Die Pix im Netz

Webflaneur am Mittwoch, den 19. Oktober 2005

Gimp

Damals, als ihm der Turnschuhfotograf über den Weg gelaufen ist, hat sich der Berner Zeitungsblogger entschieden: Nun wird er Ordnung in seine Fotokollektion bringen. Bis dahin hatte ihm gegraut vor der Bilderflut auf seinem Rechner. Der Turnschuhfotograf hat darüber nur gelacht. «Easy», hat er gesagt. Und während sich Party-Beautys vor seine Linse drängten: Er rase Weekend für Weekend von Party zu Party, schiesse Pix um Pix. «Und weisst du, wie ich den Überblick behalte?» Der Zeitungsblogger schüttelte den Kopf. «Mit Picasa», sagte der Partyfotograf. Statt Googles Gratis-Programm könne er aber auch die Photoshop Album Starter Edition nehmen, oder andere Grafiktools. Er startete sein Notebook, wählte Pix aus, kopierte sie aufs Netz.

Einige Tage später: Grau hängt der Nebel über der Stadt. Der Zeitungsblogger hockt in seiner schlecht geheizten Stube und bearbeitet Fotos aus wärmeren Tagen. Einige hellt er auf. Einige schneidet er zu. Einige retouchiert er. Das tut er mit dem frei erhältlichen Gimp, das annähernd so viel kann wie ein teures Grafikprogramm. Im Netz eröffnet er dann eine Ausstellung: Er lädt die Fotos zu Flickr, schreibt sie an. Und dann wartet er, ob sich Flickrianer – online oder beim Treffen am 29. Oktober in Bern – ähnlich für seine Fotografien begeistern, wie das Partyvolk für die Schnappschüsse des Turnschuhfotografen.

20 Leute, 20 Pix

Webflaneur am Mittwoch, den 21. September 2005

Das Handy surrt. Ob er wisse, was Pixmix sei, fragt Jacqueline. Doch, das wisse er, sagt der Berner Zeitungsblogger: ein Bilderabend in der Dampfzentrale. Genau, sagt Jacqueline, 20 Leute zeigten je 20 Sekunden lang 20 Bilder. Und das täten sie – übrigens bereits zum fünften Mal – ab 20.20 Uhr am Mittwoch, dem 21. September. Da weise er gerne darauf hin, sagt der Zeitungsblogger. Nein, kontert Jacqueline. Sie möchte dann seine Bilder sehen. Der Zeitungsblogger ist überrumpelt. Er müsse sich erstmals durch seine Agenda klicken, wiegelt er ab, und verspricht dann irgendwann zurückzurufen. Er klickt und sieht: Am Mittwoch ist er auf dem Segelschiff, nicht in der «Dampfere».

Leider, beschert der Berner Zeitungsblogger Jacqueline, leider könne er nicht kommen. Und er fügt versöhnlich hinzu: Er wäre gerne mit dabei gewesen. In diesem Fall, sagt Jacqueline, solle er doch einmal mit ihrem Hozzy zusammen sitzen. Und so sitzen die beiden. Hozzy erzählt von den vier bisherigen Bilderabenden. Ganz unterschiedliche Leute seien jeweils gekommen. Einige hätten die Runde mit Schnappschüssen und Ferienerlebnissen beglückt. Andere hätten ihre Kunstwerke präsentiert. Einige hätten spektakuläre Landschaften gezeigt, andere das alltägliche Stadtleben dokumentiert. Einer habe aus dem Zoo berichtet. Und einer habe gezeichnet.

Dann kommt Hozzy zur Sache: Ob er denn am übernächsten Pixmix am 19. Oktober dabei sei, fragt er den Zeitungsblogger. Auch dann gehe es leider nicht, sagt dieser. Doch Hozzy lässt nicht locker. Am 23. November? Der Zeitungsblogger schüttelt den Kopf. Und am überüberübernächsten am 21. Dezember? In der Agenda klafft eine Lücke. Nun gut, er komme mit seinen Bildern, verspricht der Zeitungsblogger etwas voreilig.

20 Bilder à 20 Sekunden sind 400 Sekunden, geteilt durch 60 ergibt 6.6667 Minuten, rechnet er im Büro. Und er zermartert sich den Kopf: Was soll er zeigen, am Pixmix so kurz vor Weihnachten? Soll er Screenshots machen? Soll er seine Leserinnen und Leser um Bilder bitten? Und was soll er dazu erzählen?

