Beiträge mit dem Schlagwort ‘Web 2.0’

Ein Blumenkübel geht um die Welt

Webflaneur am Dienstag den 10. August 2010

Nein, der Webflaneur hat nichts Lustiges gesagt. Sein Satz war weder überraschend noch zweideutig. Trotzdem prustete die Runde los, wie auf Kommando. Der Webflaneur begreift erst nach und nach: Es war das eine Wort. Er hätte es nicht benutzen dürfen, nicht hier, nicht heute. Das Wort war: Blumenkübel.

Bis er das begriff, brauchte es einige Erklärungen. Diese kamen vom Kollegen vis-à-vis: Als die Lachwelle verebbt war, fragte er den ganz perplexen Webflaneur: «Hast du die Sache mit dem Blumenkübel auf Twitter nicht mitbekommen?» – «Welcher Kübel?», fragte dieser. Er habe sich in den zwei letzten Tagen abgeschottet, die Arbeit habe gedrängt. Dann brauche er ein Update, sagte der Kollege.

Also: Vor einem Altersheim in Neuenkirchen in Deutschland sei in der Nacht – wohl bei einem Saubannerzug – ein Blumentopf in die Brüche gegangen. Eine Praktikantin der «Münsterschen Zeitung» habe eine Meldung dazu verfasst. Tags darauf sei plötzlich der #Blumenkübel-Sturm durch Twitter gefegt: Die Kunde vom Kübel verbreite sich rasant. Bald schon in abenteuerlichen Variationen: Eine Beteiligung der Al-Qaida könne nicht ausgeschlossen werden, habe einer geschrieben. BP habe das Ölleck mit einem Blumenkübel abgedichtet, habe ein anderer kolportiert. Und ein weiterer habe SPD-Chef Brandt zitiert: «Jetzt muss zusammenwachsen, was zusammengehört.» Bald darauf seien auf Youtube die ersten Videos aufgetaucht: eine dramatisierte Blumenkübel-Lesung etwa, ein «Bekennervideo» der Vandalen und – wie seit dem «Maschendrahtzaun» und «Coup de Boule» üblich – gleich ein Lied dazu. «Das alles hast du in zwei Tagen Netzabstinenz verpasst!»

«Henusode», sagt der Webflaneur. Nun müsse er aber gehen. Er wolle wirklich noch in seinen Terrassengarten – ja, wegen des umgefallen Kübels. Zum Abschied sagt er mit theatralisch erhobenem Zeigefinger: «Wenn ihr mich das nächste Mal so auslacht, dann vertopfe ich euch.»

Turbulente Nullerjahre

Webflaneur am Freitag den 1. Januar 2010

Irgendwer hämmert wie wild in seinem Kopf. Der Webflaneur sinkt ermattet aufs Sofa, schliesst die Augen, massiert die Schläfen. Und er lässt die wilde Zeit der Zweinuller-Jahre Revue passieren.

Er erinnert sich, wie gespannt er vor zehn Jahren auf den letzten Glockenschlag gewartet hat. Gehen die Lichter aus? Bricht das Telefonnetz zusammen? Bleiben die Züge stehen? Doch nichts passierte. Der Jahrtausendkäfer war bereits ausgerottet worden. Oder er war ein Phantom. Die Informatikwelt drehte sich weiter – und immer schneller. Die Zukunft war das Internet. Idee um Idee wurde ausgeheckt. Für fast alles fanden sich Investoren. Die Börsianer jubilierten. Sogar der Webflaneur liess sich zum ersten Aktienkauf hinreissen. Dann platzte die Blase. Nur wenige Unternehmen sind geblieben. Eines davon ist Google, das einen guten Suchalgorithmus mit einer gewieften Werbeverbreitung koppelte, damit die anderen Suchmaschinen vergessen machte und zur dominierenden Internetfirma wurde. Ehe sie sich versah, ging es auch der Musikindustrie an den Kragen. Der Kampf gegen die Tauschbörse Napster nützte da wenig. Erst der Erfolg von Apples iTunes brachte die Musikindustrie auf bessere Ideen. Und plötzlich gings Schlag auf Schlag. Der Erfolg des Mitmachlexikons Wikipedia nötigte altehrwürdige Verlage zur Aufgabe. Die nutzergenerierten Inhalte setzten sich durch, der Ausdruck Web 2.0 machte die Runde. Wer im Netz etwas auf sich hielt, war am Bloggen oder tummelte sich auf Plattformen herum: auf Myspace etwa, Youtube, Facebook, Xing, Twitter und wie sie alle heissen. Immer stärker und immer schneller durchdrang das Internet das ganze Leben.

Vor dem geistigen Auge des Webflaneurs beginnt sich alles zu drehen. So viel in so kurzer Zeit. Kein Wunder, kriegt man davon einen Kater. Doch wie lautet die alte Säuferweisheit? Kater bekämpfe man am besten mit mehr vom gleichen? Der Webflaneur rappelt sich auf. Und er setzt sich an den Computer.