Glauser lesen

Webflaneur am Freitag, den 9. Januar 2009

«Da wurde man am Morgen, um fünf Uhr, zu nachtschlafender Zeit also, durch das Schrillen des Telephons geweckt. Der kantonale Polizeidirektor war am Apparat, und pflichtgemäss meldete man sich: Wachtmeister Studer. Man lag noch im Bett, selbstverständlich, man hatte noch mindestens zwei Stunden Schlaf zugut. Aber da wurde einem eine Geschichte mitgeteilt, die nur schwer mit einem halbwachen Gehirn verstanden werden konnte.» Der Webflaneur macht eine kleine Kunstpause, holt Atem und liest weiter. Er liest Glauser, das erste Kapitel aus «Matto regiert». Und er liest es laut.

Während er – den Hörer auf dem Kopf, das Mikrofon vor dem Mund – im Studio sitzt und Glauser liest, blättern wir kurz zurück: Vor wenigen Tagen hat sich der Webflaneur in trockenere Werke vertieft. Er hat im Lexikon geblättert und im Urheberrecht. Im ersten hat er gelesen, dass der Schriftsteller Friedrich Glauser im Dezember 1938 im Alter von bloss 42 Jahren und ausgerechnet am Vorabend seiner Hochzeit zusammengebrochen und kurz darauf verstorben sei. In Letzterem hat er gesehen, dass der Schutz eines Werkes 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers oder der Urheberin auf den Jahreswechsel hin erlischt. Das Werk ist dann gemeinfrei, gehört der Allgemeinheit. Man darf es etwa kopieren.

Der Spiegel-Verlag hat das in Glausers Fall getan: In der Sammlung des Projekts Gutenberg sind einige seiner Werke zu finden, so etwa die Romane «Wachtmeister Studer» und «Matto regiert». Bei der freien Sammlung Gutenberg, die dem «Spiegel»-Projekt als Vorbild gedient hat, fehlt Glauser noch, und bei Wikisource, der Literatursammlung der Wikipedia-Macher, auch. Selbstverständlich dürfen gemeinfreie Werke nicht nur kopiert, sondern auch aufgeführt werden. Dies hat den Webflaneur auf eine Idee gebracht: Er werde das erste Kapitel von «Matto regiert» einlesen. Dann werde er die Tondatei online stellen – bei Gutenberg etwa, bei Librivox oder bei Wikisource – und darauf hoffen, dass weitere Vorleserinnen und Vorleser die  anderen Kapitel beisteuern.

Das war vor einigen Tagen. Nun sitzt der Webflaneur also im Studio und liest. Wir wollen ihn dabei nicht stören. Wie oft verhaspelt er sich? Wer steuert weitere Kapitel bei? Und: Weshalb wurde Wachtmeister Studer zu nachtschlafender Stunde aus dem Bett geholt? Dies und noch viel mehr hoffentlich bald in den Kommentaren zu diesem Artikel.

Tondatei: Matto regiert – Notwendige Vorrede und Verwahrloste Jugend

Creative Commons License (Diese Tondatei steht unter einer CC-Lizenz.)

