Wiedergeburt an der Via del Tritone


Elegant und nicht ganz billig: Das Kaufhaus Rinascente in der Via del Tritone. Video: Rinascente (Vimeo)

Im historischen Zentrum Roms, dem 1. Bezirk, gibt es entschieden schönere Strassen als die Via del Tritone. Eine Schlucht ist sie, urban und unrömisch, eng und verpestet, obschon der Verkehr eingeschränkt sein sollte, «Zona a traffico limitato». Es verkehren aber: Autobusse der Linien 52, 53, 62, 63, 71, 83, 85, 160, 492, Taxis, Limousinen der Politiker und solche mit chinesischen Touristen, Zulieferer der Restaurants, Anwohner mit Zulassungspass. Der Gehsteig ist viel zu schmal, man drängt sich aneinander vorbei. Zu sehen gibt es fast nichts, keine nennenswerte Kirche, nur das imposante Redaktionshaus der Lokalzeitung «Il Messaggero». Flanieren jedenfalls geht anders. Vielleicht ist die Via del Tritone gar von allen grossen Strassen des Municipio I die hässlichste. Bisher mied man sie, wann immer möglich.

Nun aber gibt es da, an der Hausnummer 61, was Rom davor immer gefehlt hatte und was die Stadt offenbar dringend brauchte. Zumindest für das Dafürhalten der Römer, und das ist doch von einem gewissen Belang. Es gibt da nämlich nun ein richtig grosses und elegantes Kaufhaus – einen Flagshipstore der Kette Rinascente. Acht Stockwerke mit schönen Läden, mit einer Gastronomieabteilung und Terrassenrestaurants mit spektakulärer Sicht über die Dächer und Kuppeln Roms, 360 Grad. Rinascente hatte schon einmal einen Sitz an der Strasse, ganz unten, am Largo Chigi. Doch der war zu klein, man verkaufte ihn einer spanischen Kleiderkette.

Es wird Russisch und Chinesisch gesprochen

Die neue Immobilie weiter oben musste zunächst komplett ausgehöhlt werden, damit sie passte. Es passierte, was immer passiert, wenn sie in Rom graben: Sie fanden tolle Reste aus der Antike – eine Domus, Thermen und Teile eines Aquädukts aus dem 1. Jahrhundert. Und so brauchte der Bau viel mehr Zeit als geplant, elf Jahre! Natürlich lag das nicht allein an den Funden im Boden, sondern recht beträchtlich und wie immer auch an der Bürokratie. Bei der Gelegenheit erinnerte die italienische Presse daran, dass das Kolosseum damals, als das Bauen noch etwas komplizierter war, in nur acht Jahren entstanden sei. Nun aber steht sie endlich, die Rinascente. Der Name der Kette, gegründet 1917 in Mailand, ist übrigens ein Einfall des Schriftstellers Gabriele D’Annunzio. Der hatte vor hundert Jahren den Auftrag, dem Geschäft, dem es gerade nicht so gut ging, neues Leben anzudichten: «La Rinascente» – so, mit Artikel, wie sie sich bis vor kurzem noch schrieb – steht für «die, die wiedergeboren wird». Ein Prozess also, im Werden.

Das neue Haus in Rom soll im Jahr acht Millionen Kunden anziehen. Idealerweise sind auch vermögende Touristen dabei, die sich die teure Ware leisten können. Auffällig viele Verkäufer sprechen Russisch oder Chinesisch. Im ersten Untergeschoss ist die Mall ein Museum. Da haben sie ein sechzig Meter langes Stück des ausgegrabenen Aquädukts stehen gelassen, es ist jetzt die Kulisse einer Bar – mit pädagogischer Lichtschau, die im Viertelstundentakt läuft. Man erfährt, wie hübsch es hier früher ausgesehen haben muss, was da alles war. Gleich unter der Via del Tritone also, der hässlichen. Den Rest der antiken Reste haben sie wieder zugeschüttet.

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