Amerikanische Männlichkeit

Ein Querschnitt durch die transmaskuline Community in den USA.

Amari, 33 Jahre alt
Mount Dora, Florida, dreieinhalb Jahre auf Testosteron zum Zeitpunkt des Fotos.
Ich brachte vor meiner Transition zwei meiner Kinder zur Welt. Als ich meiner fünfjährigen Tochter von meinem Vorhaben erzählte, sagte ich: «Mein Körper sieht aus wie der einer Frau, doch mein Hirn ist nicht das Hirn einer Frau. Es fühlt sich an, als ob mein Hirn und mein Herz das eines Mannes seien. Ich möchte, dass mein Äusseres und mein Inneres übereinstimmen. Es gibt eine Medizin, die mich zu diesem Mann macht.» – «Wird es dich glücklich machen?», fragte sie. «Es wird mich mehr als glücklich machen.» – «Nun, dann tu es!» Nach zwei Wochen nannte sie mich Papa, und meine anderen Kinder taten es ihr gleich.

Das Langzeitprojekt «American Boys» von Soraya Zaman repräsentiert die transmaskuline Community in den USA – von grossen Städten bis hin zu kleinen Ortschaften. Zaman reiste während dreier Jahre durch 21 Staaten, um 29 transmaskuline Persönlichkeiten zu interviewen und zu fotografieren. Die Porträtierten sind zwischen 18 und 35 Jahre alt und befinden sich in verschiedenen Stadien ihrer Transition. «Die binären Tage und die antiquierten Vorstellungen darüber, was es bedeutet, als Mädchen oder Junge geboren zu sein, verschwinden langsam aus unserer Gesellschaft. Es ist Zeit, anzuerkennen, dass die Menschheit diverser ist als diese strenge und einfache Vorstellung des Binären, die nicht für alle Menschen relevant ist», sagt Soraya Zaman. Die Porträts und Texte geben einen Einblick ins Leben von verschiedenen Individuen aus dem transmaskulinen Spektrum.

Emmett, 23 Jahre
Provo, Utah, zwei Jahre auf Testosteron zum Zeitpunkt des Fotos.
Ich hoffte, Gott würde mich von all diesen Gefühlen erlösen. Ich versuchte gläubig zu sein und das Richtige zu tun, doch ich war miserabel darin. Ich fiel in eine schwere Depression. Am Ende ging ich zu meinem Bischof und hatte mein Coming-out als Transmann. Er riet mir, mich eine Woche lang so zu kleiden und zu geben, wie ich mich wohlfühle. Also kleidete ich mich wie ein Junge und trug kein Make-up auf. In jener Woche hatte ich keine Suizidgedanken. Ich fühlte mich glücklich. Er sagte: «Wie du dein Leben führst, geht nur dich und Gott etwas an.»

Ethan, 20 Jahre
Covington, Louisiana, elf Monate auf Testosteron zum Zeitpunkt des Fotos.
Als ich begann, Testosteron zu nehmen, fühlte es sich an, als würde ich nochmals meine ganze Pubertät durchleben, doch gleichzeitig auch, als hätte ich 19 Jahre meines Lebens verloren. Ich versuche herauszufinden, wie ich mich geben soll und wie ich mein Leben führen möchte. Es ist nicht einfach ein neues Kapitel in meinem Leben, es ist ein ganz neues Buch. Du wirst dein altes Leben los, weil du realisierst, dass das alles falsch war, und nun kannst du endlich dein echtes Ich sein, und plötzlich fragst du dich: Was soll ich tun, und wer ist das?

