Blauer Abend im Krankenbett

Webflaneur am Mittwoch, den 13. Februar 2008

Sie war zu stark für ihn: Ein kurzes Gefecht – schon hatte sie seine Abwehrkräfte übermannt. Dann hat sie ihn flachgelegt. Und da liegt der Webflaneur nun mit seiner Erkältung. Der Kopf schmerzt. Tief und dunkel hängen die Tränensäcke. Die Nase läuft. Wie er so im Bett liegt mit seiner Erkältung, kommt sie herein und bringt einen Krug Tee. Sie schüttelt den Kopf. Nein, aus dem Kinobesuch werde nichts, sagt sie. Schade, sie habe sich darauf gefreut. Der Webflaneur schnäuzt sich.

«Wie wärs mit Heimkino auf dem Laptop?», fragt sie nun. Sie habe gerade gelesen, dass Apple eine Online-Videothek eröffnet habe. «Erst in den Staaten», wiegelt der Webflaneur mit heiserer Stimme ab. «Schade», sagt sie. «Es gibt auch andere Anbieter», sagt er. «Willst du einen Film aussuchen?» Sie nickt, eilt davon und kommt mit seinem Notebook zurück. Nein, sagt er, er brauche ihre Windows-Maschine, denn fast alle Verleiher lieferten Filme mit rigorosen Kopiersperren, die nur mit dem Media Player abgespielt werden könnten. «Kein Problem», sagt sie, eilt erneut davon, kommt  mit ihrem Notebook zurück und schlüpft unter die Bettdecke.

Zuerst schauen sie bei Pactevod.sf.tv vorbei, wo das Schweizer Fernsehen einheimische Filme verkauft. «Wie wäre es mit ‹Achtung, fertig, Charlie› für 24 Stunden zu 6 Franken?», fragt der Webflaneur. «Bist du krank?», fragt sie. Sie besuchen One4movie.de. Sie gucken sich Anixehd.tv und One4dvd.de an, wo Filme sowohl für 24 Stunden gemietet wie auch dauerhaft gekauft werden können, einige davon sogar in hoher Auflösung. Schliesslich entscheiden sie sich für In2movies.ch. Sie installieren das etwas sperrige Programm ab der Website, klicken sich durch die Beschreibungen einiger der 2200 Filme und TV-Episoden im Shop. Es springt ihnen gerade nichts ins Auge. Die meisten Filme kosten Fr. 10.95 oder Fr. 19.95; bloss wenige lassen sich für Fr. 4.95 einen Tag lang mieten. Zwanzig Franken sei viel Geld für einen billigen Streifen, sagt der Webflaneur. Elf Franken für dieses Opus finde sie hingegen voll in Ordnung, sagt sie und deutet auf einen Filmtitel. Und so kaufen sie schliesslich Kieslowskis Film «Bleu» mit Juliette Binoche. Und der passt irgendwie gut zu diesem Abend im Krankenbett.

Der Harem

Webflaneur am Mittwoch, den 30. Januar 2008

Er habe nun 17 Freundinnen, frohlockt der Webflaneur. Sie schaut etwas verdutzt auf. «Was?», fragt sie. Er habe 17 Online-Freundinnen, präzisiert er. «Aufschneider», kanzelt sie ihn ab. Sie tut, als läse sie weiter. Offenbar wurmt es sie aber doch. Einige Minuten später steht sie hinter ihm vor dem Computer und fragt: «Und – wo ist dein Harem?»

