Krämer im Tempel

Guckloch zum Himmel: Das Pantheon in Rom ist wie eine Brücke zur Antike. (Bild: Reuters/Tony Gentile)

Wie schön sie doch bauen konnten früher, viel früher. Die alten Römer etwa. Unter den Vermächtnissen der Antike ist das Pantheon in Rom ein besonders unversehrtes und zauberhaftes Beispiel. Der Zauber wirkt immer neu. Auch an diesem Wintertag wieder, da es durch das kreisrunde Loch in seiner mächtigen Kuppel regnet und windet, kalt und fies. Der «Oculus» ist das einzige Fenster des Baus, neun Meter Durchmesser. Und weil es offen ist, wie es das immer war, ein Guckloch zum Himmel, ein Quell von Licht und Wetter, schaut man da jedes Mal automatisch hoch und staunt.

Die Römer nennen den Tempel der Götter so, wie er uns erscheint: «la rotonda», die Runde. Der Bau formt eine Kugel, Höhe und Durchmesser sind gleich gross. Und er ist so formvollendet, dass auch Raffaello, der Meister der Renaissance, darin bestattet werden wollte. Neben anderen. Es liegen da auch zwei Könige und eine Königin der Savoyer, die ständig von Monarchisten im Frondienst bewacht werden. Die Wächter wirken etwas grotesk in ihren Uniformen, aber sie gehören nun mal dazu. Im Pantheon werden manchmal auch Messen zelebriert. Es ist nämlich nicht nur ein Museum, im Besitz des italienischen Staates, sondern auch eine geweihte Kirche.

Museum wider Willen

Das alles muss man wissen, um die Polemik dieser Tage zu verstehen. Ausgelöst hat sie Italiens Kulturminister Dario Franceschini, von Amtes wegen zuständig für die Verwaltung der Museen. Franceschini möchte den Zauber des Pantheon, den es bisher umsonst gab, mit einer Taxe belegen: drei Euro pro Eintritt. Er verspricht sich jährliche Einnahmen von 21 Millionen Euro. Mit diesem Geld würde er die Renovierung anderer Monumente finanzieren wollen, für deren Unterhalt das Budget nicht mehr ausreicht. Die Touristen, die für alles bezahlen, wären wohl bereit, auch dafür anzustehen. In Mailand und Venedig gibt es schon länger Kirchen mit Zahlschranke. In Rom wäre das Pantheon die erste.

Die Idee des Ministers stösst auf harten Widerstand, vor allem unter Intellektuellen. Man wirft Franceschini vor, er wolle auch gar alles kommerzialisieren, selbst einen solch emblematischen Ort für die nationale Identität wie das Pantheon, diese Brücke in die Antike, in die vergangene Glorie. Gegen kümmerliche 21 Millionen Euro. «Ein Tickethäuschen», schreibt der Kunstkritiker Tomaso Montanari in der Zeitung «La Repubblica», «würde diese Verbindung kappen.» Luca Bergamo, der Kulturverantwortliche der römischen Stadtverwaltung, sagt es so: «Rom darf nicht zum Museum für Touristen werden.» Klingt gut und richtig. Doch natürlich ist Rom schon lange ein Museum für Touristen, ein Disneyland, umschwirrt von Krämern mit unterschiedlich redlichen Absichten.

Darum: gleich morgen wieder hin. Unter die Luke, den Oculus. Und gratis staunen. Bis zur Genickstarre.

1 Kommentar zu «Krämer im Tempel»

  • Karin Poersch sagt:

    Ich mag Ihre Artikel. Sie schreiben leichte von 50 Gramm und gehaltvolle von 5kg. Leicht oder schwer, Sie beherrschen die Sprache.
    Ganz besonders aufmerksam auf Ihren Namen als Verfasser, bin ich bei Ihrem Artikel : Witz komm raus, geworden. Ein akkurates Konzentrat der italienischen Politik zu diesem Zeitpunkt.
    Zweifel zur Wortwahl kamen mir apropos Partito Democratico, da sind wohl die Adjektive zu vermeiden. Der linke Partito Democratico (non si può sentire) , aber
    im Partito Democratico (suona ancora bene). Viel Glueck das naechste Mal. K.P.

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