Yves, 22 Jahre
Bemidji, Minnesota, neun Monate auf Testosteron zum Zeitpunkt des Fotos.
Die Hälfte meiner Familie sind Ojibwe, amerikanische Ureinwohner, und die andere Hälfte sind ultrakonservative Anhänger der Pfingstgemeinde. Als ich mich als lesbisch outete, war es verwirrend, weil ich mich noch immer zu Jungs hingezogen fühlte, doch nicht wollte, dass sie mich auch attraktiv finden. Erst nach einiger Zeit realisierte ich, dass ich einfach nicht wollte, dass sie mich als Frau wahrnehmen. Ich wollte, dass sie mich als Mann sehen. Es waren schwierige Jahre, doch nun weiss ich, dass ich ein queerer Transmann bin. Und es fühlt sich gut an, das endlich so sagen zu können und mich dabei wohlzufühlen.

Shane, 30 Jahre
Hollywood, California, neun Jahre auf Testosteron zum Zeitpunkt des Fotos. 
Die Patriarchat ist schwierig zu überwinden, und Amerika war nicht bereit dafür, dass ihr sichtbarster Transsoldat eine transfeminine Person ist. Amerika wollte G.I. Joe sehen. Amerika wollte den perfekten Soldaten sehen. Ich konnte nicht einfach ein guter Soldat sein, ich musste intelligent, hübsch und überdurchschnittlich erfolgreich sein. Also wurde ich das.

Gabe, 23 Jahre alt
Brooklyn, New York, neun Monate auf Testosteron zum Zeitpunkt des Fotos. 
Ab irgendwann zwischen vier und zehn Jahren war ich überzeugt davon, dass ich ein Junge bin und dass ich jeden Tag von meinen Eltern verkleidet wurde, um als Mädchen zur Schule zu gehen. Ich sagte allen meinen Freundinnen und Freunden, dass ich jedes Mal, wenn ich zu Hause ankomme, meinen Mädchenhaut-Anzug ausziehe und ein Junge bin. Ich sah meine Kindheit als Mädchen als eine Art Kostüm und eine Identität, die ich zur Schule mitbringen muss. Und das sagte ich den Leuten genau so.

Jimi, 27 Jahre
Richmond, Virginia, neun Monate auf Testosteron zum Zeitpunkt des Fotos. 
Ich wuchs in einem Viertel von Richmond auf, wo wir nicht viel hatten, doch immer füreinander da waren. Nicht alle haben die gleichen Rechte. Das Problem sind nicht nur die Transgender-Morde besonders an farbigen Transfrauen, sondern auch die Polizeibrutalität und alle anderen Morde. Als Afroamerikaner und Dominikaner wurde das zu einem inneren Kampf, doch statt Angst zu haben, beschloss ich, für meine Rechte als Mensch einzustehen. Meine Eltern und meine Grossmutter haben mir beigebracht, alle Menschen gleich zu behandeln, und ich setze mich für alle Menschen der LGBTQ Community ein, unabhängig von ihrer Hautfarbe.

Sam, 19 Jahre
Seattle, Washington, vierzehn Monate auf Testosteron zum Zeitpunkt des Fotos.
Wir emigrierten aus Südkorea in die USA, als ich sieben Jahre alt war. Ich hatte diese Gedanken so lange unterdrückt und fürchtete, dass es bedeuten würde, meine Familie zu verlieren. Ich überlegte, wie ich es meiner Mutter erklären könnte, denn es bestanden kulturelle und sprachliche Barrieren. Ich konnte ihr nicht einfach Artikel über Transgender-Kinder schicken, weil die meiste Information und Forschung nur auf Englisch verfügbar war. Als ich es ihr endlich sagte, erklärte ich ihr, dass ich mich, seit ich mich erinnern kann, als Junge gefühlt hatte, aber insbesondere seit mein Bruder auf die Welt gekommen war. Alle Emotionen kamen hoch, und wir weinten und umarmten uns. In diesem Moment verstand sie mich voll und ganz.

Teddy, 26 Jahre
Kansas City, Missouri, zwei Jahre auf Testosteron zum Zeitpunkt des Fotos. 
Unabhängig davon, an welchem Punkt ihrer Transition Menschen sich gerade befinden, sehe ich es nicht als einen linearen Vorgang, sondern als eine Erweiterung seiner selbst. In welche Richtung sie transitionieren, spielt dabei keine Rolle.

