Bing, Wolfram und Co.

Webflaneur am Donnerstag, den 18. Juni 2009

Wie wird das Wetter in den nächsten Tagen? Der Webflaneur, noch immer in Paris, setzt sich an den Computer. Schon will er aus lauter Gewohnheit Googles Suchmaschine anwerfen. Doch halt, sagt er sich. Mit Wolfram Alpha und Bing gebe es wieder ernst zu nehmende Konkurrenten. Und diese wolle er nun mal kurz ausprobieren.

Der Webflaneur schaut zuerst bei Bing.com vorbei, der nigelnagelneuen Suchmaschine von Microsoft. Sie begrüsst ihn mit einer malerischen Landschaftsfoto – Microsoft will sich damit offensichtlich vom Konkurrenten Google absetzen. Mal schauen, ob der Konzern dank der teuren Maschine Google wieder das Wasser reichen kann, denkt sich der Webflaneur. Er tippt «weather forecast Paris» ein. Die Maschine spuckt eine grafisch aufbereitete Prognose aus, und darunter eine Liste weiterer Treffer. Bing erkennt erstaunlich gut, welche Wortbedeutung gemeint ist, merkt der Webflaneur beim Pröbeln. Die Maschine kann mehr als nur Gefundenes auflisten. Tippt der Webflaneur eine Flugnummer ein, kriegt er die Abflugs- und Ankunftszeiten geliefert. Stellt er eine Rechenaufgabe, präsentiert ihm die Suchmaschine die Lösung.

Apropos: Wie schlägt sich Wolframalpha.com, die Suchmaschine des «Mathematica»-Erfinders? Der Webflaneur tippt auch dort «weather forecast Paris» ein. Die Maschine zeigt ihm eigens aufbereitete Statistiken und Grafiken – inklusive der Temperaturwerte dieses Datums in den letzten 40 Jahren. Der Webflaneur ist begeistert. Was aber passiert, wenn er sein Geburtsdatum eingibt? Wolfram errechnet flugs, dass es sich um den 333.Tag des betreffenden Jahres gehandelt hat und dass seither 12245 Tage vergangen sind. Der Webflaneur löchert Wolfram mit weiteren Fragen. Schliesslich weiss er, dass am Geburtstag Wolken über Bern gehangen haben und die Durchschnittstemperatur bei 9 Grad lag. Solange der Webflaneur nach Fakten fragt, versteht ihn Wolfram gut. Sind die Fragen abstrakter, muss er klein beigeben.

Es müsse nicht immer Google sein, sagt sich der Webflaneur und nimmt beide neuen Suchmaschinen in die Lesezeichen seines Browsers auf. Dann schaut er doch noch beim Suchgiganten vorbei – und findet den Prototyp von Squared.google.com. Das Besondere an der neuen Suche sind die Antworten: Google stellt dabei Fakten ab diversen Websites übersichtlich in einer Tabelle zusammen.

Plötzlich schreckt der Webflaneur auf. Mit der Sucherei ist schon der halbe Tag vorbei. Er müsste dringend noch anderes erledigen. Denn bis zum Sonnenuntergang – in Paris um 21.53 Uhr – dauerts nur noch 4 Stunden 13 Minuten. Das sagt Wolfram.

Am Computer mitten in Paris

Webflaneur am Sonntag, den 24. Mai 2009

Webflaneurs wohnen während weniger Wochen in Paris. Eben sind sie angekommen. Nun haben sie Hunger. Doch wo sollen sie speisen? Nicht zu teuer soll das Lokal sein, aber doch speziell. Und vor allem: Es muss in der Nähe liegen. Sie blättert im Insider-Reiseführer, den sie in ihrer Loge gefunden hat. Dieses Resto töne superbe, ruft sie nun aus. Wo denn dieser Gourmettempel für knappe Budgets liege, fragt der Webflaneur. «Zumindest in unserem Arrondissement», sagt sie und liest eine Adresse vor.

