Beiträge mit dem Schlagwort ‘Geschichte’

C64

Webflaneur am Dienstag den 25. September 2012

Was man mit diesem «Brotkasten» denn anstellen konnte, fragt die Kollegin. «Brotkasten» klinge etwas despektierlich für einen Computer, der Geschichte geschrieben hat, weist der Webflaneur sie zurecht. Dann erzählt er: Auf dem Commodore C64, der vor 30 Jahren in den Handel kam, habe man vorab gespielt. Und man habe beim Abtippen ellenlanger Listenings aus Magazinen erste Programmiererfahrungen gesammelt. Selbstverständlich habe es auch «seriöse» Software gegeben: Textverarbeitungen etwa und Tabellenkalkulationen. Allmählich wird der Webflaneur sentimental: Er beschreibt das Gerät in der Ludothek, bei dem die vereinbarte Spielzeit nach dem Laden der Software vom Kassettengerät – der Datasette – schon fast abgelaufen war. Und er berichtet von schulfreien Nachmittagen, während denen seine Freunde und er sich als pixlige Olympioniken versucht haben. Einen eigenen C64 habe er leider nie besessen; sein Vater bevorzugte einen PC von IBM. Etwas neidisch auf die günstigeren Geräte der Freunde sei er aber gewesen: wegen der grafischen Games und der avantgardistischen Musik. «Die IBM-Kiste hingegen konnte nur piepsen.»

Wie die C64-Games ausgesehen hätten, fragt die Kollegin. «Ich zeige es dir», sagt der Webflaneur und schreitet zum Rucksack. «Scherzkeks», ruft sie, «du hast keinen dabei». Nein, sagt er. Aber einen normalen Computer. Es gebe Emulatoren, mit denen die alten Programme noch heute abgespult werden könnten: Vice etwa oder Frodo und CCS64. Wer einen solchen zum Laufen bringe, könne – Basteltalent vorausgesetzt – sogar das alte Zubehör ansteuern. «Die Datasette?», fragt sie. «Genau», sagt er. Wer aber bloss C64-Luft schnuppern wolle, probiere besser Nachbildungen aus. Er startet einige Games auf Websites wie C64x.de und C64s.com. Später programmieren die zwei noch ein bisschen in Basic. Und der Webflaneur fühlt sich nochmals ganz schön jung.

Turbulente Nullerjahre

Webflaneur am Freitag den 1. Januar 2010

Irgendwer hämmert wie wild in seinem Kopf. Der Webflaneur sinkt ermattet aufs Sofa, schliesst die Augen, massiert die Schläfen. Und er lässt die wilde Zeit der Zweinuller-Jahre Revue passieren.

Er erinnert sich, wie gespannt er vor zehn Jahren auf den letzten Glockenschlag gewartet hat. Gehen die Lichter aus? Bricht das Telefonnetz zusammen? Bleiben die Züge stehen? Doch nichts passierte. Der Jahrtausendkäfer war bereits ausgerottet worden. Oder er war ein Phantom. Die Informatikwelt drehte sich weiter – und immer schneller. Die Zukunft war das Internet. Idee um Idee wurde ausgeheckt. Für fast alles fanden sich Investoren. Die Börsianer jubilierten. Sogar der Webflaneur liess sich zum ersten Aktienkauf hinreissen. Dann platzte die Blase. Nur wenige Unternehmen sind geblieben. Eines davon ist Google, das einen guten Suchalgorithmus mit einer gewieften Werbeverbreitung koppelte, damit die anderen Suchmaschinen vergessen machte und zur dominierenden Internetfirma wurde. Ehe sie sich versah, ging es auch der Musikindustrie an den Kragen. Der Kampf gegen die Tauschbörse Napster nützte da wenig. Erst der Erfolg von Apples iTunes brachte die Musikindustrie auf bessere Ideen. Und plötzlich gings Schlag auf Schlag. Der Erfolg des Mitmachlexikons Wikipedia nötigte altehrwürdige Verlage zur Aufgabe. Die nutzergenerierten Inhalte setzten sich durch, der Ausdruck Web 2.0 machte die Runde. Wer im Netz etwas auf sich hielt, war am Bloggen oder tummelte sich auf Plattformen herum: auf Myspace etwa, Youtube, Facebook, Xing, Twitter und wie sie alle heissen. Immer stärker und immer schneller durchdrang das Internet das ganze Leben.

