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Vom unsäglichen Pflichtteil im Erbrecht

claude chatelain am Dienstag den 8. Mai 2012

Obschon es sich bei der «Vierten Säule» nicht um eine Ratgeberkolumne handelt, fragen mich doch immer wieder Leute um Rat. Das ehrt mich. Und manchmal berührt es mich.

So geschehen erst kürzlich, als eine bald 80-jährige Witwe ihr Leid klagte. Ihr Fall ist exemplarisch: Sie hat zwei erwachsene Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Die Tochter ruft sie wenn nicht täglich, so doch mehrmals wöchentlich an. Der Sohn meldet sich praktisch nie. Die Tochter kommt regelmässig vorbei und schaut zum Rechten. Der Sohn schert sich keinen Deut um seine Mutter. Die allein erziehende Tochter ist geschieden und hat einen Tunichtgut als Ex-Mann, der seinen finanziellen Verpflichtungen nur halbwegs nachkommt. Der Sohn lebt in einer Partnerschaft, verdient seinen Lohn und womöglich auch einen Bonus in der Finanzindustrie.

Sie ahnen, was jetzt kommen wird: Die Witwe hat noch 80000 Franken auf einem Sparbüchlein. Sie braucht das Geld nicht, weil sie mit der AHV und einer kleinen Rente aus der 2.Säule ihres verstorbenen Mannes knapp auskommt. Das Geld sehr gut gebrauchen könnte aber die Tochter. So möchte die betagte Frau, dass bei ihrem Ableben diese 80000 Franken der Tochter zukommen. Der Sohn habe es nicht verdient zu erben.

Leider musste ich die arme Witwe enttäuschen. Im Schweizer Erbrecht gibt es diesen unsäglichen Pflichtteil. Die Witwe kann ihre Tochter sehr wohl mit einem Testament begünstigten, aber nur bis zu 75 Prozent. Ich rechne vor: Tochter und Sohn haben im vorliegenden Fall Anspruch auf je 40000 Franken, sofern kein Testament vorhanden ist. Wenn nun die Mutter den Sohn auf den Pflichtteil setzt, so erhält er drei Viertel dieser 40000 Franken; also 30000 Franken. Über den nicht pflichtteilsgeschützten Erbanspruch des Sohnes von 10000 Franken kann die Witwe frei verfügen, indem sie diesen der Tochter zuweist. Die Witwe traf mich an einem wunden Punkt. Mir leuchtet nicht ein, weshalb eine erwachsene Person nicht selber entscheiden kann, wem sie das Geld vermachen will. Eltern haben Verpflichtungen. So muss man dem Kind eine Ausbildung ermöglichen und es allenfalls bis Alter 25 unterstützten. Damit hat es sich. Damit haben Väter und Mütter ihre Schuldigkeit getan. Sie sollten selber entscheiden dürfen, wem sie wie viel vermachen möchten.