Kein Handy zum Neujahr

Webflaneur am Freitag, den 19. Dezember 2008

Es war vor knapp einem Jahr: Vom Münster und der Nydegg her schlug es Mitternacht. Und mit dem letzten Glockenschlag begann der grosse Jubel. Die Leute umarmten sich und prosteten sich zu. Auch der Webflaneur liess den Korken knallen. Er und seine Gefährtin stiessen aufs neue Jahr an, umarmten sich und wünschten sich alles Gute. Sie nippten am kühlen Champagner, liessen die Blicke über die Stadt schweifen, bestaunten die Feuerwerke. Zumindest er. Denn kaum waren die ersten Raketen detoniert, zückte sie schon das Handy und drückte trotz ihrer klammen Finger hektisch darauf herum. Sie schreibe eine Glückwunsch-SMS, sagte sie. Und dann schrieb sie eine zweite. Und noch eine. Bloss wenn sich ein Feuerwerkslichtblitz im Display spiegelte und der Webflaneur betont laut «Ohhhhh» rief, guckte sie kurz auf und erhaschte zumindest noch etwas Glimmer am Himmel. Der Webflaneur hätte die Champagnerflasche in einem Zug leeren oder wildfremden Leuten um den Hals fallen können – sie hätte sich beim Schreiben nicht weiter stören lassen. Er liess beides bleiben; der Champagner war ihm zu kalt, die johlenden Leute zu fremd. Stattdessen stand er bloss verlassen mitten in der Menschenmasse und sinnierte über diesen trostlosen Jahresbeginn. Er nippte am Champagner und schaute zu, wie die Raketen verpufften. Irgendwann schien sie trotz ihrer SMS-Vollbeschäftigung seinen Missmut zu bemerken. «Verschickst du keine Neujahrsglückwünsche?», fragte sie, was er wohl eher als Aufforderung hätte verstehen sollen, denn noch bevor er zur Antwort ansetzen konnte, war sie bereits wieder am Knöpfeln. So erklärte er halt nicht, dass er all die SMS bereits zu Hause am Computer vorbereitet hatte und dass sie in diesen Minuten verschickt würden.

Er schlug den Kragen hoch, sah den Rauchschwaden nach, welche die Feuerwerkskörper über der Stadt liegen gelassen hatten, suhlte sich im Selbstmitleid und wartete. Irgendwann in diesem Jahr, so nahm er sich vor, demonstriere er ihr, dass man Glückwunsch-Botschaften einfach vorbereiten und automatisiert verschicken lassen kann – für ein kleines Entgelt mit Webdiensten wie Ecall.ch, Smspower und Swissphone, alternativ mit einem Zusatzprogramm zu Outlook, wie es die Swisscom und Orange anbieten, oder sogar zusatzkostenlos auf Portalen einiger Internet-Zugangsanbieter wie Bluewin oder der Cablecom.

Irgendwann zeige er ihr, wie das funktioniere, hat sich der Webflaneur also spontan vorgenommen – damals an Neujahr vor fast einem Jahr. Mit dem vorliegenden Text ist nun auch diese Pendenz rechtzeitig abgearbeitet.

Das Fest

Webflaneur am Freitag, den 5. Dezember 2008

Feste solle man feiern, wie sie fallen, insistiert der Volksmund. Der Webflaneur gibt klein bei. Er sieht ein: Dieses Jahr, in dem der Geburtstag auf einen Samstag fällt, ist wohl wirklich ein Fest fällig. Und eigentlich festet er auch gerne. Was ihm aber stinkt, ist die Organisiererei. Zu gut erinnert er sich noch daran, wie sich bei früheren Festen einige liebe Lieben erst nach mehrmaliger Nachfrage zu Zu- oder Absagen bewegen liessen, wenn überhaupt. Ein Griff zum Telefonhörer oder zum Füllfederhalter – das sei wohl schlicht zu viel verlangt, sinniert der Webflaneur. Vielleicht müsste man die Anmeldeprozedur vereinfachen. Wie wäre es mit einer Anmeldung per Internet? Die Geladenen brauchten lediglich zu klicken – und schon stünden sie auf der Gästeliste.

Ganz begeistert von der Idee macht sich der Webflaneur auf die Suche nach dem passenden Onlinepartyplaner. Soll er es mit dem Klassiker Evite versuchen? Dieser ist zwar kostenlos, dafür aber stark mit Werbung befrachtet. Er probiert das auf grosse Partys, Konzerte und Theater spezialisierte Angebot von Amiando aus. Auch Anyvite und Crush3r gefallen ihm gut. Trotzdem surft er weiter, schaut bei Enclude, Events.live, Invitastic und Mypunchbowl vorbei und wirft einen Blick auf Pingg, Purpletrail, Sendomatic, Socializr und Zoji. Doch schliesslich entscheidet er sich gegen all diese Websites. Weshalb sollte er sich auf einer weiteren Plattform einschreiben, wenn es bei Facebook, wo längst die meisten seiner Freunde herumhängen, einen Partyplaner gibt?