Die Retourkutsche

Webflaneur am Mittwoch, den 7. September 2005

Irgend etwas ist dazwischen gekommen. Vielleicht hat damals jemand ein Glas gekippt, vielleicht sind Gäste eingetrudelt, vielleicht hat jemand zum Sturm auf das Buffet geblasen – gerade, als der Berner Zeitungsblogger dem Banknachbarn ins Wort fallen wollte. Eine geschlagene Viertelstunde lang hatte dieser zuvor über Google referiert. Er hatte die «schnellste Suchmaschine» gepriesen, den «effizentesten E-Mail-Dienst», den «coolsten Weltatlas». Wie er die Firma kenne, werde auch der neue Talk-Dienst genial sein. Der Zeitungsblogger liess den Superlativ-Hagel vorbeiziehen. Dann gedachte er zu kontern.

Besonders innovativ sei die neue Software Google Talk nicht, hätte der Zeitungsblogger dem Banknachbarn entgegengehalten. Telefonieren und Sofortmitteilungen verschicken, das könne er auch mit den Programmen Skype und Gizmo. Versöhnlich hätte er hinzugefügt, dass Google wenigstens auf freie Standards setze – anders als Skype. Dann aber hätte er zum Rundumschlag angesetzt: Wer mit Google talken wolle, müsse mit Google e-mailen. Und das widerstrebe ihm. Er vertraue ungern alles einer Firma an, so gut ihre Dienste auch sein mögen. Vor Jahren habe die Firma das Usenet-Archiv gekauft, später die Bildsoftware Picasa und einen Weblog-Anbieter. Ein Google-Mitarbeiter kriege mit Orkut von den Nutzern private Daten zugesteckt. Und Google raffe in Bibliotheken Wissen zusammen. Google baue an einem Wissensimperium, hätte sich der Zeitungsblogger in Rage geredet. Das lasse selbst Microsoft-Chef Steve Ballmer erbeben: Als wieder einer der seinen zu Google gewechselt habe, habe er deftig geflucht und dem Büroinventar das Fliegen beigebracht. Das alles hätte er in einem Wortschwall gesagt. Und dann hätte er angefügt: Fürs Verschicken von Sofortnachrichten ziehe er die Programme Gaim, Miranda oder Sim vor.

Aber eben: Irgend etwas ist damals dazwischen gekommen. Vielleicht hat jemand ein Glas gekippt, vielleicht sind Gäste eingetrudelt, vielleicht hat jemand zum Sturm auf das Buffet geblasen. Der Zeitungsblogger hat jedenfalls nichts gesagt. Dafür, lieber Banknachbar, hast du es jetzt schwarz auf weiss.

Der Fisch im Garten

Webflaneur am Mittwoch, den 24. August 2005

Eigentlich wollte er übers Surfen schreiben. Doch dann schwappte die Flut über die Kanalmauer. Der Wasserstrom floss in den Keller, und der elektrische stockte. Der Zeitungsblogger sollte an jenem Tag nicht mehr netzwerken können. Er kam ins Schwimmen. Denn ohne Netz gibts keine Weblogs. Und die Zeit bis zum Abgabetermin verfloss rasch.

Tags darauf im trockenen Büro: Der Zeitungsblogger will wissen, was andere erlebt haben. Er surft zu einem Weblog-Verzeichnis, schmökert in den Schilderungen seiner Mitbloggerinnen und Mitblogger. Ihr Sohn könnte aus seiner Loge in die Aare hechten, schreibt Edithrina Rinaa. «3rd male: 10» sei in der Schule gewesen, als die Aare gekommen ist, schildert 2nd, female: 35. Der Kleine habe seine Sachen packen und zu «den Grossen» hinauf gehen müssen, während die Aare den Raum mit brauner Sosse gefüllt habe. Otto Normal sinniert in Gedichtform, die einen hätten «ein wenig zu viel, die anderen viel zu wenig» Wasser. Leu macht, wie er selbst schreibt, «einen auf Schröder» und nutzt das Hochwasser für seinen «Wahlkampf zum Kulturminister»: Er wettert über die untätigen Behörden. Ghost enerviert sich über einen Feuerwehrmann, der ihm das Knipsen verbieten wollte. Orli zeigt Fotos aus Thun und Bern, und Roland die Überschwemmung von der Brücke aus – und die Gucker darauf.

