Beiträge mit dem Schlagwort ‘Internet’

Bauchpinseln

Webflaneur am Dienstag den 7. September 2010

Der Blogger nimmt kein Blatt vor den Mund. «Papiermedien sind von gestern», behauptet er. Schon bald werde fast nur noch im Internet gelesen. Dort aber lasse sich kein Abomodell einführen, wie das die Medienunternehmen gerne hätten; die Konkurrenz sei einfach zu gross. Die eine Lösung zur Finanzierung sei Werbung. Die andere heisse Micropayment.

«Kennst du Flattr?», fragt er. Und bevor der Webflaneur antworten kann, setzt der Blogger zu einer Erklärung an: Der Name sei ein Wortspiel aus Flatrate und flatter, dem englischen Wort für schmeicheln. Das Prinzip des Dienstes sei einfach: Man eröffne ein Konto und überweise monatlich einen selbst gewählten Betrag darauf. Stosse man beim Surfen fortan auf einen guten Artikel, klicke man auf den Flattr-Knopf daneben. Am Ende des Monats werde der einbezahlte Betrag durch die Anzahl Klicks geteilt und ausbezahlt. «Damit erhalten wirklich jene Autoren das Geld, deren Beiträge spannend waren.»

Er kenne den Dienst, unterbricht der Webflaneur den Redeschwall des Bloggers. Er bezweifle aber, ob sich mit einem freiwilligen Bezahlsystem tatsächlich genügend Geld verdienen lasse. «Im Moment wird Flattr doch bloss von idealistischen Bloggern genutzt, die sich damit gegenseitig bauchpinseln», polemisiert er. Zudem verlange der Betreiber mit 10 Prozent des Betrags eine doch recht stattliche Gebühr.

Der Blogger lässt sich nicht umstimmen. Flattr sei das bislang überzeugendste Bezahlsystem, argumentiert er. Und er schwärmt weiter, bis sich der Webflaneur fragt, ob er den Dienst nicht doch einmal testweise auf seinen Seiten einbauen sollte. Vorläufig bedankt er sich aber artig beim Blogger für die Anregung zu dieser Kolumne – natürlich einfach und bequem per Klick auf dessen Flattr-Knopf.

Die Webbrowserwahl

Webflaneur am Dienstag den 2. März 2010

Der Webflaneur hört sie bereits klagen: «Was soll dieses Fenster?», werden einige Bekannte, die mit Computern wenig am Hut haben, in den kommenden Wochen wissen wollen. Sie werden ein Fenster beschreiben, das plötzlich aufpoppt und das eine Liste mit Webbrowsern beinhaltet. Der eine oder die andere wird wohl sogar die Befürchtung äussern, Opfer eines Computervirus geworden zu sein.

Der Webflaneur wird die Fragenden beruhigen. Und er wird erklären: Microsoft habe mit Windows lange ein Fast-Monopol bei Betriebssystemen gehabt. Als der Konzern mit dem System auch gleich noch den eigenen Webbrowser – den Internet Explorer – installiert habe, sei dies den Konkurrenten sauer aufgestossen: Der Softwaregigant nutze sein Monopol aus, wetterten sie. Microsoft hingegen verteidigte den Internet Explorer als integralen Bestandteil des Systems. So wogte der Streit hin und her. Schliesslich sprachen die Wettbewerbshüter der Europäischen Union ein Machtwort. Microsoft zauberte daraufhin eine andere Lösung aus dem Hut: Der Internet Explorer bleibt vorinstalliert, die Anwender können aber auf einfache Weise auswählen, welchen Browser sie nutzen möchten. Und das werde nun gemacht, wird der Webflaneur sagen: Wer Windows XP, Vista oder ein Windows 7 installiert habe, erhalte nach einem Update eine Liste mit 12 zufällig angeordneten Browsern angezeigt – vom Internet Explorer über die Konkurrenten Firefox, Opera, Safari und Chrome bis zu unbekannter Surfsoftware wie Flock, Flash Peak und dem Green Browser. Ein Klick auf das Symbol, schon werde der Webbrowser der Wahl automatisch installiert.

