Der Weg des Vorgängers

Webflaneur am Mittwoch, den 26. Juli 2006

Screenshot GPSWandern.de

Der Vater feiert Geburtstag. Die Verwandtschaft hat ihm bereits einen Navigator geschenkt. Der Berner Zeitungsblogger hingegen irrt noch auf Geschenksuche durch die Kaufhäuser. Schliesslich beschliesst er mit seinen Geschwistern: Sie schenken ihrem Vater Koordinaten – einfach so, ohne Kommentar. Diese sollen ihn auf die richtige Fährte locken. Speist er sie ins Navigationsgerät ein, weist es ihm den Weg über Stock und Stein, über Brück’ und Trampelpfad auf einen entlegenen Gipfel – auf der Spur des Vorgängers sozusagen, der die Daten beim Wandern gesammelt hat. Auf diesem Weg geruhen die Geschwister den Vater zu begleiten, im Rucksack zusätzlich noch eine papierene Karte, damit der Weg nicht zur Gratwanderung oder sogar zum Reinfall wird.

Der Zeitungsblogger wird rasch fündig: MySwitzerland.com hat zu einigen Wanderrouten auch gleich die GPS-Daten organisiert. Ganz auf dem Laufenden sind auch das Graubünden und das Wallis. Grössere Routensammlungen für Wandervögel wie für Drahtesler und Fussroller findet der Zeitungsblogger bei GPS-Tracks.com und GPS-Tour.info. Als er ob all der Pfade die Orientierung verliert, verschafft er sich bei Map.search.ch, wo neu Freizeittipps aufs Luftbild projiziert werden, einen Überblick. Schliesslich wählt er einen Pfad aus, scheitert dann aber fast am Sprachenwirrwarr: Jeder Navigator versteht nur seine Sprache. Der Zeitungsblogger muss sich mit GPS-Babel einen Dolmetscher auf den Rechner holen.

Die Koordinaten sind gedruckt. Der Zeitungsblogger ist gespannt, was Vater damit anfangen wird. Unter uns: Statt sie direkt in den Navigator einzuspeisen, könnte er den Atlas auf- und den Startpunkt nachschlagen. Er könnte die Koordinaten dem Trackviewer schicken und sie auf eine Karte übertragen lassen. Oder er könnte die Pro-Version von Google Earth kaufen und sie mit den Daten füttern. Aber verrate die Tricks nicht! Vater muss seinen eigenen Weg finden.

Lass uns gleichzeitig in die Tasten greifen

Webflaneur am Mittwoch, den 12. Juli 2006

Screenshot Ajaxwrite.com

Am Anfang sind beide Feuer und Flamme: Das Thema stimmt, die Aufteilung, die Chemie. Zum ersten Mal freue er sich aufs Schreiben einer Seminararbeit, sagt der Kommilitone. Der Berner Zeitungsblogger pflichtet ihm bei.

Er werde sofort einen Dispositionsentwurf zusammen schustern, sagt der Zeitungsblogger. Er schicke ihm am Abend das Word-Dokument. Kommilitone Informatiker schaut ihn schief an. «Ein Word-Dokument?», fragt er, und ob er die Debatte um Dateiformate denn nicht verfolge. Heute bevorzuge man Standards, die selbst dann noch lesbar sind, wenn ein Programme im Datennirwana verschwunden ist. Selbst Microsoft scheine einzulenken und arbeite nebst am eigenen, offeneren an einem Konvertierungstool ins wirklich freie Format. Verstanden, unterbricht der Zeitungsblogger den Dozierenden, er texte mit Openoffice.org und speichere in dessen ISO-zertifiziertem Format. Er könne auch Abiword nehmen, ergänzt der Kommilitone, das sei ranker und schlanker, oder – eleganter – den Text im Editor tippen und ihn mit Latex oder Docbook-Kommandi formatieren.

