So werden Diäten überflüssig

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Anstatt eine Diät nach der anderen zu machen, sollte man besser auf ein gutes Körpergefühl setzen, rät Ernährungsexperte Thomas Frankenbach. Foto: Gettyimages

Paleo, FDH, 5:2, Low Carb: keine Woche, in der nicht eine neue Superdiät propagiert wird. Unzählige Ratgeber erscheinen im Frühling auf dem Buchmarkt, allerhand Wunderkuren werden angepriesen, und die Magazine sind voll mit guten Ratschlägen zur möglichst schnellen Gewichtsreduktion. Wie sinnvoll aber sind Diäten überhaupt? Der deutsche Ernährungs- und Gesundheitswissenschaftler Thomas Frankenbach beschreibt in seinem Buch «Somatische Intelligenz» eindrücklich, warum Diäten meistens scheitern und wie wichtig es wäre, auf die Bedürfnisse des eigenen Körpers zu hören. Sein Buch bietet neue Einsichten, es ist süffig und informativ geschrieben und eine echte Alternative zum x-ten (misslungenen) Diätversuch.

Ein Gespräch mit dem Buchautor über Ernährungsregeln und was beim Abnehmen oft vergessen geht.

Herr Frankenbach, noch nie haben wir so viel über Ernährung gewusst wie heute. Warum werden wir trotzdem immer dicker?

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Thomas Frankenbach (42) leitet den Fachbereich Ernährung und Bewegung in der Rehaklinik Dr. Wüsthofen in Bad Salzschlirf. Er veröffentlichte mehrere Bücher zu den Themen Ernährung und Sport.

Sicher liegt das an verschiedenen Faktoren: ein Riesenangebot an Essen, für viele immer weniger körperliche Aktivität, Medikamente, Stress. Im Zentrum steht meiner Meinung nach jedoch ein anderer Aspekt, der viel zu selten Beachtung findet: die Fähigkeit, die Signale des eigenen Körpers wahrzunehmen und auf sie einzugehen. Die Menschen werden immer massloser! Was steckt dahinter? In den meisten Fällen das Unvermögen, sich selbst wahrzunehmen und die eigenen Ernährungsbedürfnisse so zu erspüren. Die Frage «War das jetzt die richtige Nahrung für mich und die richtige Menge?» können sich viele Menschen einfach nicht beantworten. Das zeigt mir meine jahrelange Erfahrung. Das Resultat ist dann oft Übergewicht. Jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, was ihm guttut und in welcher Menge.

Sie halten nichts von Ernährungsregeln und Diäten?

Heute sollten wir auf einmal alle Veganer sein oder uns wie Steinzeitmenschen ernähren. Diese ganzen Ernährungskonzepte halte ich weder für gut noch für schlecht. Entscheidend ist, ob die Ernährungsform zu den Bedürfnissen passt, die der Mensch gerade hat, und die können sehr verschieden sein. Was der einen bekommt, muss der anderen deswegen noch lange nicht guttun. Was beim einen geholfen hat, muss es beim anderen noch lange nicht. Eine optimale Kost ist die, auf die wir Lust haben, die uns schmeckt und die uns gut bekommt. Dann haben wir das Wollen und Brauchen vereint. Das Ergebnis sind in der Regel glücklichere Menschen.

Können Regeln denn nicht helfen, wenn es um die eigene Disziplin geht?

Kurzfristig vielleicht, auf die Dauer, und das zeigt ja auch die Studienlage, bringt es den meisten nichts, weil sich der Körper gegen eine Kost, die er nicht mag, aufbäumt und wir sie dann irgendwann nicht mehr sehen können. Disziplinierung mag in vielen Bereichen des Lebens wirksam sein, beim Essen ist sie es jedenfalls auf Dauer häufig nicht. Das können mir sicher die meisten bestätigen.

Sie sagen, dass ich essen darf, was ich will. Ich muss mich dabei aber gut fühlen.

Das heisst nicht, einfach zu essen, worauf man Lust hat, sondern sensibel zu werden für die eigene Körperintelligenz – die Signale, die uns der Körper sendet. Sicher auch anhand von Lust und Geschmack, aber auch anhand von Bekömmlichkeit und Sättigungsgefühl. Und die bekomme ich nur auf den Schirm, indem ich lerne, sensibel zu werden für die eigenen Körperreaktionen.

Wieso habe ich, wie viele andere, Heisshunger auf ungesunde Sachen?