So wird es der Webflaneur den verunsicherten Bekannten erklären. Oder er wird ihnen diesen Text schicken.

Netiquette

Webflaneur am Dienstag den 19. Januar 2010

«Nachlesen ist Pflicht! In Grossbuchstaben schreibt nur, wer den Empfänger ANSCHREIEN will! Und Adresslisten in Massenmails gehören ins BCC-Feld!» Das hackt der Webflaneur entnervt in sein Notebook. Dann lehnt er sich zurück, atmet tief durch und schaut aus dem Fenster.

Vier Stunden zuvor: Die E-Mail ist bloss ganz kurz – und doch unverständlich. «Klar, um 5 beiir», lautet die Antwort auf die formelle Anfrage des Webflaneurs, in der er zu erfragen gedachte, ob seine Mitarbeit an einem Projekt gefragt sei. Nun sitzt er verwirrt vor dem Einzeiler. Was meint der Manager? Vermutlich wars ein Unfall: Er hat die falsche Taste erwischt und die unfertige Mail geschickt. Als keine weitere eintrifft, macht sich der Webflaneur ans Entziffern. Wollte der Manager «Klar, um fünf Uhr bei ihr» schreiben? Meinte er «Klar, um fünf Uhr bei mir»? Das muss es sein. Bloss, wo ist «bei mir»? Nach wenigen Minuten hat er es erfragt. Der Einzeiler ist entschlüsselt. Oder beinhaltet er mehr? Will der Manager, frei nach Kommunikationswissenschafter Schulz von Thun, durchblicken lassen, dass er unter Hochdruck arbeite? Demonstriert er mit der flapsigen Nachricht die Bedeutung, die er der Kommunikation mit dem Webflaneur beimisst? Versucht er implizit klarzumachen, dass er keine Zeit für Diskussionen habe? Der Webflaneur beschliesst, nur auf dem Sach-Ohr zu hören und an die Sitzung zu fahren; vermutlich wollte ihm der Manager bloss in aller Eile grünes Licht geben.

Als der Webflaneur unterwegs im Zug eine andere E-Mail erhält, in deren Adresszeile das halbe Telefonbuch steht, und dann gleich noch eine komplett in Grossbuchstaben, reisst ihm der Geduldsfaden. «Nachlesen ist Pflicht!», tippt er entnervt. In Grossbuchstaben schreibe nur, wer den Empfänger anschreie. Und Adresslisten gehörten ins BCC-Feld. Das mit dem Nachlesen gelte im Übrigen auch für alle iPhone-ianer, denkt er, während er aus dem Fenster schaut. Davor könne man sich auch mit dem Hinweis nicht drücken, dass die Botschaft von «einem Gerät ohne Tasten» komme. Nachlesen ist man den Empfängern schuldig. Schliesslich liest er seine Kolumne auch immer nachgelesen.

Turbulente Nullerjahre

Webflaneur am Freitag den 1. Januar 2010

Irgendwer hämmert wie wild in seinem Kopf. Der Webflaneur sinkt ermattet aufs Sofa, schliesst die Augen, massiert die Schläfen. Und er lässt die wilde Zeit der Zweinuller-Jahre Revue passieren.