Mit dem Unternehmen müsse es zügig voran gehen, fordert Kommilitone Informatiker. «Am besten arbeiten wir schichtweise», schlägt der Zeitungsblogger vor: Er schreibe einen Tag an der Arbeit, überlasse sie ihm für den nächsten. Das sei effizienter als gleichzeitiges Texten, denn beim Zusammführen entstehe meist Buchstabensalat. Der Kommilitone schaut ihn schief an. «Nein, wir arbeiten gleichzeitig», sagt er. «Vor einem PC?», fragt der Zeitungsblogger. «Nein, jeder von zu Hause aus übers Netz», erklärt der Kommilitone – entweder mit Webdiensten wie Writely und Ajaxwrite oder in einem kollaborativen Texteditor wie Gobby, ACE oder Yarrr. «Wie du meinst», sagt nun der Zeitungsblogger. «Du bist der ‹Chief Technical Officer› unseres Unternehmens.»

Eigentlich hätten die beiden ihr Unternehmen in Angriff und die Seminararbeit zügig schreiben können. Doch sie sollten scheitern – nicht an der Computer-, sondern an der Arbeitstechnik.

Tausend Ferienpläne

Webflaneur am Mittwoch, den 28. Juni 2006

Screenshot Travelblog.ch

Hätte alles geklappt, wäre er jetzt mit ihr in den Ferien. Doch dann habe sie gopfriedstutz in letzter Sekunde das Weite gesucht, sagt er und nimmt einen Schluck. Nun hänge er eine lange Ferienwoche lang alleine zuhause vor der Flimmerkiste herum. Dass die Schweiz auch noch aus der WM gefault und die Fussballpartys dem kollektiven Kater gewichen seien, dass das Wetter wieder mal auf Sturm mache und die Aare mit 17 Grad nur haarscharf am Gefrierpunkt vorbei schramme, das passe irgendwie.

Der Mann braucht frische Ideen, denkt der Berner Zeitungsblogger. Und er sagt: Neulich, als er mit Google Earth im Tiefflug über fremde Länder gedüst sei, als er mit Nasa Worldwind den Globus ausgekundschaftet und mit Virtual Earth auf Karten herum gereist sei, neulich als er im Travelblog gelesen habe, was andere anderswo treiben, und bei 43places, wo andere hinwollen, da sei er wieder einmal von Reisefieberschüben geschüttelt worden.

Hätte er plötzlich eine ganze Woche Zeit, packte er den Rucksack und reiste auf die billige Tour, sagt der Zeitungsblogger: Er reservierte sich rasch ein günstiges Click’n’Rail-Ticket. Er sattelte seinen Drahtesel. Er postete sich in allerletzter Minute einen Flug – das schlechte Gewissen beruhigte er mit einem Ablasshandel bei Myclimate. Oder er stoppte bei einer der vielen Mitfahrzentralen ein Auto. Unterwegs logierte er bei Gastgebern, die er im Hospitalityclub oder beim Couchsurfing getroffen hat. In der Fremde schaute er sich dann das an, was Reisende auf Virtualtourist, Wikitravel oder World66 empfehlen – und gäbe dort später den eigenen Senf dazu. Vielleicht wanderte, kletterte oder schwämme er auch mit dem GPS-Gerät dort hin, wo sich Längen- und Breitengrade kreuzen – und dokumentierte seine Expedition auf Confluence. Und ganz beiläufig kartographierte er für Openstreetmap seinen Weg.

Der Zeitungsblogger setzt kurz ab. Sein Gegenüber schaut ihn gelangweilt an. Nein, brummelt dieser nun, er bleibe daheim. Er nimmt einen Schluck. Und dann fragt er, was der Zeitungsblogger eigentlich gemacht habe, als er jüngst unerwartet Ferien nehmen musste. Nun gerät dieser ins Schwimmen. Ehrlich gesagt, gibt er zu: Ferien auf Balkonien…

Das Büro im Hosensack

Webflaneur am Mittwoch, den 14. Juni 2006

Screenshot Portableapps.com

Wenn er eine Reise tut, packt er jeweils das ganze Büro ein. Wenn der Berner Zeitungsblogger seine Reise aber mit dem Velo tut, ärgert er sich über die zwei Kilos, die er sich mit dem Notebook – seinem Büro – aufbürdet. Deshalb schmiedet er neue Pläne. Er will sich ein Büro bauen, klein und leicht wie ein Speicherstift.

