Automatischer Lektor

Webflaneur am Dienstag, den 10. Mai 2011

Der Vater hält den Zeigefinger auf eine Textstelle in der renommiertesten Zeitung der Schweiz. Er moniert: Diese Präposition schreie geradezu nach dem Genitiv. Der Webflaneur wirft einen Blick darauf und pflichtet ihm bei. «Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod», sagt der Vater daraufhin. Der Webflaneur, der sich gut an die Bücher mit diesem Titel erinnert, fügt an: «Lesenswert.»

Als der Webflaneur tags darauf im Büro sitzt und an seiner Kolumne feilt, wird er plötzlich unsicher: Wie schreibt man dieses Wort? Und welcher Fall folgt auf diese Präposition? Im Zweifelsfall schlage er besser im Duden nach, sagt er sich. Schon will er der Kollegin das gelbe Standardwerk entwenden. Doch da erinnert er sich an eine Meldung, die irgendwo auf seinem Pult liegen muss. Er wühlt sich durch einen Stoss Papier und stösst auf die gesuchte Notiz: Das Bibliographische Institut habe das Duden-Portal überarbeitet, steht darin. Das Angebot, für das bislang teilweise bezahlt werden musste, könne nun kostenlos konsultiert werden. Damit wolle der Verlag die Marke Duden stärken. Geld verdienen wolle er mit Büchern und Software.

Der Webflaneur probiert das neue Angebot sofort aus. Er staunt über die ausführlichen Informationen zur Rechtschreibung, zur Bedeutung, zu Synonymen und zur Herkunft von rund 135000 deutschen Wörtern. Dank einer Kooperation mit der ARD kann er sich bei vielen Begriffen anhören, wie diese ausgesprochen werden. Zudem errechnet Duden für jedes Wort, wie oft es benutzt wird. Und in einer Wortwolke wird angezeigt, welche anderen Wörter im Zusammenhang mit dem Begriff oft benutzt werden.

Sogar Grammatikfehler soll der automatische Lektor entdecken. Tatsächlich erkennt der Duden im Test des Webflaneurs falsch geschriebene Wörter. Fallfehler hingegen entgehen dem automatischen Lektor noch. «Vater hätte keine Freude daran», schreibt der Webflaneur nun in seine Kolumne. Dann setzt er einen Punkt und schickt das Werk dem Lektor, dem richtigen.

Der Rüffel

Webflaneur am Dienstag, den 3. Mai 2011

Sie schaut ihn mit grossen Augen an. «Wusstest du das nicht?», fragt sie. Der Webflaneur schüttelt den Kopf. Nein, das habe sie ihm bis heute noch nicht erzählt, sagt er. In versöhnlichem Ton fügt er hinzu: Sie hätten sich seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen. Und das Buschtelefon funktioniere nicht mehr wie in der guten alten Zeit. Sie schaut ihn noch immer ungläubig an. «Aber ich habe es auf Facebook geschrieben», sagt sie. «Sind wir dort nicht Freunde?» – «Doch, schon», antwortet der Webflaneur. Er habe den Neuigkeitsfluss auf Facebook aber etwas plätschern lassen. «Ach ja», sagt sie kurz und spitz. «Ausgerechnet du!»

Der Webflaneur versucht es mit tausendundeiner Entschuldigung: Er habe viel gearbeitet, führt er etwa an. Das lässt sie nicht gelten. Und auch nicht, dass er die strahlende Sonne dem leuchtenden Monitor vorgezogen habe. Oder dass ihn der lahme Internetanschluss ausbremste. «Mea culpa», sagt der Webflaneur schliesslich, um der leidigen Diskussion ein Ende zu setzen. Sie habe recht: Er sollte öfters mal wieder auf Facebook vorbeischauen, um Anteil zu nehmen am Leben seiner Freundinnen und Freunde.

Wieder zu Hause: Praktisch wäre, wenn ihm stets gemeldet würde, wenn sich auf Facebook und Twitter Wichtiges tut, sinniert der Webflaneur. Genau dies verspricht der soziale Webbrowser Rockmelt. Wer damit surft, sieht auf der linken Seite stets, was im sozialen Netz abgeht. Und auf der rechten Seite lässt sich die eigene Pinnwand einblenden. Zuerst ist der Webflaneur ganz begeistert von diesem Konzept. Dann aber merkt er: Die Statusmeldungen lenken ihn ab. Deshalb wechselt er zurück in seinen puristischen Browser. Und gewöhnt sich eines an: Bevor er Kolleginnen trifft, besucht er sie mal kurz auf Facebook.

