Archiv für die Kategorie ‘Kommunikatives’

Sehr schöne SSID

Webflaneur am Dienstag den 28. Februar 2012

Die Namen von Funknetzwerken sind vielsagend. Das zumindest findet der Webflaneur. Da gibt es jene, die regelrecht «Knack mich» schreien: Darunter fallen nicht nur die WLAN-Router, die ungenügend gesichert sind, sondern solche, die in die Welt hinausposaunen, welche Firma sie fabriziert hat. Denn Netzwerkbetreiber, die sich beim Einrichten nicht mal die Mühe machen, einen eigenen Namen einzutippen, belassen oft auch das Passwort auf der Standardeinstellung. Und mit grosser Wahrscheinlichkeit machen sie auch keine Updates. Viele andere Router hingegen tragen eine lange Nummer im Namen. Diese sagt nicht viel aus – ausser, dass die Besitzer Swisscom-Kunden sind. Weitaus waghalsiger sind jene Zeitgenossen, die dem Router ihren eigenen Namen oder ihre Adresse geben. Andere Leute taufen Geräte auf mehr oder minder fantasievolle Namen, was mehr oder minder spannende Rückschlüsse auf ihr eigenes Wesen erlaubt. Besonders interessant findet der Webflaneur aber die «Jetzt rede ich Klartext»-Router: Sie sollen anderen Leuten etwas mitteilen. Mit einigen werden Hacker gewarnt, besser ihre Finger vom Netz zu lassen. Mit anderen soll Nachbarn mitgeteilt werden, dass ihre lauten nächtlichen Aktivitäten da jemandem ganz gehörig auf den Sack gehen.

Manchmal versucht ein WLAN-Besitzer also Nachbarn etwas zu sagen. Ab und zu könnte aber auch das Umgekehrte praktisch sein: So erspart es einem unter Umständen Ärger, wenn man absprechen kann, wer welchen Kanal belegt, oder Kosten, wenn man sich einen Internetzugang teilen kann. Meist weiss man aber nicht, wem der Router gehört. Dies herauszufinden, ist in Mehrfamilienhäusern knifflig. Es sei denn, der WLAN-Besitzer nutzt Wifis.org: Bei diesem Webdienst kann man für den eigenen Router eine Profilseite einrichten. Die Internetadresse zur Profilseite – wifis.org/meingerät – wird anschliessend als Router-Name eingetragen. Ist das erledigt, können Nachbarn, die Kontakt aufnehmen möchten, via das Formular auf der Profilseite eine Nachricht schicken.

Der Webflaneur überlegt, ob er seinem Router auch eine Profilseite spendieren will. Er sieht schliesslich davon ab. Denn er hängt am Namen seines Routers, dem vielsagenden.

Inbox Zero

Webflaneur am Dienstag den 10. Januar 2012

Ja, der Webflaneur hat die betreffenden E-Mails erhalten. Und nein, er hat sie nicht beantwortet. Kaum eines hat er indes aus bösem Willen ignoriert. Einige sind schlicht in der E-Mail-Flut untergegangen, die allzu oft sein virtuelles Postfach schwemmt. Einige kamen zu unpassenden Zeitpunkten – während er unter Hochdruck schrieb etwa oder als er auf dem Sprung an eine Sitzung war. Der Webflaneur hat die betreffenden E-Mails zur Kenntnis genommen und liegen gelassen. Andere Zuschriften verlangten nach Entscheiden, die er noch nicht fällen konnte oder wollte. Er hat sie markiert und liegen gelassen. Weitere trudelten via Smartphone ein, als er auf der Piste war. Er hat sie zur Kenntnis genommen und liegen gelassen. Die nachfolgenden Nachrichten haben die Pendenzen allmählich weggespült. Erst beim Aufräumen am Ende des Jahres sind diese wieder aufgetaucht.