Am einfachsten kaufe er sich einen der neuen Speicherstifte mit der U3-Technik, sinniert der Zeitungsblogger. Neulich hat ihm einer so einen vorgeführt: Er hat den Speicherstift in den USB-Stecker eines fremden Windows-Rechners gestöpselt. Und schon poppten auf dem Schirm seine eigenen Programme auf: seine E-Mail-Software, seinen Webbrowser, sein Internettelefon, seine Textverarbeitung. Der Zeitungsblogger war begeistert. Fast hätte er sich einen solchen U3-Stift gekauft. Bloss: Er hat bereits einen normalen. Er richte das Büro besser darauf ein, argumentiert er, und schone sein Budget. Bei Portablefreeware und Portableapps findet er beinahe alles, was er braucht: für Büroarbeiten eine «tragbare» Version von Openoffice.org, fürs Planen den Sunbird oder den Chaos Manager, fürs Surfen den Firefox, fürs E-Mailen den Thunderbird, um sich kurz mitzuteilen Gaim, um zu quasseln Skype und um sich nicht anzustecken Antivir.

Doch dann verwirft er auch diese Idee. Er will nicht nur seine Lieblingsprogramme in den Hosensack stecken, sondern gleich sein ganzes Büro. Er will den Speicherstift anstöpseln, den Rechner starten – und statt mit Windows mit Linux arbeiten. Er will damit nach überlebenden Daten fahnden können, sollte er nach Abstürzen auf Rettungsmissionen berufen werden. Der Zeitungsblogger will also ein Betriebssystem und die wichtigsten Programme auf seinem Speicherstift installieren. Doch seiner ist ein kleiner. Deshalb pröbelt er mit Damn Small Linux und Puppy Linux herum – mit zwei Zusammenstellungen, die inklusive der Programme nur 50 oder 60 Megabytes klein sind. Ein solches Puppenstuben-Büro fällt nicht mehr ins Gewicht, auch wenn einer eine Reise mit dem Velo tut.

Das Handy bleibt am Ball

Webflaneur am Mittwoch, den 31. Mai 2006

Schön diskret: Footiefox

Das erinnere ihn nun sehr an die unsägliche Szene damals im Jahr 1970, sagt sein Spottsfreund. Genau, das Dribbling, der Haken, dann die Schwalbe, die selbst ein Blinder nicht übersehen könne, schwadroniert der Berner Zeitungsblogger: Ja, das sei wie damals im 1970. Sie nicken sich mit ernster Mine zu – und brechen dann in schallendes Gelächter aus. Zwar haben sie sich für den Champions-League-Final vor «Kairos» Flimmerkiste gesetzt. Von Fussball verstehen sie aber wenig. Erst als die hartgesottenen Fans nebenan dicke Hälse kriegen, hören sie mit dem «Fachsimpeln» auf.