Der Webflaneur macht sich an die Arbeit: Er loggt sich ein, klickt auf «Veranstaltungen» und erstellt eine neue. Er tippt den Titel und die Beschreibung ein, kauft sich in einer Fotobörse für wenige Franken ein passendes Bild, klickt sich aus seinen Facebook-Freunden jene zusammen, die er auch tatsächlich näher kennt und schickt ihnen eine Einladung.

Die ersten beiden Zusagen kamen postwendend. Doch dann tat sich lange nichts. Als die Gästeliste selbst nach Tagen noch fast leer war, wurde der Webflaneur langsam nervös. Er tröstete sich damit, dass sich zumindest einzelne Noch-nicht-Facebook-Freunde gemeldet hatten, bei denen die Anmeldefunktion nicht richtig funktioniert hat. Erstaunt war er, wie sich einige Facebooker meldeten: per E-Mail und nicht auf der für alle sichtbaren Gästeliste. Und so war es schliesslich wie eh und je: Statt einer schönen Liste hatte der Webflaneur deren drei: diejenige von Facebook, eine mit den E-Mail-Zusagen und eine neben dem Telefon. Doch egal, der Geburtstagsabend kam, und mit ihm kamen die Gäste. Feste soll man feiern, wie sie fallen. Und dem Webflaneur hat das Fest gefallen.

Aber etwas Besonderes soll es sein…

Webflaneur am Freitag, den 21. November 2008

Dieses Mal kauft er früh ein, hetzt nicht mehr in letzter Minute den Weihnachtsgeschenken nach. Das hat sich der Webflaneur fest vorgenommen. Eines regnerischen Novemberabends setzt er sich deshalb an den Computer, um auf Online-Einkaufstour zu gehen. Etwas Besonderes soll das Geschenk sein, kein Produkt ab Stange.

«Wie wäre es mit einem Kalender aus eigenen Fotos?», brabbelt er vor sich hin. Doch er lässt den Gedanken gleich wieder fallen. Seit jedes Fotolabor solche im Angebot hat, wissen die lieben Verwandten kaum noch wohin mit all den Kalendern. Und vielleicht sollte er sich nach all den vergangenen «Kalenderjahren» mal etwas Neues ausdenken. «Ein Fotobuch?» Er schüttelt energisch den Kopf. Das Werk drohte bloss im Regal zu verstauben. «Eine Tasse mit Familienbild?» Nein, die Verwandten haben genügend Tassen im Schrank.  «Aus dem Kollektivgeschenk wird wohl nichts», sagt sich der Webflaneur. Und er sucht für alle einzeln etwas.

