Schenken 2.0

Webflaneur am Dienstag, den 8. Dezember 2009

Es begab sich jeweils zur Adventszeit, dass an der Schule über alle Klassen- und Promotionsgrenzen hinweg gewichtelt wurde. Der Webflaneur erinnert sich gut an einige fantasievolle, auf Treppenstufen drapierte Präsente. Das Treppenhaus, wo alle durchmussten, war der ideale Umschlagplatz für Geschenke. Und Treppensteigen war nie spannender als in den paar Wochen vor Weihnachten: Wer bekommt diese handgezogene Kerze? Wer trägt heute die Büchse mit den Güezi mit sich herum? Und steckt hinter dem Päckli mit der liebevoll verzierten Karte nicht vielleicht doch mehr als bloss das Geschenk eines Wichtels? Tritt für Tritt galt es zu lesen, für wen das Präsent bestimmt war. Tritt für Tritt rätselte man, wer der Wichtel sein könnte. Und Tritt für Tritt verglich man insgeheim die fremden mit den eigenen Präsenten.

Daran erinnert sich der Webflaneur, als er auf der Mikroblogplattform Twitter über die jüngste Aktion stolpert: Die Nutzerinnen und Nutzer sind am Wichteln – beziehungsweise am Twichteln, wie sie es nennen. Sie haben sich auf Twichteln.ch angemeldet und jemanden zugewiesen erhalten, den oder die sie zu beschenken haben. Natürlich nicht mit Materiellem wie Kerzen, Güezi und Schokolade. Das Twichtel-Motto heisst: Freude machen in 140 Zeichen. Oder: Schenken 2.0. Entsprechend werden vorab Weblinks verschickt: zu einem lustigen Video etwa, einem leckeren Rezept, einem spannenden Artikel, einem schönen Foto. 250 Leute haben bei der ersten Runde mitgemacht. Heute beginnt die zweite. Und wer nächste Woche twichteln will, kann sich bis Sonntag einschreiben.

Der Webflaneur füttert die Twittersuche mit #twichtelnCH. Er schaut, was andere geschenkt erhalten haben und wer vom Twichtel enttäuscht worden ist. Und das ist fast so spannend wie früher der Gang durchs Treppenhaus seiner Schule.

Ein neues Profilbild

Webflaneur am Dienstag, den 24. November 2009

Pictura schaut ihn ungläubig an. Ob das Profilbild in Twitter wirklich zehn Jahre alt sei, fragt sie. Nun ja, zehn Jahre seien es wohl schon, antwortet der Webflaneur kleinlaut. Zumindest sei es schon in Farbe, versucht er es mit einem Scherz. Pictura schüttelt den Kopf. Ein zehn Jahre altes Profilbild, das gehe gar nicht, massregelt sie ihn. Die Twitter-Gemeinde mache sich ein völlig falsches Bild von ihm. Bei den Profilbildern liege übrigens viel im Argen. «Die meisten Nutzer laden nur Ferienschnappschüsse hoch.» Und mit einem Grinsen fügt sie an: «Und manche uralte.» Sie komplementiert den Webflaneur auf einen Hocker vor ihr. Und eh ers sich versieht, blitzts von allen Seiten.

Das war an einem der beiden Avatardays der Berner Fotografin Pictura. Sie hatte die Nutzer der Kurznachrichtenschleuder Twitter zum Porträt-Shooting geladen. Wer kam, wurde professionell geschminkt und fotografiert. Während die einen noch aufs Shooting anstiessen, tauschten andere schon ihr Profilbild aus. In den nächsten Tage wurden immer mehr alte Fotos ersetzt – auffallend viele: «Twitter ist ja unglaublich aufgewertet worden», kommentierte ein Nutzer. Und ein anderer schrieb: «Nach #avatarday sieht die halbe #ch twitteria aus wie vom selben marketingbüro angestellt.» Auch der Webflaneur staunt über all die neuen Profilbilder. Ob sie Muskelkater im Auslösefinger habe, fragt er Pictura. Der sei gut trainiert, antwortet diese. Wenn ers genau wissen wolle: Twitter habe nun 71 neue Bilder. Ihr Fazit in einer Twitter-Meldung, also in bis 140 Zeichen, bittet der Webflaneur. Und Pictura twittert: «Auftrag erledigt, das Internet ist schöner. Die neue Twitter-Timeline ist Wellness fürs Auge.»

