Mit Selbstliebe an die Spitze

Ashley Graham ist das erfolgreichste Plus-Size-Model der Welt und jetzt auch Autorin. (Foto: Getty Images)

Als die Biografie «A New Model» von Ashley Graham auf meinem Pult landete, hatte ich wenig Lust, mir das Buch anzuschauen. Zu viel war für meinen Geschmack über das erfolgreichste Übergrössenmodel der Welt geschrieben worden. Und jetzt hatte Graham also selbst noch das Bedürfnis, auf knapp 200 Seiten ihre Erfahrungen in der Modewelt festzuhalten. In einer Welt, in der man mit Grösse 38 als fett gilt, ist sie mit Grösse 44 beinahe eine Ausserirdische.

Graham ist bekanntermassen eine der wenigen Ausnahmen im Business. Sie landete als erstes Übergrössenmodel im Januar dieses Jahres auf der Titelseite der englischen «Vogue», dies nachdem sie bereits schon andere wichtige Cover, wie jenes der berühmten «Swimsuit Issue» der «Sport Illustrated» geschafft hatte. Das war quasi der Ritterschlag für die 29-Jährige, von dem manch stromlinienförmiges Model träumt. Graham wurde zum Liebling der Medien und hat unglaublich viele, auch männliche Fans. Rund 4,2 Millionen Follower hat sie auf Instagram. Es war ihr erfolgreich gelungen, eine weltweite Diskussion über Sinn und Unsinn des Figurdiktates zu entfachen, und hat damit vielen Frauen zu mehr Selbstbewusstsein verholfen. Und dies nicht nur in der Modelbranche.

Einblicke ins «Bitchy Business»

Ausnahmeerscheinung Ashley Graham. (Foto: Getty Images)

Eigentlich eine gute Sache. Aber es gab auch Dinge, die mich störten an diesem Hype. Überflüssig, wie Graham regelmässig ihre Cellulite auf vielen Instagram-Fotos zur Schau stellte. Natürlich verstand ich ihre Aussage: Sie kämpft für ein vielfältigeres Frauenbild in der Branche. Aber das macht Cellulite auch nicht besser. Und wenn ich Orangenhaut sehen will, brauche ich nur in den eigenen Spiegel zu schauen. Und ausserdem bleibt ein Model wie Graham (leider) eine Ausnahmeerscheinung. Erfolgreiche Models waren seit je schlank und werden es auch in Zukunft sein, denn die Welt der Mode wird nun mal von Männern regiert, die ihre Kreationen am liebsten an knabenhaften Körpern sehen.

Doch zurück zu Grahams Buch. Irgendwann begann ich trotzdem darin zu lesen. Und ich konnte nicht mehr aufhören. Denn die Geschichten, die sie erzählt, sind alles andere als oberflächlich, sondern berührend, spannend und mit viel Selbstreflexion geschrieben. Und nicht nur für «Curvy Girls» interessant. Die unterhaltsamen Einblicke ins «Bitchy Business» sind zwar nicht neu, schon viel wurde über Machtkämpfe, Zickereien und Extravaganzen geschrieben. Aber selten mit so viel Humor und Selbstironie. «Vor zehn Jahren wurde mir erzählt, dass ich nur ein Katalog-Model werden würde, aber es nie aufs Cover schaffen würde», erzählt Graham. Doch sie liess sich nie unterkriegen oder von Demütigungen aufhalten, von denen sie eine Menge einstecken musste. Allen Widrigkeiten, Unsicherheiten und Selbstzweifeln zum Trotz bahnte sie sich ihren Weg an die Spitze und beweist: Schönheit, Power und Selbstbewusstsein sind keine Fragen der Kleidergrösse.

Was Frau draus lernt…

Die Geschichte von Ashley Graham spielt zwar in der Modebranche, aber sie ist sinnbildlich für viele andere Frauenleben. Denn sie zeigt auf: Wer sich mit all seinen Stärken und Schwächen akzeptieren und vielleicht sogar lieben kann, kann vieles erreichen. Manchmal sogar alles.

Ashley Graham
with Rebecca Paley:
«A New Model»,
Harper Collins.