Camerons Liste

David Cameron hat seiner Nachfolgerin nicht nur die Downing Street 10 hinterlassen. Seine Liste mit Ehrungswünschen – etwa für die Stylistin seiner Frau – sorgt im Königreich für Empörung. Foto: Frank Augstein (AP Photo, Keystone)

David Cameron hat seiner Nachfolgerin nicht nur die Downing Street 10 hinterlassen: Seine Liste mit Ehrungswünschen – etwa für die Stylistin seiner Frau – sorgt für Empörung. Foto: Frank Augstein (AP Photo, Keystone)

Drei Wochen nach seinem Auszug aus der Downing Street macht David Cameron noch immer Schlagzeilen in London. Der Ex-Premier, der sich zurzeit im Urlaub vom Brexit-Desaster erholt, hat seinen Parteifreunden ein Farewell-Geschenk hinterlassen, mit dem nicht alle glücklich sind.

Mit beiden Händen hat Cameron persönliche Freunde und Helfer, reiche Tory-Gönner und diverse Anti-Brexit-Aktivisten, zum Abschied mit schimmernden Orden und Adelstiteln aller Art überschüttet. Oder sie zu überschütten versucht: Die Namen derer, die er noch kurz vorm Abgang auf seine Abschieds-Ehrentitel-Liste kritzelte, liegen nun seiner Nachfolgerin Theresa May und dem zuständigen Oberhaus-Ausschuss vor, die die Liste abzeichnen müssen, bevor sie an die Queen weitergeleitet wird.

Die Liste aber, vorab bekannt geworden, hat Empörung in allen Parteien ausgelöst. Denn ehren soll ein scheidender Premierminister Bürger, die sich ums «öffentliche Wohl» verdient gemacht haben. Zu denen, die Cameron ehren will, gehören aber vor allem Leute, die sich um sein und seiner Familie Wohlbefinden oder ums Wohlergehen der Konservativen Partei gekümmert haben.

Dazu gehören mehr als zwanzig ehemalige Mitarbeiter des Ex-Premiers, zwei seiner Chauffeure – und Isabel Spearman, die langjährige Modeberaterin seiner Frau Samantha. Spearman, die vor ihrem Downing-Street-Engagement für einen New Yorker Handtaschendesigner tätig war, machte sich für ein stolzes Salär von 60’000 Pfund im Jahr als Assistentin, Partyorganisatorin und Kleiderschrankverwalterin Samantha Camerons nützlich. Sie stand den Camerons jahrelang nahe – und soll Frau Cameron nun bei der Entwicklung eines eigenen Modelabels helfen.

Unruhe haben auch die Namen reicher Parteisponsoren ausgelöst, die Cameron der Londoner «Times» zufolge auf seine Liste setzte. Ian Taylor, ein Topmanager der Ölindustrie, hatte den Konservativen mehr als 1,6 Millionen Pfund zugeschoben. Der Geschäftsmagnat Andrew Cook hatte Cameron, unter anderem, seinen Privatjet für Wahlkampfzwecke zur Verfügung gestellt.

Ernste Probleme gibt es mit dem Finanzfirmenboss Michael Spencer, dem Cameron einen Rittertitel zugedacht hat. Spencers Spread-Betting-Firma Icap war für ihre Rolle beim Libor-Skandal mit einer Strafe in Höhe von 55 Millionen Pfund belegt worden. Spencers Namen wollen die Oberhaus-Kontrolleure offenbar nicht durchgehen lassen. Premierministerin May hat dagegen erklärt, dass sie sich «nicht einmischen» wolle in Camerons Namensliste: Das sei, sagte sie, «allein Sache des scheidenden Regierungschefs».

Auch konservative Parteigänger nehmen allerdings Anstoss an der Ehrentitelliste – zumal Cameron eine Reihe führender Aktivisten und Geldgeber der «Remain»-Kampagne, die beim EU-Referendum des Vormonats kläglich scheiterte, geehrt sehen will. Das hat zu zornigen Reaktionen im Lager der siegreichen Brexiteers geführt.

Professorin Meg Russell, eine Expertin für parlamentarische Reform im Oberhaus, warnt bereits davor, dass Camerons Liste «das Parlament in Verruf bringen» könne. Auch Russell weiss natürlich, dass schon frühere Premierminister (wie etwa David Lloyd George) sich den Vorwurf zuzogen, Ehrentitel als persönliche Dankesbezeugung oder als Lockmittel für Parteispenden benutzt zu haben.

Camerons Abschiedsliste scheint aber, vom Umfang her, alle Rekorde zu brechen. Kein Wunder, meint der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn spöttisch: Cameron habe ja auch «eine Menge Kumpel» gehabt, die er «nun belohnen» müsse.

Immerhin hatte David Cameron vor zwei Jahren schon, von aller Kritik ungerührt, seinem Figaro Raffaele Claudio Carbosiero einen Orden für «Verdienste ums Haarschneiden» verleihen lassen. Gefragt, ob er eine solche Ehrung wirklich verdient habe, erklärte der Friseur damals: «Ich plappere eben nie was aus. Dafür respektiert man mich.»

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