Die eigene App

Webflaneur am Dienstag, den 19. April 2011

Der Webflaneur horcht auf. Ob es wirklich so einfach sei, eine eigene App für ein Android-Smartphone zu bauen, fragt er den Kollegen vis-à-vis. Dieser nickt. Programmierkenntnisse seien keine nötig. Alles, was man dazu brauche, sei etwas Zeit und Geduld. Der Webflaneur schaut ihn ungläubig an. Noch vor kurzem hätten nur ambitionierte Jungs Apps hingekriegt, sagt er. Zudem habe man sich als Programmierer registrieren und einen Obolus entrichten müssen. «Das ist längst passé», sagt der Kollege. «Probiers doch mal selbst.»

Das lässt sich der Webflaneur nicht zweimal sagen. Er leert das Glas und verabschiedet sich mit dem saloppen Spruch: «Ich gehe dann noch rasch eine Webflaneur-App bauen.» Die Kollegen am oberen Ende des Tisches horchen auf. Ob es wirklich so einfach sei, eine eigene App zu programmieren, fragen sie. Euphorisch sagt der Webflaneur: «Probierts doch mal selbst.»

Zuhause angekommen, schiebt er eine Fertigpizza in den Ofen und holt eine Dose Cola. So viel Programmier-Romantik muss sein! Dann surft er zu Googles Appinventor und guckt sich das Beispielvideo an. Er schmökert in der Dokumentation. Dann packt er links einen Knopf und drapiert diesen auf der leeren Seite daneben. Er fügt seinen Lieblingssong hinzu. Nun wechselt er in den Blocks-Editor. Weshalb dieser so heisst, leuchtet ihm bald ein: Hier sollen vorbereitete Teilchen aneinandergehängt werden. Wie in Puzzle-spielen gibt es Teilchen, die zueinander passen, und solche, die sich nicht verbinden lassen. Der Webflaneur packt einen Knopf. Dieses Teil lässt sich mit dem Soundstückchen koppeln.

Nun wirft er den Emulator an. Auf dem Monitor startet ein virtuelles Handy seine App. Es funzt: Drückt er auf den Knopf, wird sein Lied gespielt. Mehr kriegt der Webflaneur an diesem Abend aber nicht mehr hin. Und so murmelt er schliesslich entnervt: «Probierts doch selbst.»

Ab die Post!

Webflaneur am Dienstag, den 29. März 2011

Adresse notieren, Umschlag zukleben – und ab die Post. Doch beim Briefkasten wird der Webflaneur jäh ausgebremst. Der Markenautomat fehlt und jener drüben bei der Poststelle auch. Unverrichteter Dinge fährt der Webflaneur an diesem Abend wieder nach Hause. Ihm bleibt nur der Amtsweg. Da dieser lediglich während der ordentlichen Postöffnungszeiten beschritten werden kann, schleicht er sich tags darauf, als der Chef gerade nicht aufpasst, aus dem Büro und eilt zur Poststelle – zum ersten Mal seit langer Zeit. Dort staunt er übers postmoderne Kundenmanagement: Zu den Schaltern wird nur vorgelassen, wer ein nummeriertes Zettelchen vorzulegen hat. Er nimmt eines und irrt durch den bunten Basar des Postproduktesortiments, bis seine Nummer auf der Leuchtanzeige blinkt.

«B-Post», sagt der Webflaneur. Die Angestellte sucht im dicken Ordner nach der passenden Marke, klebt sie aufs Couvert und sagt: «85 Rappen.» Sie nimmt das Geld entgegen, klaubt das Rückgeld aus der Kasse. Eineinhalb Minuten dauert das Prozedere. Was denn mit den Markenautomaten passiert sei, will der Webflaneur schliesslich noch wissen. Diese würden entfernt, sagt die Postmitarbeiterin. «Denn sie rechnen sich nicht.»

Dieses verquere Effizienzstreben tue er sich nie mehr an, sagt sich der Webflaneur. Als er das nächste Mal einen Brief verschicken muss, loggt er sich auf der Post-Website ein und gestaltet eine Webstamp. Zugegeben: In der Zeit, die er fürs Gestalten, Bezahlen und Drucken benötigt, hätte er den Brief gleich selbst ausliefern können. Mit den paar Bogen, die er nun ausdruckt, gehts fortan aber schneller.

Trotzdem trauert der Webflaneur den Markenautomaten nach. Denn wo sonst wird er die Fünfräppler los?

