Wie eine Forelle im Teich der Politik

Trota mit Papa: Lega-Nord-Chef Umberto Bossi (r.) mit seinem Sohn Renzo, Mailand 2010. Foto: EPA

Trota mit Papa: Renzo Bossi neben seinem Vater Umberto Bossi (r.) in der Zentrale der Lega Nord in Mailand 2010. Foto: EPA

Sein Vater nannte ihn einmal öffentlich eine Forelle, eine «trota», eine tierische Variation von Dumpfbacke. Und man darf unbedingt davon ausgehen, dass Umberto Bossi, Gründer und geistiger Übervater der italienischen Lega Nord, es auch genau so meinte: Renzo Bossi, der Sohn, macht seinem Übernamen seither alle Ehre. Er belustigt und befremdet die Italiener, meistens gleichzeitig. So wurde etwa bekannt, dass er den Universitätsabschluss, mit dem er prahlte, einst im albanischen Tirana erworben hat – käuflich. Immer mal wieder hört man von realsatirischen Anekdoten aus seinen Liebschaften, die er mit Damen aus dem stattlichen Becken (um ein bisschen bei der Fischerei zu bleiben) italienischer Showgirls aus Funk und vor allem aus dem Fernsehen unterhält.

«Niemals Sklave von Rom»: Bossi junior 2008 mit vielsagendem T-Shirt. Foto: Reuters

«Niemals Sklave von Rom»: Bossi junior 2008 mit vielsagendem T-Shirt. Foto: Reuters

Nun aber wird Renzo Bossi bald vor dem Mailänder Gericht erscheinen müssen. Nicht allein zwar, betroffen sind 56 Lokalpolitiker, aber doch sehr prominent. Es läuft ein grosses Verfahren wegen Amtsunterschlagung, wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder also, und wegen des Verdachts auf Betrug. Die Medien nennen den Fall «spese allegre», etwa «fröhliche Ausgaben».

Bossi junior war nämlich mal eine Legislaturperiode lang lombardischer Regionalrat, als Vaters Sohn, gewählt auf einer Liste der Lega Nord. Die «Forelle» schwänzte 51 von 58 Parlamentssitzungen, obschon das Mandat gut bezahlt war: etwa 11’000 Euro im Monat. Doch das Geld reichte Bossi offenbar nicht aus, um kleinere Besorgungen zu decken, die halt so anfallen: Zigaretten etwa, Kaugummi, Videospiele, mal eine Flasche Campari, mal eine Pulle Negroni, Kraftriegel, Energydrinks mit dem Stier im Logo, ein iPhone, Kopfhörer dazu, einen Computer. Die Liste ist noch länger, sie ist Teil der Akten. Strafrechtlich relevant daran ist, dass sich Bossi die Käufe aus dem Fonds vergüten liess, den der Staat für Dienstspesen des politischen Personals vorsieht. Insgesamt verrechnete er in zwei Jahren 15’757,21 Euro.

Können diese Lippen lügen? Nicole Minetti an einer Sitzung des Regionalrats der Lombardei, Juli 2012. Foto: Reuters

Diese Lippen! Nicole Minetti an einer Sitzung des Regionalrats der Lombardei, Juli 2012. Foto: Reuters

Interessant ist auch die fröhliche Ausgabenliste einer anderen berühmten Angeklagten: Nicole Minetti, landes- und später weltweit bekannt geworden als Silvio Berlusconis Dentalhygienikerin und Partyorganisatorin. Minetti schaffte es in derselben Legislatur ins lombardische Regionalparlament wie «il trota», als Silvios Girl gewissermassen, entsandt von Forza Italia. Damals ging das noch, es waren besonders frivole Zeiten in der nie sehr traurigen italienischen Politik.

Minetti verlieh dem Parlament eine verruchte Note Glamour. Nie waren mehr Fotografen in der Aula, als wenn sie sich jeweils dahin bequemte und in Pose warf, die Lippen nach aussen gestülpt. Nun, sie brachte es auf 19’651,96 Euro. Da war ein iPad dabei, Accessoires von Ikea, Drinks in angesagten Bars und Essen, viele Diners in teuren Restaurants. Damen wie sie, so möchte man meinen, lassen sich einladen. Doch Minetti hinterlegte auch mal eine Rechnung über 832 Euro für ein Essen im Hotel Principe di Savoia. Da diniert man nicht dienstlich.

Minetti als Model: 2012 lief die Regionalrätin in Mailand über den Laufsteg. Foto: EPA

Minetti als Model: Im September 2012 liess die Politikerin tief blicken. Foto: EPA

Unter den Parlamentskollegen der beiden VIPs gab es sodann einen, der in einem Jahr 15’000 Euro allein für Konfekt ausgab – wahrscheinlich immer in derselben Pasticceria, was noch ganz andere Verdächte nähren würde. Ein anderer schrieb in einem Jahr 27’500 Euro für Fahrten im Taxi auf. Das Geld hätte gereicht für den Kauf eines Autos. Allen Herrschaften drohen mehrere Jahre Haft, wenn ihnen nachgewiesen wird, dass sie fröhlich und nicht nur dienstlich Geld verprassten.

