Beiträge mit dem Schlagwort ‘Karten’

Begrenzte Möglichkeiten

Webflaneur am Dienstag den 20. November 2012

Dieser Preis ist völlig überrissen, ereifert sich der Webflaneur. «200 Franken!», ruft er aus. So viel hätte ihn das Navigationsgerät beim Autovermieter gekostet. «Zum Kauf?», fragte der Freund vis-à-vis. «Zur Miete während der 14-tägigen Fahrt durch die USA», sagt der Webflaneur. «So etwas ist zum Davonlaufen.»

Der Freund pflichtet ihm bei. Er habe sich anders beholfen: Kurzerhand habe er die App eines bekannten Herstellers von Navigationsgeräten gekauft. «Seither navigiere ich mit dem Smartphone.» Genau das habe er sich auch überlegt, sagt der Webflaneur. Schliesslich habe er sich aber für die Low-Cost-Variante entschieden: Auf seinem Android-Smartphone habe er die Apps OSMand und Navigator installiert. Beide sind kostenlos. Und bei beiden kann man – auch ohne Internetzugang – die Daten von Openstreetmap nutzen, der Wikipedia der Landkarten.

«Das bewährt sich?», fragt der Freund. «Ja», sagt der Webflaneur. Man müsse eine Spur wachsamer sein als bei kommerziellen Navis. Ein, zwei Einbahnen seien falsch erfasst gewesen, wie er auf der Reise festgestellt habe. Und die eine App habe manchmal einen Schlenker vorgeschlagen. «Wir sind aber fast immer direkt ans Ziel gekommen.»

Der Webflaneur spricht gleich weiter; wenns es um Karten geht, ist er kaum zu bremsen. Es gebe bei Openstreetmap einen Unterschied zwischen Europa und den USA, doziert er. In Europa sind die meisten Strassen von Freiwilligen erfasst worden. In den USA hingegen durfte ein nationales Register importiert werden. «Entsprechend ist das Wegnetz fast komplett. Da es aber weniger Freiwillige gibt, fehlen viele Points of Interest: Monumente, Cafés, Hotels.»

Das soll sich nun ändern, liest der Webflaneur wenige Tage nach dem Gespräch mit dem Freund: Am nächsten Wochenende werden Freiwillige in der «Operation Cowboy» anhand von Luftfotos Fehlendes in der US-Karte nachtragen. Der Webflaneur wird sich nicht beteiligen, denn er hat am Wochenende andere Pläne. Seinen Beitrag hat er bereits auf der Reise geleistet: Er hat gute Cafés und Restaurants kartografiert – als Dank dafür, dass er kein überteuertes Navi mieten musste.

“Wo bisch?”

Webflaneur am Dienstag den 15. März 2011

Der Jüngling flätzt sich breitbeinig auf den Sitz. Er zieht die Nase hoch. Immer und immer wieder. Und das nicht einmal im Takt der Musik, die aus seinem Kopfhörer dröhnt. Kaum ist der Zug angefahren, kramt er auch noch sein Smartphone aus der Kunstlederjackentasche, streift den Hörer vom Kopf. Dem Webflaneur, der heute mit dem linken Fuss aufgestanden ist und der bereits ziemlich gereizt im Abteil schräg vis-à-vis sitzt, schwant Böses.

«Nun probier aber keine Klingeltöne aus!», fleht er den Jüngling leise an. Dieser tuts tatsächlich nicht. Viel schlimmer: Er telefoniert – in einer Lautstärke, dass ihn sogar der Zugführer hören muss. «Hey Mann, wo bisch?» fragt er. Und er schiebt nach: «Was machsch, Mann?»

Da reisst dem Webflaneur der – heute zugegebenermassen äusserst dünne – Geduldsfaden. Er holt tief Luft und wird selbst laut: «Hey Mann», ruft er dem Jüngling zu, er solle besser die Klappe halten und den Sound auf Zimmerlautstärke zurückdrehen. Und vor allem: Er solle mit der überflüssigen Fragerei aufhören. Er besitze ja offensichtlich ein Smartphone, das ihm Mami und Papi aus einem unerfindlichen Grund finanzierten. Also solle er dieses auch nutzen. «Du kennst doch Google Latitude?», fragt er ihn. Er solle ihm den Gefallen tun und diese App installieren. Und der Kollege auf dem Smartphone auch, das ihm dessen Mami und Papi aus einem unerfindlichen Grund finanzieren. Dann sähen sie stets, wo der andere sei und bräuchten nicht mit der «Wo bisch»-Fragerei zu nerven. Sollte ihm Latitude nicht behagen, könne er auch Facebook Places nehmen, Foursquare oder sonst eine App.

