Der verlorene Freund

Webflaneur am Dienstag, den 1. Juni 2010

Gestern hat der Webflaneur einen Freund verloren. Vielleicht waren es sogar mehrere. Von einem aber weiss er es genau. Dieser hat ihm die Freundschaft mündlich aufgekündigt, als er ihn per Zufall auf seinem Arbeitsweg der Aare entlang angetroffen hat.

Der Freund hat ihm tief in die Augen geschaut. Dann hat er unvermittelt gesagt, es sei vorbei mit der Freundschaft. Der Webflaneur zuckte zusammen. Was los sei, wollte er fragen, und ob er etwas falsch gemacht habe. Doch da fuhr der (Ex-)Freund bereits fort: Er gedenke heute, am Quit Facebook Day, sein Konto zu löschen – und damit alle Freundschaftsverbindungen. Der Webflaneur atmete auf. Weshalb, fragte er. Facebook fehle jeglicher Respekt vor privaten Daten, polterte der Freund. Und ausufernd führte er aus, was Facebook-Chef Mark Zuckerberg in den letzten Monaten alles im Schild geführt haben soll und wo er erst auf grossen öffentlichen Druck hin wieder zurückgekrebst sei. Deshalb hätten sich 29000 Facebook-Nutzer – darunter auch er – entschlossen, ihre Kontos zu löschen.

Der Webflaneur, der ihm schweigend zugehört hatte, wendete ein, dass sich die Nutzer selbst darum kümmern müssten, welche Daten sie auf Facebook wem zur Verfügung stellten. Das schaffe ein normaler Anwender nicht innert nützlicher Frist, kritisierte der Freund. Der Webflaneur konterte: Immerhin habe Zuckerberg jüngst versprochen, dass diese – zugegebenermassen etwas komplizierten – Einstellungen vereinfacht würden. Der Freund schüttelte den Kopf. Zuckerberg krebse bloss einmal mehr zurück – um gleich die nächste Offensive auf seine Privatsphäre zu starten. Bis sich etwas ändere, fliesse noch sehr viel Wasser die Aare hinunter.

Ganz voll

Webflaneur am Mittwoch, den 5. Mai 2010

Die Festplatte des Notebooks rotierte auf Hochtouren. Und trotzdem arbeitete es langsamer denn je: Nach jedem Tastendruck und jedem Mausklick vergingen lange, bange Sekunden ohne jegliche Reaktion. Dem Webflaneur schwante Böses: Er hatte sich doch hoffentlich kein Virus eingefangen! Sofort machte er sich auf die Jagd nach dem Übeltäter. Bald stellte er fest: Es war kein Virus, das den Rechner blockierte. Dieser kämpfte damit, dass die Festplatte übervoll war.

Der Webflaneur liess alles liegen. Denn er wusste: Eine volle Festplatte bremst Computer nicht nur aus, sondern kann mitunter zum Absturz und Datenverlust führen. Er tat, was er in solchen Situationen immer tut: den Abfalleimer packen und schwungvoll leeren. Zudem liess er die Software zur Datenträgerbereinigung alles Unnötige über Bord kippen.

Der Computer rechnete nun wieder flotter. Doch der freie Speicherplatz war noch immer knapp. Der Webflaneur durchsuchte die Festplatte nach fetten Files. Er stiess auf einen Stapel gigantisch grosser Fotos sowie auf besonders platzfressende Video- und Tonaufnahmen. Löschen wollte er diese nicht. Aber er könnte sie in ein platzsparenderes Format umwandeln. Es gibt viele kostenpflichtige und einige kostenlose Software zum Konvertieren von Bild- und Tondateien. Viel brauche er zum Konvertieren nicht, sinnierte der Webflaneur. Für Fotos genüge ein einfaches Image Magick. Für die Ton- und Videodateien setze er auf Ffmpeg beziehungsweise WinFF.

Einige wenige Klicks – schon konvertierte der Computer die Dateien stapelweise in platzsparendere Formate. Und das rechnete sich: Bald war auf der Festplatte wieder gigabyteweise Speicher frei. So geht das.

Das Upgrade

Webflaneur am Dienstag, den 27. April 2010

Sie lese vor dem Schlafengehen noch einige Seiten, sagt sie. Er müsse noch etwas ausharren, sagt der Webflaneur. Der Computer aktualisiere gerade sein Betriebssystem. Und dabei dürfe man ihn unter keinen Umständen unterbrechen. «Warum muss das spätabends sein?», fragt sie im Weggehen. Die Antwort ist einfach: Der Webflaneur kann nicht länger warten. Er will wissen, was das neue Ubuntu-Linux bringt – und zwar sofort, auch wenn die «Lucid Lynx» oder «klarer Luchs» genannte Version erst am Donnerstag in die freie Wildbahn entlassen wird. Und warum nicht abends? System-Upgrades sind bei Linux keine grosse Sache.