Wie er die WM ohne eigenes Fernsehgerät durchzustehen gedenke, fragt der Spottsfreund nun den Zeitungsblogger. Er müsse sich einen Schlachtplan zurechtlegen, sagt dieser – damit er während der WM etwas mitreden könne, in keine Fettnäpfchen trample, sich keine Blösse gebe. Klar, er könnte versuchen per SMS, MMS oder Handy-Videos am Ball zu bleiben – Swisscom Mobile biete WM-Abos zwischen 2 Franken und 24 Franken an, Orange verschenke in einer Promoaktion Filmchen, Sunrise habe ein Bündel mit Video-Handy und Fussball geschnürt. Oder er könnte sich über Swisscoms Sprachportal zur WM informieren lassen. Er könnte auch die kostenlose MMS-Zeitung abonnieren, mit der sich «20 Minuten» gegen «Heute» zu verteidigen versucht. Er könnte sich bei SMS- und MMS-Sportdiensten einschreiben. Er könnte sich WM mobil 2006 auf den Westentaschenrechner laden. Er könnte sich mit Polyglotts WM Guides Reiseführer zu 12 Austragungsorten aufs Handy kopieren, oder gezielt mit Langenscheidts Fussballsprachführer auf hitzige Debatten in Fremdsprachen hin trainieren. Er könnte sich während der WM für 10 Franken ein Abo bei Adsl.tv leisten, um zuhause wie im Geschäft per Internetfernsehen dabei zu sein.

«Doch ich lasse es bleiben», sagt der Zeitungsblogger. Er installiere lediglich ein Zusatzprogrämmchen zum Webbrowser Firefox: Footiefox zeige ihm diskret den aktuellen Spielstand; alternativ könnte er sich Microsofts Football Scoreboard laden, das Resultate und Neuigkeiten direkt auf den Desktop bringt. «Und wenn du einmal nicht online bist?», fragt der Spottsfreund nun. Der Zeitungsblogger grinst. «Dann sitzen wir beide garantiert in einem Restaurant vor einer Flimmerkiste – beim Fachsimpeln.»

Sie machen es in Latex

Webflaneur am Donnerstag, den 18. Mai 2006

Screenshot Lyx

Nun verliert der Zeitungsblogger seine Geduld. «Komm, wir machen es in Latex», schlägt er ihr kühn vor. Die Studentin stutzt. Er errötet. «Latex» sei ein Programmpaket, mit dem Texte gesetzt werden können, schiebt er hurtig nach. Was das für die Arbeit an ihrer Arbeit bringe, fragt sie. «Weniger Probleme als mit der doofen Textverarbeitung», mault er. Nie habe er eine Arbeit abgegeben, ohne fast an der Textverarbeitung gescheitert zu sein. Seit zwei Stunden sitzen sie und er bereits da und formatieren ihre Arbeit. Doch die Software numeriert Überschriften falsch. Die Vorlage bringt Text nicht ins richtige Format. Das Verzeichnis verzeichnet keine Bilder. Woher er «Latex» kenne, fragt die Studentin. Sein Kollege Mathematiker stehe darauf, sagt der Zeitungsblogger. Eine Postautofahrt lang habe dieser vom brillanten Schriftbild geschwärmt und ihm immer wieder eine Formelseite unter die Nase gehalten. Bei Mathematikern und Naturwissenschaftlern sei «Latex» beliebt, weil damit Formeln und Formate effizient eingegeben werden können – mit Befehlen wie in einer Programmiersprache: Man weise etwa einem Abschnitt einen Stil zu. Daraus gestalte die kostenlose Software dann automatisch ein hübsches Dokument. «Komm», sagt die Studentin und grinst, «wir machen es in Latex». «Nicht so stürmisch», wiegelt der Zeitungsblogger ab. Er müsse sich zuerst zeigen lassen, wie man so etwas überhaupt mache.

Klar, Latex eigne sich auch für Texte ohne Formeln, sagt der Mathematiker. Er setzt sich vor den Rechner und startet einen Texteditor. «title{Mein Opus}», tippt er rasantem Tempo, «author{Zeitungsblogger}», «begin{document}». Dann schreibt er einen Text. Vor und nach Kapiteln und Titeln, vor und nach Listen und Zitaten fügt er Steuerbefehle ein. Schliesslich speichert und kompliliert er den Textcode. Der Berner Zeitungsblogger staunt: Aus dem eilig hingetippten Code ist ein hübsch gestaltetes Dokument geworden – mit richtig numerierten Überschriften, mit Seitenzahlen, mit einem automatisch generierten Inhaltsverzeichnis.