Dem Vater, der auch mal T-Shirts mit Namen von Tourismusdestinationen spazieren führt, könnte er bei Homeshirt.ch ein trendiges Teil mit dem Namen seines Dörfchens drucken lassen. Und wie wäre es mit einem Kalender von Name4you.ch für die Mutter  – mit Fotos, auf denen ihr Name zu finden ist? Ach nein, einen solchen hat sie schon. Seinem Bruder, der nun selbstständig und viel unterwegs ist, könnte er – mit dem Hinweis, nun müsse er den Gürtel etwas enger schnallen – einen nostalgischen Gurt schenken: Jene von Streetbelt.ch schnallt man sich mit Von-Roll-Hydranten-Nummernplättchen um. Apropos: Er könnte ihm auch bei My-belt.de einen individualisierten Gürtel zusammenklicken oder ihm von Selina von Bellty.ch ein Unikat fabrizieren lassen. Doch halt: Hat er ihm nicht schon letztes Jahr einen Gurt geschenkt? Dann vorerst weiter: Seiner grossen, kleinen Schwester könnte er eine Tasche schenken. Soll er es mit dem Klassiker von Freitag.ch versuchen, bei dem er den Ausschnitt der Lastwagenplache, aus dem die Tasche geschneidert werden soll, selbst bestimmen kann? Oder ist Freitag – weil so populär – schon altväterlich? Soll er bei Nike.com selbst gestaltete Schuhe bestellen? Auch das sei keine gute Idee, denkt er, bemalt die Schwester ihre Schuhe doch mit Vorliebe selbst. Und die andere Schwester, die nun einen eigenen Haushalt führt? Er könnte ihr bei Mymuesli.ch eine grosse Tüte einer individuellen Flockenmischung bestellen. Als er so sinniert, hört er plötzlich, wie seine Schwester anmerkt: «Aber ohne Dörrfrüchte!» Der Webflaneur zuckt zusammen. «Du liest mit?», fragt er erschrocken. Und er lässt die Kolumne sofort und sehr abrupt enden.

Das kostlose Büro

Webflaneur am Freitag, den 7. November 2008

«Das Geld kannst du dir sparen», sagt der Webflaneur. Sie guckt ihn überrascht an. «Warum?», fragt sie. Sie benötige doch ein «Word», um Texte zu schreiben, «Excel» für Abrechnungen und «Powerpoint», um ihre Präsentationen zusammenzuklicken. «Nicht zwingend», sagt der Webflaneur. Zweifellos fühle sie sich am wohlsten, wenn sie – obwohl sie auch Onlinedienste wie jene von Google benutzen könnte – auf ihrem neuen Computer Bürosoftware installiere. Sie brauche sich aber für ihre – «und das soll nicht abschätzig klingen» – eher simplen Arbeiten kein teures Programmpaket zu kaufen. Stattdessen probiere sie besser Openoffice.org aus, das eben gerade in einer neuen Version erschienen sei. Diese könne nicht nur PDFs abspeichern, sondern auch einlesen. Die Tabellenkalkulation rechne neu mit breiteren Tabellen. Für sie wichtig: Die Software laufe endlich auch auf Macs schnell und stabil. Zudem: Die Benutzeroberfläche des Klons gemahne stärker ans gute alte Office als jene von  Microsofts neuer Version. «Und was kostet das?», fragt sie. Openoffice.org dürfe man kostenlos herunterladen, installieren, benutzen und bei Bedarf sogar anpassen, sagt er.

«Was nichts kostet, ist nichts wert», behauptet sie. Er sehe das etwas anders, kontert der Webflaneur. Und er sei nicht alleine damit: Die frei verfügbare Bürosoftware, die übrigens bereits in etlichen Firmen und Verwaltungen sowie in vielen Schulen zum Einsatz komme, schneide in Tests von Zeitschriften ähnlich gut ab wie das kostenpflichtige Pendant. «Apropos nichts wert», fügt er an, «da steckt viel Arbeit und Herzblut von Freiwilligen drin.» – «Von Freiwilligen?», fragt sie. In Open-Source-Projekten, wie Openoffice.org eines sei, könne jedermann mitarbeiten, erklärt er. Beteiligt seien Programmierer – aber nicht nur: Es brauche auch Anwender, die anderen bei Problemen auf die Sprünge hülfen. Es brauche Muttersprachler, die das Programm übersetzten. Es brauche Grafiker, die Logos gestalteten. Es sei tatsächlich erstaunlich, dass eine solche Zusammenarbeit funktioniere, unterbricht sie ihn nun. Und sie fügt an, sie werde sich das Programm gerne mal anschauen.