Etwas später ist die Aktualisierung abgeschlossen. Der Computer startet neu. Der Webflaneur packt sein Notebook und flätzt sich zu ihr aufs Sofa. Sie blättert in einer Modezeitschrift. Der grosse Moment sei gekommen, sagt er: Das sei das brandneue Ubuntu. Sie wirft einen flüchtigen Blick auf den Monitor. Was daran anders sei, fragt sie. «Vieles», sagt er. Zum einen sei das System optisch überarbeitet worden. «Das in Brauntönen gehaltene Kleid wurde abgestreift. Neue Modefarbe ist Aubergine.» Auch die Symbole seien eleganter. «Seit wann legst du Wert auf Äusserlichkeiten?», fragt sie. Wichtiger seien natürlich die neuen Funktionen, fährt der Webflaneur fort: So sei im aktuellen Ubuntu ein Musikshop, in dem die internationalen Hits zu finden seien, direkt eingebunden. Gekaufte Songs würden übrigens, wie auch die Adressdaten, als Sicherheitskopie auf einem Server abgelegt. Dank besserer Integration ins Menü behalte man zudem den Überblick über die Chats und die Statusmeldungen aus Twitter, Facebook und Co. Noch wichtiger seien indes die vielen Änderungen unter der Haube.

«Und wenn dieses Ubuntu doch etwas nicht kann?», fragt sie. «Dann kanns sicher die nächste Version, die in einem halben Jahr erscheint», sagt der Webflaneur und grinst. «Ich mag schon fast nicht mehr warten.»

Fingerübungen auf der Kommandozeile

Webflaneur am Freitag, den 16. April 2010

Schauen Sie, wie der Webflaneur auf der Kommandozeile herumturnt! Er füttert dem Rechner kryptische Befehle – weiss auf schwarz. Sobald er Enter drückt, jagt dieser als Antwort seitenweise Buchstaben über den Bildschirm. Der Webflaneur nickt zufrieden oder schüttelt den Kopf. Schon tippt er den nächsten Befehl ein. Woran er arbeitet? Keine Ahnung, aber es muss kompliziert und wichtig sein. Beim Zugucken wird sofort klar: Der Webflaneur ist ein Computercrack.

Doch halt: Ist die Kommandozeile nicht ein Relikt aus jener Zeit, als das Betriebssystem einem noch kein Fenster zum bequemen Klicken öffnete? Ganz und gar nicht, finden die Freunde des Webflaneurs, die wirklich etwas von der Computerei verstehen. Sie schwören auf die Kommandozeile, die Konsole, das Terminal. Damit seien sie schneller und könnten mehr machen als über Klickibunti-Oberflächen, sagen sie. Tatsächlich stockt dem Webflaneur fast der Atem, wenn er den Freunden bei ihrer rasanten Konsolenarbeit zuschaut. Und so hat er es schliesslich selbst probiert.

Dabei hat er festgestellt, dass die Konsole oft praktisch ist. Neulich musste er Bilder drehen, die ein Scanner verkehrt eingelesen hatte. Dazu brauchte er keine teure Software, sondern nur den richtigen Befehl auf der Konsole. Seither versucht er es mit der Kommandozeile, wenn er mit der grafischen Oberfläche nicht ans Ziel kommt. Und: Wenn er jemanden beeindrucken will.

Der Webflaneur rät deshalb: Lernen Sie vier, fünf der Befehle auswendig, die Sie in OnlineListen finden. Und benutzen Sie diese, wann immer Sie jemanden tief beeindrucken wollen. Aber Achtung: Lassen Sie die Konsole besser Konsole sein, wenn die Zuschauer etwas von der Computerei verstehen. Unter uns: So macht es auch der Webflaneur.

Die Webbrowserwahl

Webflaneur am Dienstag, den 2. März 2010

Der Webflaneur hört sie bereits klagen: «Was soll dieses Fenster?», werden einige Bekannte, die mit Computern wenig am Hut haben, in den kommenden Wochen wissen wollen. Sie werden ein Fenster beschreiben, das plötzlich aufpoppt und das eine Liste mit Webbrowsern beinhaltet. Der eine oder die andere wird wohl sogar die Befürchtung äussern, Opfer eines Computervirus geworden zu sein.