Nein, einen Harem habe er nicht, stellt der Webflaneur klar. «In sozialen Netzwerken ist Hinz und Kunz Freund und Freundin.» Was soziale Netzwerke seien, fragt sie. Das seien Webplattformen, auf denen die Nutzer sich präsentierten – und andere zu ihren Freunden machten, versucht er zu erklären.  «Schau her!» Er zeigt ihr sein Profil bei StudiVZ, demonstriert, wie man nach Unibekanntschaften sucht und sie zu «Freunden» macht. Und er demonstriert einige der vielen Spielereien auf Facebook. Dies seien nur zwei der meistgenutzten Plattformen, sagt er. Es gebe viele andere. Zudem: In diversen Softwareschmieden werde an neuen Netzen gearbeitet, und mit Ning könne man relativ einfach eigene erstellen. «Wer benutzt all das?», fragt sie. «Erstaunlich viele», sagt er. Er habe jedenfalls viele alte Bekannte getroffen.

«Demnächst beginnt ein harter Kampf zwischen Facebook und StudiVZ», prophezeit der Webflaneur. Facebook habe zwar weitaus mehr Nutzer, liege aber hier zu Lande hinter dem deutschsprachigen Klon StudiVZ zurück. Für den März habe Facebook nun aber eine deutschsprachige Oberfläche angekündigt. Die StudiVZ-Macher rüsteten sich derweil für die Schlacht: Sie konzentrierten ihre Kräfte – nach einem erfolglosen Kreuzzug in internationalen Gefilden – im deutschsprachigen Stammland. Um dort die Stellung halten zu können, überarbeiteten sie die Plattform komplett und öffneten sie für externe Programmierer.  Zudem planten sie ein Angebot für diejenigen, die an keiner Uni eingeschrieben sind. Sie fragt nach dem Datenschutz. «Ein berechtigter Vorbehalt», sagt der Webflaneur. Er erzählt, wie diverse grosse Anbieter die gesammelten Daten vermarkten wollten, dann aber unter dem Druck der Nutzer klein beigeben mussten.

«Eine skurrile Welt», sagt sie. Und während sie unter die Bettdecke schlüpft, um noch einige Seiten zu lesen, fügt sie an: «Ich überlasse dich nun wieder meinen Nebenbuhlerinnen.»

Fortsetzungen für Fans

Webflaneur am Mittwoch, den 16. Januar 2008

Sie sei voll auf dem Aff gewesen, sagt sie. Und dann setzt sie zur Tirade auf die «Dilettanten von Hollywood» an: Sie wettert über die «knausrigen Studios» und die «geldgierigen Drehbuchautoren». Selbst den Schauspielern liest sie gehörig die Leviten: peinlich, dass diese «aus Pseudosolidarität mit den streikenden Schreiberlingen» die Golden-Globes-Preisverleihung zur halbstündigen Medienkonferenz verkümmern liessen. «Ein Trauerspiel war es», ruft sie, «ein Trauerspiel!»

Sie scheine tatsächlich etwas auf dem Aff zu sein, sagt der Webflaneur zaghaft. «Ich war es», präzisiert sie. Zu Beginn habe ihr die Fortsetzung ihrer Lieblingsfernsehserie gefehlt. «Es war ein kalter Entzug.» Die ersten Wochen des US-Autorenstreiks habe sie mit Wiederholungen zu überbrücken versucht. Als dann aber Wiederholungen der Wiederholungen anstanden, habe sie gehandelt: Sie habe dem Fernseher den Stecker gezogen – und mit Lesen begonnen. Sie lese nun Fanfiction.

«Fanfiction?», fragt der Webflaneur. Dabei handle es sich um von Fans geschriebene Fortsetzungen, erklärt sie. «Du vertrödelst deine Zeit mit Ergüssen von Amateurliteraten?», fragt der Webflaneur erstaunt. «Nicht jeder Fan ist ein grosser Schriftsteller», räumt sie ein. Viele Storys seien schlecht erzählt, einige peinlich, primitiv, pornografisch. «Aber ab und zu findet man echte Perlen.»

