auf den Tisch), mit dem Unterschied, dass in der DDR vieles tatsächlich verboten war, und die Schweizer ihre Freiheiten nicht nutzten aus Angst, ihre Freiheiten zu verlieren.

  • Jessas Neiau sagt:

    Ich bin beileibe kein Freund der DDR. Aber wenn ich auf Bildern eines anderen Landes aus der Vergangenheit erklärt bekommen muss, dass darauf „Tristesse pur“ zu sehen sei, dass „alles ein wenig schäbig und heruntergekommen“ aussehe, dass „die Gesichter der Passanten, den Fassaden der Häuser ähnlich, wenig einladend, geradezu abweisend“ aussehen würden – dann mag das ja alles sein. Genausogut kann aber sein, dass nur der Betrachter solches sieht, oder dass das an der Auswahl der Fotos liegt. Eigentlich sollten Bilder doch für sich sprechen und eigentlich sagen Bilder doch angeblich mehr als 1’000 Worte – stimmt das etwa gar nicht?

  • Jörg Langheinrich sagt:

    Habe in den 80ger Jahren selber in Ostberlin gelebt, genauso sah es aus.
    Die DDR war eine Gesinnungsdikatatur, die die Menschen bespitzelte und in Unfreiheit ließ. Schlimm das in der heutigen BRD bis in die sogenannte Mitte der Gesellschaft (CDU) dieses inhumane Gesellschaftsordnung (Sozialismus) verklärt und die Demokratie und Meinungsfreiheit wie sie zu mindest in Teilen n o c h in der BRD herrscht, nicht geschätzt wird.
    Niemals sonst würde ein CDU Ministerpräsident sonst ernsthaft eine Koalition mit der Linken in Erwägung ziehen.
    Werde das Buch kaufen, danke für die Empfehlung.

  • Jürg Brechbühl sagt:

    Kein Problem. Jetzt hatten die Grünen in der Schweiz Wahlsieg. Sie sind die direkte Nachfolgepartei die aus der POCH hervorging (Progressive Organisationen der Schweiz). Die POCH war marxistisch-leninistisch. Die Grünen wollen nach wie vor den Kapitalismus abschaffen. Das Ideal der Grünen ist eine rückständige Bünzlischweiz, wo der Staat alles und jedes vorschreibt und alles verbietet, was nicht vorgeschrieben ist. Genau gleich wie die DDR wollen die Grünen die Eltern entmündigen und unsere Kinder einer geführten Kindheit mit politische korrekter Indoktrinierung zuführen.
    Was früher der Klassenfeind, ist heute der Klimafeind.
    Jürg Brechbühl, Eggiwil, Staatsfeind

    • Egger sagt:

      Da haben Sie recht Herr Brechbühl. Die grünen erst später zu „Klimaschützer“ geworden. Dazu kommt noch den Einfluss der 68er … Herbert Marcuse lässt grüssen!

      • Jörg Langheinrich sagt:

        Sie haben mit Ihrer Einschätzung der Grünen völlig recht. In Deutschland ist es genauso. Die Grünen sind eine stramm linke Partei, die eine Meinungsdiktatur anstrebt, gemeinsam mit der Linken und der SPD.

  • Tag sagt:

    Tristesse in der DDR in den Achtziger Jahren
    Aus meinen verschiedenen Besuchen mit gesammelten Kleidern aus dem Westen, westlichen Modeheften, westlichen Zeitungen, westlichen Konsumgütern kann ich das nur bestätigen. Das Land hat geschlafen bis 1989, müder, trister Charme!

  • diva sagt:

    hm…. da habe ich doch heute nachmittag einen kommentar geschrieben, der wohl dem zensor sauer aufgestossen ist… das lässt tief blicken, wie weit wir uns schon dem annähern, welches hier als schrecken der vergangeneheit beschrieben wird.

  • diva sagt:

    da haben wir doch eine vision von der schweiz der zukunft.

  • Cédric Ruckstuhl sagt:

    Was sehen wir auf den Fotos? Friedliches Leben von Menschen miteinander. Keine herumlungernden Gestalten. Arbeiter statt Arbeitslose. Rentner und Frauen alleine die ganz ohne Sorge um ihre Sicherheit die öffentlichen Verkehrsmittel nehmen.
    Die Tristesse ist nur in der Bildunterschrift, die uns weismachen will, dass es in der DDR trist gewesen sei. Wenn man sich ansieht, wie die Dinge bei uns immer schlechter laufen und wie unsere Städte rapide degradieren, dann hatte uns die DDR so einiges voraus.

    • Armin sagt:

      Wer sowas schreibt, hat wirklich keine Ahnung von der DDR. Wer Menschen kennt, die dort ‚friedlich‘ lebten oder auch nur Zeitzeuge war und nicht total idelogisch verblendet ist, kann in diesem Beitrag die Realität erkennen.
      Ich bin schockiert, welches Geschichtsverständnis bei der heutigen Jugend vorherrscht. Dies allerdings erklärt auch das neue Aufkommen linker Ideologie.

      • Cedric Ruckstuhl sagt:

        @Armin
        Ihren Vorwurf weise ich zurück. Mir scheint, Sie denken selber ideologisch. Bitte erklären Sie mir doch, was auf den obigen Bildern trist sein soll. Was an einem sicheren öffentlichen Raum, arbeitenden Menschen, unbesorgt die öffentlichen Verkehrsmittel benutzenden Rentnern und jungen Frauen, sauber angezogenen Menschen, gemütlich im Café sitzenden Omas trist sein soll.

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