Der Webflaneur guckt sein Bild an, schüttelt den Kopf. «An der Fotografin hats nicht gelegen», brummelt er – und kopiert oben in die Zeitungsspalte das alte Foto hinein.

Aufgebretzelter Browser

Webflaneur am Freitag, den 13. November 2009

Sie legt den Laptop auf ihren Schoss. Dann klickt sie auf das Symbol mit dem runden, blauen e. Der Webflaneur, der neben ihr auf dem Sofa sitzt, ist gespannt: Wie sieht er aus, der Frauen-Webbrowser, den die Zeitschrift «Annabelle» mit Microsoft entwickelt hat? Wurde der Browser in ein hübsches Kleidchen gesteckt, um ihn optisch zur «Internet-Explorerin» aufzubretzeln? Hat diese abgerundete Fensterecken und sanft fliessende Menüs? Hat Microsoft alles nicht Nötige – auf das vorab funktionsbesessene Männer bestehen – aus den Leisten und Menüs gekippt? Konnte in empirischen Studien gar gezeigt werden, dass Frauen anders surfen als Männer – also einer Benutzerinnenoberfläche bedürfen?

«Und jetzt?», holt sie den Webflaneur jäh aus den Tagträumen zurück. «Was ist anders?» Auf den ersten Blick unterscheidet sich die «Internet-Explorerin» kaum vom normalen Browser. Erst auf den zweiten Blick entdecken die beiden drei dynamische Lesezeichen – in männlicher Terminologie Webslices genannt: Sie verlinken zu einer «Annabelle»-Kolumne, zum Horoskop und «Schnäppchen der Woche». In den Lesezeichen finden sich weitere Links, gruppiert in Bereiche wie News, Shopping, Kochen und Männersachen. Darunter sind nebst Links zu Shoppingseiten auch Verweise auf «Annabelle»- und Microsoft.

Sie schüttelt den Kopf. Damit würden Frauen für blöd verkauft, sagt sie. Und der Webflaneur sinniert, dass sich die automatische, mit zwei Neustarts aber aufwändige Installation nicht gelohnt habe. Ausser für «Annabelle» und Microsoft: Die Medien berichten über den Frauen-Webbrowser. Und dank des Browser-Gags hat die eine oder andere Frau endlich den alten Internet-Explorer – der Graus der Webentwickler – durch den aktuellen ersetzt.

Ferienarbeit

Webflaneur am Dienstag, den 27. Oktober 2009

Der Webflaneur ist in den Ferien. Doch plötzlich ruft die Arbeit. Technisch gesehen ist dies kein Problem, denn der Webflaneur hat vorgesorgt: Er hat die nötigen Daten auf einem Speicherplatz im Internet abgelegt. Er kann also von überall, wo es einen Internetanschluss gibt, darauf zugreifen. Genau das hat er nun vor.

Er tippt seinen Nutzernamen ein und ins nächste Feld das Passwort. Doch der Speicherdienst meckert. Wahrscheinlich habe er sich vertippt, murmelt der Webflaneur und probiert es nochmals. Oder hat er das falsche Passwort genommen? Eines nach dem anderen probiert er aus. Ohne Erfolg: Was immer er tippt, der Speicherdienst lässt ihn nicht an seine Daten heran. Zurücksetzen kann er das Passwort nicht, da der Dienst dies aus Sicherheitsgründen nicht zulässt. Schliesslich bleibt dem Webflaneur keine andere Wahl, als ohne die Grundlagendaten in die Tasten zu greifen. Es geht auch so. Eines nimmt sich der Webflaneur aber vor: Vor den nächsten Ferien wird er die Passwörter in einen digitalen Tresor legen. Natürlich wird er darauf achten, dass die Daten gut verschlüsselt übertragen und gespeichert werden. Und er wird nachlesen, ob der Tresorbesitzer vertrauenswürdig ist. Einige Adressen hat er schon zur Hand: Bei Passpack könnte er die Codes einzeln eintippen. Mit Xmarks könnte er jene, die er in seinem Webbrowser abgespeichert hat, einfach mit dem Netbook synchronisieren, das er in die nächsten Ferien mitzunehmen gedenkt. Oder er könnte ein spezielles Tresorprogramm installieren, etwa jenes von Keepass.

Der Webflaneur schüttelt ob seines Passwortlapsus den Kopf. Doch dann sagt er sich, das müsse so sein: Ferien sind erst richtig Ferien, wenn man das eine oder andere Passwort vergisst.

