Alternativmedizin auf dem Prüfstand: Was wirklich hilft

Die Ärztin Natalie Grams erklärt in ihrem Buch, wie man effektive Heilmethoden von leeren Versprechungen unterscheiden kann.

Akupunktur ist sanft und entspannend. Aber nützt sie etwas? Foto: iStock

Wenn es darum geht, welche Methoden und Behandlungen bei gesundheitlichen Problemen und Beschwerden helfen, scheiden sich die Geister: Anhänger und Anhängerinnen der sogenannt «sanften Medizin» sind von alternativen Methoden wie Akupunktur, Osteopathie, Kinesiologie usw. überzeugt. Viele von ihnen sprechen sich – ausser in Notfällen – auch gegen den Einsatz von Antibiotika oder anderen «chemischen Keulen» aus. Aber auch sonst mehren sich die Stimmen, die Mühe mit dem klassischen Gesundheitssystem bekunden: «Ärzte haben eh keine Zeit» oder «Man ist kein Mensch, nur ein Fall.» Oder es wird bemängelt, dass sich die Medizin nur um die Symptome kümmere und nicht um die «wahren» Hintergründe der Beschwerden. Auch Hightech-Geräte machen Angst und geben einem das Gefühl, ausgeliefert zu sein.

Dass die Schulmedizin momentan einen schweren Stand hat, findet auch die deutsche Ärztin Natalie Grams (42) in ihrem aktuellen Ratgeber «Was wirklich hilft. Kompass durch die Welt der sanften Medizin». Sie plädiert aber dafür, auch alternative Therapien kritisch zu beleuchten: «Sie gelten als sanft und natürlich. Doch weder ist die Natur immer gut, noch ist jede alternative Heilmethode wirksam».

Natalie Grams: «Was wirklich wirkt. Kompass durch die Welt der sanften Medizin». Aufbau-Verlag, Berlin 2020. 249 Seiten, ca. 26 Fr.

Unerklärliche Ohnmachtsanfälle

Natalie Grams kennt die Vorteile von nicht klassischen Heilmethoden. Sie überlebte vor Jahren einen schweren Autounfall glücklicherweise körperlich unverletzt, litt aber danach immer wieder an unerklärlichem Herzrasen, das immer wieder zu Ohnmachten führte. Da ihre behandelnden Ärzte keine Ursache fanden, wurde sie immer verzweifelter.

Schliesslich fand sie Hilfe bei einer Heilpraktikerin und Homöopathin. Bei alternativen Therapien, die sie vorher nie in Betracht gezogen hätte, wie sie zugibt. «Doch nach dem ausgiebigen Gespräch mit der Heilpraktikerin, die mir das Gefühl gab, mich selbst besser zu verstehen, liess ich mich sowohl auf Globuli als auch auf eine Psychotherapie ein», schreibt sie. Und tatsächlich verschwanden ihre Ohnmachtsanfälle und auch das Herzrasen.

Diese Erfahrung hat dazu geführt, dass sie ihren «medizinischen Horizont» erweitert hat, doch ihren kritischen Blick auf den «Heilmittel-Dschungel» hat sie behalten. So warnt sie ausdrücklich vor «zu blumigen Versprechen» genauso wie vor angeblich nebenwirkungsfreien Therapien. Die Aussage, «sanfte Medizin geht sanft mit mir um», sei höchst gefährlich, so die Ärztin.

Medizinisches Grundwissen ist hilfreich

Im Kapitel «Was wirklich hilft» analysiert die Ärztin die so umstrittene Homöopathie, die beliebten Schüssler-Salze, Vitamin- und Nährstofftherapien, Akupunktur, TCM und vieles mehr. Sie beschreibt den geschichtlichen Hintergrund, die Wirkungsweise, Risiken, aber auch mögliche Vorteile der einzelnen Methoden. Und sie untermauert diese Aussagen nicht nur durch Studien – denn zu jeder Studie gibt es bekanntlich eine Gegenstudie –, sondern auch mit Erfahrungsberichten und nicht zuletzt mit ihrem Fachwissen als Ärztin und Therapeutin.

Ihre These: Es braucht kein langjähriges Medizinstudium, um seinen Körper besser kennenzulernen. Aber eine gewisse Eigenverantwortung und ein Grundwissen, das man sich aneignen kann, um körperliche Symptome besser zu verstehen. Und dadurch ist man weniger anfällig auf die teilweise dubiosen Versprechen und Heilmethoden.

Ganz deutlich wird die Autorin im Kapitel «Alarmzeichen, an denen Sie Scharlatane erkennen können». Höchste Vorsicht sei beispielsweise geboten, wenn:

  • Jemand behauptet, dass nur er einem helfen kann.
  • Jemand behauptet, dass nur diese eine Methode hilft.
  • Jemand behauptet, es gebe keine Risiken und Nebenwirkungen.
  • Jemand keine plausiblen Erklärungen für seine Methode geben kann, dafür auf Erfahrung pocht oder auf dankbare Patienten aus aller Welt verweist.
  • Jemand auf absolute Verschwiegenheit gegenüber Dritten besteht.

Sie legt sich mit Konzernen an

2019 wurde Natalie Grams, die auf vielen Plattformen und in den sozialen Medien für Aufklärung wirbt, mit dem Goldenen Award für den besten Twitter–Account Deutschlands ausgezeichnet. Sie wird auch immer wieder angefeindet, nimmt das aber mit einem gewissen Humor. Auf Twitter hat sie über ihr Foto die Aussage eines Haters gestellt: «Natalie Grams ist keine Medizinerin, sondern eine Naturkatastrophe. Ein Irrtum von Mutter Natur.» Und sie legt sich auch immer wieder mit Unternehmen an, wie ebenfalls letztes Jahr mit dem Homöopathie-Konzern Hevert.

Dass Natalie Grams’ Ratgeber neben sachlicher Aufklärung durchaus unterhaltend ist, findet auch ihr prominenter Kollege, der Arzt, Wissenschaftsjournalist und Autor Eckhart von Hirschhausen: «Natalie Grams gelingt es, Orientierung und Wissen zu vermitteln, damit jeder bessere Entscheidungen für eine wirksame Behandlung treffen kann», wird er auf der Rückseite von Grams’ Buch zitiert. «Mein Lieblingssatz: ‹Auf dem Boden der Tatsachen liegt zwar viel zu wenig Glitter, aber immerhin bietet er einen festen Stand.› Das ist Humanmedizin mit Humor.»