Wo er denn solche Geschichten finde, will der Webflaneur wissen. Es gebe viele Fanfiction-Archive, sagt sie. Fanfiction.net sei das wohl grösste. Darin finde man neue Soap-Episoden ebenso wie Fortsetzungen zu Romanen, zu Comics, Animationsfilmen und Games. Wenn er lieber auf Deutsch lese, solle er es bei Fanfiktion.de oder Fanficparadies.de probieren. Einige Websites seien einem bestimmten Werk gewidmet: So finde er auf Portkey.org und  Fictionalley.org etwa alles zu Harry Potter. Und zur Qualität: Bei Archiven wie Checkmated.com würden Geschichten von «Beta-Lesern» testgelesen. Weitere Links, so sagt sie, finde er im Fanfictiondirectory.net. Übrigens: Damit er nicht jede Website einzeln abklappern müsse, benutze er am besten ein Programm: etwa den Fanfiction Downloader oder Download-Story.

Noch am selben Abend klickt sich der Webflaneur durch die Archive. Doch trotz ihrer Begeisterung und seiner Bemühungen: Fanliteratur bleibt für ihn ein Buch mit sieben Siegeln.

Geschenke tauschen

Webflaneur am Mittwoch, den 19. Dezember 2007

Screenshot Exsila.ch 

Es ist spät am Heiligen Abend. Eine Kerze nach der anderen glimmt ein letztes Mal auf, verlöscht. Der Teppich ist übersät mit Geschenkpapier. Der Webflaneur steht, eine CD in der Hand, vor der Tanne, blickt ins erwartungsvolle Gesicht des Gegenübers. Die Dissonanz der Blockflöten habe genügt, denkt er. Er lasse sich besser nicht über die erhaltene CD aus. «Thank You for the Music», trällert er sodann  – in der Hoffnung, sich mit dem überraschend vorgetragenen Musikzitat aus der misslichen Lage retten zu können. Es gelingt. Das Gegenüber strahlt.

«Eine schöne Bescherung!», wettert der Webflaneur tags darauf im Kollegenkreis. Der Spieler doppelt nach: Er bezweifle, ob seine Konsole die Games, die er gestern erhalten habe, überhaupt fresse. Und die Leseratte klaubt ein Buch aus ihrer Tasche. Bei diesem Autor holpere bereits der Klappentext, polemisiert sie. Bloss der Vierte im Bunde scheint zufrieden zu sein. Was er zu Weihnachten geschenkt erhalten habe, will der Webflaneur wissen. «Unter anderem eine DVD, die ich schon habe», antwortet der Filmfan. Tragisch sei das nicht. Er tausche sie einfach um. «Ohne Kassenzettel?», fragt die Leseratte. Er bringe Filme, Games, CDs und Bücher nicht ins Geschäft zurück, sondern tausche sie gegen Passenderes ein, sagt er – auf Websites wie Exsila, Homepaq und Dertausch oder alternativ bei den weniger bevölkerten Tradefarm und Book2book.

Wie dieser Tausch funktioniere, will die Leseratte wissen. «Ist auf deinem Buch ein Strichcode aufgedruckt?», fragt der Filmfan. Er nimmt das Notebook aus der Tasche, startet es auf, wählt sich in der Tauschbörse ein. Er tippt die Nummer ein, die unter dem Strichcode des Buches aufgedruckt ist, fragt bald darauf, wie viel das Werk denn kosten soll, übernimmt den Preis. «In wenigen Tagen ist das Buch weg», prophezeit er. Für das «getauschte» Buch kriege er Punkte gutgeschrieben. Und mit diesen dürfe sie dann ein anderes eintauschen. Den halben Weihnachtstag lang klicken sich die vier durchs Tauschangebot. Und in Zukunft werden sie selbst für die unpassendsten Geschenke aufrichtig bedanken.

