Absturz der Ju-52: Welche Rolle spielte das Wetter?

Wettermacher

Gewitter über den Bergen lassen sich kaum zuverlässig voraussagen: Dunkler Himmel über den Berner Alpen. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Die folgende Analyse beschreibt, was die Piloten auf ihrem Weg gesehen haben und vor dem Flug gesehen haben mögen. Sie lesen keine Spekulation zur Unfallursache.

Die Vorhersage für das Absturzgebiet

Die feinmaschigen Modelle wie die Prognosen von Meteo Schweiz sagten für Samstag vor allem für die Berge einzelne Gewitter vorher. Das Schweizer 1×1-km-Modell prognostizierte für Graubünden, unter anderem auch für das Absturzgebiet, Gewitter für 17 Uhr:

Für denselben Zeitpunkt wurden nördliche Winde für den Bereich um den Segnaspass berechnet:

Die stärksten Böen in der Vorhersage für 17 Uhr treten mit 40–50 km/h rund um den Segnaspass auf (der hellgrüne Fleck südöstlich von Elm):

Das tatsächliche Wetter zum Zeitpunkt des Absturzes

Zunächst kann festgestellt werden, dass sich die vorhergesagte Windgeschwindigkeit durch die Messungen auf dem Crap Masegn bestätigten; es wurden Böen bis 48 km/h gemessen:

In der Stunde darauf nahm der Wind noch etwas zu. Das ist jedoch noch keine Windgeschwindigkeit, die für sich alleine Flugzeuge zum Absturz bringen kann.

Die Böen hatten zwei Komponenten als Ursache, zum einen einen generellen Überdruck auf der Alpennnordseite mit 1017 hPa in Zürich und 1014 am Abflugort in der Magadino-Ebene:

Das reicht für böigen Nordwind über die Pässe, der aber noch durch eine Reihe sich schnell entwickelnder Schauerwolken verstärkt wurde, die in der Lage sind, Abwinde ausserhalb ihrer eigentlichen Aufwindzone in der Wolke nach aussen zu schicken. Modellvorhersagen vom Morgen können nie genau sagen, wo sich am Nachmittag Gewitter entwickeln werden, aber in der Tat gab es genau um den Absturzzeitpunkt die ersten Schauer knapp nördlich der Alpenkette zwischen Glarus und Graubünden (Radar 16.50 Uhr, andere Zeiten via Menü).

Man sieht an den Radarbildern nach dem Absturzzeitpunkt, dass die Radarechos stärker werden, das bedeutet, dass sich die Schauerwolken vor und während der fraglichen Zeit rasch entwickelten. Die Wolkentürme reichten zum Absturzzeitpunkt bei Linthal und nordöstlich von Elm bis in etwa 4 km Höhe.

Es ist wahrscheinlich, dass es in der Nähe sich schnell entwickelnder Cumulonimbuswolken zu absinkenden Luftbewegungen (downdrafts) sowie zu Turbulenzen kommen kann. Diese sind für sich jedoch nicht geeignet, ein Flugzeug zum Absturz zu bringen.

Was auf dem Satellitenbild von 16.50 Uhr auffällt, ist, dass die Quellwolken zwar in der Tiefe gestaffelt, aber so nebeneinander angeordnet sind, dass bei einem Anflug aus Süden keine eindeutige Lücke zu sehen gewesen sein wird, weil die Wolken sich horizontal zufällig so entwickelt hatten, dass sie eine einheitliche Kulisse von mehr oder weniger hohen und nahen Wolken bildeten, die in zwei Fällen gerade ihr Reifestadium mit beginnendem Niederschlag erreichten: Das Satellitenbild von Samstag 16.50 Uhr, andere Zeiten und Regionen via Menü.

Die Ju-52 fliegt auf Sicht, das heisst, sie muss sich ausserhalb von Wolken halten. Betrachtet man den Satellitenfilm zwischen Tessin und Glarus zwischen 15.50 und 16.50 Uhr, sieht man, dass das in relativ dichter und vor allem zunehmend höherer und aktiverer Quellbewölkung keine leichte Aufgabe war und ein geradliniger Kurs ausgeschlossen scheint:

Da die Ju-52 über keine Blackbox verfügt, werden die Kameras und Telefone der Passagiere – soweit auswertbar – die Schlüssel zur Unfallursache sein, deren Ermittlung der zuständigen Behörden es abzuwarten gilt.

