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Der digitale Vorleser

Webflaneur am Dienstag den 5. Januar 2010

Der Webflaneur steht vor einer Prüfung. Um sie zu bestehen, muss er viel lesen. Doch was tun, wenn die Lider bleiern werden oder der Nacken schmerzt? Dann hilft bloss, die Studierstube zu verlassen, frische Luft zu schnappen, den Körper zu bewegen und den Puls hochzujagen. Doch so gut ein Jogging tut – die Zeit eilt ihm davon.

Der Webflaneur hat eine Idee: Er könnte sich den Text von einer Computerstimme vorlesen lassen, während er über Stock und Stein trabt. Alles, was er dazu benötigt, ist sein Musikplayer und ein Computerprogramm, das digitale Texte vorlesen kann. Er macht sich auf die Suche nach einer solchen Software. Sie sollte gratis sein; schliesslich ist er ein armer Student. Bald schon stösst er auf Espeak. Er installiert die Software, turnt kurz auf der Kommandozeile herum – schon spricht sein Computer. Auf Befehl speichert Espeak das Vorgelesene auch in einer Tondatei ab.

So weit, so gut. Leider versteht der Webflaneur aber kaum, was sein Computer sagt. Versucht sich da ein englischer Sprecher an einem deutschen Text? Tatsächlich tönts viel besser, nachdem der deutsche Sprecher aktiviert ist. Besser ist indes nicht gut genug: Noch immer redet der Rechner unverständlicher als ein durchschnittlicher Roboter der frühen Tonfilmzeit. Verständlicherweise, denn das Programm verfügt, wie es der Professor ausdrücken würde, bloss über einen restringierten Wortschatz. Der Webflaneur spendiert der Software eine grosse Datei aus dem Mbrola-Stimmsyntheseprojekt. Sie wirkt Wunder. Nun kopiert er die Tondatei auf seinen Musikplayer, zieht sich um und trabt los.

Zweifellos lernt er während des Testlaufs das eine oder das andere. Ganz warm wird er mit dem synthetischen Sprecher im Ohr aber nicht. Nach dem Lauf setzt sich der Webflaneur deshalb wieder hin und liest selbst weiter. Und fürs nächste Jogging kauft er sich ein Hörbuch.

Und als Zugabe: Der digitale Vorleser — digital vorgelesen