Einfacher lesen

Webflaneur am Mittwoch, den 5. Dezember 2007

Der Webflaneur sitzt zu Hause und liest. Wie fast jeden Tag durchkämmt er auch heute eine lange Liste mit Websites. Er informiert sich in Onlinezeitungen und Nachrichtentickern, schmökert in Blogs, verfolgt Diskussionen in Foren. Müsste er jede Website einzeln ansurfen, bräuchte er einen halben Tag dafür. Rssowl – oder einer der vielen anderen so genannten Feed-Reader – hilft ihm Zeit zu sparen: Das Programm sammelt auf abonnierten Portalen, Blogs und Foren alles Neue zusammen und stellt es übersichtlich dar – ähnlich wie ein E-Mail-Programm die digitale Post. So sieht der Webflaneur auf einen Klick, was er lesen muss.

Der Webflaneur wühlt sich durch die Nachrichten des Tages. Die Firma Google habe dem Reader eine neue Funktion spendiert, liest er in einer Meldung. Der Dienst empfehle den Nutzern nun auf Wunsch andere Nachrichtenkanäle mit ähnlichen Themen. Dazu vergleiche Google das Abonnierte mit der Selektion anderer Nutzer. Wird etwa Heises Technikticker abonniert, schlägt der Dienst zusätzlich jenen der «Netzwelt» und des «PC-Tipp» vor. Zudem könne der Reader, so liest der Webflaneur weiter, auch anhand der Liste der besuchten Seiten herausfinden, was den Nutzer interessieren dürfte.

Eine spannende Funktion, urteilt der Webflaneur; dies kann sein Feed-Reader-Programm bislang nicht. Soll er deshalb zu einem Onlineaggregator wechseln?, fragt er sich – sei es zum besagten von Google oder allenfalls zu einer Alternative: zum Klassiker Bloglines etwa (Update: nicht mehr aktiv. Eine Liste mit Alternativen ist hier zu finden), zu Live von Microsoft, zu jenem von Yahoo, zu Netvibes oder zu Pageflakes. Er könnte, so sinniert der Webflaneur weiter, auch einen eigenen Aggregator auf seinem gemieteten Zentralrechner installieren. Mit Gregarius, Lilina und Tiny Tiny RSS hat er auch schon die passende Software dazu gefunden. Doch die Installation ist ihm zu aufwändig.

Nein, zu Google wechsle er nicht, beschliesst der Webflaneur schliesslich. Die Firma horte bereits einige seiner E-Mails, Dokumente und Termine und speichere zudem die Lesezeichen seines Webbrowsers. Das reiche. Google brauche nicht auch noch zu wissen, was er gerne lese – und auch keiner der anderen Aggregatoren. Deshalb bleibt der Webflaneur seinem guten alten Feed-Reader-Programm treu. Und er klickt sich zur nächsten Meldung.

Tomtom lernt Neues

Webflaneur am Mittwoch, den 21. November 2007

Der Webflaneur ist am Ziel. Er hat den beschwerlichen, mit Enttäuschungen gepflasterten Weg gemeistert. Auf diesem hat ihm stets die Angst im Nacken gesessen,  in einer Sackgasse stecken zu bleiben.  Nun hat er es geschafft. Er hält inne, zeichnet den Weg in Gedanken nochmals nach.

Der Ausgangspunkt war eine spitze Bemerkung: Er schreibe «dauernd über diese GPS-Sachen», hat der stolze Besitzer eines Navigationsgeräts gesagt. «Karten zeichnen, Schnappschüsse darauf platzieren, Schätze suchen?», hat der Webflaneur gefragt. «Das funktioniert alles nicht», monierte der Gesprächspartner, «nicht mit meinem Navigationsgerät». «Tomtom?»,  fragte der Webflaneur. Diese Geräte hätten eine schön aufgeräumte Programmoberfläche, lobte er. Dafür böten sie – wie andere Strassennavigatoren auch – bloss wenige Funktionen. So könnten etwa keine längeren Wege gespeichert werden. Und es liessen sich keine Routen aufs Gerät laden, denen man nachfahren kann. Erst in aktuellen Geräten und durch Programm-Aktualisierungen kämen weitere Funktionen hinzu, eben gerade etwa die Möglichkeit, fehlerhafte Karten zu korrigieren. 