Wettbewerb: Weshalb soll der Webflaneur ausgerechnet Ihnen einen Bogen Webflaneur-Webstamps zukommen lassen? Bitte begründen Sie in den Kommentaren. Der Chef des Webflaneurs wählt am 5. April die seines Erachtens beste Antwort aus.

“Wo bisch?”

Webflaneur am Dienstag, den 15. März 2011

Der Jüngling flätzt sich breitbeinig auf den Sitz. Er zieht die Nase hoch. Immer und immer wieder. Und das nicht einmal im Takt der Musik, die aus seinem Kopfhörer dröhnt. Kaum ist der Zug angefahren, kramt er auch noch sein Smartphone aus der Kunstlederjackentasche, streift den Hörer vom Kopf. Dem Webflaneur, der heute mit dem linken Fuss aufgestanden ist und der bereits ziemlich gereizt im Abteil schräg vis-à-vis sitzt, schwant Böses.

«Nun probier aber keine Klingeltöne aus!», fleht er den Jüngling leise an. Dieser tuts tatsächlich nicht. Viel schlimmer: Er telefoniert – in einer Lautstärke, dass ihn sogar der Zugführer hören muss. «Hey Mann, wo bisch?» fragt er. Und er schiebt nach: «Was machsch, Mann?»

Da reisst dem Webflaneur der – heute zugegebenermassen äusserst dünne – Geduldsfaden. Er holt tief Luft und wird selbst laut: «Hey Mann», ruft er dem Jüngling zu, er solle besser die Klappe halten und den Sound auf Zimmerlautstärke zurückdrehen. Und vor allem: Er solle mit der überflüssigen Fragerei aufhören. Er besitze ja offensichtlich ein Smartphone, das ihm Mami und Papi aus einem unerfindlichen Grund finanzierten. Also solle er dieses auch nutzen. «Du kennst doch Google Latitude?», fragt er ihn. Er solle ihm den Gefallen tun und diese App installieren. Und der Kollege auf dem Smartphone auch, das ihm dessen Mami und Papi aus einem unerfindlichen Grund finanzieren. Dann sähen sie stets, wo der andere sei und bräuchten nicht mit der «Wo bisch»-Fragerei zu nerven. Sollte ihm Latitude nicht behagen, könne er auch Facebook Places nehmen, Foursquare oder sonst eine App.

So redet sich der Webflaneur in Rage – bis der Jüngling kontert. Was die Freunde des Webfleurs von der Episode zu Gesicht bekommen? «Eingecheckt im Zug» auf Latitude. Und später eine Statusmeldung: «Mit blauem Auge davongekommen.»

Die perfekte Präsentation

Webflaneur am Mittwoch, den 2. März 2011

Wie hat der Webflaneur doch gestaunt. Und nachdem der Referent geschlossen hatte, hat er begeistert applaudiert. Nicht primär wegen dem, was der Redner gesagt hatte. Sondern wegen der Präsentation: Der Referent ist über die Bühne getigert – hin und her, vor und zurück. Dabei hat er frei gesprochen, ohne sich zu versprechen, fast druckfertig. Und er versprühte Charisma. Der Auftritt hatte etwas faszinierend Abgefahrenes. Und die hinter dem Redner eingeblendete Präsentation auch: Da wurden nicht bloss elektronische Folien aufgelegt. In dieser Projektion flog man regelrecht von Stichworten über Illustrationen zu Grafiken. Man tauchte vom grossen Ganzen hinab ins Detail, und stieg dann wieder empor. Der Webflaneur war ganz aus dem Häuschen.

«Powerpoint war das nicht», sagte er in der Pause zum befreundeten Internetfreak. Dieser zeigte sich wenig beeindruckt. «Das ist keine Hexerei», sagte er. «Das war Prezi.» Bald darauf klingelte die Glocke, die Veranstaltung ging weiter. Von den folgenden Vorträgen weiss der Webflaneur nichts mehr. Denn er bastelte an einer eigenen Prezi-Präsentation: Er fügte einige Stichworte ein. Dann suchte er sich Bilder und Youtube-Videos zusammen. Mit einigen Klicks brachte er alles in die richtige Reihenfolge. Dann klickte er erwartungsvoll auf den Wiedergabe-Knopf. Und siehe da: Schon flog er von Stichworten über Illustrationen zu Grafiken. Er tauchte vom grossen Ganzen hinab zum Detail, und stieg wieder empor. Der Webflaneur war ganz aus dem Häuschen.

In letzter Zeit hat der Webflaneur aber etwas gar vielen Vorträgen gelauscht. Und er musste feststellen: Jeder Referent, der mit der Zeit gehen will, tigert auf der Bühne herum; offenbar wird das in Rhetorikkursen so gelehrt. Jeder spricht frei. Und jeder benutzt Prezi. Langweiliger ist nur noch Powerpoint.