Die «Forelle» wird es besonders schwer haben, die Ausgaben zu rechtfertigen. Bossi fühlte sich so sauwohl im Teich der Möglichkeiten, dass er wohl etwas gar übermütig wurde.

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9 Kommentare zu «Wie eine Forelle im Teich der Politik»

  • s.frei sagt:

    was will man ? seit nero hat sich in italien nix (und wird nie!)verändertt ! warum ist man so erstaunt ? selber fährt man jedes jahr hin und lobt das „inkosequente“ laisser fiare , die gleichgültigkeit (menefreghismo), die korruption und schlendrian.
    dies ist soddom und gomorrah kultiviert exklusiv für europa !!!

  • JOHANN KREBS sagt:

    @Schmid: Sorry das gleiche glit haargenau so gut auf die CH-Buenzlis gemuenzt. Auch die zahlen lieber immer wieder als auf zu muzzen. Das ganze CH-Federal ist genau so wie ueberall: KORRUPT!!! Mit dem feinen unterschied dass ihr es gar nicht mehr merkt. Zum glueck kann ich mir keine korruptionen leisten da sonst meine leute draufgehen wenn ich auf missionen bin.

  • Stephen Schmid sagt:

    Korrigierte Version (Santoros)
    Das was die Italiener gut können, muss man ihnen lassen. Polemik produzieren, ohne Ende, in Talkshows rund um die Uhr, sogar Kriminalfälle werden bis ins letzte Detail ausgeschlachtet. Rumschreien auf RAI, dann auf allen Mediaset-Kanälen und gut zuletzt auf Michele Santoros Plattform “Servizio pubblico” (La7). Die Italiener schauen zu und glauben an den medialen Stumpfsinn, als ob sie etwas zu verlieren hätten, wenn sie es nicht tun würden. Auch Schuld daran ist die die “bessere” Hälfte der Stimmberechtigten, die durch Vatikangläubigkeit kaum je etwas gegen die Obrigkeit tun würden. Lieber zahlen sie reumütig dem Caesar, was des Caesars ist.

  • Stephen Schmid sagt:

    Das was die Italiener gut können, muss man ihnen lassen. Polemik produzieren, ohne Ende, in Talkshows rund um die Uhr, sogar Kriminalfälle werden bis ins letzte Detail ausgeschlachtet. Rumschreien auf RAI, dann auf allen Mediaset-Kanälen und gut zuletzt auf Michele Santors Plattform „Servizio pubblico“ (La7). Die Italiener schauen zu und glauben an den medialen Stumpfsinn, als ob sie etwas zu verlieren hätten, wenn sie es nicht tun würden. Auch Schuld daran ist die die „bessere“ Hälfte der Stimmberechtigten, die durch Vatikangläubigkeit kaum je etwas gegen die Obrigkeit tun würden. Lieber zahlen sie reumütig dem Caesar, was des Caesars ist.

  • Die Geschichte würde in Italien niemand überraschen. Auch in der Politik lebt es sich nicht von Idealen allein.

  • Manuel sagt:

    Peanuts im Vergleich zu dem, was konservative Politiker der „Mitte“ mit den Staatsfinanzen in Mitteleuropa zugunsten von Konzernen wie VW, E.ON, RWE & Co. anstellen, um dann im Anschluss Hunderttausende jährlich als Aufsichtsrat zu kassieren.

    Und als Aufsichtsrat werden die fleißigen Mitteleuropäer bestimmt nicht öfter auftauchen als 15.000,- Euro Bossi-Junior.

    Fazit: in Italien wird – zumindest offensichtlich – weniger unterschlagen, es krempelt nicht das Steuersystem, sondern einen Spesenfond um und ist dazu noch amüsant 🙂

  • Marcel Senn sagt:

    Die scharfe Minetti hat sich Berlusconi doch angelacht, als er von einem wütenden Bürger einen Mailänder Dom aus Gips ins Gesicht geschleudert bekam und dann zum Zahnarzt musste. Die Dame hat ihm ja dann später auch ein paar seiner Bunga-Bunga-Girls verschafft, bis sie sich dann zerstritten infolge der ganzen Affäre v.a. wegen Ruby und Minettis Schwindleien über Rubys Herkunft auf dem Polizeipräsidium in Rom.
    Man kann ja gespannt sein, ob diese Spesenritter jemals ein Gefängnis von innen sehen werden. Der Sohn von Bossi scheint ja wirklich ein Taugenichts zu sein, dem würden etwas Knast vermutlich ganz gut tun zwecks Charakterbildung, sofern dies überhaupt noch möglich ist.

  • Charles sagt:

    „Eine Pulle Negroni“?! Negroni ist ein Mix aus Gin, Wermut und Campari. Entweder hat sich der Journalist getäuscht, oder „Trota“ ist so stillos, sich den Negroni als Fertigmischung zu kaufen…

  • JOHANN KREBS sagt:

    Solches Uneherenhaftes Politiker verhalten darf nicht einfach unter den Tisch gewischt werden. Ins Gefaengnis wegen Amtsmisbrauch waere angebracht. Aber solange niemand solches verhalten aanded wird es weiter gehen als business as usual. Es ist Zeit um solchen Staatsunfug ein fuer allemal zu beenden.

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