Der Berner Zeitungsblogger ist ernüchtert: Fotos hat er viele gefunden, Geschichten nur einzelne. Deshalb erzählt er nun eine eigene: Seine Nachbarn beugen sich über die Balkonbrüstung, starren verdattert ins trübe Wasser. Plötzlich rufen sie überrascht aus: «Wir haben einen Fisch im Garten.»

Der Pinguin kam im Sommer

Webflaneur am Mittwoch, den 17. August 2005

Eigentlich hatte er sich den Sommer anders vorgestellt: Er wollte sich in der Sonne suhlen, durch Seen schwimmen, Berge erklimmen. Doch es kam anders: Kaum hatte der Berner Zeitungsblogger die Ferien eingeläutet, verabschiedete sich sein Rechner. Urplötzlich tickte er nur noch urkomisch vor sich hin. Zuerst tippte der Blogger auf einen Virus. Er wollte bereits zu einer Tirade auf das Betriebssystem mit den sperrangelweit offen stehenden Fenstern ansetzen. Doch dann wurde ihm klar, was passiert war: Die Festplatte hatte sich an der Platte fest den Lesekopf angeschlagen. Der Zeitungsblogger fürchtete um all die Buchstaben, die er irgendwann aneinander gereiht, um all die Schnappschüsse, die er irgendwann geknipst, um die Adressen, die er irgendwann fichiert hatte. Fiebrig durchwühlte er seine Stapel. Er fand zumindest ein leicht angestaubtes Backup. Ein Zeitungsblogger ohne Rechner, sinnierte er dann, sei wie ein Fisch ohne Wasser. Und so baute er flugs eine neue Platte in sein Thinkpad ein – statt sich im Marzili zu suhlen.

«Nein, Microsoft kann wirklich nichts dafür», wiegelte der Zeitungsblogger ab. «Trotzdem», insistierte sein Kollege. Jetzt, da er ein Betriebssystem neu installieren müsse, sei der Zeitpunkt für den Wechsel von Windows zu Linux gekommen. Das leuchtete dem Zeitungsblogger ein – nicht zuletzt, weil er keine Ahnung hatte, auf welchem Stapel seine Windows-CD lag. «Welche Distribtion?», fragte der Kollege. Der Zeitungsblogger faselte etwas von «alle haben Vor- und Nachteile», leerte das Glas und ging recherchieren.

Linux sei ein gemeinschaftlich entwickeltes Betriebssystem, las er bei Distrowatch. Das System mit dem Maskottchen Pinguin sei in diversen Zusammenstellungen – sprich: Distributionen – erhältlich. Bloss: Sollte er das dicke Paket von Suse kaufen, oder jenes von Mandriva? Wäre Linspire, das sich von Windows inspirieren liess, praktisch? Sollte er sich an Debian, Gentoo oder Slackware versuchen – jenen Distributionen, auf die Technikfans schwören? Der Zeitungsblogger fragte Kollegen um Rat. Einige empfahlen Ubuntu.

«Ubuntu» stamme aus der Sprache der Zulu und lasse sich mit «Gemeinwohl» oder «Menschlichkeit» übersetzen, las er. Hinter Ubuntu stecke die Firma Canonical des Südafrikaners Mark Shuttleworth – genau: dem Weltraumtouristen. Er habe 10 Millionen Dollar in die Ubuntu-Stiftung eingeschossen – weil er überzeugt sei, dass die Welt eine nicht kommerzielle Alternative zu Windows brauche.

Der Zeitungsblogger hat Ubuntu installiert. Er hat gestaunt, wie einfach das ging. Klar: Einige Male hat er auch geflucht. Das hätte er indes auch ohne die Computerbasteleien getan – dann aber übers schlechte Sommerwetter.

… und ab in die Ferien

Webflaneur am Mittwoch, den 29. Juni 2005

Bald hat er Ferien. Doch es ist wie immer: Vor dem Plausch hat der Zeitungsblogger einen Heidenstress. Er glaubt die Notizen ganz abtragen zu müssen, die sich auf seinem Pult stapeln. «Monopoly», steht auf dem obersten Zettel. Für Monopoly Live sind in Londoner Taxis GPS-Geräten montiert worden. Hält eines der Cabbies auf einem Feld, verdient dessen imaginärer Besitzer Geld. «Ein amusantes Spielchen für laue Nächte», murmelt der Zeitungsblogger.