So redet sich der Webflaneur in Rage – bis der Jüngling kontert. Was die Freunde des Webfleurs von der Episode zu Gesicht bekommen? «Eingecheckt im Zug» auf Latitude. Und später eine Statusmeldung: «Mit blauem Auge davongekommen.»

Ein Bing löst einen Bauboom aus

Webflaneur am Montag den 3. Januar 2011

Knall auf Fall stehen plötzlich Häuser da, tippt der Webflaneur. Er hält inne, schaut auf den Bildschirm. Dann schüttelt er den Kopf und löscht den ersten Satz wieder. Viel besser wäre dies, sagt er sich: Bing löst einen Bauboom aus. Damit ist der Webflaneur nun sichtlich zufrieden.

Nach dem knalligen Einstieg müsse er aber ausholen, beschliesst er. Er schreibt: Openstreetmap sei ein Projekt, in dem Geodaten gesammelt würden – um daraus Land- und Navigationskarten zu machen. Wie bei der Wikipedia könne jedermann mithelfen. Lange sei die Kartografierarbeit indes nur im Schritttempo vorangekommen. Die Hauptverkehrsachsen und die beliebtesten Rad- und Wanderwege seien zwar längst erfasst. Auch Städte wie Bern sähen bereits beeindruckend aus. Doch andernorts fehle viel. Sein Heimatdorf etwa habe bis vor kurzem bloss aus einigen Strassen und Wegen bestanden. Das aber habe sich geändert – dank Microsoft: Der Softwarekonzern habe dem Projekt jüngst Flugbilder ab ihrem Bing genannten Portal zur Verfügung gestellt. Von diesen liessen sich Häuser, Strassen und Wälder bequem abzeichnen. Deshalb werde jetzt gebaut, was die Maus hergebe.

Wie das funktioniere?, stellt der Webflaneur eine rhetorische Frage. Er zeige es gerne, antwortet er, lädt das Kartografieprogramm Josm herunter und startet es. Er wählt sein Heimatdorf aus, lädt die vorhandenen Daten herunter, legt die Bing-Aufnahmen darüber. Da diese leicht versetzt sind, justiert er sie zuerst. Dann zeichnet er ein Haus nach und hängt diesem die nötigen Tags an. Und schon baut er ein zweites Haus. Und noch eines. Hätten wir oben nicht selbst weitergeschrieben, wäre diese Kolumne nie fertig geworden. Denn der Webflaneur muss nun offensichtlich bauen. Er baut ein Dorf.

Am Computer mitten in Paris

Webflaneur am Sonntag den 24. Mai 2009

Webflaneurs wohnen während weniger Wochen in Paris. Eben sind sie angekommen. Nun haben sie Hunger. Doch wo sollen sie speisen? Nicht zu teuer soll das Lokal sein, aber doch speziell. Und vor allem: Es muss in der Nähe liegen. Sie blättert im Insider-Reiseführer, den sie in ihrer Loge gefunden hat. Dieses Resto töne superbe, ruft sie nun aus. Wo denn dieser Gourmettempel für knappe Budgets liege, fragt der Webflaneur. «Zumindest in unserem Arrondissement», sagt sie und liest eine Adresse vor.

Er setzt sich an den Rechner, tippt diese bei Google Maps ein. Tatsächlich, das Restaurant liegt fast um die Ecke. Er vergrössert die Karte – und steht plötzlich mitten auf der Strasse. Er schaut sich um. Rechts und links sind kleine Ladenlokale. Vor ihm schlendern einige Passanten übers Kopfsteinpflaster. «Dort oben muss es sein», murmelt er. Was er denn nun wieder mache, holt sie ihn von der Strasse vor den Computer zurück. Das sei «Streetview», sagt er. Er kundschafte bloss rasch den Weg aus. «Streetview» gebe es übrigens demnächst auch in der Schweiz. Zumindest lasse Google derzeit kamerabepackte Autos durch die Städte kurven.

«Das sieht hübsch aus», ruft sie und deutet auf ein blau lackiertes Lokal auf der rechten Strassenseite. Klick für Klick gehts dann weiter durch die virtuelle Strasse bis zum gesuchten Lokal. «Lass uns einen Blick auf die Karte werfen», schlägt sie vor. Er vergrössert das Schild neben dem Eingang. Doch lesen können sie es nicht: Die Schrift ist verwischt – wie auch die Nummernschilder der Autos und die Gesichter der Menschen.

Webflaneurs finden den richtigen Weg dann ohne Probleme. Doch seit der Aufnahme ist aus dem Restaurant offensichtlich eine Bar geworden. Und so speisen die beiden schliesslich woanders, im blauen Lokal weiter unten an der Strasse. Dort war das Essen vielleicht etwas weniger gut. Dafür assen sie für einen guten Zweck.