Nun macht sich der Zeitungsblogger selbst ans Werk. Er lädt das «Latex»-Programmpaket herunter, installiert es. Er experimentiert mit Filtern, die Texte in dieses Format umwandeln. Und da er lieber schreibt als codet, installiert er Lyx. In dem Editor schreibt er «Latex»-Texte fast wie in einer Textverarbeitung – ohne Kommandos auswändig lernen zu müssen. Dann überarbeitet er die Arbeit der Studentin. Sie ist begeistert vom brillanten Schriftbild. Und sie verspricht: Das nächste Mal mache sie es ganz in «Latex».

Spannender Wettkampf

Webflaneur am Mittwoch, den 3. Mai 2006

Screenshot Swissblogawards.ch

«Vergiss es», hat der Berner Zeitungsblogger geraten. Man könne schliesslich auch nicht sagen, wer besser Tagebuch führe. Weblogs seien so unterschiedlich wie ihre Autoren. Die einen bloggten über sich, die anderen spezialisierten sich auf ein Thema. Die einen rapportierten, die anderen kommentierten. Die einen zeigten verwackelte Schnappschüsse, die anderen verfassten geistreiche Abhandlungen. Klar: Einige Blogger schrieben stilsicher, andere kämpften mit Kommas. Einige hätten intelligente Ideen, andere sonderten Sonderbares ab. Einige texteten täglich, andere schrieben sporadisch. «Doch reicht dies für eine Bewertung?»

Geduldig liess der Mitorganisator der Swiss Blog Awards den Wortschwall über sich ergehen. Dann hat er gekontert: Der Wettbewerb sei eine Spielerei, wie es in der Blogosphäre viele gebe, hat er gesagt, ein Vehikel, um die Blogger hinter den Bildschirmen hervor an ein gemeinsames Fest zu locken und nebenbei eine medienwirksame Art, Weblogs bekannter zu machen. Es gebe keine Jury, die nach irgend welchen künstlichen Kriterien bestimme, was ein guter Blog sei. Das Publikum wähle einfach seine Lieblingsblogs. So hat der Organisator argumentiert. Und so hat er den Zeitungsblogger überzeugt.

Nun sind die Kandidaten nominiert; am Freitag werden an einer öffentlichen Veranstaltung im Volkshaus Biel die Swiss Blog Awards verliehen. Bei den «Rookies», den Neueinsteigern, tritt KV-Lehrling Claudio Schwarz gegen Fredy Künzler, Geschäftsführer eines Providers an, sowie gegen den 17-jährigen Informatiklehrling Morphi, die Pendlerblogger und den Webdesigner Roman Hospenthal. Der Artcast Basel misst sich im Bereich Multimedia mit Bkanal, mit Mimis Blog, mit Scanblog sowie Starfrosch aus Bern. Der «beste Blog» ist jener des surfenden Tom, des kommentierenden Künzlers, einer hierzulande hausenden Britin, des umtriebigen Berners Leu oder der Politikkommentatoren Feuillet und Semmler.

Der Zeitungsblogger ist gespannt: Boykottieren die Welschen, weil sie in der Nominierungsphase zu wenige Stimmen gekriegt haben? Gewinnt der Beste oder der Umtriebigste? Gelingt es Leu, eine Listenverbindung anzuzetteln? Und wie kontern die anderen? Wer karrt seine Fangemeinde gleich im gecharterten Car an? Und kriegt der Zeitungsblogger trotz allem noch ein T-Shirt von Leu?