Das weiss ich nicht. Ich weiss auch nicht, ob die Sachen für Ihren Genotyp und Ihre Bedürfnisse überhaupt ungesund sind oder ob Sie das womöglich nur glauben, weil Sie das Wertesystem im Kopf haben, das man uns im Westen seit 80 Jahren einhämmert: Obst, Gemüse, Vollkorn gut; Schokolade, Fleisch und Weissmehl böse. Und ich muss sagen, ich kenne Menschen, bei denen gelten diese gängigen Muster von Gut und Böse nicht. Denen gehts schlecht mit Vollkorn oder Obst, die werden davon krank. Was meinen Sie? Isst man in China Vollkornnudeln und -reis und Müesli? Die Mehrheit der Leute definitiv nicht. Weils ihnen nämlich nicht bekommt. Es gibt bei uns Leute, die mit Vollwert- und Rohkost aufblühen. Aber es gibt Leute, denen Rohkost nicht bekommt. Wir können Ernährung nicht pauschalisieren.

Je mehr äussere Reize auf uns einströmen, desto schwerer fällt es, Signale des Körpers wahrzunehmen. Warum ist es so schwierig zu spüren, was wir brauchen?

O ja. Das ist ein Dilemma. Einerseits ist die Technologie uns wirklich eine Hilfe. Andererseits kann sie uns auch viel nehmen, wenn wir nicht achtsam damit umgehen. Gerade aufgrund der vielen Technik sind immer mehr Menschen immer häufiger im «Aussen» – im Internet, am Smartphone und Tablet. Selbst im Auto dudelt meistens das Radio. Wer zu viel im Aussen ist mit der Wahrnehmung, der ist nicht mehr genug «bei sich selbst», dem droht, dass er taub wird für die Signale seines Körpers. Der wird masslos, weil er kein Gefühl mehr hat für seine eigentlichen Belange. Auch beim Essen.

Wie lerne ich, meinen Körper wieder besser zu spüren?

Alles, was uns hilft, zur Ruhe zu kommen, wirkt sich positiv auf die Körperwahrnehmung aus. Autogenes Training, Yoga, Meditation oder Ausdauersport. Indem ich meine Wahrnehmung schule, meine somatische Intelligenz – also die Fähigkeit des Körpers, durch Lust, Geschmack, Abneigung und Bekömmlichkeit zu zeigen, welche Nahrung für mich gut ist.

Was würden Sie jemandem raten, der jetzt abnehmen möchte?

Sensibel werden für die eigenen Ernährungsbedürfnisse. Je besser die Eigenwahrnehmung in Sachen Essen und Trinken, desto überflüssiger werden Diätprogramme.

Thomas Frankenbach: «Somatische Intelligenz», Koha-Verlag.

30 Kommentare zu «So werden Diäten überflüssig»

  • James sagt:

    Der Autor in Ehren, aber seine Behauptung wir müssten einfach besser auf unseren Körper hören ist doch nicht viel mehr als ein Werbeslogan für ein neues Berater-Buch. Wenn wir das machen würden, würden wohl Viele eher dicker als dünner werden. Unsere Körper möchten in guten Zeiten schliesslich Reserven anlegen. Heutzutage gibt es halt einfach keine schlechte Zeiten mehr, wo diese Reserven wieder abgebaut werden.

    • Daniel Castro sagt:

      Genau. Und Dicke wollen wir ja nicht sehen in unseren Gesellschaft. Heute sind es die Dicken…in ein paar Jahren diejenigen, mit menschlichen Gebrächen haben und irgendwann sind es diejenigen, die blond sind.
      Herrrje. leben und leben lassen.

      • Michael sagt:

        Das lieber james ist Unsinn. Der Körper signalisiert einem beispielsweise schon ziemlich deutlich wann er satt ist. Aber in der Jugend wird man durch die Eltern häufig gezwungen, darüber hinaus zu essen – iss den Teller leer !! Und damit geht ein Grundgefühl verloren, was später nur sehr schwer ist, zu erlernen.

  • James sagt:

    Wer dauerhaft weniger wiegen möchte, hat doch nur eine Möglichkeit: Er führt weniger Kalorien zu als er verbraucht. D.h. weniger essen oder mehr Kalorien verbrauchen, durch Sport oder was auch immer. Auf die Dauer muss das funktionieren. Ich glaube, dass alle Diäten nur dazu da sind, diesen Fakt etwas angenehmer zu gestalten…

  • Christian sagt:

    Ich bin 67 Jahre alt, 182 cm gross und 95 Kilo schwer. Mein Idealrezept zum Abnehmen wäre: Für jedes Kilo weniger gibt’s eine Stunde schönen, guten Sex mehr. Sie mögen mich für verrückt halten – aber früher hat diese Methode bei mir super funktioniert. Und sie würde es heute noch… Aber eben: Wer macht da freudig mit? Die Hoffnung stirbt zuletzt!

