Brexitflucht in die Doppelbürgerschaft

Viele Briten wollen ihre europäische Identität bewahren: Anti-Brexit-Demonstration in London, 20. Oktober 2018. (Foto: Reuters)

Viele Briten wollen vor dem Brexit noch einen EU-Pass besorgen. Darunter befinden sich erstaunlich viele jüdische Inselbürger, die Pässe desjenigen Landes beantragen, das ihre Vorfahren verfolgte und mordete – oder einst nach Grossbritannien trieb.

Auch Robin Francis Lustig staunte über sich selbst, als er kürzlich zur deutschen Botschaft in London spazierte. Noch vor achtzig Jahren, nach der Kristallnacht, hatte sein Vater sich in Berlin in Panik versteckt, um dann aus Deutschland zu fliehen.

Viele Angehörige waren dem Nazihorror in den Folgejahren zum Opfer gefallen. Lustig selbst wurde 1948 in London geboren und wuchs mit der Familienerinnerung an all die Schrecken jener Jahre auf. Er sei Grossbritannien immer «zutiefst dankbar» gewesen für die Aufnahme seiner Familie. Und er habe die Britischen Inseln stets als seine Heimat betrachtet, beteuert Lustig, seinen Landsleuten als langjähriger BBC-Journalist bekannt.

Aber er sei eben nicht nur Brite, fügt Robin Lustig an. Er sei auch Europäer. Und das hat ihn, seinen Sohn, seine Tochter und seinen Bruder diesen November in die deutsche Botschaft geführt, nach Belgrave Square.

Britische Juden wollen sich nicht einschränken lassen

Alle vier hatten die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Damit, erklärte Lustig dem Londoner «Observer», wolle er seine britische Identität gar nicht ersetzen. Er wolle sie nur ergänzen. Denn er lehne «kategorisch die Idee ab, dass jemandes Identität von nationalen Grenzen starr eingeengt sein muss».

Grund für den Schritt war natürlich der Brexit. Immer mehr Nachfahren deutsch-jüdischer Flüchtlinge auf der Insel haben sich, wie die Lustigs, darauf besonnen, dass sie nach deutschem Recht die ihren Familien von den Nazis aberkannte Staatsangehörigkeit wieder in Anspruch nehmen können.

Seit der Zeit vor dem Brexit-Beschluss vom Juni 2016 hat sich die Zahl entsprechender Anträge dramatisch erhöht. 2015, im Jahr vor dem Referendum, wurden in Grossbritannien nur 43 Anträge zur Wiederanerkennung verlorener deutscher Staatsbürgerschaft gestellt. 2017 waren es 1667. Und auch dieses Jahr dürften es wieder weit über tausend sein.

Mehr als 176’000 Briten beantragten einen irischen Pass

Viele Gesuchsteller erklären zu ihrem Antrag auf den Zweitpass aus Deutschland, sie wollten sich vom Brexit ihre «europäische Identität» nicht rauben lassen. Jüngeren Briten jüdischer Herkunft ist wichtig, dass sie auch künftig weiter in Europa reisen, wohnen und arbeiten können.

Anderen Proeuropäern in Grossbritannien geht es nicht anders. Allein schon die Suche nach irischen Vorfahren hat in den letzten zwei Jahren sprunghaft zugenommen. Seit dem Referendum haben mehr als 176’000 Briten irische Pässe beantragt. Die irische Botschaft kommt bei dem Andrang kaum nach.

Das Recht zur irischen Staatsangehörigkeit verschafft einem Briten schon ein Grossvater oder eine Grossmutter irischen Ursprungs. Das soll auf mehr als 10 Prozent der britischen Bevölkerung zutreffen – ganz abgesehen von Nordirland, wo dem Belfaster Friedensvertrag zufolge jeder automatisch das Recht auf zwei Nationalitäten hat – und wo selbst eingefleischte Unionisten mittlerweile anstehen, um einen irischen Pass zu bekommen.