«Mein Internet»

Webflaneur am Mittwoch, den 19. April 2006

Screenshot Writely.com

Sie brauche Hilfe, sagt sie ihm: «Mein Internet ist kaputt». Sie könne keine Mails mehr verschicken. Sie könne nicht mehr surfen. Und überhaupt: Diese blöde Kiste mache nicht, was sie wolle, sagt sie, und sie wäre sehr dankbar, wenn er sich darum kümmern könnte. Der Berner Zeitungsblogger kümmert sich zuerst um sie. «Du hast gar kein Internet», sagt er. «Klar habe ich eines», ruft sie aus. «Nein», doziert er altklug, «du hast einen Internetzugang; das Netz der Netze jedoch gehört dir nicht.» Das sei Wortklauberei, pariert sie genervt. «Déformation Professionelle», entschuldigt sich der Zeitungsblogger, während er sich durch die Netzwerk-Einstellungen klickt.

Das Problem ist rasch behoben. Sie glaubt sich noch etwas mit ihm unterhalten zu müssen, ringt nach Themen und erkundigt sich schliesslich nach «Trends aus dem Internet». «Ajax», sagt der Zeitungsblogger. «Das Waschmittel?», fragt sie. Die eingängige Abkürzung stehe für Asynchronous Javascript and XML, sagt er. «Zu kompliziert», wimmelt sie ab. «Stimmt», sagt er. Aber er werde ihr zeigen, zu was das tauge. Der Zeitungsblogger surft zu Ajaxlaunch.com. Ein Klick auf Ajax Write – und sein Webbrowser verwandelt sich in ein Textverarbeitungsprogramm. Er schreibt, formatiert und speichert. «Damit brauche ich kein Schreibprogramm mehr», sagt sie. «Doch, derzeit schon noch», sagt der Zeitungsblogger – obwohl Michael Robertson, der Gründer von MP3.com und ehemals Geschäftsführer von Linspire, bereits «Bye Bye Microsoft Word, Hello Ajax Write» in die Welt hinaus posaunt hat. Mit Ajax XLS habe Robertson auch eine einfache Tabellenkalkulation, mit Ajax Sketch ein Zeichnungsprogramm, mit Eye Spot einen simplen Videomixer und mit Ajax Tunes einen Musikplayer online gestellt. Andere arbeiteten an Ähnlichem: Auch bei Writely.com, kürzlich von Google aufgekauft, könne online getextet werden – sogar von mehreren Autoren gemeinsam. Eben gerade habe Google auch eine Agenda aufgeschaltet, die wohl Microsofts Outlook Konkurrenz machen soll.

«Ich muss keine neuen Programme mehr auf meiner Kiste installieren?», fragt sie. Zumindest einige könnten in Zukunft auf einem Zentralrechner laufen, sagt der Zeitungsblogger. Sie grinst und sagt: «Bloss – was soll ich dann machen, wenn ‹mein Internet› kaputt ist?»

Rendez-vous im Netz?

Webflaneur am Mittwoch, den 5. April 2006

Swissflirt.ch

Spät in der Nacht an einer Party: Nein, sagte sie, niemals würde sie sich in einer Partnerbörse einschreiben, niemals. «Warum nicht?», fragte der Berner Zeitungsblogger. Die Verweigerin antwortete ausschweifend. Kurz zusammengefasst: Die Partnerbörsen seien ineffizient, sagte sie: Stundenlang schreibe man E-Mails, dabei erledigte sich die Chose an einem Treffen in Augenblicken. Sie seien teuer: Die Betreiber zockten hemmungslos ab. Und überhaupt: Anbandeln im Netz sei unsexy.

Als sie irgendwann Luft schnappte, gelang dem Zeitungsblogger der Konter: Für viele Suchende seien die Portale sehr wohl effizient, sagte er, nicht jeder und jede könne und wolle nächtelang an Partys herumhängen. Und sie böten die Chance, Leute auf andere Art kennen zu lernen: Das Aussehen und Auftreten stehe dabei nicht an erster Stelle.