28 Kommentare zu «Absturz der Ju-52: Welche Rolle spielte das Wetter?»

  • Peter Gantze sagt:

    Wie heißt es so makaber: lt. murphyschem Gesetz: alles, was schiefgehen kann, geht schief. Und da war es leider soweit – heißer Tag?, volle Beladung?, geringe Höhe? , überraschender Fallwind? zwei äußerst erfahrene und gewissenhafte Piloten (ich kannte sie persönlich, ich bin mehrmals mit ihnen geflogen und hatte nie auch nur eine Sekunde ein schlechtes Gefühl), die durch irgend etwas abgelenkt waren?, eine kleine Unaufmerksamkeit durch die Frage eines Passagiers?, also viele Kleinigkeiten, die sich zur Katastrophe summieren. (Fragezeichen? – ich weiß es ja nicht!). Aber Ereignisse dieser Art können jederzeit und in jedem Lebensbereich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen völlig unvorhergesehen auftreten. Mein Mitgefühl gilt der verunglückten Crew und den Passagieren.

  • Hilmar Ossen sagt:

    Es gibt keine mutigen alten Piloten, hat mal ein Fluglehrer von mir gesagt; bleib immer so hoch dass Du bei einem Problem immer noch runtergleiten kannst. Die Maschine war für die aufkommenden Fallwinde einfach zu tief unterwegs. Ein weiterer Augenzeuge hat gesehen dass die Maschine schon vor dem Absturz einen Strömungsabriss hatte, aber da noch abgefangen werden konnte. Für den anschließenden Versuch einer 180Grad Kehre war das Tal schon zu eng.
    Es sollte ernsthaft erwogen werden dass die Mindestabstände, nicht nur für den Abstand zu den Wolken sondern auch zu den Bergen überdacht werden sollten.
    Meine Trauer gilt allen Opfern und Angehörigen.

  • Hans Hasler sagt:

    Dass das Flugzeug nicht in einem Gewitter abstürzte, ist wohl neben dem Wissen, dass das Flugzeug nicht in einer Wolke war, als der Absturz passierte, das einzige, das wir seit Tagen wissen. Es war nicht das Wetter, Gratulation Herr Kachelmann. Ihre Zusammenfassung war enorm nützlich! oder auch nicht…

    • Vasama sagt:

      …eher nicht nützlich!
      Bei Blick.ch ist ein Bild der Ju 52 kurz vor dem Absturz veröffentlicht, wonach das Wetter an der Absturzstelle unproblematisch war.
      Erkennbar ist auch, daß die Kurve, in weniger als 200 m über Grund, offensichtlich deutlich zu langsam, d.h. mit sehr hohem Anstellwinkel geflogen worden ist.

      • Hans Hasler sagt:

        Darauf wollte ich eigentlich hinaus. Herr Kachelmann schaut die Grosswetterlage und Radarbilder an – statt einfach eines der Bilder anzuschauen, die zur Zeit des Absturzes gemacht wurde. Es gab im Pass ganz klar keine Wolke – daher ist es völlig Unsinnig von einer Umkehrkurve aufgrund eines durch Wolken versperrten Weges ausgerechnet an der engsten Stelle des ganzen Fluges auszugehen. Auf welchem Blick Bild Sie jedoch sehen, dass eine Kurve zu langsam und mit zu hohem Anstellwinkel geflogen wurde, weiss ich aber auch nicht.

      • Igor sagt:

        Das am Wenigsten nüzliche sind die obigen Kommentare / Antworten und zeugen von Null Ahnung über’s fliegen, geschweige denn in den Bergen.
        – man kehrt um noch im klaren Wetter DIESseits eines Passes / einer Krete wenn Gewitter in der Ferne den weiteren weg versperren würden
        – Downdrafts und Böen (nicht konstanter Wind wohlgemerkt) im Lee der Krete (nach der Umkehr nun RÜCKEN-bö!) von ca. 28 Knoten können WOHL überraschend eine knapp über der Abkippgeschwindigkeit (ggü der Luft) fliegende Maschine diese unterschreiten lassen.
        Bitte bildet Euch bevor Ihr arrogant Kritik übt;
        Grüsse von einem ehemaligen CH Flugwaffenpiloten!

