Leben und Sterben auf Youtube

Claire Wineland litt unter zystischer Fibrose. Und zeigte Millionen von Menschen, dass man das Dasein auch als Schwerkranke geniessen kann.

Sie hatte eine inspirierende Botschaft: Claire Wineland bei einem Auftritt im April 2016. Foto: Getty Images

Eigentlich war ich im Internet auf der Suche nach neuen Erkenntnissen zum Fall von Madeleine McCann. Ich verfolge das Verschwinden des damals knapp vierjährigen Mädchens im Mai 2007 aus einer Ferienwohnung im portugiesischen Praia da Luz seit Jahren. Der Zufall wollte es, dass ich nicht auf einen Beitrag über Maddie, sondern auf eine Youtube-Dokumentation über eine mir unbekannte junge Amerikanerin gestossen bin. Vor mir hatten das bereits drei Millionen andere Menschen getan.

Die 21-jährige Claire Wineland war keine Prominente im klassischen Sinn. Kein Topmodel, obwohl sie von ihrem attraktiven Äusseren her eines hätte sein können. Sie war auch keine Influencerin, die ihren Followern ihre neuste vegane Beautylinie verkaufen wollte. Claire hatte eine inspirierende Botschaft. Seit ihrer Geburt litt die Texanerin an zystischer Fibrose. Und sie zeigte in diesem Film auf authentische und eindrückliche Art, dass man das Leben auch als Schwerkranke geniessen kann. Und dies vielleicht noch mehr als gesunde Menschen.

Filmstoff für Oscar-Gewinner

Bereits in den ersten Minuten, als Claire auf meinem Bildschirm auftauchte, nahm mich ihre Ausstrahlung gefangen: Sie war so präsent, wirkte ungemein lebenslustig und humorvoll, sodass mir schnell klar wurde, warum die zwei Oscar-Gewinner Nick Reed und Ryan Azevedo einen Kurzfilm über sie gedreht hatten.

In 40 Minuten lernte man anhand von Interviews mit Claire und ihren Angehörigen, aber auch durch ältere und aktuelle Filmsequenzen aus ihrem Leben, eine unglaublich kämpferische Frau kennen, deren Leben eigentlich schon mit 13 Jahren hätte enden müssen, nachdem ihre Lungen kollabiert waren und sie in ein Koma gefallen war. Die behandelnden Ärzte gaben dem Teenager eine Lebenschance von einem Prozent. Doch Claire Wineland schlug dem Tod ein Schnippchen. Nach 16 Tagen erwachte sie und gründete darauf ihre gemeinnützige Organisation «Claire’s Place Foundation». Dies, um Menschen und ihre Familien mit unheilbaren und chronischen Krankheiten, vor allem jene mit zystischer Fibrose, zu unterstützen.

Eigentlich hätte das Leben von Claire Wineland schon mit 13 Jahren enden müssen: Die Doku «Claire». Video: Youtube

«Du musst jeden Moment deines Lebens so leben, als ob es der letzte wäre.» Ich kann diesen klischierten Satz eigentlich nicht mehr hören. Natürlich macht es Sinn, das Leben bewusst und achtsam zu leben und zu geniessen, wann immer es geht. Aber seien wir ehrlich, unser Alltag ist so voller Herausforderungen, dass wir schon froh sind, wenn wir abends unbesorgt einschlafen können.

Und dann gibt es den seltenen Fall, in dem dieser Satz wie die Faust aufs Auge passt. Nämlich perfekt. Etwa dann, wenn er für das Leben von Claire Wineland steht. Ein Leben, das nur mit Plastikschläuchen in der Nase, die den Sauerstoff transportieren, überhaupt möglich war. Doch statt über diese Tatsache zu jammern, sagt Claire in der Dokumentation: «Seit ich denken kann, war ich immer dankbar, dass ich mich nicht mit alltäglichem Mühsal abgeben musste, mir Sorgen machen über schlechte Noten, mein Gewicht, Aussehen oder Rechnungen, die ich zahlen musste.» Und Claires grösster Wunsch war auch nicht das Abhaken möglichst vieler Punkte auf ihrer Bucketlist, sondern der Genuss einzelner kostbarer Momente ihres Lebens.

