Beiträge mit dem Schlagwort ‘Arbeit’

Lohnschreiber

Webflaneur am Mittwoch den 23. Mai 2012

Die Zeit rast. Längst sollte der Webflaneur das Interview zu Papier gebracht haben. Schliesslich muss er es noch aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen, redigieren, kürzen und zum Gegenlesen schicken. In solch einem dringenden Fall nehme er besser eine Abkürzung, sagt er sich. Er hat bereits eine Idee: Eine Spracherkennungssoftware soll automatisch transkribieren.

Sofort macht sich der Webflaneur auf die Suche nach einer passenden Software. Mehrmals glaubt er sein Ziel fast erreicht zu haben. Doch stets scheitert er in letzter Sekunde kläglich: Entweder ist die Software zu teuer. Oder sie ist kompliziert und müsste lange trainiert werden. Schliesslich zieht der Webflaneur die Notbremse. Denn die Zeit rast. Schon sieht er sich die halbe Nacht am PC sitzen. Ausser: Er engagiert eine Hilfskraft.

So einfach ist das auch nicht, stellt der Webflaneur bald fest. Entweder verkaufen die Transkriptoren ihre Arbeit zu teuer für seine Zwecke. Oder aber: Sie arbeiten zu wenig schnell. Doch da hat er eine andere Idee: Er könnte es mit Mechanical Turk von Amazon probieren – einem Dienst, über den man einfache, aber umfangreiche Arbeiten bequem «crowdsourcen» kann.

Der Webflaneur probiert es aus. Zuerst muss er indes eine Hürde nehmen: Der Dienst wird nur in den USA angeboten. Kein Problem, sagt er sich, und bittet kurzerhand eine Kollegin um Asyl. Anschliessend beschreibt er, was die Angestellten tun sollen. Er schneidet die Tonaufnahme in Häppchen von je fünf Minuten, lädt diese auf einen Server und verlinkt sie. Dann legt er den Preis fest; er versuchts mal mit 2.50 Dollar pro Häppchen. Nun können die Arbeiter loslegen. Der Webflaneur fährt derweil den Computer herunter und legt sich schlafen. Tags darauf guckt er sofort nach. Und tatsächlich: Während er seelenruhig schlief, haben Heinzelmännchen das Interview transkribiert.

Zugegeben: In der Zeit, die er fürs Suchen und Vorbereiten gebraucht hat, hätte er den Text auch selber transkribieren können. Dafür hätte aber hier ein Loch geklafft.

Inbox Zero

Webflaneur am Dienstag den 10. Januar 2012

Ja, der Webflaneur hat die betreffenden E-Mails erhalten. Und nein, er hat sie nicht beantwortet. Kaum eines hat er indes aus bösem Willen ignoriert. Einige sind schlicht in der E-Mail-Flut untergegangen, die allzu oft sein virtuelles Postfach schwemmt. Einige kamen zu unpassenden Zeitpunkten – während er unter Hochdruck schrieb etwa oder als er auf dem Sprung an eine Sitzung war. Der Webflaneur hat die betreffenden E-Mails zur Kenntnis genommen und liegen gelassen. Andere Zuschriften verlangten nach Entscheiden, die er noch nicht fällen konnte oder wollte. Er hat sie markiert und liegen gelassen. Weitere trudelten via Smartphone ein, als er auf der Piste war. Er hat sie zur Kenntnis genommen und liegen gelassen. Die nachfolgenden Nachrichten haben die Pendenzen allmählich weggespült. Erst beim Aufräumen am Ende des Jahres sind diese wieder aufgetaucht.

Die meisten Anfragen sind mittlerweile hinfällig geworden. Das tut dem Webflaneur leid. Deshalb entschuldigt er sich bei allen, denen er eine Antwort schuldig geblieben ist. Und er gelobt Besserung: Fürs dieses Jahr hat er sich eine «Inbox Zero»-Politik auferlegt. Einmal pro Tag – dann, wenn er Zeit hat – will er mit grosser Akribie seine elektronische Post erledigen: Er wird eine Triage machen und Prioritäten setzen. Überflüssige E-Mails wird er kurzerhand in den virtuellen Abfalleimer befördern. Die übrigen wird er sorgfältig beantworten – normalerweise innert eines Arbeitstages, wenns eilt schneller. Er wird nötige Entscheide sofort treffen. Nachrichten, die er später noch brauchen könnte, wird er in den Archivordner verschieben; Unterordner erspart er sich, verfügt das E-Mail-Programm doch über eine effiziente Suchfunktion.

Der Webflaneur malt sich aus, wie er schliesslich vor einer gähnend leeren Inbox sitzen und sich an diesem Anblick erfreuen wird. Bleibt nur zu hoffen, dass es ihm mit seiner «Inbox Zero»- Politik nicht so ergeht wie mit den meisten anderen Vorsätzen.