Er erinnert sich, wie gespannt er vor zehn Jahren auf den letzten Glockenschlag gewartet hat. Gehen die Lichter aus? Bricht das Telefonnetz zusammen? Bleiben die Züge stehen? Doch nichts passierte. Der Jahrtausendkäfer war bereits ausgerottet worden. Oder er war ein Phantom. Die Informatikwelt drehte sich weiter – und immer schneller. Die Zukunft war das Internet. Idee um Idee wurde ausgeheckt. Für fast alles fanden sich Investoren. Die Börsianer jubilierten. Sogar der Webflaneur liess sich zum ersten Aktienkauf hinreissen. Dann platzte die Blase. Nur wenige Unternehmen sind geblieben. Eines davon ist Google, das einen guten Suchalgorithmus mit einer gewieften Werbeverbreitung koppelte, damit die anderen Suchmaschinen vergessen machte und zur dominierenden Internetfirma wurde. Ehe sie sich versah, ging es auch der Musikindustrie an den Kragen. Der Kampf gegen die Tauschbörse Napster nützte da wenig. Erst der Erfolg von Apples iTunes brachte die Musikindustrie auf bessere Ideen. Und plötzlich gings Schlag auf Schlag. Der Erfolg des Mitmachlexikons Wikipedia nötigte altehrwürdige Verlage zur Aufgabe. Die nutzergenerierten Inhalte setzten sich durch, der Ausdruck Web 2.0 machte die Runde. Wer im Netz etwas auf sich hielt, war am Bloggen oder tummelte sich auf Plattformen herum: auf Myspace etwa, Youtube, Facebook, Xing, Twitter und wie sie alle heissen. Immer stärker und immer schneller durchdrang das Internet das ganze Leben.

Vor dem geistigen Auge des Webflaneurs beginnt sich alles zu drehen. So viel in so kurzer Zeit. Kein Wunder, kriegt man davon einen Kater. Doch wie lautet die alte Säuferweisheit? Kater bekämpfe man am besten mit mehr vom gleichen? Der Webflaneur rappelt sich auf. Und er setzt sich an den Computer.

Ferienarbeit

Webflaneur am Dienstag den 27. Oktober 2009

Der Webflaneur ist in den Ferien. Doch plötzlich ruft die Arbeit. Technisch gesehen ist dies kein Problem, denn der Webflaneur hat vorgesorgt: Er hat die nötigen Daten auf einem Speicherplatz im Internet abgelegt. Er kann also von überall, wo es einen Internetanschluss gibt, darauf zugreifen. Genau das hat er nun vor.

Er tippt seinen Nutzernamen ein und ins nächste Feld das Passwort. Doch der Speicherdienst meckert. Wahrscheinlich habe er sich vertippt, murmelt der Webflaneur und probiert es nochmals. Oder hat er das falsche Passwort genommen? Eines nach dem anderen probiert er aus. Ohne Erfolg: Was immer er tippt, der Speicherdienst lässt ihn nicht an seine Daten heran. Zurücksetzen kann er das Passwort nicht, da der Dienst dies aus Sicherheitsgründen nicht zulässt. Schliesslich bleibt dem Webflaneur keine andere Wahl, als ohne die Grundlagendaten in die Tasten zu greifen. Es geht auch so. Eines nimmt sich der Webflaneur aber vor: Vor den nächsten Ferien wird er die Passwörter in einen digitalen Tresor legen. Natürlich wird er darauf achten, dass die Daten gut verschlüsselt übertragen und gespeichert werden. Und er wird nachlesen, ob der Tresorbesitzer vertrauenswürdig ist. Einige Adressen hat er schon zur Hand: Bei Passpack könnte er die Codes einzeln eintippen. Mit Xmarks könnte er jene, die er in seinem Webbrowser abgespeichert hat, einfach mit dem Netbook synchronisieren, das er in die nächsten Ferien mitzunehmen gedenkt. Oder er könnte ein spezielles Tresorprogramm installieren, etwa jenes von Keepass.

Der Webflaneur schüttelt ob seines Passwortlapsus den Kopf. Doch dann sagt er sich, das müsse so sein: Ferien sind erst richtig Ferien, wenn man das eine oder andere Passwort vergisst.

Die erste E-Mail

Webflaneur am Dienstag den 4. August 2009

Oben rechts geht ein Fensterchen auf. Eine E-Mail sei eingetroffen, posaunt das Betriebssystem daraus heraus. Der Webflaneur lässt alles andere liegen und guckt nach. Vielleicht könne er das gebrauchen, hat ein Freund geschrieben und darunter den Weblink zu einem Zeitungsartikel hingepappt. Der Webflaneur liest den Artikel.

