Wie beschreiben alte Menschen das Glück?

Wenn man Zeit und Raum vergisst: Das Glücksgefühl ist offenbar nicht altersgebunden. (Foto: iStock)

Im Rahmen einer journalistischen Recherche zum Thema «Glück im Alter» erwartete ich, dass die zehn zwischen 80 und 100 Jahre alten Menschen, die ich interviewte, vor allem in Erinnerungen schwelgen würden, wenn es darum geht, mir zu erzählen, was für sie persönlich Glück bedeutet.

Denn sind wir realistisch: Im letzten Lebensabschnitt haben die meisten alten Menschen nicht nur mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, sondern müssen auch oft Abschied von ihren Liebsten, von Freunden und, nicht zuletzt, von den eigenen vier Wänden nehmen. Der Umzug in ein Alters- oder Pflegeheim macht zwar Sinn, wenn es um die Gesundheit und Betreuung geht, ist aber auch oft die letzte, nicht selten schmerzliche Veränderung. Oder, wie eine 90-Jährige trocken bemerkte: «Seien wir doch ehrlich: Hier kommt man nur noch mit den Füssen voraus raus.»

Glücklich zwischen den Rosenstöcken

Alte Menschen – wenn sie noch im Besitz ihrer geistigen Fähigkeiten sind – sind sich ihrer Situation meistens bewusst. Doch obwohl ihre Welt oft kleiner und übersichtlicher geworden ist, hörte ich auch Aussagen wie: «Grosse Sprünge kann ich nicht mehr machen, aber in meinem Kopf und meinem Herzen ist noch viel Platz für Wünsche, Gedanken und die Leidenschaft.» Dies sagte mir ein verwitweter, pensionierter Lehrer, der immer noch in seinem Haus lebt.

Ein 86-Jähriger, der über die Leidenschaft sinniert? Erstaunlich. Verbinden doch die meisten von uns das Alter mit Mühsal und Abbau. Seine Leidenschaft bezieht sich denn auch nicht auf weibliche Wesen; diesen hat er nach dem Tod seiner geliebten Frau abgeschworen. Seine Liebe ist sein grosser Garten. Hier hegt und pflegt er täglich während mehrerer Stunden seine über 100 verschiedenen Rosenstöcke. «Diese Tätigkeit erfüllt mich mit Glück und Freude, dann sind Schmerz und Trauer, die mich nach dem Tod meiner Frau umfingen, weit weg.»

Im Flow

Sich auf eine geliebte Tätigkeit einlassen, die Zeit vergessen und sich völlig hingeben. Diesen Zustand nennt man «Flow». In den 1980er- und 1990er-Jahren wurde dieser Begriff, den der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi geprägt hat, zum Modewort. Heute hört man ihn weniger. Aber jeder kennt dieses Glücksgefühl, das einen erfüllt, wenn man Zeit und Raum vergisst. Und es ist scheinbar nicht altersgebunden. Im Gegenteil!

Mit einer einzigen Ausnahme erwähnten alle Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner diesen selbstvergessenen Zustand. Sie erleben ihn in der Natur, bei einer kreativen, aktiven oder meditativen Tätigkeit oder beim Zusammensein mit dem Partner: «Zu spüren, dass ich mich auch im hohen Alter noch weiterentwickeln kann, ist für mich das grösste Glück», sagte mir eine 91-jährige Malerin, deren Sehvermögen zwar stark eingeschränkt ist, die sich aber nicht abhalten lässt, täglich vor ihrer Staffelei zu sitzen.

Auf meine vorsichtige Nachfrage, ob sie mit diesem Zustand nicht eher Zufriedenheit meine – denn wird man im Alter nicht auch eher bescheidener? –, sagte sie sehr bestimmt: «Nein, für mich ist das Glück. Nicht mehr und nicht weniger.»

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11 Kommentare zu «Wie beschreiben alte Menschen das Glück?»

  • Zimmermann sagt:

    Glück ist eine momentanzustand- nie dauerhaft. Dann ist es zufriedenheit.
    Jeder mensch nimmt diese anders war.
    Wahrscheinlich ist eher eine generelle underschwellige lebensmüdigkeit – eine
    alterserscheinung -die bei jedem von uns + – zum tragen kommt!

