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“Wo bisch?”

Webflaneur am Dienstag den 15. März 2011

Der Jüngling flätzt sich breitbeinig auf den Sitz. Er zieht die Nase hoch. Immer und immer wieder. Und das nicht einmal im Takt der Musik, die aus seinem Kopfhörer dröhnt. Kaum ist der Zug angefahren, kramt er auch noch sein Smartphone aus der Kunstlederjackentasche, streift den Hörer vom Kopf. Dem Webflaneur, der heute mit dem linken Fuss aufgestanden ist und der bereits ziemlich gereizt im Abteil schräg vis-à-vis sitzt, schwant Böses.

«Nun probier aber keine Klingeltöne aus!», fleht er den Jüngling leise an. Dieser tuts tatsächlich nicht. Viel schlimmer: Er telefoniert – in einer Lautstärke, dass ihn sogar der Zugführer hören muss. «Hey Mann, wo bisch?» fragt er. Und er schiebt nach: «Was machsch, Mann?»

Da reisst dem Webflaneur der – heute zugegebenermassen äusserst dünne – Geduldsfaden. Er holt tief Luft und wird selbst laut: «Hey Mann», ruft er dem Jüngling zu, er solle besser die Klappe halten und den Sound auf Zimmerlautstärke zurückdrehen. Und vor allem: Er solle mit der überflüssigen Fragerei aufhören. Er besitze ja offensichtlich ein Smartphone, das ihm Mami und Papi aus einem unerfindlichen Grund finanzierten. Also solle er dieses auch nutzen. «Du kennst doch Google Latitude?», fragt er ihn. Er solle ihm den Gefallen tun und diese App installieren. Und der Kollege auf dem Smartphone auch, das ihm dessen Mami und Papi aus einem unerfindlichen Grund finanzieren. Dann sähen sie stets, wo der andere sei und bräuchten nicht mit der «Wo bisch»-Fragerei zu nerven. Sollte ihm Latitude nicht behagen, könne er auch Facebook Places nehmen, Foursquare oder sonst eine App.

So redet sich der Webflaneur in Rage – bis der Jüngling kontert. Was die Freunde des Webfleurs von der Episode zu Gesicht bekommen? «Eingecheckt im Zug» auf Latitude. Und später eine Statusmeldung: «Mit blauem Auge davongekommen.»

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