Er setzt sich an den Rechner, tippt diese bei Google Maps ein. Tatsächlich, das Restaurant liegt fast um die Ecke. Er vergrössert die Karte – und steht plötzlich mitten auf der Strasse. Er schaut sich um. Rechts und links sind kleine Ladenlokale. Vor ihm schlendern einige Passanten übers Kopfsteinpflaster. «Dort oben muss es sein», murmelt er. Was er denn nun wieder mache, holt sie ihn von der Strasse vor den Computer zurück. Das sei «Streetview», sagt er. Er kundschafte bloss rasch den Weg aus. «Streetview» gebe es übrigens demnächst auch in der Schweiz. Zumindest lasse Google derzeit kamerabepackte Autos durch die Städte kurven.

«Das sieht hübsch aus», ruft sie und deutet auf ein blau lackiertes Lokal auf der rechten Strassenseite. Klick für Klick gehts dann weiter durch die virtuelle Strasse bis zum gesuchten Lokal. «Lass uns einen Blick auf die Karte werfen», schlägt sie vor. Er vergrössert das Schild neben dem Eingang. Doch lesen können sie es nicht: Die Schrift ist verwischt – wie auch die Nummernschilder der Autos und die Gesichter der Menschen.

Webflaneurs finden den richtigen Weg dann ohne Probleme. Doch seit der Aufnahme ist aus dem Restaurant offensichtlich eine Bar geworden. Und so speisen die beiden schliesslich woanders, im blauen Lokal weiter unten an der Strasse. Dort war das Essen vielleicht etwas weniger gut. Dafür assen sie für einen guten Zweck.

Laptop auf dem Speicherstick

Webflaneur am Mittwoch, den 6. Mai 2009

Was er von diesem 100-Dollar-Laptop halte, will die Lehrerin wissen. Er finde das Projekt, bei dem Laptops an Schulkinder in Schwellenländern abgegeben werden, sehr spannend, sagt der Webflaneur. «Apropos, ich schenke dir einen dieser sogenannten OLPC», sagt er. Er wühlt im Hosensack, zieht einen Speicherstick heraus und überreicht ihn ihr mit ausladender Geste. «Du darfst ihn behalten.» Die Lehrerin guckt verdutzt auf den Ministick auf ihrer Handfläche. Das hier sei natürlich bloss ein USB-Speicher, beeilt sich der Webflaneur zu erklären. Darauf befinde sich aber die Essenz des Kinder-Computers OLPC: das Betriebssystem. Dieses könne man neu auch in einer Version für Speichersticks beim Entwicklerlabor herunterladen. Und wie zur Entschuldigung fügt er an: Er habe das natürlich ausprobieren müssen.

«Schön und gut», sagt die Lehrerin. «Aber was mache ich damit?» Sie stöpsle den Speicher einfach an einen PC an, so der Webflaneur. Während des Aufstartens müsse sie dann eine bestimmte Taste drücken – je nach Computer Escape oder eine der F-Tasten. Der Computer starte dann vom Minispeicher statt der Festplatte. Dass dies nicht ganz bei allen PC klappt, verschweigt er gefliessentlich. Stattdessen sagt er: «Schon kannst du ausprobieren, ob der Kinderlaptop für deinen Unterricht geeignet ist.» Die Lehrerin schaut ihn skeptisch an. Doch der Webflaneur kommt erst richtig in Fahrt. Sie könne dann jedem Schulkind einen Speicherstick machen – damit diese stets auf ihrem gewohnten, kindergerechten System lernen und arbeiten könnten, auch wenn sie keinen eigenen Laptop haben. «Und du hast keine Probleme mit Viren oder mit PC, an denen etwas verstellt worden ist.»

Die Lehrerin hats ausprobiert. Doch das Aufstart-Prozedere war ihr zu kompliziert. Und das Kinder-Betriebssystem schien ihr zu wenig auf die hiesigen Verhältnisse angepasst zu sein. Noch zu wenig, wie sie später sagt. Vielleicht ändere sich das. Sie habe den Stick jedenfalls mal einem Didaktik-Studenten geschenkt.

