Alt werden ist nichts für Memmen

viagra

Mit schwerem Geschütz: Zwei Männer um die 60 raubten in Chicago eine Klinikapotheke aus. Foto: PD

Wir wissen nicht, was die beiden Männer zur Tat trieb: War es Geldmangel? Oder eine erschlaffte Libido? Vielleicht wachten sie am vorletzten Samstag in Chicago auf und wollten ihre Freundinnen beglücken. Draussen sangen die Vögel, drinnen aber tat sich leider nichts. Völlig tote Hose. Immerhin sind die Männer so um die 60, vielleicht schon älter. Da ist nicht immer auf die Hormone Verlass. Oder wie Bette Davis sagte: «Alt zu werden, ist nichts für Memmen.»

Das körnige Überwachungsvideo zeigt die Männer bei der Tat: zwei Amerikaner mit interessanter Kopfbedeckung, in den Händen eine solide Kanone. Eine sieht aus wie eine halb automatische Tec-9. Aber drehen wir den Film doch zurück: Also da war der Sex, der nicht stattfand, weil das Pumpwerk der Täter altersbedingt eingerostet war. Vielleicht trafen sie sich, alte Freunde und ein verrücktes Paar wie Walter Matthau und Jack Lemmon, anschliessend zum Kaffee und klagten darüber.

VIAGRA, POTENZMITTEL, MEDIKAMENT

Was macht ein Mann mit toter Hose? Er besorgt sich Viagra! Foto: Keystone

Ein Plan reifte: Was macht ein Mann mit toter Hose? Er besorgt sich Viagra! Und wenn der Mann mit der toten Hose keinen Zaster hat? Dann beschafft er sich Viagra mit der Waffe in der Hand! Also klopften die beiden bei einer kleinen Klinik mit angeschlossener Apotheke auf der Westseite Chicagos an. «Wir wollen zum Zahnarzt», logen sie dreist. Der Herr am Empfang liess sie herein.

Drinnen zog das Duo die Kanonen und befahl dem Türsteher, mit erhobenen Händen auf den Boden zu knien. Andere Angestellte wurden mit Isolierband gefesselt. Die beiden Räuber seien nervös gewesen, hätten jedoch nicht den Eindruck erweckt, sie wollten schiessen, sagten die Angestellten später. Die Täter machten sich umgehend an die Arbeit und stahlen Viagra im Wert von 1700 Dollar. Zur Abrundung nahmen sie einen Laptop mit sowie Hustensirup mit Codein. Ausserdem Entspannungsmittel für die Muskeln.

Damit ist klar, dass es sich hier um Beschaffungskriminalität handelte: Entwendet wurden die Zutaten für eine bis ins Detail geplante pharmakologische Orgie! Erst mal Schmusemusik auflegen. Otis Redding. Oder Sam Cooke. Muskeln entspannen. Eine Cola mit Rum und einem Schuss Hustensirup. Mehr Schmusemusik: Al Green. Luther Vandross. Die Coasters. Aretha Franklin. Dann der Liebsten vom Besuch in der Klinik erzählen. Den gestohlenen Laptop anwerfen. Auf Youtube das bereits ins Netz gestellte Überwachungsvideo anklicken. «Ahh … Baby, schau mal! Donny und ich! Wir drehten das Ding!»

Noch eine Cola mit Rum und Hustensaft. Dann Viagra. Wer sagt, Amerika sei kein Land für alte Männer? Cormack McCarthy? Noch nie gehört! Jetzt Etta James. Und Solomon Burke: «Let Me Wrap My Arms Around You». Wie das abgeht!

Unterdessen sagte der Besitzer der Apotheke einem TV-Sender in Chicago, die beiden Männer hätten «keine Hinweise gegeben, ob sie das Viagra selbst benützen oder verkaufen wollen». Moment mal: Niemand würde bei einem Überfall auf eine Apotheke zum Apotheker sagen: «Die blauen Pillen? Lieber Mann, die sind gegen meine erektile Dysfunktion, heute Morgen hat es mal wieder nicht geklappt!» Man hat ja schliesslich noch einen Rest von Schamgefühl, oder?