Autorin, Youtuberin, Fan

Lange bevor der Dokumentarfilm über Claire gedreht wurde, teilte Claire ihren Alltag auf ihrem eigenen Youtube-Kanal «SoulPancake» mit Hunderttausenden von Followern. Als Aktivistin und Autorin des Buches «Every Breath I Take, Surviving and Thriving with Cystic Fibrosis» trat sie als Motivationsrednerin auf. Etwas, das sie auch vermehrt in Zukunft machen wollte. Eine besonders eindrucksvolle Szene im Film ist, wenn sich Claire einen Tag aus dem Spitalalltag «frei» gibt, um zusammen mit einer Freundin einen Auftritt von Bernie Sanders zu verfolgen, dessen politisches Engagement sie schätzte. Natürlich hatten es die Filmemacher organisiert, dass Claire Sanders kennen lernen konnte. Dass Claire dabei fast wie ein Teenager bei einem Fantreffen mit ihrer Lieblingsband ausflippt, ist ebenso rührend wie Sanders Reaktion auf das Treffen mit der jungen Frau.

Claires schwarzer Humor zeigt sich ganz zu Anfang des Dokumentarfilms, als sie sich vor Lachen beinahe an ihrem Tee verschluckt, während sie nüchtern feststellt: «So, I’m dying, faster than everyone else», übersetzt: «Ich sterbe, schneller als jeder andere.»

Die letzten Tage: Ein Film auf ihrem Kanal. Video: SoulPancake (Youtube)

Leider war das kein guter Witz. Dieses Mal konnte sie dem Tod kein Schnippchen schlagen. Obwohl Claire das Glück hatte, dass ein für sie passendes Spenderorgan gefunden wurde, überlebte sie die Lungentransplantation nur eine Woche. Am 2. September 2017 starb sie nach einem Schlaganfall.

11 Kommentare zu «Leben und Sterben auf Youtube»

  • Silvia Aeschbach sagt:

    Herzlichen Dank für die Korrektur. Natürlich handelte es sich um Bernie Sanders!

  • Christian sagt:

    Das sind äusserst inspirierende Videos über eine starke Frau, die etwas zu vermitteln hat.
    Kleiner Fehler im Text – der Politiker, dessen Wahlkampfveranstaltung sie besucht hat, ist Bernie Sanders, und nicht Joe Biden – was auch irgendwie besser zu ihrer Lebenseinstellung passt.

  • SK sagt:

    Ein wirklich schöner und bewegender Film. Aber bitte korrigiert die Verwechslung von Bernie Sanders und Joe Biden, damit die arme Claire aufhören kann, sich im Grab umzudrehen…

  • Lars sagt:

    Bernie Sanders – nicht Joe Biden. Kein Teenager ist leidenschaftlich begeistert von Biden.

  • Angelika sagt:

    Danke für diesen Artikel.
    Zu diesem Thema empfehle ich den wunderbaren, unendlich traurigen, aber auch humorvollen Film „Und morgen Mittag bin ich tot“.

  • Andrea Merten sagt:

    Wen traf sie denn?
    Bernie Sanders oder Joe Biden?
    Beide?

  • Roland Benz sagt:

    Sie war „kein Topmodel, obwohl sie von ihrem attraktiven Äusseren her eines hätte sein können“. Ich zweifle den Wahrheitsgehalt dieser Aussage an. Sie war zu dünn, zu gebrechlich und zu klein. Für die besten Aufnahmen wurden top, top, top Profis engagiert. Es ist kaum zu übersehen, wie viel Geld und Wissen in ihrem Umfeld vorhanden war und wie viel Unterstützung sie erhalten hat. Insbesondere die Aussagen um 8:30 herum („The cure to illness hasn’t anything to do, with being healthy, …, but with the way you view your part in society“) verlieren ihre Gültigkeit, wenn die zuvor genannten Faktoren nicht vorhanden sind. Hier wie auch an anderen Stellen schwingt im Kern ein tiefes Misstrauen gegenüber einem Gesundheitssystem mit, das völlig falsche Ziele definiert.

  • Frank N. Stein sagt:

    Wurde die für nur eine Woche beanspruchte „gespendete“ Lunge dann weitergereicht?

  • Barbara sagt:

    Könnte man das betichtigen , es war Bernie Sanders!!

  • fepfi sagt:

    Peinlich! Claire traf Bernie Sanders und nicht Jörg Biden!

  • L. Peter sagt:

    Sanders, nicht Biden. Grosser Unterschied.

Kommentar

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