Die meisten Anfragen sind mittlerweile hinfällig geworden. Das tut dem Webflaneur leid. Deshalb entschuldigt er sich bei allen, denen er eine Antwort schuldig geblieben ist. Und er gelobt Besserung: Fürs dieses Jahr hat er sich eine «Inbox Zero»-Politik auferlegt. Einmal pro Tag – dann, wenn er Zeit hat – will er mit grosser Akribie seine elektronische Post erledigen: Er wird eine Triage machen und Prioritäten setzen. Überflüssige E-Mails wird er kurzerhand in den virtuellen Abfalleimer befördern. Die übrigen wird er sorgfältig beantworten – normalerweise innert eines Arbeitstages, wenns eilt schneller. Er wird nötige Entscheide sofort treffen. Nachrichten, die er später noch brauchen könnte, wird er in den Archivordner verschieben; Unterordner erspart er sich, verfügt das E-Mail-Programm doch über eine effiziente Suchfunktion.

Der Webflaneur malt sich aus, wie er schliesslich vor einer gähnend leeren Inbox sitzen und sich an diesem Anblick erfreuen wird. Bleibt nur zu hoffen, dass es ihm mit seiner «Inbox Zero»- Politik nicht so ergeht wie mit den meisten anderen Vorsätzen.

Fatales Begehren

Webflaneur am Dienstag den 4. Oktober 2011

Die beiden sind unzertrennbar. Das zumindest dachte der Webflaneur. Er hat seinen Kollegen im letzten Jahr nie mehr alleine gesehen. Dieser war total vernarrt. Immer und immer wieder schwärmte er dem Webflaneur vor, dass sein Leben nun viel spannender, einfacher und besser sei.

Doch bei diesem Treffen, zu dem der Kollege mit etwas Verspätung einläuft, ist plötzlich alles anders. Betont unachtsam knallt dieser sein iPhone auf den Tisch. Der Webflaneur wirft einen Blick darauf: Das noch vor kurzem verhätschelte, gestreichelte und stets liebevoll polierte Gerät weist Misshandlungsspuren auf. «Was ist los?», fragt er sec. «Ach, nichts», wiegelt der Kollege ab. «Das iPhone ist neulich hinuntergefallen.» Der Webflaneur hebt die Augenbraue. «Du hast es fallen lassen?», fragt er. «Ein Unfall», präzisiert der Kollege. «Könnte dieser ‹Unfall› etwas mit der Präsentation des neuen iPhones, die eben gerade über die Bühne gegangen ist, zu tun haben?», fragt der Webflaneur. Und er tadelt mit betont ernster Miene: Bloss weil das Gerät nicht mehr das neuste sei und in der intensiven Zeit, die es zusammen mit ihm durchlebt habe, auch den einen oder anderen Kratzer abbekommen habe, lasse man es doch nicht einfach fallen. Früher habe man Geräte noch fürs Leben gekauft – oder für länger: Das Radio seiner Grosseltern etwa plärre bereits in der dritten Generation. «Aber offenbar sind Langzeitpartnerschaften heute passé.»

«Mea culpa», sagt der Kollege nun. Und er setzt zur Erklärung an: Die Beziehung sei seit Wochen zerrüttet – nicht nur wegen der Kratzer, sondern auch weil das Gerät immer öfters an den Aufgaben scheitere, die er ihm stelle. So gesehen sei es irgendwie verständlich, dass er heute bei der Präsentation des neuen iPhones schwach geworden sei. «Es war Liebe auf den ersten Blick», sagt er entschuldigend.

Der Webflaneur und sein Kollege brechen in schallendes Gelächter aus. Und sie stossen aufs neue iPhone an.

Die perfekte Präsentation

Webflaneur am Mittwoch den 2. März 2011

Wie hat der Webflaneur doch gestaunt. Und nachdem der Referent geschlossen hatte, hat er begeistert applaudiert. Nicht primär wegen dem, was der Redner gesagt hatte. Sondern wegen der Präsentation: Der Referent ist über die Bühne getigert – hin und her, vor und zurück. Dabei hat er frei gesprochen, ohne sich zu versprechen, fast druckfertig. Und er versprühte Charisma. Der Auftritt hatte etwas faszinierend Abgefahrenes. Und die hinter dem Redner eingeblendete Präsentation auch: Da wurden nicht bloss elektronische Folien aufgelegt. In dieser Projektion flog man regelrecht von Stichworten über Illustrationen zu Grafiken. Man tauchte vom grossen Ganzen hinab ins Detail, und stieg dann wieder empor. Der Webflaneur war ganz aus dem Häuschen.

