Frauen haben kein erotisches Ablaufdatum

Mit guten Argumenten warb Heidi Klum kürzlich in der Ellen-DeGeneres-Show für ihre neue Dessouslinie und für die Erotik reifer Frauen. Screenshot: Ellentube

Ich bin kein wirklicher Heidi-Klum-Fan. Aber es gibt durchaus gewisse Verhaltensmuster, die ich an ihr unterhaltsam finde. Sei es ihre leicht quäkende Stimme, die sich gerne mal überschlägt. Oder die schmatzenden Geräusche, die sie von sich gibt, wenn sie Wangenküsse verteilt. In meinem Freundeskreis ist dieses Begrüssungsritual zum Running Gag geworden: Kein Küsschen mehr ohne Heidis «Muah, muah». Respekt habe ich allerdings vor Klums Disziplin, ihrer langjährige Karriere und ihrem Geschäftssinn. Und auch davor, dass sie ihr Leben ohne Rücksicht auf gängige Klischees lebt. Stichwort Vito Schnabel.

Zu alt für Dessous

Manchmal schaue ich auch «Germany’s Next Top Model». Da fiel mir kürzlich auf, wie toll die 44-Jährige aussah. In den meisten Szenen war sie kaum geschminkt. Und diese Natürlichkeit stand ihr äusserst gut zu Gesicht. Am meisten imponierte mir die vierfache Mutter allerdings, als ich sie kürzlich in der Show von Ellen DeGeneres sah. Natürlich war dieser Auftritt mit einem Werbeauftritt verbunden – Heidi trug unter ihrer Bluse einen BH aus ihrer neuen Wäschekollektion, den sie auch gewohnt professionell und selbstbewusst präsentierte. Dann wars aber schon vorbei mit dem Small Talk, und sie machte ihrem Ärger darüber Luft, dass sie in den sozialen Netzwerken immer wieder für ihre freizügigen Bilder kritisiert wird.

«Haben wir Frauen eigentlich ein Ablaufdatum? Sollte man sich ab einem gewissen Alter nicht mehr sexy fühlen?», fragte Klum ins Publikum, das frenetisch applaudierte. Und diesbezüglich muss ich Heidi recht geben: Obwohl die Industrie neben der kurvigen auch die reife Frau als kaufkräftige Kundin entdeckt hat, präsentieren fast ausschliesslich blutjunge Models Anti-Falten-Cremen oder eben Dessous.

Ist es Neid?

«Manchmal sagen die Leute: ‹Du bist 44 und wirst bald 45, warum übergibst du das Zepter nicht an jemand anderen?›», fragte Heidi bei Ellen. Muss sie? Klum ist auf dem Höhepunkt ihrer Attraktivität: erfolgreich, eigenständig und clever. Warum also sollte sie in die zweite Reihe zurückstehen? Nur weil sie, nach gewissen gesellschaftlichen Vorstellungen, ein sogenanntes Ablaufdatum erreicht hat?

Schliesslich ist Heidi Klum kein Stück Käse. Auch wenn bekanntlich Parmesan mit reiferem Alter immer besser wird.

Alles im Leben ist Geschmackssache. Aber sie dafür zu verurteilen, sie sei zu alt, um sich erotisch zu präsentieren, ist es nicht. Das ist einfach nur kleinlich. Meistens sind es ja Frauen, die motzen: «Das geht nun gar nicht mehr!» Ich wittere bei solchen Aussagen schlicht Neid. Und wenn Klum auf dem roten Teppich stolz ihre Reize präsentiert, wirkt sie auf mich alles andere als verzweifelt darüber, dass sie es mit der jungen Konkurrenz nicht mehr aufnehmen kann. Und das hat Vorbildcharakter, auch für jene Frauen, die nicht über ihre tolle Figur verfügen.

Hätte ich jedenfalls die Wahl, Werbung für einen tollen BH oder Einlagen für Blasenschwäche zu machen, ich würde definitiv Ersteres machen.

(Nein, sie müssen jetzt keinen bissigen Kommentar schreiben, das wird definitiv nicht passieren. Ich kenne meine Grenzen.)

Lesen Sie von der Autorin zum Thema auch die Postings «Stilikone und Influencerin mit 96 Jahren» und «So sehen Sie nicht alt aus!».

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