Und er greift zum nächsten Zettel. «Einstein», hat er darauf gekritzelt. Wer in der Zeitungsblogger losen Zeit geistiges Futter brauche, tippt er augenzwinkernd, schmökere in den Annalen der Physik. In der alten Fachzeitschrift stehen 49 Artikel von Albert Einstein – inklusive jener vier, die er während des «annus mirabilis» in Bern geschrieben hat.

«Guantanamo», ist das nächste Stichwort. Eine Gruppe Freiwilliger ackert in einem Wiki gemeinsam die umfangreichen Protokolle der Befragungen der «feindlichen Kombattanten» auf Guantanamo durch, damit in den Papierbergen keine Hinweise auf allfällige Folterungen verschütt gehen. Apropos Wiki: Eigentlich hätte der Zeitungsblogger auch über Wikitorial schreiben wollen. Doch dann hat die «Los Angeles Times» ihr Projekt, bei dem die Leser einen Leitartikel aus der Zeitung nach ihrem Gusto umschreiben konnten, kurz nach dem Start wieder gestoppt. Einige Dummköpfe hatten dort Pornobilder veröffentlicht – statt sich auf die Debatte um die Fakten, Argumentationen und Wertungen einzulassen.

Zuunterst auf dem Stapel stösst der Zeitungsblogger auf die E-Mail eines umtriebigen Berner Musikus. Er habe mit seinen Starfröschen «etwas gebrutzelt», schreibt dieser darin. Okay, das schrieb er noch, als man gerne in geheizten Stuben tüftelte, muss der Zeitungsblogger nun eingestehen und streut sich Asche übers Haupt, von Nachbars Grill. Dafür rührt er jetzt ganz gewaltig die Werbetrommel: Den Sound für den Sommer gebe es gratis beim Netzlabel Realaudio.ch. Und das «kloine Fläschfroschgame», von dem der Musikus in der E-Mail berichtet, stehe noch immer auf Starfrosch.ch. Geeky, findet es der Zeitungsblogger.

Nun lehnt er sich zufrieden zurück. Er hat erledigt, was zu erledigen war. Er klappt sein Notebook zu, packt sein Bündelchen. Und als der erste Sonnenstrahl den Horizont rötet, entschwindet er dort, auf den Lippen ein munteres Wanderliedchen.

Die Balkon-Demo

Webflaneur am Mittwoch, den 22. Juni 2005

Dieser Abend könnte gemütlich werden. Der Berner Zeitungsblogger hat es sich auf dem Balkon bequem gemacht, vor sich ein Bier und sein Notebook. An solch lauen Sommerabenden sei nur das beste gut genug, sinniert er – und stöbert in der Gewinnerliste der Webby Awards. An der Preisverleihung anfangs Monat hat der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore einen Webby für sein unentwegtes Werkeln an der Datenautobahn erhalten. Die Fotogemeinschaft Flickr wurde ausgezeichnet, und einmal mehr Google. Die Mitarbeiter von Skype haben einen Webby für ihr Telefontool eingeheimst, die Blogger von Boingboing für ihr «directory of wonderful things». Feuer und Flamme ist der Zeitungsblogger für Book Crossing: Sobald er den Wälzer gelesen habe, der neben seinem Bett Staub ansetzt, werde er ihn – wie auf der Site vorgeschlagen – an einem öffentlichen Ort deponieren, beschliesst er. Wenig anfangen kann er hingegen mit der virtuellen Knochenverteilet auf Dogster. «Braucht auch der letzte Hund eine Homepage?», brummelt er. Schnell surft er weiter. Ausgiebig schmökert er im Videotagebuch des fiktiven US-Soldaten auf Weapons of misdirection, der Gewinner-Site in der Kategorie Politik.

