Der diplomierte Sohn

epa03922739 Governor of Buenos Aires province, Daniel Scioli, participate in a homage to deceaced former president Nestor Kirchner at Congress in Buenos Aires, Argentina, 24 October 2013. Kirchner's anniversary of death will be commemorate on 27 October, the same day on which will be held legislative elections to renew half of the Chamber of Deputies and a third of the Senate. EPA/David Fernández

Er darf sich 38 Jahre nach Studienbeginn «licenciado» nennen: Präsidentschaftskandidat Daniel Scioli. Foto: David Fernández, Keystone

In der Politik, dafür kennt die Weltgeschichte genügend Beispiele, kommt es auf das Timing an. Nun ist nicht wahrscheinlich, dass der hier zu vermeldende Akt historische Wirkung entfalten wird, aber er kam, wie man das am Río de la Plata nennt, «en hora buena».

Zur rechten Zeit, genau 20 Tage vor der argentinischen Präsidentenwahl, hat der aussichtsreichste Kandidat für die Nachfolge von Cristina Kirchner sein Studium abgeschlossen, etwa 38 Jahre nachdem er es aufgenommen hatte. Am frühen Montagmorgen legte Daniel Scioli (57), Gouverneur der Provinz Buenos Aires und Spitzenkandidat von Kirchners Siegesfront, an der privaten Universidad Argentina de la Empresa seine letzte Prüfung ab. Nun darf er sich das Kürzel lic. auf die Visitenkarten drucken lassen, das steht für «licenciado», ein ähnliches Angeber-Akronym wie Dipl. oder Mag.

Daniel Scioli, the governor of Buenos Aires province who's running for president of Argentina, plays with a ball before playing a friendly indoor soccer match against Bolivia's President Evo Morales, in Buenos Aires, Argentina, Thursday, Sept. 17, 2015. Scioli is the ruling party presidential candidate for Argentina’s next presidential election set for Oct. 2, of this year. (AP Photo/Natacha Pisarenko)

Neben seiner Unikarriere betreibt Daniel Scioli Wahlkampf wie hier an einem Fussballplausch. Foto: Natacha Pisarenko, Keystone

Der abgeschlossene Studiengang nennt sich «comercialización» und entspricht in etwa dem, was neudeutsch Marketing heisst. Nach dem letzten Examen griff der Gouverneur zum Filzstift und verfasste eine Grussadresse ins Jenseits: «Papa! Abschlussarbeit mit Note 7. Mission erfüllt!» 7 steht für «gut» auf der zehnstufigen Notenskala. Natürlich war eine Kamera parat, um die Botschaft an den 2002 verstorbenen Vater einzufangen. Die Argentinier sind Familienmenschen, und ein Sohn, der seine jugendlichen Dummheiten einsieht und revidiert, das ist doch eine Geschichte, die ans Herz geht, 20 Tage vor der Wahl.

Scioli senior war ein sehr wohlhabender Inhaber einer Elektrohandelskette und besass zeitweise auch einen TV-Kanal. Der Erstgeborene Daniel begann seine akademische Laufbahn wohl mit dem Plan, dereinst das Familienimperium zu übernehmen. Doch 25 Scheine später brach er ab, ihm fehlten noch neun Prüfungen. Mitte der Achtzigerjahre faszinierten den Filius eher Foto- als Denkmodelle. Anstelle des «licenciado» sicherte sich der hauptberufliche Sohn diverse Titel als Rennboot-Champion, darunter auch eine Weltmeistermedaille 1996. Mit 40 wechselte Scioli vom Power-Boat ins Parlament, in die Reihen der vermeintlich volksnahen Peronisten, die manchmal rechts sind, manchmal links, aber meistens reich. Bald war Scioli Sportminister, Vizepräsident von Néstor Kirchner und Gouverneur der Provinz Buenos Aires. Und nun ist er der Favorit auf die Nachfolge einer Präsidentin, die nie einen Nachfolger aufbauen wollte. Bei den Vorwahlen im August holte Scioli 38,5 Prozent, der zweitplatzierte Mauricio Macri, auch er Millionärssohn, aber mit Ingenieurstitel, lag acht Punkte dahinter.

The name of Daniel Scioli, the ruling party presidential candidate, is seen on a lectern during the debate between presidential hopefuls in Buenos Aires, Argentina, Sunday, Oct. 4, 2015. Five presidential candidates in Argentina shared their ideas with the nation in a televised debate but poll leader, ruling party candidate Daniel Scioli, decided not to participate in Sunday’s debate. (AP Photo/Agustin Marcarian)

Das leere Pult: Daniel Scioli ging lieber an ein Rockkonzert. Foto: Agustin Marcarian, Keystone

Vorigen Sonntagabend, etwa zehn Stunden vor der Uniabschlussprüfung, stand die erste öffentliche Debatte aller Präsidentschaftskandidaten auf dem Programm. Hinter sechs Podien standen fünf Kandidaten, doch das zweite Pult von links blieb leer. Aber Scioli blieb nicht etwa daheim, um zu büffeln, Fotos zeigen ihn auf einem Rockkonzert. Am Ende war es der Unipräsident, der die Frage formulierte, die sich alle stellten: «Wann hat Scioli bloss die Zeit zum Lernen gefunden?»

5 Kommentare zu «Der diplomierte Sohn»

  • H.Trickler sagt:

    @Magister Fink:

    Imho wäre das Lizentiat Sciolis höchstens einen Satz wert gewesen. Seine politischen Fähigkeiten und Ziele dürften sehr viel mehr interessieren!

    • Andreas Fink sagt:

      ‚ Trickler:
      Die Rubrik, in der diese Text erscheint, heisst: „Die kleine Geschichte“ und ist gedacht als Platz für derartige Petitessen.
      Aber ja,, mich würden auch interessieren, was Scioli will oder kann. Das Problem ist nur, dass Sr. Scioli lieber Botschaften ins Jenseits schreibt als über die leeren Kassen zu sprechen, die ihm seine Parteichefin diesseits übergeben wird, wenn es denn gelingen sollte mit dem Wahlsieg. Bis heute hat Sr Scioli nicht sagen wollen, ob er sich mit den Holdouts in der Auslandschuldenfrage einigen will. Seine politischen Fähigkeiten bestanden bislang vor allem darin, Cristina Kirchner zu überleben. Diese warf Scioli, den sie als liberal verdächtigt, jahrelang Steine in den Weg und kürzte seiner Provinz die Mittel. Die Provinz Buenos Aires ist in teilweise erbärmlichen Zustand – Kliniken, Strassen, Schulen etc – und die Mordrate hat sich seit Sciolis Amtsantritt 2007 verdoppelt. Dennoch schaffte es der stets freundliche Gouverneur, alle Probleme wegzulächeln.
      Das wurde auf diesen online-seiten bereits referiert http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/von-pegeln-und-pudeln/story/31361676 und wird in den nächsten Wochen sicher wieder Thema sein. Die Wahl ist am 25. Oktober.
      mit freundlichen Grüssen aus der Pampa

  • elomona sagt:

    Wie lange haben Sie denn studiert und mit was abgeschlossen Herr Fink?

    • Andreas Fink sagt:

      Hallo, von 1988 bis 1993, Magister, Uni Wien, 1994/95 Deutsche Journalistenschule München, Diplom als Redakteur. Und Sie?

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