Goethes Lektor

Webflaneur am Freitag, den 4. September 2009

Seit seiner Pensionierung engagiere er sich als Lektor, sagt sein Gegenüber. Wessen Texte er denn korrekturlese, fragt der Webflaneur – und freut sich diebisch ob des nebenbei eingeflochtenen Genitivs. «Ach», sagt der ältere Herr vis-à-vis, «Goethe, Schiller, Lessing und wie sie alle heissen.» Der Webflaneur guckt ihn verdutzt an. «Sie lektorieren Goethe?», fragt er. «In der That», sagt dieser; das «h» haucht er lange. Bislang habe er ausschliesslich Werke grosser Autoren gelesen. Ob er fragen dürfe, wie er dazu gekommen sei, sagt der Webflaneur. Ach, das sei einfach, sagt sein Gegenüber: Eines Tages habe er gehört, dass im Internet Lektoren gesucht würden. Er habe auf der Website der «Distributed Proofreader» auf Pgdp.net ein Konto eröffnet. Und seither arbeite er dort mit.

Wie das funktioniere, will der Webflaneur wissen. «Das Ziel des Projekts ist es, alte Bücher ins digitale Zeitalter hinüber zu retten», holt sein Gegenüber aus. Erfahrene Nutzer wählten ein Buch, das nicht mehr unter Urheberrechtsschutz stehe, aus. Das sei in Europa der Fall, wenn der Autor vor über 70 Jahren gestorben sei. Das Buch werde eingescannt. Und der Text werde von einem Programm automatisch erkannt. Leider mache dieses viele Fehler. Und deshalb brauche es Leute wie ihn, die die Texte korrigierten. Sobald sie mehrfach geprüft und richtig formatiert seien, würden sie im Archiv von Gutenberg.org abgelegt. Und von dort dürften sie kostenlos heruntergeladen werden. «Heute korrigiere ich eine Stunde pro Tag – ehrenamtlich, wie die Anderen auch», sagt der ältere Herr. Und er stelle mit Freude fest, wie die digitale Bibliothek wachse.

«In der That», sagt nun der Webflaneur, lässt das «h» lange nachklingen. Sein Gegenüber lacht. Bei Goethe nehme er es mitunter nicht so genau, sagt er. «Schliesslich soll dieser einmal selbst gesagt haben, er kenne für jedes Wort gleich mehrere Schreibweisen.»

Fenster schliessen!

Webflaneur am Dienstag, den 18. August 2009

Es geht gegen Mitternacht. «Fenster schliessen», bittet der Webflaneur. Nichts passiert. Er sagts nochmals, dieses Mal mit mehr Nachdruck. Doch der Computer tut, als hätte er nichts gehört. Der Webflaneur probierts weiter. Schliesslich rutscht ihm sogar ein mit Ausfälligkeiten ergänztes «FENSTER SCHLIESSEN!» über die Lippen. Doch das Fenster bleibt, wo es war: offen auf dem Desktop.

Schon will der Webflaneur frustriert die Maus nehmen, um das Fenster von Hand zuzuknallen. Doch halt, sagt er sich, so schnell gebe er nicht auf. Im Internet findet er eine Erklärung, warum die Spracherkennung schlecht funktioniert: Da jeder Mensch anders spreche, brauche es flexible Erkennungsmodelle. Um solche zu generieren, seien Daten von vielen Sprecherinnen und Sprechern nötig. Diese aber kosteten ein Vermögen – es sei denn, man produziere sie selbst. Und dies könne man bei Voxforge.org tun.

Der Webflaneur probierts aus. Er wählt «Deutsch», klickt auf «männlich», «erwachsen» und bei der Aussprachevarietät auf «Schweiz». Nun werden Sätze eingeblendet, die er vorlesen soll. «Wann erlischt das Schuldverhältnis im engeren Sinne?», liest er. Und: «Aus dem Schuldverhältnis im weiteren Sinne können auch Kündigungsrechte abgeleitet werden.»

Da plötzlich steht sie in der Türe. «Was faselst du da?», fragt sie. Er bringe dem Computer Wörter bei, damit dieser in Zukunft auf Sprachbefehl etwa Fenster schliessen könne, antwortet er. Und mit den Schultern zuckend, fügt er an: «Der Rechner und ich verstehen uns schlecht.» Sie schaut auf die Uhr. «Fenster schliessen», sagt sie mahnend zum Webflaneur. Und der Computer tuts.

