Ein Banker übersieht Rot

 Unterschätztes Fluchtfahrzeug: Velos in der City of London. Foto: Tatsuhiko Miyagawa (Flickr)

Unterschätztes Fluchtfahrzeug: Velos in der City of London. Foto: Tatsuhiko Miyagawa (Flickr)

Die City of London ist ein Ort, an dem folgenschwere Entscheidungen getroffen werden. Im Finanzzentrum an der Themse sehen Banker und Investoren sich seit dem Credit Crash von 2008 längst wieder als «Masters of the Universe», als die wahren Herren der Welt. Milliarden werden bewegt, globale Geldströme hierhin und dorthin gelenkt, über Währungen und Wirtschaften ganzer Nationen wird hier entschieden.

Einer wie der Top-Investment-Banker Tanguy Marie De Carne muss die Macht täglichen Kapitaleinsatzes in den Fingerspitzen fühlen, wenn er sich nach getaner Arbeit sein Sportrad greift und sich auf den Heimweg macht. Und wer kann es einem City-Operateur von höchsten Graden verdenken, dass er sich auch auf der Heimfahrt von keinem banalen Hindernis aufhalten lassen will?

So ging es jedenfalls Monsieur De Carne. Bestens in Fahrt gekommen, ignorierte der 53-jährige Franzose nahe der U-Bahn-Station Bank an einem schönen Feierabend dieses Jahres das Rotlicht, das ihn eigentlich zum Bremsen hätte veranlassen sollen. Er fuhr einfach weiter. Rot kümmerte ihn nicht.

Panische Flucht durch die City

Dummerweise beobachtete eine Polizeistreife ihn beim Verstoss gegen die Strassenverkehrsordnung. Und was noch dümmer war: Der Banker selbst zwang mit seiner Schussfahrt den Streifenwagen zu scharfem Abbremsen. So etwas aber macht man mit Londoner Polizisten nicht.

Was nun folgte, war abzusehen. «Master of the Universe» trifft auf gewissenhafte Ordungshüter. Die Beamten stoppten, sprangen aus dem Wagen und riefen De Carne zu, sofort anzuhalten. Der trat stattdessen «wie wild» in die Pedale, bog in eine von Fussgängern wimmelnde Nebenstrasse ein und suchte sich dem Arm des Gesetzes durch Flucht zu entziehen. Die Polizei setzte ihm mit Blaulicht nach – kreuz und quer durchs City-Gebiet.

Zwanzig Minuten lang währte die Verfolgungsjagd, von Queen Victoria Street über Mansion House und Bow Lane nach Cheapside, bevor der Haken schlagende Banker gestellt war. Später, vor Gericht, sollte er reumütig bekunden, er sei «froh», dass bei seiner Amokfahrt niemand zu Schaden kam.

2500 Pfund – und ein Seitenhieb gegen «Cyclists»

Irgendwie habe ihn «die Panik gepackt», als die Polizei zur Hatz auf ihn ansetzte, erklärte er weiter. Von einer generellen Verachtung für die Fussgänger des Lebens sagte De Carne natürlich nichts. Die Richterin am Magistratsgericht, Catherine Hobey-Hamsher, verurteilte ihn jedenfalls zu 2500 Pfund Strafe – 1250 Pfund für gefährliches Fahren und 1000 Pfund für die hartnäckige Weigerung, vom Rad zu steigen. Der Rest ging für Gerichtskosten drauf.

Da in Grossbritannien «die Leute Radfahrer nicht mögen», habe De Carne anderen Radlern einen Bärendienst erwiesen, liess die Richterin den Verurteilten wissen. Der Seitenhieb gegen die «Cyclists» trug ihr Kritik ein. Mit solchen Stereotypen sei der Rechtsprechung kaum gedient, fanden Radfahrer-Clubs überall im Lande. Auch wenn an der Verurteilung selbst niemand etwas auszusetzen fand.

Einigen Zeitgenossen war die Strafe höchstens noch zu milde. Einer wie Tanguy Marie De Carne habe 2500 Pfund doch «als Kleingeld in der Sockenschublade» liegen, war ein typischer Kommentar.

Twitter-Gewitter über London

Überhaupt löste das Bekanntwerden des Falles ein regelrechtes Twitter-Gewitter in London aus. Der Mann repräsentiere «alles, was ich hasse – die Franzosen, die Banker und die Radfahrer», formulierte es ein Onlineleser in der von altersher superpatriotischen «Daily Mail». Ein anderer freute sich schon auf die Post-Brexit-Ära, «in der wir Leute wie den endlich los sein werden».

Aufgewühlt vom Referendum, in Ungewissheit über die Bewegungen der Märkte und permanent verärgert über Radfahrer, die keine Regeln kennen, grollt ein wachsender Pulk aufgebrachter Insulaner den Überfliegern, Sprint-Radlern und unerwünschten Ausländern im Vereinigten Königreich. Monsieur De Carne hätte besser bei Rot gestoppt, als er nach Hause fahren wollte. Oder spätestens, als zum Rotlicht das Blaulicht kam.

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