Ein PDF für den Kollegen

Webflaneur am Donnerstag, den 23. April 2009

Nein, ein PDF mache er nicht, sagt der Kollege. «Mein ‹Office› kann das nicht.» Er mache es sich allzu einfach, antwortet der Webflaneur. In der Ausschreibung werde verlangt, dass eine PDF-Datei eingereicht werden müsse. Der Kollege braust auf. Er sei nicht bereit, für diese eine Seite die teure Acrobat-Vollversion zu kaufen. Das müsse er auch nicht, kontert der Webflaneur. Er könne sich zum einmaligen Konvertieren die Testversion herunterladen. Wenn er aber sporadisch eine Datei konvertieren wolle, empfehle er ihm eines der vielen Zusatzprogramme, mit denen sich PDFs über die Druckfunktion produzieren lassen – etwa jenes von DoPDF oder Cutepdf.

Doch der Kollege wehrt sich vehement gegen jedes Tool. «Damit riskiere ich bloss, Viren einzuschleusen», behauptet er. Und auch auf Openoffice.org, das längst PDFs schreiben kann, will er nicht umsatteln. Dann solle er die Datei doch rasch im Internet konvertieren, rät der Webflaneur. Das sei einfach: Er öffne sie mit der Online-Textverarbeitung Google Docs und speichere sie dann als PDF. «Ausgerechnet bei Google, der Datenkrake?», ruft der Kollege aus. Der Webflaneur guckt ihn verständnislos an. Allzu sensibel sei das Dokumentchen wohl auch nicht, kommentiert er. Er könne die Datei auch durch irgend eine andere Maschine jagen: Er könne sie an eine E-Mail anhängen und an pdf@koolwire.com verschicken, schlägt er vor. Postwendend erhalte er die fertige Datei zugeschickt. Doch auch das behagt dem Kollegen nicht.

Der Webflaneur zeigt dem Kollegen noch das eine oder andere Tool. Doch dieser will partout nichts installieren, geschweige denn online konvertieren. Schliesslich schickt er seine «Office»-Datei ein. In einer unverschlüsselten E-Mail. Der Webflaneur schüttelt den Kopf.

Das Osternest

Webflaneur am Freitag, den 10. April 2009

Klein Webflaneur durchwühlte die Schränke. Er öffnete Schublade um Schublade. Er guckte in jede Ecke und Nische. Er stöberte sogar im Cheminée, kletterte auf den Schrank, kroch unters Bett. Doch das Osternest fand er nicht. Nach und nach machte die anfängliche Begeisterung einer wachsenden Frustration Platz. Nein, so gemein kann der Osterhase doch gar nicht sein! Gerade rechtzeitig griffen die Eltern ein und lotsten ihn mit «wärmer» und «kälter» in die richtige Richtung. Nachdem Klein Webflaneur das Nest schliesslich entdeckt hatte, war die Welt wieder in Ordnung. Und jene der Eltern auch, glaubten sie doch mit der Versteckaktion vorbildlich spielerisch des Sprösslings Beobachtungsgabe und Problemlösefertigkeiten geschult zu haben.

Daran erinnerte sich der Webflaneur, als er jüngst wieder einmal auf Schatzsuche war. Dieses Mal jagte er keinen Schokoladenhasen im geflochtenen Körbchen, sondern ein profanes Tupperware mit Ramsch darin. Und dieses Mal lotste ihn niemand mit warmen Rufen, sondern bloss Pfeile auf dem GPS-Gerät. Der Webflaneur versuchte sich im Geocaching: Er suchte mit dem Navigationsgerät «Schätze», die andere versteckt und auf Portalen wie  Swissgeocache.ch, Geocaching.com und Opencaching.de aufgelistet hatten.

Während der Schatzsuche hat er sich vorgenommen: Er wird heuer  mal den Eltern ein Nestchen verstecken. Diese müssen es per GPS-Gerät suchen. Gross Webflaneur ist sicher: Seine Eltern werden dabei auf spielerische Weise ganz viel lernen. Mathias Hasi Born

Zeit zum Zwitschern

Webflaneur am Dienstag, den 24. März 2009

Er zwitschere nun, sagt der Blogger. Der Webflaneur wirft ihm einen erstaunten Blick zu. Dieser wiederum ist erstaunt über den erstaunten Blick. Er stellt sein Glas ab und setzt zu einer Erklärung an. Twitter sei ein sozialer Mikroblog: Die einzelnen Beiträge dürften nicht länger als 140 Zeichen sein. Seine Twitter-Freunde sähen stets seine Beiträge, und er ihre. Man könne zudem auf Beiträge antworten. Das sehe dann aus wie im Chat. 