«Powerpoint war das nicht», sagte er in der Pause zum befreundeten Internetfreak. Dieser zeigte sich wenig beeindruckt. «Das ist keine Hexerei», sagte er. «Das war Prezi.» Bald darauf klingelte die Glocke, die Veranstaltung ging weiter. Von den folgenden Vorträgen weiss der Webflaneur nichts mehr. Denn er bastelte an einer eigenen Prezi-Präsentation: Er fügte einige Stichworte ein. Dann suchte er sich Bilder und Youtube-Videos zusammen. Mit einigen Klicks brachte er alles in die richtige Reihenfolge. Dann klickte er erwartungsvoll auf den Wiedergabe-Knopf. Und siehe da: Schon flog er von Stichworten über Illustrationen zu Grafiken. Er tauchte vom grossen Ganzen hinab zum Detail, und stieg wieder empor. Der Webflaneur war ganz aus dem Häuschen.

In letzter Zeit hat der Webflaneur aber etwas gar vielen Vorträgen gelauscht. Und er musste feststellen: Jeder Referent, der mit der Zeit gehen will, tigert auf der Bühne herum; offenbar wird das in Rhetorikkursen so gelehrt. Jeder spricht frei. Und jeder benutzt Prezi. Langweiliger ist nur noch Powerpoint.

Arbeitslos

Webflaneur am Dienstag den 27. Juli 2010

«Der Redaktor wird überflüssig», behauptet der Blogger. In Zukunft brauche es keine teuren Arbeitskräfte mehr, um Meldungen zu einer Zeitung oder einem Magazin zusammenzustellen. Der Webflaneur schluckt leer. Dann aber schüttelt er energisch den Kopf. In einer Zeit, in der die Menschheit von einer Informationswelle überrollt werde, brauche es sie mehr denn je: die Redaktorinnen und Redaktoren, die die Flut zu kanalisieren wüssten, die mit Blick auf ihre Leserinnen und Leser gezielt Informationen auswählten, diese gewichteten und aufbereiteten.

«Du verkennst das Potenzial des Empfehlungswebs», kontert nun der Blogger. Er packt sein iPad aus. «Guck dir diese App an», sagt er und tippt auf das mit Flipboard beschriftete Symbol. Auf dem Bildschirm öffnet sich ein Magazin – nicht ganz so elegant wie ein gedrucktes, aber durchaus ansprechend mit all den Bildern, den Kurzanrissen, der schlichten Gestaltung. Dieses Magazin beschäftige keine Redaktoren, sagt er. Es werde von seinen Freunden gemacht: «Empfehlen sie auf Facebook und Twitter Artikel weiter, werden diese in mein eigenes Magazin aufgenommen.»

Diese Idee sei nicht wirklich neu, so der Webflaneur. Ähnliches habe er bereits bei diversen Webdiensten gesehen – bei Twittertim.es etwa, bei Meehive.com, Yourversion.com und Thoora.com. «Aber Hand aufs Herz: So etwas kann eine professionell gestaltete Zeitung nicht ersetzen.» Der Blogger ist dezidiert anderer Meinung. Und als der Webflaneur etwas länger mit der wirklich eleganten Flipboard-Applikation herumspielt, wird er plötzlich etwas unsicher. Hat der Blogger längerfristig vielleicht sogar recht?

Diskutieren Sie mit! Der Webflaneur freut sich über Kommentare und vor allem Empfehlungen. (Denn auch er will mal in dieses Flipboard.)

Zwitschern oder sausen?

