Die Geschichte der Familie Steinreich

claude chatelain am Dienstag, den 5. Mai 2009

John C. Bogle

Es gab einmal eine Familie, die Familie Steinreich. Im Laufe der Generationen wuchs sie auf Tausende von Brüdern, Schwestern, Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen. Sie besassen 100 Prozent der Aktien der USA. Jahr für Jahr ernteten sie den Lohn ihrer Investition: höhere Aktienkurse und all die Dividenden, die die Unternehmen ausschütteten.

Plötzlich betraten schnellzüngige Helfer die Bühne und überzeugten ein paar «schlaue» Steinreichs davon, mehr zu verdienen als die Verwandten. Sie überredeten die Cousins dazu, Anteile an andere Familienmitglieder zu verkaufen und ihnen im Gegenzug Anteile an anderen Unternehmen abzukaufen. Für die Transaktionen verlangten die Helfer eine Gebühr. So verschoben sich die Besitzverhältnisse.

Zu ihrer Überraschung wuchs das Familienvermögen nun langsamer, weil ein Teil der Erträge von den Helfern aufgezehrt wurde. Das ging so lange, bis sich die Familie zusammensetzte und Rat hielt. Der klügste Verwandte, ein alter, weiser Onkel, sagte dann mit sanfter Stimme: «Das ganze Geld, das ihr diesen Helfern bezahlt (…), geht direkt auf Kosten der Gewinne und Dividenden. Vergesst die Broker. Vergesst die Vermögensverwalter. Dann erntet unsere Familie wieder 100 Prozent des Kuchens». Die Steinreichs befolgten den Rat des weisen Onkels, kehrten zur passiven Anlagestrategie zurück und taten rein gar nichts. Das ist genau das, was auch ein Indexfonds tut.

Nachzulesen im Buch «Keine Investment Zauberformel» von John C.Bogle, laut «Fortune» einem der vier Investment-Giganten des 20.Jahrhunderts.

Suchen Sie nicht die Nadel im Heuhaufen

claude chatelain am Dienstag, den 28. April 2009

John C. Bogle war letzte Woche in Zürich. Zwar nicht leibhaftig, aber live von Pennsylvania ins Gebäude der Schweizer Börse zugeschaltet. Gemäss dem amerikanischen Wirtschaftsmagazin «Fortune» ist Bogle neben Warren Buffet einer der vier Investment-Giganten des 20.Jahrhunderts. Seit Jahrzehnten predigt er, was sich nun mehr und mehr durchzusetzen scheint: indexiertes Investieren. Von Bogle stammt der wegweisende Satz: «Suche nicht die Nadel im Heuhaufen. Kaufe das ganze Heu».

Will heissen: Man soll nicht einzelne Aktien herauspflücken. Man soll sich vielmehr an sämtlichen Unternehmen eines Börsenindexes beteiligen. Die Fondsgesellschaft Vanguard Group, die Bogle gegründet hat, spezialisiert sich seit Jahrzehnten auf Indexfonds. Der Kurs solcher Fonds entwickelt sich im Gleichschritt mit dem zugrunde liegenden Index.

Und so sagte Bogle am «Index Day» – so hiess der Anlass –, man solle einen grossen Index wählen, nicht einen kleinen Länderindex oder einen Branchenindex. Mit grossem Index könnte er den MSCI World gemeint haben, der Aktien rund um den Globus abbildet. Oder etwa den S&P-500 mit den 500 grössten Unternehmen der USA. Ein kleiner Länderindex wäre etwa der SMI, der bloss 20 Schweizer Firmen abbildet und welcher von nur 5 Unternehmen dominiert wird. Und punkto Branchenindex machte sich Bogle über Technologiefonds lustig. Na ja, man könne sehr wohl einen kleinen Teil des Vermögens für «Funny money» einsetzen …

Kein Wunder, dass auch etliche Finanzexperten der Bahnhofstrasse aufkreuzten, um den Investment-Giganten live zu erleben. Fast leidtun mussten einem die Vorredner, die doch tatsächlich Plädoyers für strukturierte Produkte oder – eben – «funny money» hielten. Sie könnten einem Bogle kaum widersprechen. Nicht nur, weil er rhetorisch überlegen ist. Vor allem aber, weil historische Erfahrungen Bogle Recht geben.

Am Schluss des «Index Days» erhielten dann alle Teilnehmer noch Bogles Buch: «Keine Investment Zauberformel». Darin wird unter anderem die Geschichte der «Familie Steinreich» erzählt. Mehr dazu in der Kolumne von kommender Woche.

Wenn der Unfall eine Krankheit ist

claude chatelain am Dienstag, den 21. April 2009

Wer verunfallt, hat Glück im Unglück. Noch schlechter wäre eine Krankheit. Dies zumindest aus versicherungstechnischen Überlegungen, denn das Unfallversicherungsgesetz (UVG) gewährt weit grosszügigere Leistungen als das Krankenversicherungsgesetz (KVG). Nun gibt es Ereignisse, die jeder Mensch mit einer durchschnittlichen Bildung als einen Unfall bezeichnen würde. Nur der auf Sozialversicherungen spezialisierte Jurist wird behaupten, es sei eine Krankheit.