«Alles klar», unterbricht ihn der Webflaneur. Er sei lediglich erstaunt, dass er als Trendsetter plötzlich so von Twitter schwärme. Der Dienst sei nicht wirklich neu. «Und eigene Befindlichkeiten in die Welt hinauszuposaunen ist auch nicht gerade innovativ. Im Übrigen: Funktioniert die Statusmeldung von Facebook nicht gleich?» Facebook sei überladen, kritisiert der Blogger, Twitter hingegen aufs Nötigste reduziert. Er solle wieder einmal bei diesem Dienst vorbeigucken. «Dort geht wirklich die Post ab.» Ob ein Flugzeug notwassere oder ein Jugendlicher Amok laufe – die erste Meldung komme oft per Twitter. «Schnell ist nicht zwingend zuverlässig», wendet der Webflaneur ein. 

Nun schaltet sich sein Tischnachbar ein. Er nutze den Twitter-Klon Identi.ca, sagt er. Vielleicht sei dies etwas für ihn, sagt er und schaut den Webflaneur an. Im Gegensatz zu Twitter sei Identi.ca frei zugänglich und könne auch auf dem eigenen Server installiert werden. Im Übrigen gebe er dem Blogger Recht: «Zwitschern macht Spass und gehört zum guten Ton.»

Der Webflaneur pfeift drauf.

Die grosse Frage

Webflaneur am Donnerstag, den 12. März 2009

Der Webflaneur will es genau wissen. Deshalb plant er eine Umfrage. Er werweisst: Soll er Passanten befragen? Nein, sagt er sich schliesslich, das liege ihm schlecht und das sei ihm zu aufwändig. Soll er einen grossen Postversand mit Fragebogen starten? Nein,  sinniert er, das sei ihm zu ineffizient und auch zu teuer. Er werde die Umfrage lieber online durchführen, beschliesst er dann.

Doch wie macht man das am einfachsten? Der Webflaneur fragt seine Kommilitoninnen und Kommilitonen. Sie habe es mit Surveymonkey gemacht, sagt eine Studienkollegin. Ein Kollege schwört auf  Voycer. Am Mittagstisch rät ein Mitstudent, er solle sich Swisspoll und Webvoter angucken. Ein anderer kritzelt einen Link auf eine Papierserviette. Dort finde er eine lange Liste mit Umfrage-Tools, sagt er.

Der Webflaneur hatte sich von der Miniumfrage eindeutigere Resultate zu Gunsten eines Dienstes erhofft. Nun evaluiert er halt selbst. Einige Tools, mit denen er Umfragen gestalten kann, darf er gratis benutzen, liest er, andere kosten einige Franken. Schliesslich stösst der Webflaneur auf das Angebot von Limeservice. Dort liest er, dass er das Programm dieses Dienstes auch selbst installieren dürfe. Und das lässt er sich nicht zweimal sagen. Er wolle seine eigene Umfragenmaschine, beschliesst er. Auf dem Plätzchen auf einem Zentralrechner, das er sich gemietet hat, installiert er das Programm von Limesurvey. Er ist begeistert: Mit der Software kann er die Umfrage genau nach seinen Wünschen gestalten. Zudem: Er hat damit die volle Kontrolle über die Fragen und Antworten; er muss die teils sensiblen  Daten nicht einem fremden Anbieter anvertrauen. Und: Selbstinstalliertes macht ihm viel mehr Spass.

Dass es mit der Umfrage schliesslich doch etwas harzte, ist übrigens nicht der Software anzulasten: Die Installation war nicht allzu kompliziert. Die Fragen waren nach einem  Arbeitstag ausgeheckt und eingetippt. Bloss eines gab dem Webflaneur zu denken: Wen soll er befragen?