Vor 25 Jahren sei die erste E-Mail in Deutschland eingetroffen, steht darin. Erhalten hat sie Michael Rotert von der Uni Karlsruhe, der den ersten E-Mail-Server im Land aufgesetzt hatte. Um zu testen, ob der funktionierte, hat Rotert eine Nachricht ins Koordinationszentrum des Universitätsnetzes CSNET am Massachusetts Institute of Technology geschickt. «Wilkomen in CSNET», antwortete Mitarbeiterin Laura Breeden in etwas holprigem Deutsch. Und weiter auf Englisch: «Michael, this is your official welcome to CSNET. We are glad to have you aboard.»

Die wirklich erste E-Mail war das nicht, brummt der Webflaneur. Compuserve, ein anderer Vorgänger des Internet, gab es schon seit 1981. Einige wenige Leute nutzten das ARPAnet oder das Fidonet. Michael Roterts E-Mail sei aber die erste, die auf einem hier zu Lande stehenden Mailserver eingegangen sei, liest der Webflaneur weiter. Zuvor hätten sich die Nutzer telefonisch in amerikanische Computer einwählen müssen.

Der Webflaneur kommt ins Sinnieren. Wann hat er wohl die erste E-Mail empfangen? In einem Bulletin-Board-System vor gut 15 Jahren dürfte es gewesen sein. Er sieht noch immer die Schulkollegen über «dieses moderne Zeugs» die Köpfe schütteln. Und erinnert sich, wie einsam die Mailerei ohne Brieffreunde war.

Da plötzlich geht ein Fensterchen auf. Und der Webflaneur lässt alles liegen.

Im Fluss

Webflaneur am Dienstag den 7. Juli 2009

Am Uferweg hängt ein Plakat. Der Webflaneur, soeben dem Fluss entstiegen, bleibt tropfend davor stehen. Die Aaretemperatur könne per SMS abgerufen werden, liest er. Das koste ihn nur 40 Rappen. Der Webflaneur schüttelt den Kopf. Zweckmässiger sei es doch, einfach mal eine Zehe ins Wasser zu tunken, sagt er zum Mitschwimmer.

Doch die Temperaturfrage lässt ihn nicht kalt. Zu Hause eingetrudelt, setzt sich der Webflaneur auf den Balkon und wirft das Notebook an. Zuerst surft er bei Aaremarzili vorbei. 20 Grad sei die Aare warm, zeigt die letzte Messung. Damit ist sie bedeutend wärmer als die Gürbe und im Vergleich zur Emme schon fast lau, wie der Webflaneur der Zusammenstellung von Wiewarm entnimmt. Wie warm ist eigentlich der Thunersee? Beim Amt für Wasser und Abfall findet der Webflaneur detaillierte Messwerte sauber auf einer Karte eingetragen. Und ausserhalb des Kantons? Für diese Zahlen schaut er bei der Landeshydrologie vorbei.

In der Zwischenzeit ist die Sonne verschwunden. Die Temperatur wäre gut für ein Jogging, redet sich der Webflaneur ein. Doch wie hoch ist der Ozonpegel? Der Ozonticker der Stadt Bern steht auf 90 Mikrogramm pro Kubikmeter. Doch das Studieren, ob joggen unter diesen Bedingungen gesund sei, erübrigt sich. Denn ganz plötzlich bricht die Wolke. Sintflutartig prasselt der Regen hernieder. Der Webflaneur flüchtet vom Balkon in die Wohnung. Mit lautem Krachen schlägt in der Nähe ein Blitz ein. Die Scheiben klirren, der Boden bebt. Der Webflaneur wirft einen Blick auf die nicht mehr so schöne, braune Aare – und abonniert vorsorglich schon mal die Hochwasserwarnungen von Stadt und Kanton sowie gleich auch noch den allgemeinen Wetteralarm.

