Splitter

Kein Stein bleibt auf dem anderen: Ein Hutong in Peking, nachdem die Bauarbeiter vorbeigekommen sind. Foto: David Gray (Reuters)

Zuerst fand ich sie nicht. Waren sie schon abgehauen? Dong und seine Frau. Unsere Coiffeure. Er mit dem schicken Tattoo auf dem Unterarm, sie oft mit dem kleinen Töchterlein unterwegs, dem sie zuletzt einen Afro verpasst hatte. Oft sassen sie in der Gruppe der Nachbarn, die auf der anderen Seite Mahjongg spielen, die Männer oben nackt, jetzt im Gassensommer. «Au ja, zum Coiffeur!», riefen unsere Kinder jedes Mal, wenn wir streng auf ihren Schopf deuteten. Nicht dass sie das Haareschneiden liebten. Aber bei Dong konnten sie «Tom und Jerry» schauen, so viel sie wollten. Er stellte ihnen seinen Laptop vor den Coiffeurstuhl, und sie wollten gar nicht mehr runter.

Ein kleiner Salon nur, keine zehn Quadratmeter gross. Jetzt war der Eingang verhangen mit einer schmutzigen Plastikplane. Ein Haufen Ziegel lag davor. In der ganzen Gasse lagen sie, die Ziegel. Es hatte tatsächlich nun uns erwischt, an diesem Freitag. Seit sieben Uhr morgens mauerten sie unseren Hutong ein. Das heisst: Sie mauerten gerade jeden Kiosk, jeden Laden, jede Garküche, jedes Restaurant, jeden Copyshop, jedes Schneideratelier und jeden Coiffeursalon in unserer Gasse zu. So wie sie das auch schon in der Nachbargasse getan hatten und in hundert anderen Gassen. «Wir erhöhen die Lebensqualität der Bürger», stand auf einem Banner.

«Urbane Krankheiten»

Sie waren schnell, die Maurer. Als ich mittags auf die Strasse trat, waren sie schon verschwunden: mein Gemüseladen, mein Kiosk, mein Jiaozikoch, der Computerladen und das Hot-Pot-Restaurant vor unserem Haus. Etwa dreissig Maurer waren bei der Arbeit, fast ebenso viele Polizisten und Sicherheitsleute standen dabei. Der ganze Hutong war auf den Beinen. Eine

Auch effizient: Türen und Fenster zumauern – wie hier bei einem Pekinger Restaurant. Foto: Thomas Peters (Reuters)

Mischung aus Zorn und Resignation hing in der Luft. Manchmal brach sich die Wut Bahn. «Immer auf die kleinen Leute!», rief dann einer. «Mafia!», eine andere. «Jawohl», murmelte der Chor, im Angesicht der vielen Uniformen eher vedruckst. Ein Älterer verteidigte die Regierung: «Ihr versteht das nicht. Unsere Stadt soll schöner werden.» Er nahm mich beiseite: «Die ganzen Auswärtigen hier, die all die Läden und Restaurants leiten – wir brauchten sie, als wir in Peking Strassen bauten und all die Hochhäuser. Jetzt aber ist Peking fertig. Wir brauchen sie nicht mehr. Sie sollen nach Hause gehen.» Der Bürgermeister hatte zuvor gesagt, man müsse den «urbanen Krankheiten» an den Kragen gehen.

«Müde bin ich»

Irgendwann linse ich hinter die Plastikplane. Tatsächlich, da sassen sie. Oder nein, beide lagen ausgestreckt auf ihren Coiffeurstühlen. Sie starrte an die Decke, er auf sein Handy. «Komm rein!» Er winkte mich her. «Schau, den Clip habe ich selbst gedreht heute Morgen. Zufällig war ich hier, weil ich meine Tochter früh zur Schule brachte. Wir wussten ja nicht, dass sie heute kommen würden. Keiner hatte uns Bescheid gesagt.» Man sieht die Maurer, wie sie mit einem Vorschlaghammer die Glastüre zu seinem Salon zertrümmern. «Als zerschmetterten sie mein Herz», sagt er. Dong ist Mitte Dreissig, er kommt aus Henan, seit fast 15 Jahren lebt er in Peking. Seine Frau und er haben hier zwei Kinder zur Welt gebracht. Er findet nicht, dass er, seine Frau und sein Salon Teil einer urbanen Krankheit sind. «Diene ich nicht auch dem Volk?», sagt er. Und dann: «Müde bin ich.» Er lacht kurz auf. «Das ist das Ende. Das Ende. Oder?» Er drückt auf Play. Man hört das Klirren. Abertausende kleine Splitter.

Lesen Sie dazu auch den Beitrag «Einmal plattgemacht und neu hochgezogen».

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