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Ein Geburtstag ohne viel Lärm

Webflaneur am Mittwoch den 7. Mai 2008

Plötzlich dröhnt ohrenbetäubende Musik durchs Lokal. Das Licht geht aus. «Happy Birthday», kreischt eine überdrehte Micky-Maus-Stimme ab Konserve. Und Kellnerinnen und Kellner tragen mit hell sprühenden Wunderkerzen bestückte Desserts auf.

«Peinlich», kommentiert der Kollege, als die Musik endlich etwas abgeebbt ist. Er würde an seinem Geburtstag unter keinen Umständen auch nur einen Fuss in dieses Lokal setzen. «Aber zurück zu unserer Internetdiskussion, die wir wegen Micky Maus’ Geplärre unterbrechen mussten», sagt er. «Apropos Geburtstag und Internet», wirft der Webflaneur ein. «Hast du gewusst, dass das World Wide Web eben 15 Jahre alt geworden ist. «Erst?», fragt der Kollege. «Erst», sagt der Webflaneur und nickt. «Quatsch», sagt der Kollege kopfschüttelnd. «Das Internet gibt es schon länger.» Das Internet und die Vorgängernetze schon, kontert der Webflaneur. Bloss habe  sie bis vor 15 Jahren ausserhalb der Unis kaum jemand genutzt. «Der Zugang war umständlich und teuer. Und surfen konnte man noch nicht.» Der Kollege ist sichtlich irritiert: «Wenn nicht surfen, was dann?», fragt er. Zu Beginn habe man bloss Textbotschaften verschicken, Beiträge auf «schwarzen Brettern» veröffentlichen und – sehr umständlich – Dateien kopieren können. In den frühen 1990er-Jahren habe dann Tim Berners-Lee, Informatiker am Kernforschungszentrum Cern in Genf, nach einer Lösung gesucht, um die vielen Berichte von Forschern übersichtlicher darzustellen, erzählt der Webflaneur. Dazu habe er ein Hypertextsystem entwickelt, mit dem Seiten einfach gestaltet und vernetzt werden können: das heutige World Wide Web.

«Was aber ist damals gewesen, damals im» – der Kollege stockt, fixiert die Wand vis-à-vis und rechnet –, «damals im 1993?»  Eigentlich hätte das Cern das neue System patentieren lassen können, erklärt der Webflaneur. Doch man habe sich anders entschieden: Am 30. April  habe Tim Berners-Lee erklärt, dass jedermann die Erfindung kostenlos nutzen dürfe. «Und deshalb ist das World Wide Web so schnell zum wichtigsten Internetdienst geworden», sagt der Webflaneur. «Nun trinken wir noch ein Glas aufs Jubiläum», sagt der Kollege und winkt dem Kellner. Der Webflaneur zwinkert ihm verschwörerisch zu und warnt: «Aber sage ihm bloss nichts vom Geburtstag.»

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