Esel am Wäscheberg

Webflaneur am Dienstag, den 24. Februar 2009

Der Webflaneur steht wie ein Esel am Berg – am Wäscheberg. Vorab dieses eine Stück gibt ihm zu denken. «Wie wäscht man einen Kaschmirpullover?», fragt er sich. Er erinnert sich noch, wie ihm, nachdem er das Päckli ausgepackt hatte, eingetrichtert worden ist, er solle ja Acht geben beim Waschen. Was er vorzukehren hat, ist ihm aber leider entfallen. Muss er den Pulli von Hand waschen? Braucht er ein Spezialmittel? Soll er normales Haarshampoo nehmen? Und falls ja: Schadet die beigemischte Pflegespülung nicht? Der Webflaneur fragt sich, wie er das wohl am besten in Erfahrung bringe, ohne allzu dumm aus der Wäsche zu gucken.

Er lässt den Zuber stehen und setzt sich an den PC. Irgendwann an einer Party hat ihm mal ein Junggeselle, der in praktischer Hausarbeit nicht gerade mit allen Wassern gewaschen ist, seinen Trick verraten: Bei komplexen Haushaltsfragen, hat er gesagt, frage er die Oma. Dann hat er grinsend buchstabiert: Frag-die-oma.de. Egal, obs um die Pflege von Wildlederschuhen oder um den gordischen Knoten des Krawattenknopfes gehe – bei der virtuellen Oma finde er Rat. Und wenn nicht, dann bei Frag-Mutti.de. Gehe es eher ums Bohren und Schleifen, gucke er bei Frag-vati.de vorbei.

Der Webflaneur hat Pech. Weder Oma noch Mutti oder Vati helfen ihm weiter, Wer-weiss-was.de und Gutefrage.net auch nicht. In den Videos auf Spotn.de erfährt er zwar, wie er eine Zwiebel würfelt oder Discofox tanzt, nicht aber, wie er einen Pulli eindrücken muss. Und bei Frag.wikia.com, dem neuen Dienst der Wikipedia-Macher? Auch dort gibts vorerst keine Antwort. Der Webflaneur erwägt, für die heikle Pullovermission den Mamiexpress.ch zu engagieren. Doch er verwirft den Gedanken wieder; auf längere Sicht kostete ihn die Hilfe gestandener Hausfrauen zu viel.

Schliesslich hat der Webflaneur seinen Pulli  doch noch gewaschen, ohne dass dieser Schaden genommen hätte. Woher er nun plötzlich wusste, wie es ging? Der Webflaneur hat anderweitig recherchiert. Wo? Na ja, er hat dann doch seine Mutter gefragt.

Die Stempeluhr

Webflaneur am Dienstag, den 10. Februar 2009

Die ersten Wochen des Jahres sind wie im Nu verflogen. Nun hält der Webflaneur kurz inne. Er kramt die Vorsätze nochmals hervor, die er sich zum Jahreswechsel genommen hat. Effizienter wolle er werden, hat er sich damals gesagt, und die Zeit besser in den Griff kriegen. Er lässt die letzten paar Wochen Revue passieren. Doch, doch, er hat sich wacker geschlagen: Er war bienenfleissig, hat die eine und andere Pendenz abgetragen. Doch halt, er hatte auch Hänger. Und übers Ganze gesehen: Hat er erfüllt? Der Webflaneur zögert. Vielleicht müsste er Buch führen. Genau: Er braucht eine Stempeluhr! Der Webflaneur macht sich auf die Suche.

Er stösst zuerst auf den Online-Dienst Clocking it. Damit behielte er den Überblick selbst in Grossprojekten. Er sucht weiter. Er könnte – für einige Franken monatlich – ein Abo bei Mite lösen, bei Timicx, Tickspot oder Zep. Hätte er ein Unternehmen und möchte den Mitstreitern eine Zeiterfassung anbieten, installierte er wohl Kimai auf dem Zentralrechner, Open Time Tool oder  Time Edition. Für ihn alleine macht das aber keinen Sinn. Für ihn tut es etwas Einfacheres. Wie wäre es mit dem Slimtimer? Das Motto zumindest tönt viel versprechend: «Make love not timesheets.» Doch der Webflaneur zaudert. Was, wenn er beim Arbeiten ausnahmsweise mal nicht online ist? Ein Programm an Stelle eines Webdienstes ist dann wohl praktischer. Wie wäre es mit Paymo oder Klok? Auch die Java-Programme Rachota und Baralga sehen praktisch aus – und sie laufen auf allen Betriebssystemen.