Der Webflaneur wird die Fragenden beruhigen. Und er wird erklären: Microsoft habe mit Windows lange ein Fast-Monopol bei Betriebssystemen gehabt. Als der Konzern mit dem System auch gleich noch den eigenen Webbrowser – den Internet Explorer – installiert habe, sei dies den Konkurrenten sauer aufgestossen: Der Softwaregigant nutze sein Monopol aus, wetterten sie. Microsoft hingegen verteidigte den Internet Explorer als integralen Bestandteil des Systems. So wogte der Streit hin und her. Schliesslich sprachen die Wettbewerbshüter der Europäischen Union ein Machtwort. Microsoft zauberte daraufhin eine andere Lösung aus dem Hut: Der Internet Explorer bleibt vorinstalliert, die Anwender können aber auf einfache Weise auswählen, welchen Browser sie nutzen möchten. Und das werde nun gemacht, wird der Webflaneur sagen: Wer Windows XP, Vista oder ein Windows 7 installiert habe, erhalte nach einem Update eine Liste mit 12 zufällig angeordneten Browsern angezeigt – vom Internet Explorer über die Konkurrenten Firefox, Opera, Safari und Chrome bis zu unbekannter Surfsoftware wie Flock, Flash Peak und dem Green Browser. Ein Klick auf das Symbol, schon werde der Webbrowser der Wahl automatisch installiert.

So wird es der Webflaneur den verunsicherten Bekannten erklären. Oder er wird ihnen diesen Text schicken.

Zwitschern oder sausen?

Webflaneur am Dienstag, den 16. Februar 2010

«Wem vertraut ihr eure Tagebücher an?», fragt der Webflaneur in die Runde. Die Kollegin, die erst gerade zum Grüppchen vor dem Partybuffet gestossen ist, schaut ihn erstaunt an. Das gute alte Tagebuch liege tief unten in einer Schublade, sagt sie. Es sei eines mit Schlösschen – «der letzte Schrei in meiner Jugend» – und obwohl selbst der jüngste Eintrag längst verjährt ist, bleibe der Inhalt streng geheim. «Aber ihr habt vorher wohl nicht über normale Tagebücher diskutiert», fügt sie an.

«So ein Schlösschentagebuch hatte ich auch», sagt der Partygänger vis-à-vis. Aber nein, sie hätten nicht über «richtige» Tagebücher diskutiert, sondern über eine moderne Art: über Mikroblogs, also über Kürzesttagebücher im Internet – ganz ohne Schlösschen. «Wir diskutierten über Statusdienste wie Twitter und Facebook», fügt der Webflaneur an. Der Suchmaschinengigant Google habe mit Buzz eben gerade einen ähnlichen Dienst aufgeschaltet. Er sehe gut aus. Trotzdem sei er unsicher: «Soll ich bei Twitter bleiben? Soll ich zum freien Twitter-Klon Identica wechseln oder mich auf die Statusmeldung von Facebook konzentrieren?» Sie bleibe, wo ihre Freundinnen und Freunde seien, sagt die Kollegin neben ihm: bei Facebook. Der Partygänger vis-à-vis votiert für Twitter. Dieser Dienst sei schlank, schnell und bequem. Und der Kollege vor dem Buffet legt sich für Identica ins Zeug: Damit behalte er die Kontrolle über seine Inhalte – und stelle sie nicht kommerziellen Anbietern zur Verfügung. Sie habe noch immer kein Konto bei Facebook, sagt hingegen die vorher zur Gruppe gestossene Kollegin, und auch sonst keines. «Mein Tagebuch bleibt geheim.»

Am nächsten Tag vor dem Computer: Der Webflaneur fragt sich, ob er nicht doch besser wieder zum Tagebuch mit Schlösschen wechseln sollte. Er kommt zu keinem Schluss. Und so hängt er vorerst mal Identica,Twitter, Facebook und Buzz zusammen – und schreibt gleich überall.

Falls es zu hoch ist…

Webflaneur am Sonntag, den 7. Februar 2010

Sie will mit Mozart ans Casting. Doch die Musik sei ihr zu hoch, klagt sie. «Zu hoch im ursprünglichen Sinn des Wortes. Eine Terz tiefer läge mir besser.» Ob sich da etwas machen lasse, fragt sie. Der Webflaneur hat kein Musikgehör. Ihm mangle es an der Zeit für derartige Basteleien, sagt er. «Auch nicht gegen ein Pakerl Mozartkugeln?», fragt sie. So kompliziert könne die Transposition doch nicht sein. Am letzten ähnlichen Werk habe er lange geübt, kontert der Webflaneur. Doch dann lenkt er ein. «Ich kanns mal probieren. Es muss aber prestissimo gehen.»