  • Huldrych sagt:

    Danke, Herr Kachelmann, für die präzise Analyse. Nach all den Spekulationen und Fakes, die man bisher zum tragischen Unfall lesen konnte, ist das eine richtige Wohltat.

    • Hans Hasler sagt:

      Präzise Analyse? Kachelmann sagt rein gar nichts explizit zu möglichen Ursachen. Und implizit wird angetönt, dass eine Wolke im Weg war. Was aber von Augenzeugen nicht bestätigt wurde. Keine Aussage ist zwar nie falsch aber auch nie präzise.

      • Luc sagt:

        @Hasler können Sie lesen? @Kachelmann schreibt eindeutig: „Sie lesen keine Spekulation zur Unfallursache.“

        Was soll also Ihre Spekulation und Frage nach präziser Analyse? Sie liegen total falsch. Herr Kachelmann hat nur das Wetter zu einem bestimmten Zeitpunkt für einen Ort bzw mehrere Orte in der Schweiz beschrieben. Mehr nicht. Alles andere sind Ihr spekulatives Orakel.

  • werner boss sagt:

    In einem anderen Beitrag wurde die Bemerkung eines Lesers , welcher den oft doch geringen Abstand der Flugzeuge zu den Felsen schlecht beurteilt. Wenn man diesen Bericht liest, dann wäre es aber trotzdem Ratsam für die Piloten in Zukunft etwas mehr Abstand zum Gebirge zu nehmen. Vor allem wenn man denkt dass dabei auch völlig unnötig CO-2 produziert wird, und das mit über 800 Flügen dieses Typs /Jahr in sehr ansehnlicher Menge! Ich verstehe nicht, wie man noch Freude empfinden kann an einem Spassflug über braune Felder und absterbende Wälder,Gletschermoränen welche erahnen lassen, dass die Schweiz einmal schön war. Das tönt vielleicht ziemlich hart und für gediegene Leute nicht genehm, aber wir werden uns viel härtere Dinge gefallen lassen müssen.

    • Anton Paschke sagt:

      Herr Boss, bitte rechnen! Was die Ju-52 bei 800 Flügen an CO2 ablässt schafft ein 1 GW Kohlekraftwerk in einer Sekunde. Dabei ist die Energiestrategie 2050 noch unwirksames Papier, alle 5 Schweizer Kernkraftwerke laufen noch. Nur in Deutschland hat die Wende zur Kohle schon wirklich eingesetzt.

  • Wolfgang sagt:

    Auf Aviation Herald zu crash JU 52
    http://avherald.com/h?comment=4bbf2069&opt=0
    beschreibt Kom @Webwings am 2018-08-05 02:15Z unter dem Titel Martinsloch 1/4 bis 4/4 die Situation welche er aus seinen persönlichen Rundflügen zum Martinsloch kennt. Er schließt bei einem Anflug aus SE eine 180° Kehre am Martinsloch infolge der Enge des Talkessels aus. Das war aber der Kurs der in diesem Talkessel abgestürzten JU 52. Der einzige mögliche Weg aus dem Talkessel wäre nur der Flug über den Bergkam gewesen.

  • Rolf Wittwer sagt:

    Vielleicht sind Beobachtungen von Berggängern hilfreich, da ich mir vorstellen kann, dass die 180° Wende evtl. zu eng und in einem zu steilen Winkel durchgeführt wurde, dadurch sich der Schwerpunkt der Maschine sehr rasch in eine unstabile, nicht mehr kontrollierbare Lage verschoben haben könnte.
    Was deshalb mit der Wettersituation evtl. nichts zu tun hätte.
    All den Opfern und Angehörigen. Bekannten und Freunden mein Beileid.