Der Abend könnte ganz gemütlich werden. Doch dann holen die politischen Weblogs, die von den Reportern ohne Grenzen jüngst ausgezeichnet worden sind, den Zeitungsblogger auf den harten Boden der Realität zurück. Er liest in Press Think aus den USA und in Jeff Oois Kommentaren zur malayischen Politik, klickt sich durch ICT-Lex aus Italien, Shared Pains zu Afghanistan und Al Jinane zu Marokko. Er liest, dass Mojtaba Saminejad, Gewinner der Kategorie Iran, wegen seiner politischen Aussagen zu zwei Jahren Haft verurteilt worden ist. Bei Netzpolitik, Gewinner der Kategorie International, informiert er sich über die weitgehenden Softwarepatente, die Europa durchgepeitschen will.

Solche Patente passen ihm nicht. Der Zeitungsblogger will protestieren. Und so steht er plötzlich mitten in einer turbulenten, virtuellen Demo – an diesem lauen Sommerabend, der eigentlich so gemütlich begonnen hat.

Im Reisefieber

Webflaneur am Mittwoch, den 15. Juni 2005

Er war bienenfleissig, hat emsig Überstunden gesammelt. Demnächst hat der Berner Zeitungsblogger endlich Zeit für Ferien. Längst hat er einige abgefahrene Ideen ausgeheckt: Er könnte sich eine Kamera umhängen, sich ein GPS-Gerät borgen – und für Confluence.org dort fotografieren gehen, wo sich Längen- und Breitengrade kreuzen. Er könnte in GeoSpielen bestimmten Koordinaten nachjagen. Er könnte das GPS-Gerät mit Wanderrouten füttern und sich auf die Sohlen machen. Oder aber: Er könnte die Schweiz zu Fuss queren, wie die Wandersite.ch vorschlägt, dabei den Fabriken, Berghotels, Bädern nachsteigen, die ihm der Heimatschutz ans Herz legt. Er könnte in Hotels nächtigen, die andere Reisende empfohlen haben.

Eigentlich ginge er aber gerne wieder einmal auf grosse Reise, sinniert der Berner Zeitungsblogger, als er sich durch die Reiseberichte auf Pervan.de klickt, und durch jene auf dem englischsprachigen Pendant Virtualtourist.com. Das Reisefieber packt ihn definitiv, als er in den Beschreibungen auf Wikitravel.org stöbert, dem Reiseführer, an dem alle mitschreiben können.

Teuer dürften die Ferien aber nicht werden, beschliesst er mit Blick auf seine hart erbloggten Batzen. Er könnte bei Mitgliedern des Hospitalityclub.org nachfragen, ob sie ihn auf seiner Rundreise beherbergen würden. Er könnte mit den Click & Rail-Tickets fahren, oder er könnte AutoStopp machen.

Solch abenteuerliche Pläne hatte der Berner Zeitungsblogger geschmiedet – bis der Marschbefehl eingetrudelt ist. Im Reisefieber hatte er ganz verdrängt: Im Sommer muss er in die «grünen Ferien», oder besser: in den grauen Bunker. Für grosse Reisen reicht es nicht. So beschliesst er, die restlichen Sonnentage an und in der Aare zu zelebrieren – und dank des Aareschwummindex’ keinen einzigen zu verpassen.

Das gekappte Kabel

Webflaneur am Mittwoch, den 8. Juni 2005

Der Computer klingelt. Der Berner Zeitungsblogger nimmt ab. «Hallo David», sagt er. Und nachdem er kurz zugehört hat: Doch, er verstehe ihn gut – mindestens so gut, wie wenn er per Handy telefonierte. «Eine Infoveranstaltung zum Telefonieren übers Internet?», fragt der Zeitungsblogger nun. Doch, er weise gerne auf das Treffen der Nutzergruppe ST-Anwender hin. Wann es denn stattfinde, will er wissen. Sonntagmorgen im Medienzentrum Schulwarte in Bern? «Langsam», sagt er nun und kritzelt die Webadresse, die David ihm diktiert, auf den Briefumschlag einer Swisscom-Rechnung – seiner wohl letzten.