Auf der Piste

Webflaneur am Freitag, den 18. Februar 2011

Der Kollege Skifahrer hat die Messlatte hoch gelegt: Schätzungsweise 62 Kilometer bolzte er während eines Skitages. 27-mal bestieg er einen Lift. Insgesamt hat er fast 10 Höhenkilometer zurückgelegt. Der Webflaneur staunt. Um die Fahrt zu überbieten, müsste er die Stöcke unter die Arme klemmen und tief in die Hocke gehen, sagt er sich, als er die Fahrdaten des Kollegen zu Hause studiert. Wobei: Machte er nicht auch eine volle Stunde Mittag, könnte er es schaffen.

Der Webflaneur beschliesst, Skiline – ein System zur Fahrtenerfassung – zumindest auch einmal auszuprobieren. Das Skigebiet, in dem er am häufigsten herumkurvt, macht jedenfalls mit. Und es ist einfach, die Fahrten aufzuzeichnen: Immer wenn man die Tageskarte ans Lesegerät hält, macht dieses einen Eintrag im Logbuch. Wieder zu Hause, gibt man auf der Website die Nummer der Tageskarte ein. Schon sieht man, welche Bahnen man wann bestiegen hat. Auch die Anzahl Höhenmeter blendet der Webdienst ein. Und er errechnet auch gerade, wie viele Kilometer man ungefähr gefahren sein muss. Alle Infos können abgespeichert werden. So hat man selbst Ende Saison noch den Überblick, wann man wo auf der Piste war und wie lange man im Restaurant sass. Zudem kann man sich mit Skikollegen messen und versuchen, mehr Höhenmeter als diese zurückzulegen.

Vorläufig bleibe er aber zu Hause und warte auf neuen Schnee, beschliesst der Webflaneur. Er vertreibt sich die Zeit derweil mit einer kleinen Rechenübung. Kollege Skifahrer hat für seine Tageskarte 59 Franken bezahlt. 27-mal hat er einen Lift genommen. Pro Bergfahrt hat er also Fr. 2.19 bezahlt. Der Pistenkilometer kam ihn dabei auf 95 Rappen zu stehen. «Bei diesem Preis hättest du besser das Auto genommen», schreibt der Webflaneur dem Kollegen Skifahrer.

Was soll das?

Webflaneur am Dienstag, den 25. Januar 2011

Wer wohl auf so etwas gewartet habe, fragt sie – noch bevor der Webflaneur ihr die soeben entdeckte Website demonstrieren kann. Er zuckt mit den Schultern. Leider wisse er auch nicht, ob diese Plattform zum grossen Renner werde. Die Internetszene und die Risikokapitalgeber zumindest seien euphorisch: Sie erwarteten, dass sich Quora in diesem Jahr durchsetze. «Ich weiss, das nächste grosse Ding», sagt sie mit spöttischem Unterton. «Vielleicht», sagt der Webflaneur. «Zumindest wissen die Gründer wohl genau, was sie tun. Einer war schon bei Facebook am Ruder.» Auch das Konzept leuchte ein: Wer eine Frage hat, stellt diese normalerweise den Bekannten – oder unbekannten Fachleuten. Genau dies tue man bei Quora: Man stellt Fragen. Die anderen Benutzer können diese beantworten – die Freunde genauso wie Leute, die über die Themensuche darauf gestossen sind. Bestehende Antworten lassen sich zudem bewerten. Und sie können sogar von anderen Nutzern ergänzt werden. So gesehen sei Quora eine Kreuzung aus einem Frageportal, der
Wikipedia und einem sozialen Netzwerk à la Twitter. «Vielleicht entsteht daraus ein neuartiges Wissensportal.»

Sie schaut noch immer skeptisch. Dann fordert sie den Webflaneur auf: «Frag doch einfach mal, was dieser Quora-Quatsch soll.» Das tue er wohlweislich nicht, antwortet er leicht gereizt. Zum einen müssten sämtliche Fragen in korrekter englischer Sprache gestellt werden. Ansonsten reagiere die Community. Die bisherigen Fragen seien denn auch auf einem hohen Niveau. Und die Antworten darauf auch, beteiligten sich doch viele Spezialisten – im Moment noch vorab aus dem Internetgeschäft – am Frage- und Antwortspiel. «Buben am Spielen», sagt sie schnippisch. Da reisst dem Webflaneur der Geduldsfaden. «Noch Fragen?», will er harsch wissen. «Nein», sagt sie. Und er: «Dann stehts ausser Frage: Quora ist nichts für dich.»