Die erste E-Mail

Webflaneur am Dienstag, den 4. August 2009

Oben rechts geht ein Fensterchen auf. Eine E-Mail sei eingetroffen, posaunt das Betriebssystem daraus heraus. Der Webflaneur lässt alles andere liegen und guckt nach. Vielleicht könne er das gebrauchen, hat ein Freund geschrieben und darunter den Weblink zu einem Zeitungsartikel hingepappt. Der Webflaneur liest den Artikel.

Vor 25 Jahren sei die erste E-Mail in Deutschland eingetroffen, steht darin. Erhalten hat sie Michael Rotert von der Uni Karlsruhe, der den ersten E-Mail-Server im Land aufgesetzt hatte. Um zu testen, ob der funktionierte, hat Rotert eine Nachricht ins Koordinationszentrum des Universitätsnetzes CSNET am Massachusetts Institute of Technology geschickt. «Wilkomen in CSNET», antwortete Mitarbeiterin Laura Breeden in etwas holprigem Deutsch. Und weiter auf Englisch: «Michael, this is your official welcome to CSNET. We are glad to have you aboard.»

Die wirklich erste E-Mail war das nicht, brummt der Webflaneur. Compuserve, ein anderer Vorgänger des Internet, gab es schon seit 1981. Einige wenige Leute nutzten das ARPAnet oder das Fidonet. Michael Roterts E-Mail sei aber die erste, die auf einem hier zu Lande stehenden Mailserver eingegangen sei, liest der Webflaneur weiter. Zuvor hätten sich die Nutzer telefonisch in amerikanische Computer einwählen müssen.

Der Webflaneur kommt ins Sinnieren. Wann hat er wohl die erste E-Mail empfangen? In einem Bulletin-Board-System vor gut 15 Jahren dürfte es gewesen sein. Er sieht noch immer die Schulkollegen über «dieses moderne Zeugs» die Köpfe schütteln. Und erinnert sich, wie einsam die Mailerei ohne Brieffreunde war.

Da plötzlich geht ein Fensterchen auf. Und der Webflaneur lässt alles liegen.

Auf dem Mond

Webflaneur am Montag, den 20. Juli 2009

Als Astronaut auf den Mond fliegen: Davon träumte einst auch Klein-Webflaneur. Und noch heute liest er mit Interesse, was denen, die es vor 40 Jahren getan haben, so alles widerfahren ist. Er liest etwa über den Apollo Guidance Computer: Sieben Jahre wurde am Massachusetts Institute for Technology daran gearbeitet – am Ende unter generalstabsmässiger Führung und Hochdruck.

Der Computer war dank der erstmals eingesetzten integrierten Schaltkreise nur 30 Kilogramm schwer – ein Fliegengewicht für die damalige Zeit. Der Webflaneur überfliegt die technischen Daten und staunt: Die Astronauten liessen sich von einem Rechner lotsen, der mit 73 Kilobytes weniger Speicher hat als sein Kaffeeautomat. Dass der Autopilot im Landeanflug Fehlermeldungen spuckte, bis Neil Armstrong das Steuer an sich riss, lag aber vorab an menschlichem Versagen: Die Astronauten hatten entgegen dem Plan den Radar angeworfen und damit den Rechner überlastet.

Im Cyberspace stolpert der Webflaneur später über die Schaltpläne des Computers. Und selbst eine Simulation entdeckt er. Da erwacht in ihm wieder der Weltraumforscher von früher. Er wirft «seinen» Apollo Guidance Computer an. Auf dem Monitor erscheint der klobige Zahlenblock, über den man den Rechner sogar im Schutzanzug bedienen kann. Und was jetzt? Der Webflaneur wirft einen Blick auf die seitenlange Liste mit den vierstelligen Steuercodes. Dann tippt er aufs Geratewohl eine Zahl ein. Schon meldet sein Guidance Computer einen Fehler.

Dem Webflaneur graut: Astronaut zu sein ist kein Honiglecken. Er übernimmt das Steuer, holt einen Kaffee aus dem Vollautomaten und begräbt einen weiteren Kindheitstraum.