Überhaupt ist das Verhalten des Apothekers eine Ungeheuerlichkeit. Nur weil er beraubt wurde, stochert dieser Paparazzo der Pille schamlos und anzüglich in der Privatsphäre der Beschaffungstäter herum. Den Verwendungszweck des erbeuteten Viagra – Cash oder Lust – in Erfahrung bringen zu wollen, widerspricht nicht nur der allgemeinen Apothekenordnung. Es kollidiert zudem mit dem hohen ethischen Anspruch der pharmazeutischen Heilkunde. Viagra ist ein intimes Arzneimittel zur Pflege männlicher Schwellkörper! Und sonst nichts!


So berichtete das amerikanische TV über den Fall:
(Quelle: CBS)

Der Soundtrack zur Geschichte
Solomon Burke: «Let Me Wrap My Arms Around You»
(Quelle: Youtube)

Aretha Franklin: «I Never Loved a Man (the Way I Love You)»
(Quelle: Youtube)

Al Green: «Let’s Stay Together»
(Quelle: Youtube)

Etta James: «At Last»
(Quelle: Youtube)

Beliebte Blogbeiträge

8 Kommentare zu «Alt werden ist nichts für Memmen»

  • Goran sagt:

    Martin Killian: Ich habe mich vor Lachen gekruemmt, wenn Sie manchmal so eine trockene und sarkastische Schnauze vorweisen!! smile… Ob sie wohl bald in so ein Viertel nach Chicago gehen und einen Besuch abstatten werden, bezweifle ich auf hoechster Ebene!!! Es ist leicht ein Durchreisender zu sein wie sie das ausfuehrlich beschreiben, aber vielleicht koennten Sie ja auch in L.A. vorbei kommen! South Central oder Anaheim, am Besten! Vielleicht werden sie ja dann Interview geben wollen und manche „Gentlemen“ werden ihnen ein paar „heikle“ Fragen stellen wollen! Was denken Sie von meinem Vorschlag? Koennte doch eine touristische Bereicherung fuer so einen „netten“ Typen wie sie werden und dabei koennen Sie neue Freundschaften knuepfen! A bientot!

  • Josef Marti sagt:

    Das Problem ist der bei den Unterschichten und workingpoors grassierende McDonalds Junk Food. Es wäre mehr gesunde Mittelmeerkost mit viel Olivenöl und asiatische fischreiche Kost angesagt, das hält Blutbahnen und Arterien geschmeidig und schützt vor Arterienverkalkung. Sonst kann der Schwellkörper seiner bestimmungsgemässen Funktion nur ungenügend zugeführt werden, auch für die Prostata sehr wichtig, Asiaten kennen im Gegensatz zu USA und Westeuropa praktisch keinen Prostatakrebs.

    • Andi Koch sagt:

      Die relevanten Quellen der Wissenschaft und Medizin unterstützen den Zuwachs an Bildung. Nebst NCBI, WHO, CDC, Science oder Nature bieten sich auch Lancet oder Fachliteratur der Onkologie an.
      Oder man konsultiert direkt die Websites führender und innovativer Biotech Firmen im Bereich Prostata Ca Therapie (Dendreon et al).

  • Heiinz sagt:

    Lieber Cialis, als Viagra.

    • Hendrik Qualtinger sagt:

      Da habe ich ja noch Glück – und brauche nicht einmal ein Rezept dazu. Bei mir wirkt sogar noch Sellerie-Salat. Ich weiss natürlich nicht so genau, was meine Geliebte immer so druntermischt. Sicher noch Ananas, Nüsse und Bicarbonat.

  • alias sagt:

    Thanks Martin, for the blast from the past.

  • Martin Johansson sagt:

    Gute Anekdote, das kollektive Grinsen ist den Räubern sicher. Für mich beunruhigend ist, wie omnipräsent und offenbar einfach zu beschaffen auch schwere Waffen in den USA sind. Auch wenn der Raubüberfall nicht bedrohlich aussieht, hätte da leicht ein Tötungsdelikt draus werden können bei nervöseren Angestellten oder Abzugsfingern.

  • babalu sagt:

    Danke Herr Kilian, Sie haben Humor! Super Artikel!

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.