Einige Wochen später: Die beiden müssen einen Text schreiben. Bevor sie den PC startet, druckst sie etwas herum. Sie habe sich dann doch Microsofts Office geleistet, sagt sie. «Es gab gerade eine Aktion.» Der Webflaneur, selbst eher knausrig, gibt sich verständnisvoll. Das Schöne sei, dass man endlich wieder die Wahl habe, sagt er. Dann fragt er doch noch, weshalb sie sich fürs proprietäre Produkt entschieden habe. «Du kennst mich ja», sagt sie augenzwinkernd, «ich trage lieber Markenkleider als Selbstgestricktes».

Der Online-Videorekorder

Webflaneur am Freitag, den 24. Oktober 2008

«Ach, ich käme so gerne auf Besuch», sagt sie am Telefon. Aber justement am Tag, an dem die Einladung stattfinden soll, strahle das Fernsehen  eine Sendung – «stell dir vor: aus meinem Dorf» – aus. Diese dürfe sie auf keinen Fall verpassen. «Nimm sie auf Video auf», schlägt der Webflaneur vor. Das gehe nicht, sagt sie, denn sie habe keinen Rekorder, und ihr Nachbar auch nicht. Es sei das erste Mal und wirklich jammerschade, sagt sie, dass sie wegen der Glotze absagen müsse. «Doch ich sehe keine andere Lösung.»

«Ich schon», sagt der Webflaneur: «Nimm sie einfach mit einem Onlinevideorekorder auf.» Wie das denn wieder funktioniere, will sie wissen. Man schreibe sich bei einem Anbieter ein, sagt der Webflaneur – bei Save.tv etwa, bei  Shift.tv oder Onlinetvrecorder.com. Dann markiere man die Sendung, die aufgezeichnet werden soll. Sobald die Aufnahme fertig ist, könne man sie herunterladen. «Was kostet das?», fragt sie. Bei Shift.tv und Save.tv müsse man ein Abo lösen, so der Webflaneur. Das koste abhängig von der Dauer monatlich 5 oder 10 Euro. Onlinetvrecorder.com hingegen könne gratis genutzt werden – allerdings mit Einschränkungen: Man müsse penetrante Werbung über sich ergehen lassen. Zudem brauche man Geduld und Geschick, um das Video herunterzuladen. Etwas einfacher gehe es, wenn man sich mit wenigen Franken oder vielen Klicks auf Werbebanner einen Downloadvorteil verschaffe.

Sie bleibt skeptisch. Ob die Aufnehmerei denn rechtens sei?  Das sei etwas unklar, antwortet der Webflaneur. Zu Hause dürfe man Aufnahmen machen. Die Anbieter argumentierten, dass die aufgezeichneten Filme wegen des Kopierschutzes nur von Leuten heruntergeladen und abgespielt werden können, die auf den Aufnahmeknopf geklickt haben. Trotzdem hätten die Sendestationen wenig Freude an den Rekordern. Nicht zuletzt aus dem Grund habe Onlinetvrecorder.com den Firmensitz wohl auf einer entfernten, urheberrechtsfreien Insel und einige der Aufnahmecomputer im international nicht anerkannten «Fürstentum Sealand» – einer ehemals von einem Radiopiraten besetzten Militärplattform im Meer. 

Aus Angst vor dem Offshore-Dienst und wegen der Abogebühren hat sie schliesslich auf die Aufnahme verzichtet. Zum Essen ist sie dann doch erschienen  – und hat mit leuchtenden Augen erzählt: «Die Sendung aus dem Dorf wird morgen Nachmittag wiederholt.»

Subversive Texte

Webflaneur am Freitag, den 10. Oktober 2008

Sie planen gemeinsam eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben. Eines Abends im Chat besprechen der Webflaneur und sein Unikollege das Vorgehen. «Ich gedenke die Arbeit in Latex zu schreiben», schreibt der Kommilitone. Der Webflaneur kugelt sich vor Lachen. «Rotfl», tippt er – kurz für «rolling on the floor laughing». Das glaube er erst, wenn er es gesehen habe, schreibt er, und hofft insgeheim, von solchen Bildern verschont zu bleiben. «Trottel», tippt der andere. Latex – ausgesprochen «Latech» – sei ein System zum Textsatz, «quasi das ‹Word› der Wissenschaftler».