  • Pascal Allensbach sagt:

    Wie das Wetter bewölkungsmässig um 16:40-17:00 in genau diesem Tal zum Segnes Pass ausgesehen hat, kann man wunderbar mit der 360° Live Webcam (Mutta Rodunda) sehen, wenn man sich die Mühe macht, die Zeit auf den 4.8. um 16:40, 16:50 und 17:00 zurückzudrehen. Wenn man dann diese Bilder runterlädt und reinzoomt, sieht man auf dem 17:00 Bild unterhalb eine sichelförmigen Schneefeldes sogar das Wrack liegen, wo 16:40 und 16:50 noch nichts zu sehen war. Zumindest aus meiner Sicht VFR/bewölkungsmässig (noch) problemlos zu fliegen.

  • Heinrich Zimmermann sagt:

    Dies Informationen lassen es schwer begrifflich machen, wieso man sich dermassen um pointierte Aussagen drueckt und meint, dass jetzt sehr schwierige Auswertungen bevorstuenden. Klar uns wird die politische Verhaltensweise im Weg stehen. Ganz klar, man fliegt nicht in den Talkessel rein oder gegen den Pass ohne 1000 Fuss Übehöhung. Und dann erst noch von Seite anschneiden um eventuell zurücktauchen zu können, Höhe beachetet. Das haben „wir“ Nichtprofipiloten lernen muessen und gelernt. Und man bedenke, hinten sitzen Passagiere.

    • Anton Paschke sagt:

      Ja, Herr Zimmermann. Ich habe natürlich keine meter-genaue Angabe wo das Flugzeug geflogen ist. Ich lese aber in den Zeitungen, dass die Piloten die Strecke mit einer Ju-52 öffters mal geflogen sind. Ich nehme also nicht an, dass sie niedriger als der Pass waren und darum in Panik geraten sind. Es gibt auch einen Bericht eines Militärpiloten, der schon einige Minuten vor dem Absturz ein Manöver der Ju-52 gesehen hat, dass er als Ausfall des linken Motors interpretiert.

  • UWS sagt:

    Der erwähnte hellgrüne Fleck mit Böen ist nicht südöstlich von Elm, sondern nordwestlich.

  • franco.cavalli sagt:

    Es ist erschreckend wieviele Flugzeugs-und Hubschraubersunfälle in der Schweiz passieren.Irgendwo muss ein Fehler im System sein.
    Sind die Vorschriften nicht streng genug?
    Erinnern wir uns auch an die für uns beschämende Tragödie des russischen
    Flugzeuges,das am Bodensee abstürzte.
    Sicherheit muss die oberste Regel sein:Geld darf dabei keine Rolle spielen.

    • Beni Bänziger sagt:

      Wenn man sich nicht von Affekten leiten lässt, sondern die Statistiken anschaut, stellt man fest, dass Fliegen immer noch die sicherste Art sich fortzubewegen ist. Verkehrsflugzeuge sind sicherer als Zug, Bus, Auto, Velo und sogar sicherer als zu Fuss gehen.

      • E. Frögli sagt:

        Auf die Zeit verglichen, die man im Fortbewegungsmittel verbringt oder auf die Strecke, die man mit dem Fortbewegungsmittel macht?

      • Anton Paschke sagt:

        Auf die Strecke bezogen, Herr Frögli. Wobei die riskante Phase des Flugs die Landung ist, egal ob man vorher 50, 500, oder 5000 Kilometer geflogen ist. Schluss: die Statistik ist für den Fuchs.

  • Frei Ulrich sagt:

    Der berg heisst Piz Segnas. Der Pass heisst Segnespass

  • Walter Janach sagt:

    Ich konnte den Niederschlagsradar von Meteoschweiz gegen 18:30 noch genau überprüfen. Man konnte für 16:50 Uhr eine schwache Zelle westlich vom Segnaspass (2627 Meter) ausmachen, etwa im Gebiet Panixerpass (2407 Meter), der direkter und weniger hoch ist, aber zu dieser Zeit für die Ju 52 nicht passierbar scheint.
    Von einem Augenzeugen war dann auf 20 Minuten Online zu lesen, die Ju 52 hätte eine 180 Grad Kurve zurück nach Süden geflogen und sei plötzlich steil abgestürzt.

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