Er setzt sich an den Rechner. Zuerst brauche er das Opus, murmelt er. Mozart, dessen Musik längst nicht mehr urheberrechtlich geschützt ist, sollte zu finden sein Tatsächlich: Im Mutopiaproject stöbert er das Werk aufs Geratewohl auf – in der Form von Noten, aber auch in der Form einer Midi-Datei. Damit erübrigt sich die Suche bei Cpdl.org, einem ähnlichen Archiv. Der Webflaneur lädt die Midi-Datei herunter. Nun braucht er eine Notationssoftware. Nach kurzer Suche stösst er auf Musescore.org.

Er lädt die Software herunter, installiert sie – und staunt: Vor wenigen Jahren noch hätte ein solches Programm viel Geld gekostet, nun kriegt er es umsonst. Er importiert die Midi-Datei des Mozart-Liedes. Auf dem Bildschirm erscheinen die Noten. Alles markieren, um drei Halbtöne transponieren. Ob die Tonart beim Transponieren angepasst werden solle, fragt das Programm. Ja, gerne, murmelt der Webflaneur. Ein Klick, schon ist das Werk vollbracht. Der Webflaneur hört sich das Lied an. Doch, es klingt gut. Auf die Notenbildpolitur verzichtet er. Er speichert die Partitur als PDF-Datei und schickt ihr diese – zusammen mit einer Lobeshymne auf Musescore.

Am Casting habe alles gut geklappt, erzählt sie einige Tage später. Der Pianist habe sich bedankt. Der Aufwand sei indes unnötig gewesen, habe er gesagt: Das Keyboard transponiere auf Knopfdruck automatisch.

Netiquette

Webflaneur am Dienstag, den 19. Januar 2010

«Nachlesen ist Pflicht! In Grossbuchstaben schreibt nur, wer den Empfänger ANSCHREIEN will! Und Adresslisten in Massenmails gehören ins BCC-Feld!» Das hackt der Webflaneur entnervt in sein Notebook. Dann lehnt er sich zurück, atmet tief durch und schaut aus dem Fenster.

Vier Stunden zuvor: Die E-Mail ist bloss ganz kurz – und doch unverständlich. «Klar, um 5 beiir», lautet die Antwort auf die formelle Anfrage des Webflaneurs, in der er zu erfragen gedachte, ob seine Mitarbeit an einem Projekt gefragt sei. Nun sitzt er verwirrt vor dem Einzeiler. Was meint der Manager? Vermutlich wars ein Unfall: Er hat die falsche Taste erwischt und die unfertige Mail geschickt. Als keine weitere eintrifft, macht sich der Webflaneur ans Entziffern. Wollte der Manager «Klar, um fünf Uhr bei ihr» schreiben? Meinte er «Klar, um fünf Uhr bei mir»? Das muss es sein. Bloss, wo ist «bei mir»? Nach wenigen Minuten hat er es erfragt. Der Einzeiler ist entschlüsselt. Oder beinhaltet er mehr? Will der Manager, frei nach Kommunikationswissenschafter Schulz von Thun, durchblicken lassen, dass er unter Hochdruck arbeite? Demonstriert er mit der flapsigen Nachricht die Bedeutung, die er der Kommunikation mit dem Webflaneur beimisst? Versucht er implizit klarzumachen, dass er keine Zeit für Diskussionen habe? Der Webflaneur beschliesst, nur auf dem Sach-Ohr zu hören und an die Sitzung zu fahren; vermutlich wollte ihm der Manager bloss in aller Eile grünes Licht geben.

Als der Webflaneur unterwegs im Zug eine andere E-Mail erhält, in deren Adresszeile das halbe Telefonbuch steht, und dann gleich noch eine komplett in Grossbuchstaben, reisst ihm der Geduldsfaden. «Nachlesen ist Pflicht!», tippt er entnervt. In Grossbuchstaben schreibe nur, wer den Empfänger anschreie. Und Adresslisten gehörten ins BCC-Feld. Das mit dem Nachlesen gelte im Übrigen auch für alle iPhone-ianer, denkt er, während er aus dem Fenster schaut. Davor könne man sich auch mit dem Hinweis nicht drücken, dass die Botschaft von «einem Gerät ohne Tasten» komme. Nachlesen ist man den Empfängern schuldig. Schliesslich liest er seine Kolumne auch immer nachgelesen.