  • baba sagt:

    Genene Roth hat vor über 20 Jahren schon über daselbe geschrieben… und es hat immer noch Gültigkeit, wie es scheint 😉

  • Shirley sagt:

    Ein sehr gutes Interview, dass ich gerne auf FB teile…..

  • edith sagt:

    guten morgen an alle ernährungsberater…vor lauter überangebot an beratungen hat ( in meinen augen und nach meinen erfahrungen) die momentane kleine welt der europaer ( eher sogar nur schweiz /deutschland) das normale essen total vergessen. dazu kommt die, extrem vielen jobs angehörende, stundenlange computerarbeit..meine idee:( nicht akademisch)mehr eigenes gefühl entwickeln für sich, seinen körper und seine bedürfnisse wahrnehmen lernen. pommes können einen ganz toll energievoll machen..mit mass und zum eben gefühlten richtigen moment.. dazu genug bewegung! genussvoll nicht stressvoll edith

    • michael sagt:

      Genau das ist es ! Das gesunde Mittelmass ist verloren gegangen. Kaum einer hört auf zu Essen wenn der Magen – ich bin satt – signalisiert. Wird einem meistens schon als Kind abtrainiert, indem sehr drauf geachtet wurde, den Teller leer zu essen.
      Von allem ein bisschen und schön abwechslungsreich, das reicht vollkommen. Einzige Ausnahme – rauchen. Das ist das absolute NoGo.

  • Würkli? sagt:

    Als Krankenpfleger, Ernährungswissenschaftler, Gesundheitstheoretiker, Psychointegrativer Entspannungscoach, Karatekickboxer, Fitnesstrainer, Dozent für Nonverbale Kommunikation und: Praktikant bei ‚Fit for Fun‘ (sic!) hat Frankenbach natürlich einen Riesenvorsprung auf die Anderen. Diese Präsentation und der kürzlich erschienene Tagi-Artikel von Frau Binswanger lassen doch tief blicken, wie es um die ernährungstheoretische Ausrichtung steht. Na dann frohes Sensibilisieren der Soma-Wahrnehmung.

  • René Baron sagt:

    Ich habe leider das Gefühl, dass in diesem Interview nichts gesagt wurde. Man kann deshalb auch nichts dazu sagen und damit auch nichts lernen – ausser – dass es OK ist von einem Autoren für teures Geld gesagt zu kriegen, dass man alles selber machen muss. Ich bin mir nicht sicher, ob dies die Weisheit ist, die dieser Mann für Geld verkauft, oder ob es unsere Weisheit ist, diese Masche zu erkennen 🙂

  • Why? sagt:

    Ja, das klappt wirklich. Wenn man sensibel wird für die eigenen Ernährungsbedürfnisse und auch den eigenen Bewegungsbedürfnissen nachgeht, ohne sich vom inneren Schweinehund daran hindern zu lassen, dann pendelt sich das Gewicht ohne Hunger und ohne Muskelkater auf einem gesunden BMI ein… kann ich voll unterschreiben…

  • Christoph Bögli sagt:

    Schön zu lesen, dass es auch Ernährungsexperten gibt, die effektiv etwas von der Thematik verstehen – und sich gerade darum nicht in simple Wahrheiten und pauschale Ratschläge versteigen. Die Individualität zu betonen ist ein extrem wichtiger Punkt, denn das ist genau das, was alle missachten: Von der standardisierten Gesundheitspolitik über dogmatische Diäten zu all den esoterischen Ernährungs-Glaubenssystemen ignorieren fast alle, dass nicht jeder die gleiche Ernährung benötigt oder verträgt. Darum ists zentral, primär auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu schauen.

  • Peter sagt:

    Veganismus beinhaltet den Boykott von Leder, Pelz, Daunen und Wolle. Das ist keine Diät, und wer das denkt, lebt hinter dem Mond.

  • Stefan Schmid sagt:

    Das Hauptproblem ist der ZUCKER. Egal in welcher Form und Farbe. Dito Zuckerersatz.

    Jeder der den Zucker komplett aus seinem bewussten Speiseplan streicht wird abnehmen, ob er will oder nicht. Bewusst deshalb, weil es ja bekanntlich noch viele versteckte Zucker gibt denen man nicht entrinnen kann.

    Nebst dem Abnehmen wird man noch weniger Krank. Zucker soll gemäss div. Studien für 1/3 aller nichtinfektiösen Krankheiten verantwortlich sein (vergl. John Yudkin und Robert H. Lustig)!

