Es ist okay, uncool zu sein

Accessoires können zur Coolness beitragen – doch eigentlich ist sie eine Frage der Persönlichkeit. Bild aus eine Kampagne der italienischen Modemarke Dolce & Gabbana von 2015.

Als junge Frau in den 90er-Jahren wollte ich unbedingt cool sein. Ich trug abwechslungsweise die damals angesagten Plateau-Turnschuhe, Doc Martens und Timberlands. An schlanken Tagen präsentierte ich mich bauchfrei wie mein Idol Gwen Stefani, dazu trug ich gebleichte, lose sitzende Jeans. Der schwarze Lidstrich war ein Muss, genauso wie der dunkelrote Lippenstift, den ich mit braunem Lipliner umrundete.

Es brauchte einiges an Aufwand für diesen Look, zu dem auch die platinblonde Mähne gehörte. Und natürlich trug mein damaliger Boyfriend Calvin-Klein-Unterwäsche wie sein Idol, der Rapper Mark Wahlberg, alias Marky Mark. Aber schon damals ahnte ich, dass für ein cooles Image nicht das «richtige» Outfit ausschlaggebend war. Denn Coolness konnte man weder anziehen noch kaufen. Man hat sie. Oder eben nicht.

Verkörperter Wikipedia-Eintrag

Meine damalige Arbeitskollegin Brigitte war ziemlich cool. Sie machte, im Gegensatz zu mir, keine modischen Experimente mit. Ihre «Uniform» waren klassische Levi’s, Adidas-Turnschuhe, ein weisses T-Shirts und eine schwarze Lederjacke. Die braunen Haare hatten noch nie ein Färbemittel gesehen, das Gesicht schminkte sie, ausgenommen von etwas Wimperntusche, nie. Und wenn sie ihren nackten Bauch zeigte, dann geschah das zufällig und ohne Provokation. Brigitte verkörperte den aktuellen Wikipedia-Eintrag perfekt: Coolness wird «einerseits zur saloppen Bezeichnung einer besonders gelassenen oder lässigen, nonchalanten, kühlen, souveränen, kontrollierten und nicht nervösen Geisteshaltung oder Stimmung genutzt (vergleiche: kühl bleiben, kühler Kopf im Sinne von ‹ruhig bleiben›)».

Und natürlich war sie der Schwarm vieler Männer. Einerseits gab sie den Kumpeltyp, mit dem man nach Feierabend ein Bier trinken geht, andererseits verströmte sie auch eine unterschwellige, anziehende Erotik. Ihre Lässigkeit und Authentizität hatte nichts Aufgesetztes an sich. Sie mochte Fussball, Sport und Bier. Nicht, weil sie damit bei den Jungs punkten wollte, sondern, weil es sie wirklich interessierte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich wenig Gedanken darüber machte, wie sie auf andere wirkte. Das pure Gegenteil der heutigen Insta-Girls.

Als wir im Laufe der Jahre Freundinnen wurden – etwas, das mich heute noch erstaunt, doch bekanntlich ziehen sich Gegensätze an – machte mich das ein bisschen stolz. Denn ich verkörperte quasi die Antithese: ein empfindsamer und sensibler Gefühlstyp, mit einem gewissen Hang zum Drama. Wenn mich Brigitte ärgern wollte, nannte sie mich eine «glamouröse Diva». Und das war nicht zynisch gemeint (Zyniker sind niemals cool, auch wenn sie es unbedingt sein möchten). Nein, genauso sehr wie ich ihre unangestrengte Art liebte, mochte sie scheinbar auch meinen «speziellen  Charme». Ihre unausgesprochene Message an mich lautete: «Sei, wie du bist!» Und so hörte ich auf, Bier zu trinken, das mir eh nie geschmeckt hatte, entsorgte die Plateauschuhe und die bauchfreien Tops und bekannte mich zu meiner Häuslichkeit. Denn nächtelang in Bars und Clubs unterwegs zu sein, war nicht meins. Nur den roten Lippenstift und die blonde Mähne blieben: Denn schliesslich war ich ja eine Diva.

Abziehbilder aus einer virtuellen Welt

Wenn ich heute nach wirklicher Coolness suche, werde ich selten fündig. Auch wenn mich männliche Stars in Werbekampagnen für Parfüme und dergleichen und unzählige Influencerinnen überzeugen wollen, dass  sie mit ihrem perfekten Sixpack, den teuren Outfits und dem perfekten Make-up genau dies verkörpern. Ich sehe dann nur gut aussehende, glatte Gesichter, Abziehbilder aus einer virtuellen Welt, denen sämtliche Ecken und Kanten fehlen.

Und dann freue ich mich auf einen Abend mit Brigitte. Denn auch mit Ende 40 ist sie geblieben, was sie war: eine coole Frau im besten Sinne des Wortes, die mir immer noch das Gefühl gibt, dass es vollkommen okay ist, uncool zu sein.