Im Fluss

Webflaneur am Dienstag, den 7. Juli 2009

Am Uferweg hängt ein Plakat. Der Webflaneur, soeben dem Fluss entstiegen, bleibt tropfend davor stehen. Die Aaretemperatur könne per SMS abgerufen werden, liest er. Das koste ihn nur 40 Rappen. Der Webflaneur schüttelt den Kopf. Zweckmässiger sei es doch, einfach mal eine Zehe ins Wasser zu tunken, sagt er zum Mitschwimmer.

Doch die Temperaturfrage lässt ihn nicht kalt. Zu Hause eingetrudelt, setzt sich der Webflaneur auf den Balkon und wirft das Notebook an. Zuerst surft er bei Aaremarzili vorbei. 20 Grad sei die Aare warm, zeigt die letzte Messung. Damit ist sie bedeutend wärmer als die Gürbe und im Vergleich zur Emme schon fast lau, wie der Webflaneur der Zusammenstellung von Wiewarm entnimmt. Wie warm ist eigentlich der Thunersee? Beim Amt für Wasser und Abfall findet der Webflaneur detaillierte Messwerte sauber auf einer Karte eingetragen. Und ausserhalb des Kantons? Für diese Zahlen schaut er bei der Landeshydrologie vorbei.

In der Zwischenzeit ist die Sonne verschwunden. Die Temperatur wäre gut für ein Jogging, redet sich der Webflaneur ein. Doch wie hoch ist der Ozonpegel? Der Ozonticker der Stadt Bern steht auf 90 Mikrogramm pro Kubikmeter. Doch das Studieren, ob joggen unter diesen Bedingungen gesund sei, erübrigt sich. Denn ganz plötzlich bricht die Wolke. Sintflutartig prasselt der Regen hernieder. Der Webflaneur flüchtet vom Balkon in die Wohnung. Mit lautem Krachen schlägt in der Nähe ein Blitz ein. Die Scheiben klirren, der Boden bebt. Der Webflaneur wirft einen Blick auf die nicht mehr so schöne, braune Aare – und abonniert vorsorglich schon mal die Hochwasserwarnungen von Stadt und Kanton sowie gleich auch noch den allgemeinen Wetteralarm.

Der digitale Rossini

Webflaneur am Dienstag, den 23. Juni 2009

Die Noten liegen zu Hause. Und die Zeit ist zu knapp, um sie vor der Chorprobe dort zu holen. Der Webflaneur sieht sich bereits ohne Rossini an der Probe stehen. Er spürt den vorwurfsvollen Blick der Dirigentin. Er hört Sopräne und Altistinnen über seinen Fauxpas tuscheln. Und er sieht sich vor Scham erröten.

Doch da hat er einen Geistesblitz. Gibts nicht Sammlungen von Noten mit abgelaufenem Urheberrechtsschutz? Der Webflaneur schaut nach – und landet bei Imslp.org, dem «International Music Score Library Project». Dort findet er tatsächlich die «Petite Messe Solenelle» von Gioacchino Rossini. Die Noten sind aus einer alten Ausgabe eingescannt. So sehen sie auch aus: Die Linien sind verwischt, der Text nicht immer einfach zu entziffern. Fürs Notenstudium sind die Scans interessant, fürs Blattlesen aber sind sie weniger geeignet. Deshalb schaut der Webflaneur bei Cpdl.org vorbei, der «Choral Public Domain Library». Dort findet er eine computergesetzte Version der Messe. Er lädt die Noten herunter. Das Werk ist 135 Seiten lang. Der Chef hätte kein Musikgehör, wenn er sie im Büro druckte. Zum Glück trägt der Webflaneur gerade ein E-Book-Lesegerät mit sich herum. Er kopiert die Noten darauf und fährt los.

Die Chorgspändli gucken erstaunt, als der Webflaneur die Noten auspackt. Der Kollege aus dem Bassregister vergisst vor Staunen fast das Singen. Und das Chörli attestiert dem Webflaneur unisono, dass er heute vorbildlich leise blättere. Trotzdem tut sich dieser während der Probe schwer: Seine Taktzahlen stimmen nicht mit jenen der gedruckten Ausgabe überein. Und die Noten sind auf dem Bildschirm etwas klein.
Das nächste Mal, sinniert der Webflaneur, suche er die Musik besser beim Mutopiaproject.org. Denn dort heruntergeladene Noten könnte er mit etwas Zeit und Bastelgeschick an die Grösse des Bildschirms anpassen. Oder noch besser: Er lässt die Noten in Zukunft nicht mehr zu Hause liegen.