Der Webflaneur macht sich kundig. Kaum hat er die drei, vier wichtigsten Befehle auswendig gelernt, meldet sich der Kollege bereits mit einer weiteren Idee: Damit sie gemeinsam am gleichen Text arbeiten könnten, machten sie es wie die Programmierer: «Wir schreiben die Arbeit mit Subversion». Er votiere gegen politische Untergrundaktionen, will der Webflaneur antworten, macht sich aber erst kundig. Subversion sei ein System zur Verwaltung von Dateiversionen, liest er. Es werde oft von Programmierern genutzt, die gemeinsam an einer Software arbeiteten. «Das klingt kompliziert», tippt der Webflaneur. Im Übrigen könne man mit Online-Textverarbeitungen auch zusammen schreiben. «Es ist ganz einfach», insistiert der Kommilitone. «Ich zeige es dir morgen.»

Am nächsten Tag in der Cafeteria: Er habe alles vorbereitet, so der Unikollege: Er habe bei Springloops, einem von vielen Anbietern, ein Konto eröffnet und die Vorlage für die Arbeit dort angefügt. Der Webflaneur müsse lediglich eine Software installieren, um auf die Arbeit zugreifen zu können. Er persönlich bevorzuge das originale Subversion, kurz SVN. Dieses Programm bediene man von der Kommandozeile aus. Die meisten Windows-Nutzer seien deshalb etwa mit TortoiseSVN und Mac-ianern mit dem ScpPlugin wohler. Mit solchen Programmen erstelle man auf dem eigenen PC eine Arbeitskopie der Datei, mit der man wie gewohnt arbeiten könne. Und so gehe es: Habe der Webflaneur den Text redigiert, schicke er die Änderungen per «Commit»-Befehl auf den Zentralcomputer. Und er selbst könne auf dem aktuellen Stand der Daten weiterarbeiten. Bevor der Webflaneur das nächste Mal schreibe, wähle er «Update», damit er seine Änderungen sehe. «Was aber geschieht, wenn wir gleichzeitig schreiben?», fragt der Webflaneur. Das System führe Änderungen automatisch zusammen, sagt der Kollege – ausser, wenn sie an der selben Zeile gearbeitet hätten. Dann müsse man den Konflikt von Hand lösen.

Am nächsten Tag beginnen der Webflaneur und sein Kollege mit der Arbeit an der Arbeit. Ihr System funktioniert. Als zwei Kolleginnen über die Versionsschlachten bei ihrer Seminararbeit klönen, zwinkern sie sich bloss zu – ganz subversiv.

Et wuala

Webflaneur am Freitag, den 26. September 2008

Daten sichern mit Wua.la 

«Wuala», sagt der Webflaneur. «Voilà?», fragt sein Freund. Mit Wua.la könne er Sicherheitskopien der Daten ganz einfach machen, erklärt der Webflaneur. «Ah, voilà», sagt der Freund. «Ich speichere sie also auf einem Zentralrechner. Wenn das Notebook geklaut oder von Viren heimgesucht wird, lade ich sie wieder herunter.» – «Richtig, bis auf ein Detail», sagt der Webflaneur: Die Daten würden nicht bloss auf einem Zentralrechner gespeichert, sondern zusätzlich auf den Computern von fünf anderen Nutzern, «also mehrfach redundant, wie die ITler sagen». «Was bringt das?», fragt der Freund. Zum einen spare dies Bandbreiten- und Speicherkosten bei der Beitreiberfirma, einem Schweizer Startup. Dieses biete dafür günstige Dienste. Er wiederum habe gute Chancen, dass Daten bei Bedarf schnell wieder hergestellt werden – auch wenn der Zentralrechner gerade überlastet sein sollte.