Der digitale Rossini

Webflaneur am Dienstag den 23. Juni 2009

Die Noten liegen zu Hause. Und die Zeit ist zu knapp, um sie vor der Chorprobe dort zu holen. Der Webflaneur sieht sich bereits ohne Rossini an der Probe stehen. Er spürt den vorwurfsvollen Blick der Dirigentin. Er hört Sopräne und Altistinnen über seinen Fauxpas tuscheln. Und er sieht sich vor Scham erröten.

Doch da hat er einen Geistesblitz. Gibts nicht Sammlungen von Noten mit abgelaufenem Urheberrechtsschutz? Der Webflaneur schaut nach – und landet bei Imslp.org, dem «International Music Score Library Project». Dort findet er tatsächlich die «Petite Messe Solenelle» von Gioacchino Rossini. Die Noten sind aus einer alten Ausgabe eingescannt. So sehen sie auch aus: Die Linien sind verwischt, der Text nicht immer einfach zu entziffern. Fürs Notenstudium sind die Scans interessant, fürs Blattlesen aber sind sie weniger geeignet. Deshalb schaut der Webflaneur bei Cpdl.org vorbei, der «Choral Public Domain Library». Dort findet er eine computergesetzte Version der Messe. Er lädt die Noten herunter. Das Werk ist 135 Seiten lang. Der Chef hätte kein Musikgehör, wenn er sie im Büro druckte. Zum Glück trägt der Webflaneur gerade ein E-Book-Lesegerät mit sich herum. Er kopiert die Noten darauf und fährt los.

Die Chorgspändli gucken erstaunt, als der Webflaneur die Noten auspackt. Der Kollege aus dem Bassregister vergisst vor Staunen fast das Singen. Und das Chörli attestiert dem Webflaneur unisono, dass er heute vorbildlich leise blättere. Trotzdem tut sich dieser während der Probe schwer: Seine Taktzahlen stimmen nicht mit jenen der gedruckten Ausgabe überein. Und die Noten sind auf dem Bildschirm etwas klein.
Das nächste Mal, sinniert der Webflaneur, suche er die Musik besser beim Mutopiaproject.org. Denn dort heruntergeladene Noten könnte er mit etwas Zeit und Bastelgeschick an die Grösse des Bildschirms anpassen. Oder noch besser: Er lässt die Noten in Zukunft nicht mehr zu Hause liegen.

Bing, Wolfram und Co.

Webflaneur am Donnerstag den 18. Juni 2009

Wie wird das Wetter in den nächsten Tagen? Der Webflaneur, noch immer in Paris, setzt sich an den Computer. Schon will er aus lauter Gewohnheit Googles Suchmaschine anwerfen. Doch halt, sagt er sich. Mit Wolfram Alpha und Bing gebe es wieder ernst zu nehmende Konkurrenten. Und diese wolle er nun mal kurz ausprobieren.

Der Webflaneur schaut zuerst bei Bing.com vorbei, der nigelnagelneuen Suchmaschine von Microsoft. Sie begrüsst ihn mit einer malerischen Landschaftsfoto – Microsoft will sich damit offensichtlich vom Konkurrenten Google absetzen. Mal schauen, ob der Konzern dank der teuren Maschine Google wieder das Wasser reichen kann, denkt sich der Webflaneur. Er tippt «weather forecast Paris» ein. Die Maschine spuckt eine grafisch aufbereitete Prognose aus, und darunter eine Liste weiterer Treffer. Bing erkennt erstaunlich gut, welche Wortbedeutung gemeint ist, merkt der Webflaneur beim Pröbeln. Die Maschine kann mehr als nur Gefundenes auflisten. Tippt der Webflaneur eine Flugnummer ein, kriegt er die Abflugs- und Ankunftszeiten geliefert. Stellt er eine Rechenaufgabe, präsentiert ihm die Suchmaschine die Lösung.