Freunde zweiten Grades

Webflaneur am Dienstag, den 11. Januar 2011

Der Webflaneur ist im Clinch: Fast täglich kriegt er auf Facebook Freundschaftsanfragen – von Leuten, die er höchstens dem Kollegenkreis zurechnet. Er bestätigt die Anfragen jeweils. Denn wiese er sie zurück, könnte dies den betreffenden Personen in den falschen Hals geraten. Bei jedem solchen Klick redet er sich ein, dass Facebook halt etwas anderes unter einem Freund verstehe als er in seinem spiessbürgerlichen Leben.

Macht der Webflaneur Kollegen oder sogar ferne Bekannte zu Facebook-Freunden, rücken diese merklich näher: Sie sehen genau, was er täglich auf der Plattform treibt. Klar, der Webflaneur könnte auf Status-Updates verzichten. Und er könnte keine Fotos mehr veröffentlichen. Alles geheim halten und nur zugucken – das tun schliesslich auch viele seiner sogenannten Freunde. Doch dies sei nun wirklich nicht der Sinn eines sozialen Netzwerks, sagt sich der Webflaneur.

Er sucht nach einer Lösung, bei der er niemanden verletzt – und trotzdem nur jenen Leuten aus seinem Privatleben erzählt, die das auch hören sollen. Seine Lösung ist einfach: Er kreiert die Liste «Ferner sind befreundet». Dieser ordnet er jene Leute zu, mit denen er im Grunde genommen nicht viel teilt. Er degradiert diese also zu Freunden zweiten Grades – oder in gut schweizerischer Terminologie: zu Kollegen. Wer in dieser Liste aufgeführt ist, soll in Zukunft keine Status-Updates mehr zu sehen bekommen, und das Fotoalbum schon gar nicht. Deshalb wählt der Webflaneur nun in der Facebook-Kontoverwaltung den Menüpunkt Privatsphäreneinstellungen. Unter «Benutzerdefiniert» kappt er den Infostrom für die Leute auf der Liste «Ferner sind befreundet».

Der Webflaneur ist überzeugt: Viele «Freunde» bemerken solche Deklassierungen nicht einmal. Es sei denn, man schreibt darüber gleich eine Kolumne.

Ein Bing löst einen Bauboom aus

Webflaneur am Montag, den 3. Januar 2011

Knall auf Fall stehen plötzlich Häuser da, tippt der Webflaneur. Er hält inne, schaut auf den Bildschirm. Dann schüttelt er den Kopf und löscht den ersten Satz wieder. Viel besser wäre dies, sagt er sich: Bing löst einen Bauboom aus. Damit ist der Webflaneur nun sichtlich zufrieden.

Nach dem knalligen Einstieg müsse er aber ausholen, beschliesst er. Er schreibt: Openstreetmap sei ein Projekt, in dem Geodaten gesammelt würden – um daraus Land- und Navigationskarten zu machen. Wie bei der Wikipedia könne jedermann mithelfen. Lange sei die Kartografierarbeit indes nur im Schritttempo vorangekommen. Die Hauptverkehrsachsen und die beliebtesten Rad- und Wanderwege seien zwar längst erfasst. Auch Städte wie Bern sähen bereits beeindruckend aus. Doch andernorts fehle viel. Sein Heimatdorf etwa habe bis vor kurzem bloss aus einigen Strassen und Wegen bestanden. Das aber habe sich geändert – dank Microsoft: Der Softwarekonzern habe dem Projekt jüngst Flugbilder ab ihrem Bing genannten Portal zur Verfügung gestellt. Von diesen liessen sich Häuser, Strassen und Wälder bequem abzeichnen. Deshalb werde jetzt gebaut, was die Maus hergebe.

Wie das funktioniere?, stellt der Webflaneur eine rhetorische Frage. Er zeige es gerne, antwortet er, lädt das Kartografieprogramm Josm herunter und startet es. Er wählt sein Heimatdorf aus, lädt die vorhandenen Daten herunter, legt die Bing-Aufnahmen darüber. Da diese leicht versetzt sind, justiert er sie zuerst. Dann zeichnet er ein Haus nach und hängt diesem die nötigen Tags an. Und schon baut er ein zweites Haus. Und noch eines. Hätten wir oben nicht selbst weitergeschrieben, wäre diese Kolumne nie fertig geworden. Denn der Webflaneur muss nun offensichtlich bauen. Er baut ein Dorf.