«Dafür liegen meine Daten auf fremden Computern, wo sie gelesen werden können», wendet der Freund ein. Das sei fast unmöglich, sagt der Webflaneur, denn die Daten würden zerstückelt und vor der Übertragung verschlüsselt. Das einzige Problem sei, dass er eine fette Internetleitung brauche, da jedes Datenpaket mehrfach versandt wird. Dies geschehe jedoch im Hintergrund. Am besten probiere er es aus: Eröffne er ein Konto, kriege er ein Gigabyte Speicher. Das reiche nie, wendet der Freund ein. Dann müsse er Speicher mieten, 10 Gigabytes kosteten 25 Franken pro Jahr, oder aber den eigenen Speicher gegen Online-Speicher eintauschen.

Der Freund schaut skeptisch. Wenn ihm dies nicht behage, so der Webflaneur, könne er auch einen der vielen anderen Anbieter wählen, Elephantdrive etwa, iDrive, MozySosonlinebackup oder andere. Die meisten Speicherdienste verlangten derzeit 4.95 Dollar pro Monat. Wolle er die Daten lieber einer Berner Firma anvertrauen, schaue er bei Stepping Stone vorbei. Für grosse Datenmengen sei Amazons S3-Dienst spannend, auf den man etwa mit der Software von Jungledisk oder einer Firefox-Erweiterung zugreifen könne. Und Fotos hinterlege er – wahlweise für 30 oder sogar 99 Jahre – auf der Swisspicturebank.

Wenige Tage später treffen sich die beiden wieder. Er habe die Daten gesichert, so der Freund. Und grinsend fügt er an: «Mehrfach redundant, wie ITler sagen.» Als Dankeschön für seinen Tipp habe er dem Webflaneur Musik geschenkt. Das könne man mit dem Speicherdienst nämlich auch. «Et voilà», sagt der Webflaneur.

Es ist nicht alles Chrome…

Webflaneur am Freitag, den 12. September 2008

«Das haben sie glänzend gelöst!», ruft der Kollege – und hätte vor Begeisterung fast den Kaffee verschüttet. Der Webflaneur folgert: Mit «sie» meint er die Programmierer bei Google, und mit «das» die Entwicklung des Webbrowsers Chrome. «Chrome ist schlicht schlicht», rühmt der Kollege. «Einverstanden», sagt der Webflaneur. Der Browser komme mit bloss vier Knöpfen und zwei Menüs aufgeräumt daher. «Chrome ist praktisch», schwärmt der Kollege. Der Webflaneur ergänzt: Gelungen seien die Kombination von Adresszeile und Suchfeld sowie die grafische Übersicht von oft besuchten Websites. «Chrome ist schnell», fährt der Kollege fort und nimmt einen Schluck Kaffee. Der Webflaneur nickt. Bei Testläufen sei der Browser in vielen Disziplinen zügiger als die Konkurrenz gewesen, insbesondere wenns um Java-Skript gehe. «Und Chrome ist stabil», fügt der Kollege an. Lege eine Website eine Registerkarte lahm, breche nicht gleich das ganze System zusammen. «Firefox, Internet Explorer, Safari sind passé. 2008 wird als Google-Jahr in die ‹Chromik› eingehen!»

Der Webflaneur schüttelt den Kopf. «Lass dich nicht blenden», sagt er. Chrome sei erst eine Beta-Version, gehöre also noch nicht auf Computer, an denen gearbeitet werden sollte. Der Browser müsse zuerst auf Herz und Nieren getestet werden – auch in Sachen Datenschutz. «Ach, ‹chrom› mir nicht mit dieser alten Leier», sagt der Kollege. Doch das bringt den Webflaneur erst richtig in Fahrt. Um die Bedenken, die übrigens auch der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte teile, zu zerstreuen, genüge ein «Don’t be evil» als Firmenmotto nicht mehr. Google verfüge im Internet über eine Vormachtstellung. E-Mails, Suchabfragen und Wissensdatenbanken: «Die US-Firma ‹chromtrolliert› heute vieles.» Deshalb müsse man sich schon fragen, ob man auch noch einen Webbrowser installieren wolle, der offenbar gerne mal nach Hause telefoniere. «Mir ists egal, wenn Google ein Profil erstellt», sagt der Kollege. «Dann kriege ich zumindest genau die Werbung, die mich interessiert.»