Der Computer wählt. «Einen guten Morgen», wünscht der Zeitungsblogger der Swisscom-Mitarbeiterin – und kündigt seinen Telefonanschluss. Er kappe das Kabel und kable nun über das Inter- statt das Fixnet, erklärt er ihr. So könne er einige Franken sparen. Der Zeitungsblogger hat sich zuvor schlau gemacht. Er hat gestaunt über die viele Firmen, die Internet-Telefonie zu unterschiedlichsten Preisen und Konditionen feilbieten. «Zum Glück gibts den Comparis-Ralf», hat er vor sich hingemurmelt und aus dessen Tabelle eine Firma ausgewählt. Er hat sich dann bei der Swisscom ab- und bei Sipcall.ch angemeldet. Dort bezahlt er keine Grundgebühr und bloss wenige Rappen pro Minute. Geht er auf eine Reise, hängt er einfach sein Notebook an ein Netz – schon ist er unter der gewohnten Nummer erreichbar. Egal, wo auf der Welt er ist, er telefoniert zu den normalen Preisen. Dafür nimmt er in Kauf, dass er nun mit Kopfhörer am Rechner sprechen oder sich einen Adapter fürs Telefon kaufen muss. Und dafür nimmt er in Kauf, dass die Sprachqualität variert: Manchmal ist sie besser als im Festnetz, manchmal gibts Verzögerungen.

Der Computer klingelt. «So spät noch online?», grüsst der Zeitungsblogger seinen Kollegen. Erst neulich hat dieser das Telefontool Skype installiert – und ist begeistert davon. «Ein Lesertelefon für ‹Weblog›-Leser?», wiederholt der Zeitungsblogger den Vorschlag seines Kollegen und klopft einen dummen Spruch von wegen «was der Chefredaktor kann, kann ich schon lang’». Das hätte er nicht sagen sollen. Jetzt insistiert der Kollege darauf. Der Berner Zeitungsblogger ziert sich. Schliesslich muss er aber nachgeben. Und so tippt er nun: «Lasset Skype klingeln – der ‹zeitungsblogger› ist online.»

Eine Nacht in der Blogosphäre

Webflaneur am Mittwoch, den 1. Juni 2005

Die Kollegin schüttelt den Kopf. «Du triffst dich mit Leuten, die du gar nicht kennst?», fragt sie ungläubig. Schnippisch doppelt sie nach: «Du triffst dich mit diesen Internet-Exhibitionisten?»

Der Berner Zeitungsblogger lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Eben erst hat er sich zu ihr gesetzt und von seinen neuen Bekannten zu erzählen begonnen, die das Restaurant kurz zuvor verlassen hatten. Irgendwie habe er sie schon gekannt, kontert er – aus den Weblogs. «Webwas?», fragt die Kollegin. Weblogs oder kurz Blogs seien Internet-Notizbücher, doziert der Zeitungsblogger. Darin veröffentlichten Blogger meist persönliche und kommentierende Texte. Angenommen er publiziere einen Artikel – was übrigens kaum schwieriger sei als eine E-Mail zu verschicken –, erscheine dieser zuoberst auf seiner Website. Leserinnen und Leser könnten Kommentare abgeben. Und wenn ein anderer Blogger den Artikel zitiere, erscheine bei ihm ein Hinweis darauf. So entstehe ein dichtes Geflecht aus Beiträgen, Bemerkungen, Beziehungen: die Blogosphäre.

Die Kollegin gähnt. Der Zeitungsblogger referiert über persönliche und politische Blogs, streicht deren Bedeutung als Gegenöffentlichkeit und für die freie Meinungsäusserung unter autoritären Regimes hervor.

Die Kollegin schaut auf die Uhr. Es sei einfach, ein Weblog zu eröffnen, sagt der Zeitungsblogger, dazu melde man sich bei einem Anbieter an oder miete ein Plätzchen auf einem Server, wo man die Software installiere. Das habe sogar er selbst geschafft.

Die Kollegin bezahlt. Wer im Netz etwas auf sich halte, schreibe ein Weblog, sagt der Zeitungsblogger. Es sei spannend gewesen, die Leute persönlich zu treffen – rund 20 seien zum Treffen gekommen, das Blog.ch mitorganisiert hat: Andreas, der viel von Technischem, Urs, der viel von Rechtlichem und Kus, der viel von Musikalischem versteht. Der Fahrradblogger sei – wen wunderts – per Velo nach Bern pedalt; der Zugsingenieur auch. Der Permanente Tourist habe hier Halt gemacht. Auch Une Fille du Limmatquai sei eingetrudelt, irgendeinisch auch Irgendeinisch… Der Zeitungsblogger schnappt nach Luft. Es werde Zeit, unterbricht die Kollegin, steht auf und geht.

Das war am Wochenende. Heute bloggt auch sie.