Gewissensbisse und neue Signale

Auch bei anderen EU-Botschaften in London gehen immer mehr Anträge ein. Am meisten Beachtung findet freilich der Zug jüdischer Familien zur deutschen Botschaft. Vielen Antragstellern dieser Gruppe fällt der Schritt über diese Schwelle nicht leicht. Nichts ist vergessen. Was wohl die geflüchteten Eltern oder Grosseltern davon gehalten hätten, fragen sich viele bang.

Andererseits würde jemand wie Robin Lustig es für «kleinlich» halten, «das Angebot einer ausgestreckten Hand nicht anzunehmen». Ebenso sah es die Londoner Rabbinerin Julia Neuberger, die sich schon im November 2016, fünf Monate nach dem Referendum, dafür entschied, «mir einen Teil meiner Geschichte, meine deutschen Ursprünge, wieder anzueignen» – und die damit das Signal für die Antragswelle in Belgrave Square gab.

Sowohl Robin Lustig als auch Neuberger, die fünfzig Jahre ihres Lebens «ziemlich negative Gefühle im Blick auf Deutschland» hatte, half der Ernst, mit welchem Deutsche, die sie kennen lernten, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten suchten. Ausserdem empfand die Rabbinerin «enorme Bewunderung» für Angela Merkel: «Für die offenen Arme, mit der sie syrische und andere Flüchtlinge aufnahm, wohingegen unsere eigene Regierung sich ganz und gar schäbig verhielt.»

Natürlich, sagte sie schon damals, liebe sie Grossbritannien, das ihr zur Heimat geworden sei, auch wenn sie es kritisiere: «Aber ich bin ebenso Europäerin wie stolze Britin. Es gibt viele Identitäten, die sich bei mir überschneiden.»

20 Kommentare zu «Brexitflucht in die Doppelbürgerschaft»

  • Dieter Weigert sagt:

    Glückwunsch! Eine saubere Sprache – wo findet man das heute noch. Wir sollten unsere blogs austauschen – meine heimat in berlin-prenzlauer berg: http://www.fobililienstern.blog Dieter Weigert

  • Dieter Sprenger sagt:

    Wie immer gab es wie zuvor beim EU Beitritt auch in GB Gewinner und Verlierer . Das selbe nun beim Brexit . Es liegt in der Natur des Menschen was er einmal erreicht oder gewonnen hatte möchte man nicht mehr zurückgeben. Somit ist es erklärbar das eine gewisser Teil der Bevölkerung GB und Elite welche dank der EU Mitgliedsschaft profitierte nun den irischen Pass beantragt um deren eigenes wirtschaftliches Niveau beizubehalten . Doch ein Brexit wird auch neue Chancen für Andere bisher evtl. Benachteiligte bringen ! Klar ist dass nun vorab der Finanzbranche durch den Brexit Nachteile drohen , doch längst nicht jeder Bürger von GB verdient sein tägliches Brot in dieser Branche . Mit dem damaligen EU Beitritt geriet die produktive Industrie und der Fischfang unter die Räder !

  • T Kirk sagt:

    Es sollte angemerkt werden, dass sie NICHT den Pass des Landes beantragen, das ihre Vorfahren ermordet hat. Keiner beantragt einen Pass des Dritten Reichs! Britische Nachkommen aus Nazideutschland vertriebener Juden verstehen sehr wohl, dass die BRD ein anderes Land ist.

  • Benno Stechlich sagt:

    Jede Wette, dass viele der patriotischen Brexiteers unter denen sind, welche sich eine EU-Staatsbürgerschaft gesichert haben oder bereits haben. Wasser predigen und Wein trinken gehört schliesslich zum Standard-Repertoire von Populisten. Da erinnert man sich gleich an die tollen Politiker aus dem ganz, ganz rechten Spektrum der EU-Politike, welche immer die Steuerverschwendung der EU bemängeln und die es sich auf Kosten der Steuerzahler als EU-Politiker sehr gut gehen liessen.