Webflaneur am Dienstag den 16. Februar 2010

«Wem vertraut ihr eure Tagebücher an?», fragt der Webflaneur in die Runde. Die Kollegin, die erst gerade zum Grüppchen vor dem Partybuffet gestossen ist, schaut ihn erstaunt an. Das gute alte Tagebuch liege tief unten in einer Schublade, sagt sie. Es sei eines mit Schlösschen – «der letzte Schrei in meiner Jugend» – und obwohl selbst der jüngste Eintrag längst verjährt ist, bleibe der Inhalt streng geheim. «Aber ihr habt vorher wohl nicht über normale Tagebücher diskutiert», fügt sie an.

«So ein Schlösschentagebuch hatte ich auch», sagt der Partygänger vis-à-vis. Aber nein, sie hätten nicht über «richtige» Tagebücher diskutiert, sondern über eine moderne Art: über Mikroblogs, also über Kürzesttagebücher im Internet – ganz ohne Schlösschen. «Wir diskutierten über Statusdienste wie Twitter und Facebook», fügt der Webflaneur an. Der Suchmaschinengigant Google habe mit Buzz eben gerade einen ähnlichen Dienst aufgeschaltet. Er sehe gut aus. Trotzdem sei er unsicher: «Soll ich bei Twitter bleiben? Soll ich zum freien Twitter-Klon Identica wechseln oder mich auf die Statusmeldung von Facebook konzentrieren?» Sie bleibe, wo ihre Freundinnen und Freunde seien, sagt die Kollegin neben ihm: bei Facebook. Der Partygänger vis-à-vis votiert für Twitter. Dieser Dienst sei schlank, schnell und bequem. Und der Kollege vor dem Buffet legt sich für Identica ins Zeug: Damit behalte er die Kontrolle über seine Inhalte – und stelle sie nicht kommerziellen Anbietern zur Verfügung. Sie habe noch immer kein Konto bei Facebook, sagt hingegen die vorher zur Gruppe gestossene Kollegin, und auch sonst keines. «Mein Tagebuch bleibt geheim.»

Am nächsten Tag vor dem Computer: Der Webflaneur fragt sich, ob er nicht doch besser wieder zum Tagebuch mit Schlösschen wechseln sollte. Er kommt zu keinem Schluss. Und so hängt er vorerst mal Identica,Twitter, Facebook und Buzz zusammen – und schreibt gleich überall.

Netiquette

Webflaneur am Dienstag den 19. Januar 2010

«Nachlesen ist Pflicht! In Grossbuchstaben schreibt nur, wer den Empfänger ANSCHREIEN will! Und Adresslisten in Massenmails gehören ins BCC-Feld!» Das hackt der Webflaneur entnervt in sein Notebook. Dann lehnt er sich zurück, atmet tief durch und schaut aus dem Fenster.

Vier Stunden zuvor: Die E-Mail ist bloss ganz kurz – und doch unverständlich. «Klar, um 5 beiir», lautet die Antwort auf die formelle Anfrage des Webflaneurs, in der er zu erfragen gedachte, ob seine Mitarbeit an einem Projekt gefragt sei. Nun sitzt er verwirrt vor dem Einzeiler. Was meint der Manager? Vermutlich wars ein Unfall: Er hat die falsche Taste erwischt und die unfertige Mail geschickt. Als keine weitere eintrifft, macht sich der Webflaneur ans Entziffern. Wollte der Manager «Klar, um fünf Uhr bei ihr» schreiben? Meinte er «Klar, um fünf Uhr bei mir»? Das muss es sein. Bloss, wo ist «bei mir»? Nach wenigen Minuten hat er es erfragt. Der Einzeiler ist entschlüsselt. Oder beinhaltet er mehr? Will der Manager, frei nach Kommunikationswissenschafter Schulz von Thun, durchblicken lassen, dass er unter Hochdruck arbeite? Demonstriert er mit der flapsigen Nachricht die Bedeutung, die er der Kommunikation mit dem Webflaneur beimisst? Versucht er implizit klarzumachen, dass er keine Zeit für Diskussionen habe? Der Webflaneur beschliesst, nur auf dem Sach-Ohr zu hören und an die Sitzung zu fahren; vermutlich wollte ihm der Manager bloss in aller Eile grünes Licht geben.