Die Verweigerin und der Zeitungsblogger hätten noch lange diskutiert, hätte der Gastgeber nicht die Lichter gelöscht. Vergiss deine Streifzüge durchs Nachtleben, hätte der Zeitungsblogger ihr gesagt, mache es dir mit dem Rechner auf dem Sofa gemütlich: Die Erfolgsaussicht im Netz liege laut einer Schweizer Studie bei 23 Prozent – weitaus höher als jene in der Disco. Offenbar floriere das Geschäft mit den Suchenden, hätte er nachgedoppelt: In der Schweiz gebe es laut einem Singleboersenvergleich über 500 Portale – von Datingpoint, Elitepartner und Friendscout24 über iLove, Meetic und Match bis zu Neu, Partnerwinner und Swissfriends.

Gesagt hat er es nicht. Der Gastgeber hat ihn vorher rausgeworfen. Egal, die Liebesmüh hätte nichts mehr gefruchtet, wie der Zeitungsblogger eben gerade feststellt: Er klickt sich, aus rein beruflichen Gründen, durch Annoncen auf Swissflirt – einem der wenigen Portale, wo er kein Abo lösen muss. Die E-Mail an die Frau, deren Annonce er nun entdeckt, ist ihm den Preis von 70 Rappen wert: Es ist unverkennbar die Partnerplattform-Verweigerin.

Zurück an die Schule

Webflaneur am Mittwoch, den 22. März 2006

Klassenfreunde.ch

Aha, Ka ist schon da. Als der Berner Zeitungsblogger eintrudelt, lungert sie bereits herum und wartet auf Klassenkollegen. Das erstaunt ihn etwas, denn in solchen Dingen ist er meist der Schnellste: Er schreibt sich zügig ein, wenn es im Netz praktisches Neues gibt. Ka ist also schon da, als er zum ersten Mal auf Klassenfreunde.ch vorbeischaut. Er freut sich und schreibt munter drauflos: «Ha Ka, du kriegst Gesellschaft. Wetten, dass es hier bald von alten Gspändli nur so wimmelt?» Sie aber will offenbar nicht wetten: «Das wäre toll, ich habe nämlich fast keine E-Mail-Adressen alter Schulkollegen.» Er: «Wofür brauchst du die?» Sie: «Das macht die Einladung zur Klassenzusammenkunft einfacher.» Er: «Offenbar wird das Einladen immer komplizierter – insbesondere, seit einige nicht mehr heissen, wie sie hiessen…»

Zugegeben: Wirklich innovativ ist Klassenfreunde.ch nicht. Ähnliches hat wohl manch ein OK manch einer Klassenzusammenkunft schon ausgeheckt. Im Ausland gibts diverse ähnliche Sites: Klassentreffen in Österreich etwa, Schulfreundfinder, Stayfriends und Passado in Deutschland. Und allüberall werden soziale Netze geknüpft: bei Friendster und Meine Freunde, bei Orkut und Yahoo 360º oder bei My Space und Friend of a Friend. Auch wenn es nicht jedermanns Sache ist, Persönliches ins Netz zu stellen – spannend sei Klassenfreunde.ch allemal, findet der Zeitungsblogger.

Brienzer ist auch schon da. Ach, wie gemütlich es war, sinniert der Zeitungsblogger, damals an der Mittelschule, als sie sich nach dem Essen jeweils im Internatszimmer fläzten – und darauf warteten, dass «Tschutschu», die kleine Kaffeemaschine, sie zischend und schnaubend wieder in Fahrt bringen würde. «Wieder einmal ein Mittagessen?», fragt der Zeitungsblogger nun. Beim Mittagessen wird er sich dann spöttelnd nach der nachgeführten Klassenliste erkundigen, und Brienzer wird kontern, dass die Kollegen ihm ihre Adressänderungen nicht wie vereinbart gemeldet hätten. Deshalb rührt der Berner Zeitungsblogger bereits heute kräftig die Werbetrommel: «Wirf den Rechner an, liebes Klassengspändli», tippt er, «und schreib dich an unserer Schule nochmals ein».