    Mit folgendem Vortrag vergeht der Zuckerkonsum jedem!
    https://www.youtube.com/watch?v=ceFyF9px20Y (Englisch)

    • Why? sagt:

      aber man kann auch mit zucker/Süssigkeiten, mit Mass genossen, sehr gut abnehmen.

    • Roland K. Moser sagt:

      Nur den Zucker weglassen genügt vermutlich nicht immer.
      Ich definiere es so: Wenn die gesamte Ernährung (also inkl. Getränke) in Qualität und Quantität stimmt, stimmt auch das Gewicht.

      • Stefan Schmid sagt:

        Sie werden es kaum glauben aber Zucker weglassen genügt tatsächlich. Selbstverständlich muss die Energiebilanz im Ganzen schon einigermassen stimmen. Probieren sie es aus. Essen sie ganz normal weiter wie bisher, einfach ohne Zucker. Das Ergebnis wird sie verblüffen!

      • Roland K. Moser sagt:

        Ich habe kein Übergewicht 🙂
        Zucker bzw. Süsses esse ich praktisch nicht.
        Wer trotz dem Zucker weglassen immer noch ungesund und zuviel ist, wird das Gewicht kaum runterbringen.
        Wenn der Zucker die Ursache für das Übergewicht ist, geben ich Ihnen Recht.

      • Stefan Schmid sagt:

        Sie müssen mir nicht Recht geben, ich habe das nicht erfunden. Schauen Sie den Film an und lesen Sie in Ergänzung einige Bücher über Zucker, z.B. „Garantiert gesundheitsgefährdend“ (Grimm), „Pur, weiss, tödlich“ (Yudkin), etc.

        Wenn jemand den Zucker weglässt und ansonsten das Essverhalten nicht ändert, wird er garantiert abnehmen. Allerdings ist das Abnehmen eigentlich nur ein Nebeneffekt. Im Kern geht es in der Folge um die Gesundheitsvorteile. Aber das müssen Sie sich schon selber einlesen.

      • Roland K. Moser sagt:

        Ich verstehe Ihre These so:
        Man kann alles essen in jeder Menge, einfach keinen Zucker, und man wird sein Idealgewicht haben. Habe ich Sie richtig verstanden?

  • Gigia sagt:

    Es freut mich, das dass Thema Körperwahrnehmung und das damit verbundene Vertrauen in den eigenen Körper und den eigenen Ernährungsbedürfnissen, angesprochen wird.
    Autogenes Training, Yoga usw. sind hilfreich, aber oft ist es damit nicht getan. In meiner Arbeit als Ernährungs-Psychologische Beraterin erlebe ich, wie Menschen wieder von Grund auf lernen müssen selbstbestimmt zu essen. Dabei werden oft auch Themen wie Stärkung des Selbstwertes, ablegen der Kontrolle und erlernen der Genussfähigkeit aktuell.
    Harte Arbeit, die aber Menschen sich selber ein grosses Stück näher bringt.

  • Alfred Frei sagt:

    Ausdauersport ? Ich bin kein Fachmann, aber nach meiner Meinung geht es beim Aussdauersport doch eher darum, weiterzumachen, auch wenn sämtliche Signale des Körpers auf ‚Aufhören‘ stehen. Scheint nicht gerade die beste Schulung für Körperwahrnehmung.

    • Thomas McKean sagt:

      Doch! Man lernt nämlich wer „Aufhören“ sagt, der innere Schweinehund der lieber Fernsehen will oder der Körper.

    • Roland K. Moser sagt:

      So ist es nur, wenn man es falsch macht.

    • Jo sagt:

      Anscheinend hatten sie noch nie so einen „Flow“ – wo man rennt, lacht und sich einfach nur super fühlt? (Tausend mal besser als mit chips auf dem Sofa vor dem TV 😉 )

  • Hansli sagt:

    Bei mir funktioniert nur eins. Eine strikte Kontrolle wie viel ich esse und was ich esse. Würde ich sein Konzept anwenden, würde ich einfach unkontrolliert zunehmen. Bei mir setzt einfach jede bisschen zu viel gleich an.

  • Luise sagt:

    Sehr gutes Interview. Es lässt die Freiheit der Wahl, mit der allerdings viele Menschen nicht klarkommen. Ich denke, da, wo das Körpergefühl nicht funktioniert, hilft Disziplin. Schokolade essen gibt ein gutes Gefühl – zweifellos. Aber zuviel davon kann Magenprobleme verursachen und ein schlechtes Gewissen. Um das zu vermeiden gilt es, die Menge der Süssigkeiten zu limitieren, aber so richtig zu geniessen.

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