Es gebe noch weitere Unschönheiten, warnt der Webflaneur: Google installiere den Browser nicht im Programmverzeichnis, wo er hingehöre. Stattdessen werde er im Datenverzeichnis abgelegt. «Na und?», fragt der Kollege. Zum einen müsse Chrome so für jeden Nutzer einzeln installiert werden, erklärt der Webflaneur, und zum anderen sei dies ein unnötiges Sicherheitsrisiko.

Einig werden sich die beiden in dieser Kaffeepause nicht. «Es ist nicht alles Gold, was glänzt», warnt der Webflaneur beim Abschied nochmals. Derweil mampft der Kollege auch noch das letzte «Chrömli».

Der Computer ist ein Fernseher

Webflaneur am Freitag, den 29. August 2008

«Dieses Mal guckst du in die Röhre», sagt der Sportfanatiker. Der Webflaneur hält mit dem Kauen inne und blickt ihn fragend an. «Du hast doch keinen Fernseher und bezahlst keine Empfangsgebühren», sagt der Sportfan, «doch ab und zu schaust du per Internet.» Der Webflaneur nickt. «Gelegentlich», sagt er und löffelt weiter. Der Sportfan, der sich mehrmals vorrechnen lassen musste, wie viel er in die Glotzerei investiert, fährt mit schlecht kaschierter Genugtuung fort: «Nun musst du für deine ruckligen Fernsehbildchen ganz normal Gebühren bezahlen.»

Der Webflaneur lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Laut der neuen «Regelung für Multifunktionale Geräte», wie sie auf Billag nachzulesen ist, gälten Computer ab nächstem Montag tatsächlich als Fernsehgeräte, sagt er –  wenn sie per Breitbandzugang mit dem Internet verbunden sowie mit Videoabspielprogrammen ausgestattet sind und wenn die Nutzer bei TV-Anbietern wie Nello oder Zattoo Kontos eröffnet haben. Übrigens: Als Radio gelte bereits ein PC mit ISDN-Anschluss und Musikabspielsoftware. Selbst diverse Handys seien gebührentechnisch Radios oder nun sogar TV-Geräte.

«Am Schluss schaust aber wieder du in die Röhre», sagt der Webflaneur und grinst. Nun hält der Sportfan mit Kauen inne. «Lässt du nicht ab und zu auf dem Rechner in deinem eigenen, kleinen Büro Turnierübertragungen laufen?», fragt der Webflaneur. Der Sportfan kommt ins Grübeln. «Und dafür soll ich nun ein zweites Mal bezahlen?», fragt er. Er solle nicht gleich schwarz sehen, sagt der Webflaneur und verspricht nachzufragen.

Zurück im Büro: Der Empfang sei in dem Fall wohl nicht separat gebührenpflichtig, antwortet der Billag-Mediensprecher – sofern der Sportfan privat Gebühren bezahle und im Büro alleine fernsehe. Am besten rufe er aber an und lasse den Fall abklären. Der Webflaneur löchert den Mediensprecher mit vielen weiteren Fragen. Nein, wer nur Clips und Podcasts ab der TV-Website anschaue, müsse keine Gebühren entrichten, erklärt ihm dieser etwa.  

Er werde vorläufig bloss noch via TV-Website fernsehen, beschliesst der Webflaneur daraufhin. Er deinstalliert die Software von Zattoo. Und obwohl der Kundendienst ungefragt darauf hinweist, dass Zattoo nicht gezwungen werden könne, die Kundendaten herauszugeben, besteht der Webflaneur aufs Löschen des Kontos. Denn er will nicht in die Röhre gucken.