    • Fabio Rossi sagt:

      Das ist so. Nigel Farage war mit einer Deutschen Frau verheiratet. Seine Kinder besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft und bei ihm dürfte es auch nicht lange gehen.

    • Oberländer sagt:

      Nigel Farage, eine Schlüsselfigur der Brexitbefürworter, ist mit einer Deutschen verheiratet, ihre beiden Söhne haben bereits den dt. Pass und er wurde schon
      in der Schlange vor der Botschat gesichtet.

      • Hans Wolff sagt:

        So ist es. Das Schlimmste ist jedoch, dass Deutschland einen Zuzug von Nigel Farage nur schwerlich verhindern könnte, sollten seine Kinder und seine (Noch-)Ehegattin in D leben wollen. Ironie an der Sache, er könnte sich wohlmöglich auf das Recht der EU berufen, die er so vehement bekämpft.
        Christopher Chandler, ein d. Brexit unterstützender neuseeländischer Milliardär hat 2018 die maltesische Staatsbürgerschaft erhalten

  • John Falstaff sagt:

    Ich kann vom Kontinent aus nicht beurteilen, wie realistisch die Siegeschancen der Labour-Partei sind. Zumindest schreiben die Zeitungen hier derartiges.
    Was ich mitgekriegt habe, ist der Antisemitismus eines möglichen PM Jeremy Corbyn und seine Attraktivität für traditionell antisemitische Kreise.
    Da es weit mehr importierte, naturalisierte und autochthone Antisemiten als Juden gibt, ist klar, wem Labour in den Rücken fallen wird.
    Corbyn hat sich nie von seinen Positionen distanziert – und da stellt sich die Frage für manchen britischen Juden, ob er in Labour-GB eine Zukunft hat.
    Da Labour sowieso eine Schwäche für Verlierer hat – und die Araber sind bisher mit jedem Genozid-Versuch gescheitert (thanks God!) – dürfte die Arabophilie grenzenlos sein.

  • Franz Süss sagt:

    Tja, wenn es ums eigene Geld/Vermögen geht, kann sich vieles plötzlich ändern, was vorher „moralisch unvorstellbar“ war.
    Andererseits, irgendwie kann ich es ihnen auch nicht verübeln.

  • Ruedi Hunkeler sagt:

    Zu viele Moslems leben im Vereinigten Königreich. Zu viele Menschen, deren ideologischer Vordenker und deren schriftliche Lebensanweisung das Töten von Juden als gute Handlung empfehlen.
    Ich würde mir da auch überlegen, was es für Notfalloptionen gibt. Ob der europäische Kontinent allerdings in wenigen Jahrzehnten immer noch weniger gefährlich sein wird als UK jetzt, daran kann man Zweifel haben.

    • Benno Stechlich sagt:

      Lustig, wurden doch wohl die meisten Juden von Rechtsnationalisten umgebracht, die nun heute, wie damals bei den Juden, gegen die Moslems hetzen. Und die Schlagworte für den Genozid waren: die Argumente für die Judenverfolgung waren ideologische Unterschiede, zu viele im Land, zu viele, die den einheimischen die Arbeit wegnehmen und deren Gefährlichkeit. Interessant, dass sich nun die gleiche mörderische Ideologie gegen die Moslems wendet und als Entschuldigung gelten die Opfer von damals.

      • gabi sagt:

        Wie bitte?

        „… dass sich nun die gleiche mörderische Ideologie gegen die Moslems wendet “ ???

        Was für ein Quatsch.

        Viel bedenklicher ist doch, dass sich der Kreis der Extreme schliesst und dass fanatische Moslems und westliche Rechtaussenausleger einem ähnlichen Weltbild huldigen! Je extermer, desto ähnlicher!