«Vermutlich gibts aber andere Wege, um Tomtom Neues beizubringen», hat der Webflaneur gesagt und sich das Gerät geborgt. Er hat sich auf die Suche gemacht. Zuerst ist er auf den Tripmaster gestossen, der Wege aufzeichnen und Zusatzinfos einblenden kann. Doch dieses Programm beschäftigte das rechenfaule Tomtom so stark, dass dieses auf halbem Weg kollabiert ist. Der Webflaneur musste es längere Zeit hätscheln, bis es wieder zum Laufen zu bringen war. Er hat es daraufhin mit dem Fahrtenschreiber Nmealogger probiert, geschrieben vom selben Programmierer. Doch dieser hat sich schlecht mit Tomtoms Monitor vertragen. Für Basteleien mit Opentom wiederum fehlte dem Webflaneur die Zeit. Gerade als er auf- und das Tomtom zurückgeben wollte, ist er über den Eventlogger gestolpert. Dieses Mal hat es geklappt: Auf der Testfahrt hat das Programm alle paar Sekunden die Koordinaten protokolliert. Der Webflaneur ist damit am Ziel. Und das Tomtom ist wieder unterwegs mit seinem Besitzer, dem noch stolzeren.

Das persönliche Radio

Webflaneur am Mittwoch, den 7. November 2007

Screenshot Drs4news.ch

Zum Frühstück stellt er sich sein Notebook auf den Tisch. Während der Webflaneur an diesem Montagmorgen das Brot von gestern kaut, hört er sich das Radio von heute an: den neuen Nachrichtenkanal DRS4-News, der seit wenigen Stunden «on air» beziehungsweise auf dem Kabel ist. Da der Webflaneur weder Abonnent eines Radiokabelnetzes noch Besitzer eines Digitalradios ist – ein solches gedenkt er frühstens im Frühjahr zu kaufen, sobald es Empfänger für DAB+ gibt –, hört er halt online. Nach Brot, Käse und Kaffee, Nachrichten, Interview und einem Kurzbeitrag urteilt er: ein guter Start, liebe Radiomacher.

Einige Stunden später beim Feierabendtrunk: «DRS4 ist, was ich mir schon immer gewünscht habe», schwärmt der Besucher vis-à-vis am Tisch. Er wolle News und Expertengespräche statt seichter Musik und dümmlicher Telefonquiz – rund um die Uhr, wann immer er den Empfänger einschalte. «Das ist das Radio von morgen.»

Der Webflaneur schüttelt den Kopf. Der Sender habe zwar – trotz für DRS-Dimensionen kleinem Budget und grosser Zeitnot – einen guten Start hingelegt. «Besonders innovativ ist ein Beiträgerecycling-Kanal aber nicht», sagt er. Das Radio der Zukunft stelle er sich anders vor. «Wie denn?», hakt der Besucher nach. «Es ist personalisierbar und individuell abrufbar», antwortet der Webflaneur. «Das Radio der Zukunft basiert auf dem Prinzip der Podcasts.» Das wisse man natürlich auch bei DRS. Und deshalb seien mit DRS4 auch neue Podcast-Kanäle entstanden. Damit könne er genau jene Inhalte abonnieren, die er sich anhören wolle. Nach dem «Echo der Zeit» von Radio DRS folge in seinem persönlichen Radioprogramm derzeit etwa «All Things Considered» des National Public Radio aus den USA. Die BBC steuere «From our Correspondent» und «On the Media» bei. Von Radio France komme «Affaires à suivre», von der Deutschen Welle die Reportage.

«Wie aber kommt das Programm vom Computer auf die Stereoanlage?», fragt der Besucher vis-à-vis. «Drahtlos», sagt der Webflaneur. Etwas kleinlaut fügt er an, dass dies bei ihm derzeit noch gerade nicht klappe. Nun schüttelt der Besucher den Kopf und sagt: «Nun tische mir zum Frühstück aber nicht auch noch einen PC auf.»