Als der Webflaneur unterwegs im Zug eine andere E-Mail erhält, in deren Adresszeile das halbe Telefonbuch steht, und dann gleich noch eine komplett in Grossbuchstaben, reisst ihm der Geduldsfaden. «Nachlesen ist Pflicht!», tippt er entnervt. In Grossbuchstaben schreibe nur, wer den Empfänger anschreie. Und Adresslisten gehörten ins BCC-Feld. Das mit dem Nachlesen gelte im Übrigen auch für alle iPhone-ianer, denkt er, während er aus dem Fenster schaut. Davor könne man sich auch mit dem Hinweis nicht drücken, dass die Botschaft von «einem Gerät ohne Tasten» komme. Nachlesen ist man den Empfängern schuldig. Schliesslich liest er seine Kolumne auch immer nachgelesen.

Die erste E-Mail

Webflaneur am Dienstag den 4. August 2009

Oben rechts geht ein Fensterchen auf. Eine E-Mail sei eingetroffen, posaunt das Betriebssystem daraus heraus. Der Webflaneur lässt alles andere liegen und guckt nach. Vielleicht könne er das gebrauchen, hat ein Freund geschrieben und darunter den Weblink zu einem Zeitungsartikel hingepappt. Der Webflaneur liest den Artikel.

Vor 25 Jahren sei die erste E-Mail in Deutschland eingetroffen, steht darin. Erhalten hat sie Michael Rotert von der Uni Karlsruhe, der den ersten E-Mail-Server im Land aufgesetzt hatte. Um zu testen, ob der funktionierte, hat Rotert eine Nachricht ins Koordinationszentrum des Universitätsnetzes CSNET am Massachusetts Institute of Technology geschickt. «Wilkomen in CSNET», antwortete Mitarbeiterin Laura Breeden in etwas holprigem Deutsch. Und weiter auf Englisch: «Michael, this is your official welcome to CSNET. We are glad to have you aboard.»

Die wirklich erste E-Mail war das nicht, brummt der Webflaneur. Compuserve, ein anderer Vorgänger des Internet, gab es schon seit 1981. Einige wenige Leute nutzten das ARPAnet oder das Fidonet. Michael Roterts E-Mail sei aber die erste, die auf einem hier zu Lande stehenden Mailserver eingegangen sei, liest der Webflaneur weiter. Zuvor hätten sich die Nutzer telefonisch in amerikanische Computer einwählen müssen.

Der Webflaneur kommt ins Sinnieren. Wann hat er wohl die erste E-Mail empfangen? In einem Bulletin-Board-System vor gut 15 Jahren dürfte es gewesen sein. Er sieht noch immer die Schulkollegen über «dieses moderne Zeugs» die Köpfe schütteln. Und erinnert sich, wie einsam die Mailerei ohne Brieffreunde war.

Da plötzlich geht ein Fensterchen auf. Und der Webflaneur lässt alles liegen.

Zeit zum Zwitschern

Webflaneur am Dienstag den 24. März 2009

Er zwitschere nun, sagt der Blogger. Der Webflaneur wirft ihm einen erstaunten Blick zu. Dieser wiederum ist erstaunt über den erstaunten Blick. Er stellt sein Glas ab und setzt zu einer Erklärung an. Twitter sei ein sozialer Mikroblog: Die einzelnen Beiträge dürften nicht länger als 140 Zeichen sein. Seine Twitter-Freunde sähen stets seine Beiträge, und er ihre. Man könne zudem auf Beiträge antworten. Das sehe dann aus wie im Chat. 

«Alles klar», unterbricht ihn der Webflaneur. Er sei lediglich erstaunt, dass er als Trendsetter plötzlich so von Twitter schwärme. Der Dienst sei nicht wirklich neu. «Und eigene Befindlichkeiten in die Welt hinauszuposaunen ist auch nicht gerade innovativ. Im Übrigen: Funktioniert die Statusmeldung von Facebook nicht gleich?» Facebook sei überladen, kritisiert der Blogger, Twitter hingegen aufs Nötigste reduziert. Er solle wieder einmal bei diesem Dienst vorbeigucken. «Dort geht wirklich die Post ab.» Ob ein Flugzeug notwassere oder ein Jugendlicher Amok laufe – die erste Meldung komme oft per Twitter. «Schnell ist nicht zwingend zuverlässig», wendet der Webflaneur ein. 