Der digitale Vorleser

Webflaneur am Dienstag, den 5. Januar 2010

Der Webflaneur steht vor einer Prüfung. Um sie zu bestehen, muss er viel lesen. Doch was tun, wenn die Lider bleiern werden oder der Nacken schmerzt? Dann hilft bloss, die Studierstube zu verlassen, frische Luft zu schnappen, den Körper zu bewegen und den Puls hochzujagen. Doch so gut ein Jogging tut – die Zeit eilt ihm davon.

Der Webflaneur hat eine Idee: Er könnte sich den Text von einer Computerstimme vorlesen lassen, während er über Stock und Stein trabt. Alles, was er dazu benötigt, ist sein Musikplayer und ein Computerprogramm, das digitale Texte vorlesen kann. Er macht sich auf die Suche nach einer solchen Software. Sie sollte gratis sein; schliesslich ist er ein armer Student. Bald schon stösst er auf Espeak. Er installiert die Software, turnt kurz auf der Kommandozeile herum – schon spricht sein Computer. Auf Befehl speichert Espeak das Vorgelesene auch in einer Tondatei ab.

So weit, so gut. Leider versteht der Webflaneur aber kaum, was sein Computer sagt. Versucht sich da ein englischer Sprecher an einem deutschen Text? Tatsächlich tönts viel besser, nachdem der deutsche Sprecher aktiviert ist. Besser ist indes nicht gut genug: Noch immer redet der Rechner unverständlicher als ein durchschnittlicher Roboter der frühen Tonfilmzeit. Verständlicherweise, denn das Programm verfügt, wie es der Professor ausdrücken würde, bloss über einen restringierten Wortschatz. Der Webflaneur spendiert der Software eine grosse Datei aus dem Mbrola-Stimmsyntheseprojekt. Sie wirkt Wunder. Nun kopiert er die Tondatei auf seinen Musikplayer, zieht sich um und trabt los.

Zweifellos lernt er während des Testlaufs das eine oder das andere. Ganz warm wird er mit dem synthetischen Sprecher im Ohr aber nicht. Nach dem Lauf setzt sich der Webflaneur deshalb wieder hin und liest selbst weiter. Und fürs nächste Jogging kauft er sich ein Hörbuch.

Und als Zugabe: Der digitale Vorleser — digital vorgelesen

Turbulente Nullerjahre

Webflaneur am Freitag, den 1. Januar 2010

Irgendwer hämmert wie wild in seinem Kopf. Der Webflaneur sinkt ermattet aufs Sofa, schliesst die Augen, massiert die Schläfen. Und er lässt die wilde Zeit der Zweinuller-Jahre Revue passieren.

Er erinnert sich, wie gespannt er vor zehn Jahren auf den letzten Glockenschlag gewartet hat. Gehen die Lichter aus? Bricht das Telefonnetz zusammen? Bleiben die Züge stehen? Doch nichts passierte. Der Jahrtausendkäfer war bereits ausgerottet worden. Oder er war ein Phantom. Die Informatikwelt drehte sich weiter – und immer schneller. Die Zukunft war das Internet. Idee um Idee wurde ausgeheckt. Für fast alles fanden sich Investoren. Die Börsianer jubilierten. Sogar der Webflaneur liess sich zum ersten Aktienkauf hinreissen. Dann platzte die Blase. Nur wenige Unternehmen sind geblieben. Eines davon ist Google, das einen guten Suchalgorithmus mit einer gewieften Werbeverbreitung koppelte, damit die anderen Suchmaschinen vergessen machte und zur dominierenden Internetfirma wurde. Ehe sie sich versah, ging es auch der Musikindustrie an den Kragen. Der Kampf gegen die Tauschbörse Napster nützte da wenig. Erst der Erfolg von Apples iTunes brachte die Musikindustrie auf bessere Ideen. Und plötzlich gings Schlag auf Schlag. Der Erfolg des Mitmachlexikons Wikipedia nötigte altehrwürdige Verlage zur Aufgabe. Die nutzergenerierten Inhalte setzten sich durch, der Ausdruck Web 2.0 machte die Runde. Wer im Netz etwas auf sich hielt, war am Bloggen oder tummelte sich auf Plattformen herum: auf Myspace etwa, Youtube, Facebook, Xing, Twitter und wie sie alle heissen. Immer stärker und immer schneller durchdrang das Internet das ganze Leben.

Vor dem geistigen Auge des Webflaneurs beginnt sich alles zu drehen. So viel in so kurzer Zeit. Kein Wunder, kriegt man davon einen Kater. Doch wie lautet die alte Säuferweisheit? Kater bekämpfe man am besten mit mehr vom gleichen? Der Webflaneur rappelt sich auf. Und er setzt sich an den Computer.