Sexuelle Belästigung? Dass ich nicht lache!

Stärkte seinem grapschenden Ex-Vize allzu lange den Rücken: Japans Finanzminister Taro Aso. Foto: Yuri Gripas (Reuters)

Japanische Beamte wissen offenbar nicht, was sexuelle Belästigung ist. Davon muss das Finanzministerium in Tokio ausgegangen sein, als es Anfang Mai alle leitenden Beamten in einen Kurs schickte, an dem diese lernen sollten, was sexuelle Übergriffe sind. Die Rechtsanwältin Takako Sugaya, die ihnen einen Vortrag hielt, bemerkte anschliessend, sie habe den Eindruck, im Ministerium herrsche eine andere Vorstellung von «sexueller Belästigung» als in der Gesellschaft.

Die #MeToo-Bewegung hat auch Japan erreicht, wenngleich zögerlich. Im April musste Vize-Finanzminister Junichi Fukuda gehen. Der ranghöchste Beamte des Ministeriums, das in Japan als das mächtigste und edelste gilt, hat Journalistinnen während Interviews angemacht. Er fragte etwa, ob er ihnen an die Brust fassen oder sie küssen dürfe, und wollte mit ihnen anbandeln. Eine Reporterin von Asahi TV ging damit an die Öffentlichkeit, doch Fukuda stritt alles empört ab. Der 77-jährige Finanzminister Taro Aso stärkte ihm den Rücken.

Von Hitler lernen

Die Journalistin, die Fukudas Anmache schon mehrfach hatte über sich ergehen lassen müssen, wusste beim nächsten Interview, was sie erwartete. Sie machte deshalb heimlich eine Tonaufnahme. Trotz Tondokument wollten ihre Bosse beim Asahi-Fernsehen die Anschuldigungen nicht publizieren. Das sei ihnen zu heikel. Ein Wochenblatt sprang in die Bresche, es veröffentlichte zuerst einen Artikel. Und stellte, nachdem Fukuda alles dementiert hatte, die Tonaufnahme ins Internet. Damit war der Vizeminister nicht mehr zu retten. Und die Asahi-TV-Bosse mussten sich entschuldigen, weil sie das Thema unterdrückt hatten.

Nur Finanzminister Aso, bekannt für sogenannte Versprecher – er sagte zum Beispiel einmal, Japans Regierung sollte von Hitler lernen und die Verfassung aushebeln –, stellte sich weiter hinter seinen Chefbeamten: Es gebe unterschiedliche Definitionen von sexueller Belästigung. Und überhaupt, das Gesetz kenne keinen solchen Strafbestand.

Dennoch liess Aso den Kurs organisieren, an dem seine leitenden Beamten lernen sollten, was sich nicht gehört. Bisher habe es einzelne Leute geschult, bevor sie befördert wurden, aber noch nie die ganze Riege, so das Ministerium. Dessen Ruf ist ohnehin beschädigt, seit bekannt wurde, dass Beamte Dokumente fälschten, um einen Skandal zu vertuschen, in den Premierminister Shinzo Abe verwickelt sein soll.

Den Nerv getroffen

Aso selbst, der in Fukudas Verhalten keinen Übergriff erkennen können wollte, nahm am Kurs nicht teil. Innenministerin Seiko Noda, eine der wenigen Frauen in Japans Spitzenpolitik, kündigte inzwischen ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung an. Über Aso sagte sie, er gehöre halt einer anderen Generation an. Derweil hat eine 22-jährige Japanerin, die sagt, sie sei als Mittelschülerin von ihrem Lehrer missbraucht worden, die sexuellen Belästigungen öffentlich mit dem Schicksal von Hunderttausenden Frauen in Verbindung gebracht, vor allem Koreanerinnen, die im Zweiten Weltkrieg in Feldbordelle der japanischen Armee verschleppt wurden. Damit traf sie einen Nerv Asos und Abes: Die beiden nationalistischen Politiker streiten diese Sex-Versklavung durch die kaiserliche Armee ab.

Vielleicht habe die Journalistin, die seinen grapschlustigen Chefbeamten anklagte, diesem bewusst eine Falle gestellt, argwöhnte Aso schliesslich. Bevor er sich, auf Druck der Opposition, im Parlament zu einer kurzen Entschuldigung bequemte.

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