Mit Lenin allein im Wald

  • Lenin in Stein gemeisselt im Lenin-Park in Kuba. (Fotos: Oscar Alba)

  • Natur, so weit das Auge blicken kann, und im Gras verschwundene Bahnlinien: Der Lenin-Park ist ein erholsamer Ort.

  • Im Lenin-Protokoll-Haus gibt es Lenin in Öl, aus Wolle, auf Porzellan, in Gusseisen und anderem Material. Rechts der «Magische Teppich».

  • Egal, wo man sich hinstellt, nirgends entgeht man dem strengen Blick des Revolutionärs.

Hin und wieder muss man raus aus Havanna. Der geeignetste Ort dafür: der Parque Lenin, eine 700 Hektaren grosse, grüne Oase draussen vor der Stadt.

Der Lenin-Park war eine Idee von Fidel Castro. Von wem sonst? Geplant wurde erst einmal nur Natur. Doch der Boden des Brachlandes war ausgelaugt. Millionen Kubikmeter tote Erde mussten abgetragen und ebenso viele fruchtbare wieder hingekarrt werden. Danach wurden 80’000 ausgewachsene Bäume aufs Gelände gebracht und eingepflanzt. Mahagonibäume, Tannen, Zedern, Palmen usw. Neue Wälder für den Neuen Menschen. Dazu Restaurants, Freibäder, künstliche Seen, ein Amphitheater, ein Aquarium, ein Lunapark und eine Bahnlinie, auf der ein Dampfzug aus dem 19. Jahrhundert die erholungsbedürftigen Genossen durchs weite Grün transportierte. 1972 war Einweihung.

Heute fährt nicht einmal mehr ein Bus zum Lenin-Park. Das Taxi hält beim Lunapark. Der Zahn der Zeit und andere Probleme haben den Vergnügungspark mit den Bahnen aus der UdSSR und DDR schon vor langem in eine Rosthalde verwandelt. Die neueren Apparate aus China machten es auch nicht lange. Der Wachmann am Eingang sagt wie fast immer: «Heute wegen Reparatur geschlossen.» Zum Glück. Man sucht ja die wohltuende Ruhe.

Flaschenweise Rum und ein magischer Teppich

Auf gehts! Links, rechts, geradeaus? Egal. Im Lenin-Park führen alle Wege irgendwie nirgendwohin. Man spaziert einsam und allein auf verlassenen Strassen, über trockene Wiesen und durch lichte Wäldchen. Hie und da fährt ein Lada oder ein rostiger Traktor vorbei. Da und dort sieht man einen Unterhaltsarbeiter im Schatten eines Baumes Siesta machen. Ein anderer liegt zusammengekrümmt und ebenfalls schlafend in einer Schubkarre im kühlenden Gemäuer einer zerfallenen Toilettenanlage. Unter einem Palmenhain steht ein russischer Lastwagen des Staatsbetriebes Flora y Fauna, in der Führerkabine schmust ein Liebespaar. Die Dampfbahn fährt schon seit langem nicht mehr, die Schienen sind im Gras verschwunden. In der Cafeteria Aquario lehnen vier Angestellte am Tresen und plaudern. Gäste sind keine da. Das Angebot ist schmal: drei Sorten Rum, nur flaschenweise zu kaufen, weil keine Plastikbecher, Dosenbier, Zigarren, Zigaretten und Africanas, die traditionellen Schokobiskuits. Yolanda, 58, die seit 35 Jahren hier arbeitet, rät lächelnd vom Kauf ab: die Africanas hätten nicht mehr die Qualität von einst.

Nach zwei, drei Stunden ziellosen Spazierens weist einem ein Parkwächter den Weg zu Lenin. Auf einer Anhöhe, umstellt von dunklen Tannen, blickt Wladimir Iljitsch aus weissem Stein gemeisselt grimmig ins weite Nichts. Fidel weihte das Monument gerade noch rechtzeitig ein, kurz vor dem Tod der Sowjetunion. Mit dazu das Lenin-Protokoll-Haus, eine Art Datscha, rund um die Uhr bewacht. Der Mann, der seine Schicht absitzt, versorgt eilends die Rumflasche im Schrank, als er bemerkt, dass sich jemand nähert. Aus dem Transistorradio knistert ein Bolero. Sonst ist hier alles durch und durch sowjetisch. Dunkles, schweres Holz, rot gepolsterte Sessel, grauer Marmorboden. Lenin in Bronze, in Öl, auf Porzellan, in Wolle. Fotografieren verboten. Der Wächter macht eine Ausnahme und verweist auf den hängenden «Magischen Teppich». Egal, wo man im Raum stehe, nirgendwo könne man Lenins strengem Blick entgehen; das habe etwas mit der Webtechnik zu tun, die einen speziellen Namen habe, an den er sich jetzt aber gerade nicht mehr erinnern könne. Beim Abschied sagt der Wachmann: «Kommen Sie doch wieder einmal vorbei, die Tage hier allein mit Lenin sind lang.»

2 Kommentare zu «Mit Lenin allein im Wald»

  • Joseph Hillström sagt:

    „Oscar Alba mäckelt an seiner Wahlheimat herum“ Ausgabe 8’231. Wenn der gute Herr das sozialistische Kuba so furchtbar findet kann er doch sicher in eine der blühenden kapitalistischen Landschaften Mittelamerikas emigrieren und dort die Vorzüge von Favelas, Kinderprostitution, Analphabetismus, Drogenkriminalität, Oligarchie und Hyperinflation preisen.

  • Rolf Zach sagt:

    Ist das Leben nicht schön! Kubanischer Kommunismus von der besten Seite. Geht nach dem berühmten Spruch, wir tun so, als ob wir arbeiten und sie tun so, als ob sie uns bezahlen. Kuba ist für diese Seite des Kommunismus besser eingestellt als tropisches Paradies als die ehemalige Sowjetunion. Natürlich herrscht dabei materieller Mangel, aber hungern tut niemand. Braucht man da mehr Medikamente als bei uns, wahrscheinlich einiges weniger. Betriebsame Menschen müssen sich halt daran gewöhnen oder sie arbeiten im Ausland als Ärzte und Krankenschwestern.
    Da wurde Professor Ziegler zum Untersuch in ein kubanisches Krankenhaus eingeliefert. Die Schwester sagte ihm, sie gehe nach Katar. Er: Sie helfe dort den Armen. Etwas groteskeres habe ich nie gehört und gesehen!

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