Nun schaltet sich sein Tischnachbar ein. Er nutze den Twitter-Klon Identi.ca, sagt er. Vielleicht sei dies etwas für ihn, sagt er und schaut den Webflaneur an. Im Gegensatz zu Twitter sei Identi.ca frei zugänglich und könne auch auf dem eigenen Server installiert werden. Im Übrigen gebe er dem Blogger Recht: «Zwitschern macht Spass und gehört zum guten Ton.»

Der Webflaneur pfeift drauf.

Kein Handy zum Neujahr

Webflaneur am Freitag den 19. Dezember 2008

Es war vor knapp einem Jahr: Vom Münster und der Nydegg her schlug es Mitternacht. Und mit dem letzten Glockenschlag begann der grosse Jubel. Die Leute umarmten sich und prosteten sich zu. Auch der Webflaneur liess den Korken knallen. Er und seine Gefährtin stiessen aufs neue Jahr an, umarmten sich und wünschten sich alles Gute. Sie nippten am kühlen Champagner, liessen die Blicke über die Stadt schweifen, bestaunten die Feuerwerke. Zumindest er. Denn kaum waren die ersten Raketen detoniert, zückte sie schon das Handy und drückte trotz ihrer klammen Finger hektisch darauf herum. Sie schreibe eine Glückwunsch-SMS, sagte sie. Und dann schrieb sie eine zweite. Und noch eine. Bloss wenn sich ein Feuerwerkslichtblitz im Display spiegelte und der Webflaneur betont laut «Ohhhhh» rief, guckte sie kurz auf und erhaschte zumindest noch etwas Glimmer am Himmel. Der Webflaneur hätte die Champagnerflasche in einem Zug leeren oder wildfremden Leuten um den Hals fallen können – sie hätte sich beim Schreiben nicht weiter stören lassen. Er liess beides bleiben; der Champagner war ihm zu kalt, die johlenden Leute zu fremd. Stattdessen stand er bloss verlassen mitten in der Menschenmasse und sinnierte über diesen trostlosen Jahresbeginn. Er nippte am Champagner und schaute zu, wie die Raketen verpufften. Irgendwann schien sie trotz ihrer SMS-Vollbeschäftigung seinen Missmut zu bemerken. «Verschickst du keine Neujahrsglückwünsche?», fragte sie, was er wohl eher als Aufforderung hätte verstehen sollen, denn noch bevor er zur Antwort ansetzen konnte, war sie bereits wieder am Knöpfeln. So erklärte er halt nicht, dass er all die SMS bereits zu Hause am Computer vorbereitet hatte und dass sie in diesen Minuten verschickt würden.

Er schlug den Kragen hoch, sah den Rauchschwaden nach, welche die Feuerwerkskörper über der Stadt liegen gelassen hatten, suhlte sich im Selbstmitleid und wartete. Irgendwann in diesem Jahr, so nahm er sich vor, demonstriere er ihr, dass man Glückwunsch-Botschaften einfach vorbereiten und automatisiert verschicken lassen kann – für ein kleines Entgelt mit Webdiensten wie Ecall.ch, Smspower und Swissphone, alternativ mit einem Zusatzprogramm zu Outlook, wie es die Swisscom und Orange anbieten, oder sogar zusatzkostenlos auf Portalen einiger Internet-Zugangsanbieter wie Bluewin oder der Cablecom.

Irgendwann zeige er ihr, wie das funktioniere, hat sich der Webflaneur also spontan vorgenommen – damals an Neujahr vor fast einem Jahr. Mit dem vorliegenden Text ist nun auch diese Pendenz rechtzeitig abgearbeitet.