Der gute Ruf

Webflaneur am Mittwoch, den 24. Oktober 2007

Screenshot Myonid.de

«Es ist liederlich, wie wir mit unseren privaten Daten umgehen», sagt einer am Bloggertreffen – halb nachdenklich, halb amüsiert. «Wir entblössen uns erst noch freiwillig», ergänzt ein anderer. Und ein Dritter fügt an: «Verlangte jemand nach all diesen Daten, ich gäbe sie nicht preis.»

Die Anwesenden geben sich tatsächlich nicht eben zugeknöpft: In den Weblogs plaudern sie aus ihren Leben. Ihre Schnappschüsse veröffentlichen sie etwa bei Flickr, ihre Clips bei Youtube. Sie tickern mit Twitter durchs Netz, was sie gerade treiben. Sie präsentieren sich bei Facebook, Studivz.ch, Myspace, Xing und Co. – und ihre Freunde gleich dazu. Ihr Soundtrack läuft bei Last.fm. Wo man sie abends antrifft, steht im Ausgehkalender Upcoming. Worüber sie diskutieren, trägt Cocomment zusammen. Und irgendwo liegen garantiert noch alte Foren-Einträge und Homepages herum. Das alles könne zu einem umfassenden Profil verknüpft werden, sagt der Webflaneur. Zoominfo etwa mache dies: Die Firma trage für potenzielle neue Chefs Informationen zu den Stellenbewerbern zusammen. «Das ist die dunkle Seite der schönen neuen Mitmachwelt des Web 2.0», kommentiert er. «Was einmal im Netz steht, lässt sich oft nicht mehr entfernen.» Der eine Blogger zuckt mit den Schultern. Mit Myonid könne man Fundstücke – selbst verschuldete wie von anderen produzierte – per Kommentar zumindest wieder etwas ins rechte Licht rücken, sagt er.

Wieder zu Hause: Der Webflaneur wirft die Personensuchmaschinen Wink und Spock an. Er googlet sich. Dann atmet er auf. Er glaubt sich für kein Fundstück rechtfertigen zu müssen. Das Netz ist frei von seinen Sünden. Oder?

Der Kulturreport

Webflaneur am Freitag, den 12. Oktober 2007

Screenshot Dailymotion.com 

Er scheint sich für einen grossen Reporter zu halten. Während vorne auf der Bühne der berühmte Schlagzeuger trommelt, fotografiert und filmt der Konzertbesucher, der in der Reihe vor dem Webflaneur sitzt, ununterbrochen. Der Webflaneur schüttelt den Kopf, denn eigentlich ist Filmen und Fotografieren an diesem Konzert explizit verboten. Noch in derselben Nacht werden die Bilder dann wohl auf Flickr.com, die Videos bei Youtube.com oder auf ähnlichen Plattformen zu sehen sein – oder vielleicht sogar in einem der ersten Kulturberichte auf der neuen Amateurnachrichten-Website Plebstv.com.

So sinniert der Webflaneur, während ihm aus der vorderen Reihe der Monitor der Kamera entgegenleuchtet. Als es von Mitte Balkon plötzlich blitzt, links hinter ihm im Parterre eine Kamera klickt und eine Frau rechts in der Reihe vor ihm das Handy zückt, um mitten im schaurig-schönen Sopransaxsolo mit lautem Klicken zwei Fotos zu knipsen, droht dem Webflaneur der Geduldsfaden zu reissen. Allzu gerne hätte er den Leuten die Leviten gelesen. Hört mit dem Knipsen auf! Dort vorne spielt einer der besten Schlagzeuger, begleitet von talentierten Musikern. Geniesst es! Überlasst die Berichterstattung den Profis! Oder akkreditiert euch, wie jeder andere Journalist auch – wenn ihr könnt! Doch der Webflaneur schluckt seinen Ärger herunter. Er schaut geflissentlich über die im Dunkeln glimmenden Monitore hinweg dem Schlagzeuger beim Spielen zu.