Die Programme und Webdienste können alle, was der Webflaneur sucht: Sie stoppen, wie lange er an einem Projekt arbeitet, und spucken Ende Monat eine Abrechnung aus. Der Webflaneur sitzt vor dem Computer, sinniert und probiert aus.  Bis er schliesslich merkt: Ihm rennt wieder mal die Zeit davon.  

Mitschreiben

Webflaneur am Freitag, den 23. Januar 2009

Der Kollege Schreiber druckst herum. Ob er ihm vielleicht bei Gelegenheit mal – es eile wirklich nicht, und wenn er keine Lust dazu habe, könne er auch nein sagen – kurz: ob er ihm vielleicht mal etwas erklären könne? Der Webflaneur guckt ihn erstaunt an. «Was?» Schreiber fasst sich ein Herz: «Wie mache ich bei der Wikipedia mit?», fragt er.

Ach, das sei ziemlich einfach, antwortet der Webflaneur. Am besten beginne er mit einigen Korrekturen: Das nächste Mal, wenn er über einen Tippfehler stolpere, klicke er einfach auf «Seite bearbeiten», korrigiere den Fehler, tippe ins Zusammenfassungsfeld «typo» und speichere. Das habe er versucht, sagt Schreiber. Im Text habe es aber komische Zeichen gehabt. Das seien Steuer- und Formatierungsbefehle, so der Webflaneur. «Sie sind einfach zu lernen.» – «Gibst du mir einen Schnellkurs?» – «Lektion 1: Formatieren», sagt der Webflaneur. Ausdrücke würden kursiv gesetzt, indem man davor und dahinter zwei Apostrophs einfüge. Aus ’’Wort’’ werde also Wort. Fürs fette Stichwort am Artikelanfang verwende man je drei Apostrophs. Um Aufzählungen zu machen, stelle man den Abschnitten einen Stern voran. Und nummerierte Listen erzeuge man mit dem #-Zeichen. Für Überschriften ersten Grades rahme man den Titel mit je zwei Gleichheitszeichen ein, schreibe also etwa ==Titel 1==; Überschriften zweiten Grades hätten vor und hinten je drei Zeichen. «Und das Inhaltsverzeichnis?», fragt Schreiber. Darum brauche er sich nicht zu kümmern, sagt der Webflaneur. Es werde automatisch erzeugt, sobald ein Artikel vier oder mehr Überschriften enthält.

«Und nun kommen wir zur Lektion 2: Links setzen.» Um auf einen anderen Wikipedia-Artikel zu verweisen, setze man das Wort in doppelte, eckige Klammern. Aber was brabble er da, sagt der Webflaneur. Alles, was Schreiber wissen müsse, finde er auf dem Autorenportal im Menü links oben. «Nun aber noch Lektion 3», insistiert Schreiber, «neue Artikel eröffnen». Auch das sei einfach, sagt der Webflaneur. Er klicke nach einer ergebnislosen Suche auf den entsprechenden Link. Bevor er aber in die Tasten greife, überlege er sich besser nochmals, ob das Thema relevant genug sei. Denn was einer Enzyklopädie nicht würdig ist, werde von anderen Nutzern schnell wieder gelöscht.

«Worüber willst du schreiben?», fragt der Webflaneur. Schreiber druckst herum. Dem Webflaneur schwant Böses. Er setzt einen strengen Schulmeisterblick auf. «So sehr ich dich schätze, deinem Werk mangelt es – noch – an Relevanz», massregelt er Schreiber. Egoartikel zu schreiben oder auch nur Infos zur eigenen Person zu frisieren sei verpönt. Und beköppelt.