  • Büchli Yvonne sagt:

    Sehr wenige Leute, scheint mir, sind im Alter glücklich. So vieles haben sie erlitten, so vieles hätten sie gerne getan, aber sie durften nicht.

  • Mike Gerber sagt:

    Glück ist, am nächsten morgen nochmal aufzuwachen.

  • Toni sagt:

    Tja, Glück kommt von innen. Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Menschen, Freundlichkeit, mit Lächeln durch die Welt gehen, sich nicht immer und überall als Opfer sehen und ganz natürlich durch das Leben gehen. Eigentlich das pure Gegenteil der heutigen – insbesondere – Frauen: Ignorante, lätschende, unfreundliche Opfer, denen in den Sinn kommt, dass vor 28 Jahren mal einer schief geguckt hat und mit Schminke, Farbeimern und dem Nacheifern von Photoshop-Modellen sich selbst 24h am Tag unglücklich machen. Aber die Facebook-Likes der auch nicht ganz ehrlichen „besten Freundinnen“ gleicht ja alles aus. Mindestens bis morgen oder so.

  • Jacques sagt:

    Glück ist möglichst wenig zu leiden (nach Voltaire). In jedem Lebensalter.

  • Carolina sagt:

    Es gibt sie ganz sicher, die alten Menschen, die ‚Glück‘ so definieren wie hier beschreiben, die sich als glücklich bezeichnen würden. Da ich selber viele alte Menschen begleite, scheint mir aber diese- verzeihen Sie, Frau A – medial doch etwas arg betonte, manchmal schon fast zwanghaft gesuchte Glück im Alter-Komponente etwas einseitig. Meiner Erfahrung nach gibt es bei den meisten alten Menschen einen Zeitpunkt, an dem dieses stille Glück – ich bevorzuge nach wie vor das Wort Zufriedenheit – kippt (wenn es in dieser Form überhaupt da war). Allerdings wollen oft weder Medien noch Angehörige oder Pflegende hören, dass ein alter Mensch verzweifelt ist, einsam, womöglich sehr krank und nicht mehr am Leben interessiert. Es kommunizieren eben meistens nur die, die zufrieden sind.

    • Maike sagt:

      Brave Carolina – kann das nur bestätigen. Die überwiegende Mehrheit der älteren Menschen empfinden das Altwerden nicht so toll – wie es immer in Funk und Fernsehen dargestellt wird. Es ist nicht toll, wenn man bemerkt, das der Körper einem vermehrt seine Grenzen aufzeigt, das eine Organe nicht mehr so richtig ihren Dienst versehen – das das leben immer mehr zu einer Last für sich und andere wird. Zudem, liebe Frau A., ein pensionierter Lehrer ist nicht repräsentativ für die Vielzahl der alten Menschen. Fragen sie mal rum bei den Alten, die während ihres Arbeitsleben körperlichen Einsatz zeigen mussten. Zudem dann im Alter mit einer kleinen Rente auskommen müssen. Wie hoch da das Glücksgefühl ist, Alt zu sein.

      • tina sagt:

        recht habt ihr. mich nervt schon, wenn gesagt wird, der mensch sei selber für sein gesicht verantwortlich. als ob sich jeder selber aussuchen würde, wie sehr er kämpfen oder leiden muss im leben. wenn man jahrzehntelang kämpfen muss, dann geht man entweder kaputt oder wird härter. härter zu werden wäre also der glücksfall und das sieht man einem dann vielleicht auch an.
        auch menschen die leiden und kämpfen können die schönen kleinigkeiten sehen und sich freuen, vielleicht sogar eher. aber die falten im gesicht kommen vom kämpfen und den sorgen

      • tina sagt:

        ja klar, es gibt auch lachfalten :). und wenn man genügend prozac einwirft, gibts auch keine sorgenfalten 😉

  • jane marple sagt:

    … und was sagten die anderen 9 dazu? wäre noch interessant zu erfahren.

Kommentar

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