Zwei Tage später surft der Webflaneur dem Konzert des kleinen grossen Schlagzeugers nach. Er entdeckt einige Blog-Einträge mit Konzertkritiken, ohne selbst geschossene Bilder. Auf einer Videoplattform findet er schliesslich ein kurzes Wackelvideo vom Konzert. Online gestellt hat es eine Frau. Der Typ in der Reihe vor dem Webflaneur hingegen scheint fürs eigene Album geknipst und gefilmt zu haben. Dieser Egoist!

Happy Birthday :-)

Webflaneur am Mittwoch, den 26. September 2007
Am Anfang stand ein Witz. Einige Informatiker der Carnegie Mellon University in Pittsburgh machten sich vor 25 Jahren auf einem Schwarzen Brett im Computernetzwerk über die Kollegen Physiker und deren abstruse Experimente lustig – etwas zu verklausuliert, als dass der Webflaneur alles nacherzählen könnte. Und offenbar selbst zu verklausuliert für einige Kollegen: Diese nahmen die Satire ernst. Das Missverständnis führte zu einer profunden Debatte über die Kennzeichnung ironisch gemeinter Bemerkungen in elektronischen Texten.
Die ersten Ideen waren pragmatisch: Einige Diskussionsteilnehmer wollten satirische Aussagen in der Betreffzeile markieren – gute Witze mit einem *, schlechte mit dem %-Zeichen. Ist ein Witz so schlecht, dass er wieder gut ist, könne er mit *% gekennzeichnet werden, schlug einer – augenzwinkernd? – vor. Ein anderer bevorzugte das Zeichen &, das aussehe wie ein dicker Mann, der sich vor Lachen krümmt. Einer votierte für #: Eine «detaillierte (also kürzer als eine Minute dauernde) Studie über die piktographischen Wirkungen der Schriftzeichen» habe ergeben, dass die Raute an Zähne zwischen lachenden Lippen gemahne. So wogte die Debatte hin und her, bis ihr Scott Fahlman mit einem lakonischen Beitrag ein Ende setzte: «Ich schlage die folgende Zeichensequenz als Witz-Symbol vor: :-). Lest sie seitwärts.» Als Seitenhieb auf die lange Debatte fügte er an: «Es wäre angesichts des aktuellen Trends ökonomischer, ernst gemeinte Beiträge zu kennzeichnen.»
Das war die Geburtsstunde der Smileys oder Emoticons, wie die Zeichengesichter auch genannt werden. Sie verbreiteten sich im Uninetzwerk, hangelten sich via Arpanet von Netz zu Netz weiter. Wo sie vorbeikamen, entstanden neue: (:-) ist laut einem Professor, der die Meldung vom «Kommunikationsdurchbruch» damals weiter verschickte, eine Witzkennzeichnung für Nachrichten, die sich mit Fahrradhelmen beschäftigen. (-: ist ein Smiley für Linkshänder, :-0 ist ein erstauntes, 😀 ein laut lachendes, :-*) ein errötendes, :’-( ein weinendes Emoticon. d:-) trägt eine Schirmmütze, {:-) ein Toupet, 0:-) ziert sich mit einem Heiligenschein. Geraucht wird mit :-Q, geküsst per :-*.
Scott Fahlman aber ist Purist geblieben: Er benutzt nur seine ursprünglichen Emoticons. Der Webflaneur hingegen lacht gerne mal anders. Wandelt aber ein Programm oder ein Handy Textgesichter in grausig gelbe Grinsegrafiken um, hört bei ihm der Spass auf. Dabei bleibt er, auch wenn seine Chat-Partnerinnen animierte Gesichtchen «sooooo knudelig» finden. 😉