Thomas, 27 Jahre
Athens, Georgia, sechs Jahre auf Testosteron zum Zeitpunkt des Fotos. 
Mir wurde beigebracht, dass du lesbisch bist, wenn du als Mädchen auf Mädchen stehst, und heterosexuell, wenn du auf Jungs stehst.. Und wenn du auf beide stehst, bist du bisexuell. Doch das sagt noch lange nichts über deine Geschlechtsidentität aus. Ich hörte auf, mich als lesbisch zu bezeichnen, weil es sich nicht richtig anfühlte. Für mich selbst beschloss ich, dass ich ein queerer Mann bin. Ich hörte auf, bisexuell zu sein, und war fortan pansexuell und begann, alle Menschen zu akzeptieren. Es kommt einzig darauf an, ob ich sie liebe und ob sie mir wichtig sind. Alles andere ist egal. Das war ein gutes Gefühl.

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American Boys
Autorin: Soraya Zaman
Verlag: Daylight Books; 2.Auflage (2. April 2019)
Sprache: English
Softcover, 188 Seiten
21 x 1,9 x 26 cm
ISBN: 978-1942084686

https://www.americanboysproject.com/

3 Kommentare zu «Amerikanische Männlichkeit»

  • P M sagt:

    Manche Männer sehen aus wie Frauen. Und manche Frauen sehen aus wie Männer. Das ist halt wirklich so, dass man es sich oftmals nicht selber aussuchen kann, und einfach mit diesem äusseren Erscheinungsbild geboren wird. Da muss man wohl das beste draus machen, und seinen eigenen Weg gehen, unabhängig davon, was die Gesellschaft von einem hält. Aber gleich Brüste wegoperieren oder das Geschlechtsteil ändern ist wohl etwas überzogen. Man sollte nicht am Körper herumschnipseln. Der Körper ist heilig, so wie er ist. Man sollte ihn nicht verändern. Das ist eher eine Form von Verstümmelung, als es einen Nutzen bringen könnte. Die Psychologie sollte sich darauf beschränken, die Menschen zu begleiten, und ihnen nicht einzureden, dass eine Geschlechtsanpassung eine gute Wahl sei.

  • Dominique Kim sagt:

    „als ob mein Hirn und mein Herz das eines Mannes seie“, es scheint einfacher zu sein den Körper an Hirn und Herz anzupassen als das Hirn und das Herz dem Körper anzupassen. Dieser Kommentar zeigt, dass man auch die Gefühle (werden ja im Hirn und Herzen hervorgerufen) an den Körper anpassen könnte. Ich frage mich wenn diese Menschen dann reifen auf der Gefühlsebene, dies passiert ja im Verlaufe des biologischen Alters, was dann in ihnen vorgehen wird? Denn es gibt genug Zeugnisse wo solche Umwandlungen im Suizid endeten oder zumindest in tiefen seelischen Problemen.

    • Seppi sagt:

      Die Unzufriedenheit mit sich selbst aufs Geschlecht zu reduzieren, und die Vorstellung, dass bei der Änderung des Geschlechts alle Probleme vergehen, sind ein Trugschluss. Denn grundsätzlich bleibt man sich selbst, und ich definiere mich nicht über mein Geschlecht.
      Und die Möglichkeiten der Medizin sind zwar beachtlich, doch auch trügerisch, denn nach der Umwandlung ist man weder Frau noch Mann, kann weder Kinder zeugen noch welche austragen, und man ist weder zur Erektion noch zum Orgasmus in der Lage.
      Wahrscheinlich wäre es besser, psychologisch dafür zu sorgen, dass man mit dem, was man ist, zufrieden zu sein lernt und akzeptiert. Die Suizidraten lassen nur diesen Schluss zu.

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