Beiträge mit dem Schlagwort ‘Audio’

Ade, Minidisc

Webflaneur am Donnerstag den 14. März 2013

Er kniet am Boden, wühlt in einer Kartonkiste. Dass sie schon eine Weile in der Türe steht, nimmt er offenbar nicht wahr. Als sie ihn ruft, zuckt der Webflaneur jedenfalls zusammen. «Was ist los mit dir?», fragt sie besorgt. «Nichts», sagt er. Er sei in Gedanken bloss gerade weit weg gewesen: Ende der 1990er-Jahre in Westafrika. «Ein gigantisches Gewitter zieht auf», raunt er. «Und es bringt einen Platzregen, wie ich zuvor noch keinen erlebt habe.» Sie schaut ihn stirnrunzelnd an. «Und was hat das mit der Kartonkiste zu tun?», fragt sie. «Darin steckt eine akustische Erinnerung daran», sagt er und zieht eine Minidisc hervor. Auch Interviews, die er damals geführt habe, seien darauf gespeichert, und viel Musik. Er kramt weiter in der Kiste. Auf jener Disc befinde sich das Abschlusskonzert seiner Berner Schule, sagt er, und auf dieser hier ein akustisches Rätsel, das ihm die damalige Freundin geschenkt habe. «Diese Kiste steckt voller Erinnerungen», fügt er an.

Weshalb er jetzt gerade darin wühle, fragt sie. Er habe sich daran erinnert, als er einen Artikel gelesen habe, erklärt er: Sony bringt diesen Monat das letzte Minidisc-Gerät in den Handel. «Damit geht eine Ära zu Ende – 20 Jahre, nachdem sie begonnen hat.» Ein Kollege habe sich das erste Gerät geleistet. «Ich war neidisch darauf.» Nachträglich sei er froh gewesen, sein Sparsäuli noch nicht gemetzget zu haben. Denn das erste Gerät war klobig und schwer. Und der Akku hielt bei Aufnahmen eine knappe Stunde durch und bei der Wiedergabe kaum länger. Gekauft habe er die dritte Gerätegeneration. Dank der Disc musste er nicht mehr spulen. Er konnte Aufnahmen schneiden und anschreiben. Vor allem aber: Die Tonqualität war im Vergleich zu den Kassetten exzellent.

«Doch das sind Tempi passati», seufzt der Webflaneur. Mit dem Ende der Minidisc gelte es nun, die Erinnerungen auf den Computer zu retten. «Einspruch», sagt sie. «Schliesse zuerst endlich dein Fotodigitalisierungsprojekt ab.»

Der digitale Vorleser

Webflaneur am Dienstag den 5. Januar 2010

Der Webflaneur steht vor einer Prüfung. Um sie zu bestehen, muss er viel lesen. Doch was tun, wenn die Lider bleiern werden oder der Nacken schmerzt? Dann hilft bloss, die Studierstube zu verlassen, frische Luft zu schnappen, den Körper zu bewegen und den Puls hochzujagen. Doch so gut ein Jogging tut – die Zeit eilt ihm davon.

Der Webflaneur hat eine Idee: Er könnte sich den Text von einer Computerstimme vorlesen lassen, während er über Stock und Stein trabt. Alles, was er dazu benötigt, ist sein Musikplayer und ein Computerprogramm, das digitale Texte vorlesen kann. Er macht sich auf die Suche nach einer solchen Software. Sie sollte gratis sein; schliesslich ist er ein armer Student. Bald schon stösst er auf Espeak. Er installiert die Software, turnt kurz auf der Kommandozeile herum – schon spricht sein Computer. Auf Befehl speichert Espeak das Vorgelesene auch in einer Tondatei ab.

So weit, so gut. Leider versteht der Webflaneur aber kaum, was sein Computer sagt. Versucht sich da ein englischer Sprecher an einem deutschen Text? Tatsächlich tönts viel besser, nachdem der deutsche Sprecher aktiviert ist. Besser ist indes nicht gut genug: Noch immer redet der Rechner unverständlicher als ein durchschnittlicher Roboter der frühen Tonfilmzeit. Verständlicherweise, denn das Programm verfügt, wie es der Professor ausdrücken würde, bloss über einen restringierten Wortschatz. Der Webflaneur spendiert der Software eine grosse Datei aus dem Mbrola-Stimmsyntheseprojekt. Sie wirkt Wunder. Nun kopiert er die Tondatei auf seinen Musikplayer, zieht sich um und trabt los.

Zweifellos lernt er während des Testlaufs das eine oder das andere. Ganz warm wird er mit dem synthetischen Sprecher im Ohr aber nicht. Nach dem Lauf setzt sich der Webflaneur deshalb wieder hin und liest selbst weiter. Und fürs nächste Jogging kauft er sich ein Hörbuch.

Und als Zugabe: Der digitale Vorleser — digital vorgelesen

Fenster schliessen!

Webflaneur am Dienstag den 18. August 2009

Es geht gegen Mitternacht. «Fenster schliessen», bittet der Webflaneur. Nichts passiert. Er sagts nochmals, dieses Mal mit mehr Nachdruck. Doch der Computer tut, als hätte er nichts gehört. Der Webflaneur probierts weiter. Schliesslich rutscht ihm sogar ein mit Ausfälligkeiten ergänztes «FENSTER SCHLIESSEN!» über die Lippen. Doch das Fenster bleibt, wo es war: offen auf dem Desktop.

Schon will der Webflaneur frustriert die Maus nehmen, um das Fenster von Hand zuzuknallen. Doch halt, sagt er sich, so schnell gebe er nicht auf. Im Internet findet er eine Erklärung, warum die Spracherkennung schlecht funktioniert: Da jeder Mensch anders spreche, brauche es flexible Erkennungsmodelle. Um solche zu generieren, seien Daten von vielen Sprecherinnen und Sprechern nötig. Diese aber kosteten ein Vermögen – es sei denn, man produziere sie selbst. Und dies könne man bei Voxforge.org tun.

Der Webflaneur probierts aus. Er wählt «Deutsch», klickt auf «männlich», «erwachsen» und bei der Aussprachevarietät auf «Schweiz». Nun werden Sätze eingeblendet, die er vorlesen soll. «Wann erlischt das Schuldverhältnis im engeren Sinne?», liest er. Und: «Aus dem Schuldverhältnis im weiteren Sinne können auch Kündigungsrechte abgeleitet werden.»

Da plötzlich steht sie in der Türe. «Was faselst du da?», fragt sie. Er bringe dem Computer Wörter bei, damit dieser in Zukunft auf Sprachbefehl etwa Fenster schliessen könne, antwortet er. Und mit den Schultern zuckend, fügt er an: «Der Rechner und ich verstehen uns schlecht.» Sie schaut auf die Uhr. «Fenster schliessen», sagt sie mahnend zum Webflaneur. Und der Computer tuts.