        Grad kürzlich wieder besonders krass aufgefallen, als ein muslimischer Antisemit, der Pierre Vogel-Bilder auf seiner FB-Seite weiterverbreitet und allenthalben frömmelnde Schläger (mit ähnlich homoerotischer Schlagseite wie die Nazis) verherrlicht, auf exakt dieselbe Art von verschwörungsseeligen Welterklärern zurückgreift wie die AFD oder Linksaussenausleger:

        Daniele Ganser, dem mit einem eigenen Link gehuldigt wurde.

        Hier geht´s nur um Idioten vs. Vernunft!

  • Christoph sagt:

    Herr Rothacher, ich finde Ihren Kommentar um Welten langweiliger als den Artikel selbst. Geschrieben von einem Brexit-Befürworter für Brexit-Befürworter. Es interessiert Sie gar nicht, dass die Bevölkerung in Grossbritannien längst mehrheitlich gegen den Brexit ist. Aber das kennt man von den EU-Hassern, da ist die Wahrnehmung ausserordentlich selektiv.

  • Anton Paschke sagt:

    > Alle vier hatten die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt.
    Die hätten vorher abklären sollen, wie in Deutschland (Schweiz ebenfalls) Doppelbürger betrachtet werden. Auch die möchte-gerne Nachfolgerin der Frau Merkel, CDU, hat sich in dem Sinne hören lassen. Es ist möglich, dass dabei immer deutsch-türkische Doppelbürger gemeint sind, aber das wird dann sicher nicht so ins Gesetz geschrieben. Ich nehme an, der Herr Lustig spricht gut Deutsch und kann deutsche Zeitungen lesen.

  • Rolf Rothacher sagt:

    Grossbritannien hat 66 Millionen Einwohner. 16,1 Millionen stimmten gegen den Brexit. Wenn davon etwa jeder hundertste einen Zweitpass beantragt, so ist das eine Meldung wert? Opportunisten gab es immer schon. Und 1 bis 2 % ist sogar ein sehr, sehr geringer Wert, wenn es um Opportunisten geht!!!
    Im Übrigen sorgt Labour mit seinen Hetzern dafür, dass sich jüdische Briten immer unwohler im eigenen Land fühlen. Warum Labour so auftritt, ist klar: mittlerweile gibt es 10x mehr muslimische Briten (Wähler) als jüdische Briten. Deshalb setzt Corbyn auf die Muslimen und lässt gegen Juden hetzen.
    Einmal mehr ein grossangelegter Artikel ohne echten oder gar bedeutenden Hintergrund, geschrieben von einem Brexit-Gegner für Brexit-Gegner. Langweilig!

    • Franz Marke sagt:

      Für einen angeblich nur langweiligen Artikel nehmen sie sich recht viel Zeit zum Kommentieren. Vielleicht ist der Artikel gar nicht langweilig, sondern ärgert Sie schlicht, weil er Ihre Brexitseligkeit stört?

      • M. Sutter sagt:

        @Rothacher. Und wenn einer von Millionen von Muslimen in irgend einer europäischen Stadt ein Messer zückt und jemanden verletzt; Ist das dann eine Meldung wert, in der wieder eine Terrorismus-gefahr heraufbeschwört wird?

      • Benno Stechlich sagt:

        Also Herr Rothacher, ich staune immer wieder was Sie alles lesen und kommentieren was Sie langweilig oder uninteressant finden. Man fragt sich auch, wieso sich jemand wie Sie so intensiv in den bösen, linken MSM tummelt. Haben Sie einen missionarischen Auftrag um fehlgeleitete Linke zu bekehren?

    • Oberländer sagt:

      Der Artikel ist keineswegs langweilig und ohne
      bedeutenden Hintergrund sondern informativ und flüssig geschrieben. Vielleicht sollten Sie sich auf
      die Lektüre der Schweizer Illustrierten beschränken.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.