Apropos: Wie schlägt sich Wolframalpha.com, die Suchmaschine des «Mathematica»-Erfinders? Der Webflaneur tippt auch dort «weather forecast Paris» ein. Die Maschine zeigt ihm eigens aufbereitete Statistiken und Grafiken – inklusive der Temperaturwerte dieses Datums in den letzten 40 Jahren. Der Webflaneur ist begeistert. Was aber passiert, wenn er sein Geburtsdatum eingibt? Wolfram errechnet flugs, dass es sich um den 333.Tag des betreffenden Jahres gehandelt hat und dass seither 12245 Tage vergangen sind. Der Webflaneur löchert Wolfram mit weiteren Fragen. Schliesslich weiss er, dass am Geburtstag Wolken über Bern gehangen haben und die Durchschnittstemperatur bei 9 Grad lag. Solange der Webflaneur nach Fakten fragt, versteht ihn Wolfram gut. Sind die Fragen abstrakter, muss er klein beigeben.

Es müsse nicht immer Google sein, sagt sich der Webflaneur und nimmt beide neuen Suchmaschinen in die Lesezeichen seines Browsers auf. Dann schaut er doch noch beim Suchgiganten vorbei – und findet den Prototyp von Squared.google.com. Das Besondere an der neuen Suche sind die Antworten: Google stellt dabei Fakten ab diversen Websites übersichtlich in einer Tabelle zusammen.

Plötzlich schreckt der Webflaneur auf. Mit der Sucherei ist schon der halbe Tag vorbei. Er müsste dringend noch anderes erledigen. Denn bis zum Sonnenuntergang – in Paris um 21.53 Uhr – dauerts nur noch 4 Stunden 13 Minuten. Das sagt Wolfram.

Am Computer mitten in Paris

Webflaneur am Sonntag den 24. Mai 2009

Webflaneurs wohnen während weniger Wochen in Paris. Eben sind sie angekommen. Nun haben sie Hunger. Doch wo sollen sie speisen? Nicht zu teuer soll das Lokal sein, aber doch speziell. Und vor allem: Es muss in der Nähe liegen. Sie blättert im Insider-Reiseführer, den sie in ihrer Loge gefunden hat. Dieses Resto töne superbe, ruft sie nun aus. Wo denn dieser Gourmettempel für knappe Budgets liege, fragt der Webflaneur. «Zumindest in unserem Arrondissement», sagt sie und liest eine Adresse vor.

Er setzt sich an den Rechner, tippt diese bei Google Maps ein. Tatsächlich, das Restaurant liegt fast um die Ecke. Er vergrössert die Karte – und steht plötzlich mitten auf der Strasse. Er schaut sich um. Rechts und links sind kleine Ladenlokale. Vor ihm schlendern einige Passanten übers Kopfsteinpflaster. «Dort oben muss es sein», murmelt er. Was er denn nun wieder mache, holt sie ihn von der Strasse vor den Computer zurück. Das sei «Streetview», sagt er. Er kundschafte bloss rasch den Weg aus. «Streetview» gebe es übrigens demnächst auch in der Schweiz. Zumindest lasse Google derzeit kamerabepackte Autos durch die Städte kurven.

«Das sieht hübsch aus», ruft sie und deutet auf ein blau lackiertes Lokal auf der rechten Strassenseite. Klick für Klick gehts dann weiter durch die virtuelle Strasse bis zum gesuchten Lokal. «Lass uns einen Blick auf die Karte werfen», schlägt sie vor. Er vergrössert das Schild neben dem Eingang. Doch lesen können sie es nicht: Die Schrift ist verwischt – wie auch die Nummernschilder der Autos und die Gesichter der Menschen.

Webflaneurs finden den richtigen Weg dann ohne Probleme. Doch seit der Aufnahme ist aus dem Restaurant offensichtlich eine Bar geworden. Und so speisen die beiden schliesslich woanders, im blauen Lokal weiter unten an der Strasse. Dort war das Essen vielleicht etwas weniger gut. Dafür assen sie für einen guten Zweck.