Vor dem geistigen Auge des Webflaneurs beginnt sich alles zu drehen. So viel in so kurzer Zeit. Kein Wunder, kriegt man davon einen Kater. Doch wie lautet die alte Säuferweisheit? Kater bekämpfe man am besten mit mehr vom gleichen? Der Webflaneur rappelt sich auf. Und er setzt sich an den Computer.

Die erste E-Mail

Webflaneur am Dienstag den 4. August 2009

Oben rechts geht ein Fensterchen auf. Eine E-Mail sei eingetroffen, posaunt das Betriebssystem daraus heraus. Der Webflaneur lässt alles andere liegen und guckt nach. Vielleicht könne er das gebrauchen, hat ein Freund geschrieben und darunter den Weblink zu einem Zeitungsartikel hingepappt. Der Webflaneur liest den Artikel.

Vor 25 Jahren sei die erste E-Mail in Deutschland eingetroffen, steht darin. Erhalten hat sie Michael Rotert von der Uni Karlsruhe, der den ersten E-Mail-Server im Land aufgesetzt hatte. Um zu testen, ob der funktionierte, hat Rotert eine Nachricht ins Koordinationszentrum des Universitätsnetzes CSNET am Massachusetts Institute of Technology geschickt. «Wilkomen in CSNET», antwortete Mitarbeiterin Laura Breeden in etwas holprigem Deutsch. Und weiter auf Englisch: «Michael, this is your official welcome to CSNET. We are glad to have you aboard.»

Die wirklich erste E-Mail war das nicht, brummt der Webflaneur. Compuserve, ein anderer Vorgänger des Internet, gab es schon seit 1981. Einige wenige Leute nutzten das ARPAnet oder das Fidonet. Michael Roterts E-Mail sei aber die erste, die auf einem hier zu Lande stehenden Mailserver eingegangen sei, liest der Webflaneur weiter. Zuvor hätten sich die Nutzer telefonisch in amerikanische Computer einwählen müssen.

Der Webflaneur kommt ins Sinnieren. Wann hat er wohl die erste E-Mail empfangen? In einem Bulletin-Board-System vor gut 15 Jahren dürfte es gewesen sein. Er sieht noch immer die Schulkollegen über «dieses moderne Zeugs» die Köpfe schütteln. Und erinnert sich, wie einsam die Mailerei ohne Brieffreunde war.

Da plötzlich geht ein Fensterchen auf. Und der Webflaneur lässt alles liegen.

Auf dem Mond

Webflaneur am Montag den 20. Juli 2009

Als Astronaut auf den Mond fliegen: Davon träumte einst auch Klein-Webflaneur. Und noch heute liest er mit Interesse, was denen, die es vor 40 Jahren getan haben, so alles widerfahren ist. Er liest etwa über den Apollo Guidance Computer: Sieben Jahre wurde am Massachusetts Institute for Technology daran gearbeitet – am Ende unter generalstabsmässiger Führung und Hochdruck.

Der Computer war dank der erstmals eingesetzten integrierten Schaltkreise nur 30 Kilogramm schwer – ein Fliegengewicht für die damalige Zeit. Der Webflaneur überfliegt die technischen Daten und staunt: Die Astronauten liessen sich von einem Rechner lotsen, der mit 73 Kilobytes weniger Speicher hat als sein Kaffeeautomat. Dass der Autopilot im Landeanflug Fehlermeldungen spuckte, bis Neil Armstrong das Steuer an sich riss, lag aber vorab an menschlichem Versagen: Die Astronauten hatten entgegen dem Plan den Radar angeworfen und damit den Rechner überlastet.

Im Cyberspace stolpert der Webflaneur später über die Schaltpläne des Computers. Und selbst eine Simulation entdeckt er. Da erwacht in ihm wieder der Weltraumforscher von früher. Er wirft «seinen» Apollo Guidance Computer an. Auf dem Monitor erscheint der klobige Zahlenblock, über den man den Rechner sogar im Schutzanzug bedienen kann. Und was jetzt? Der Webflaneur wirft einen Blick auf die seitenlange Liste mit den vierstelligen Steuercodes. Dann tippt er aufs Geratewohl eine Zahl ein. Schon meldet sein Guidance Computer einen Fehler.

Dem Webflaneur graut: Astronaut zu sein ist kein Honiglecken. Er übernimmt das Steuer, holt einen Kaffee aus dem Vollautomaten und begräbt einen weiteren Kindheitstraum.