Beim Volleyball voll auf den Rücken gefallen – seither arbeitsunfähig. Unfall oder Krankheit? Natürlich Unfall, würden wir sagen. Falsch. Das UVG zahlte nichts, weil die Landung in überstreckter Rückenlage nach Auffassung des Versicherungsgerichts im Volleyball häufig vorkommt.

Eine Reiterin erleidet ein Schleudertrauma, ohne vom Pferd zu fallen. Es passierte, als ihr Pferd vom Galopp in den Schritt wechselte. Unfall oder Krankheit? Natürlich Unfall. Falsch. Der Wechsel vom Galopp in den Schritt sei ein gewöhnlicher Vorgang, heisst es im Gerichtsurteil. Ein Unfall wäre es gewesen, wenn das Pferd mit den Vorderbeinen eingeknickt wäre.

Bei einem selbst gebackenen, nicht entsteinten Kirschenkuchen auf einen Stein gebissen – Zahn weg: Unfall oder Krankheit? Natürlich Unfall. Wieder falsch. Ein Unfall wäre es gewesen, wenn sich der Stein in einem angeblich entsteinten Kuchen befunden hätte.

Der Jiu-Jitsu-Kämpfer verstaucht sich beim Training einen Halswirbel. Unfall oder Krankheit? Bingo. Wieder kein Unfall. Beim Bodenkampf sei keine unkoordinierte Bewegung zu beobachten gewesen, befanden die Richter. Ein Unfall wäre es gewesen, wenn der Bewegungsablauf durch etwas Programmwidriges gestört worden wäre.

Was ist denn überhaupt ein Unfall? Das UVG gibt hier eine glasklare Antwort: «die plötzliche, nicht beabsichtigte, schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen und physischen Gesundheit oder Tod zur Folge hat». So der Gesetzestext.

Begriffen? Nein? Das macht nichts. Ich kapiers auch nicht.

Warum ich keine Steuern sparen will

claude chatelain am Dienstag, den 14. April 2009

Neulich hat ein Leser angeregt, einen Artikel darüber zu schreiben, wie man Steuern sparen könne. Der Mann hat ins Schwarze getroffen. Das ist mein Lieblingsthema. Ich nenne Ihnen vier Beispiele, wie sie insbesondere von Vorsorgeberatern etwa kolportiert werden:

1. Sie sollten so viel wie erlaubt auf das steuerbegünstigte Konto 3a einzahlen: Sie sparen Steuern damit.

2. Sie sollten die Hypothek aufstocken statt abzahlen. Sie sparen Steuern damit.

3. Sie sollten sich das Pensionskassenkapital auszahlen lassen, statt die Rente zu beziehen. Sie sparen Steuern damit.

4. Statt von der Pensionskasse eine Rente zu beziehen, sollten Sie mit dem Kapital eine private Rentenversicherung abschliessen. Sie sparen Steuern damit.

Vier Ratschläge, an deren Richtigkeit kein Zweifel besteht. Zweifel bestehen aber an der Bedeutung dieser Ratschläge. Es tönt zwar gut, wenn man sagen kann: Sie können Steuern sparen. Doch die Frage ist falsch gestellt: Massgebend ist nicht, wie viele Franken Steuern man sparen kann. Massgebend ist, wie viel unter dem Strich übrig bleibt. Am besten lässt sich das Gesagte am Beispiel der Hypothek darstellen.

Angenommen, ein Hausbesitzer erhöht seine Hypothek um 100000 Franken und zahlt dafür einen Zins von 3000 Franken pro Jahr. Diesen Zins kann er vom steuerbaren Einkommen in Abzug bringen. Er spart damit je nach Progression bis zu 1000 Franken Steuern pro Jahr. Tönt nicht schlecht. Aber was ist mit den 3000 Franken Zinsen, die wegen der höheren Hypothekarbelastung zu berappen sind? 3000 Franken höhere Ausgaben, um 1000 Franken Steuern zu sparen, ist wohl nicht das Geschäft des Jahres.

Ein gutes Geschäft ist es höchstens, wenn die aufgenommenen 100000 Franken einen Ertrag von mehr als 2000 Franken abwerfen. Mit dem Sparkonto oder mündelsicheren Obligationen wird das nicht gelingen. Man müsste also Aktien kaufen und damit die bekannten Risiken in Kauf nehmen.

Sagt der Berater : «Wollen Sie Steuern sparen?» So sagen Sie: «Nein, ich will nicht Steuern sparen. Ich will Geld sparen».

Ein Fondssparplan mit ETF?

claude chatelain am Dienstag, den 7. April 2009

Fondsparpläne und börsenkotierte Anlagefonds (ETF) sind etwas vom Besten, was die Finanzbranche für den Privatanleger geschaffen hat. Das Dumme ist nur, dass sich die beiden nicht vereinen lassen. Mit einer Ausnahme: Valiant Bank. Sie beweist, dass man könnte, wenn man wollte: Beim Fondsinvestkonto stehen zwei ETF zur Auswahl .

Es gäbe noch eine andere Möglichkeit: klassische Indexfonds. Wie die ETF bilden sie einen Börsenindex ab. Sie sind aber unterschiedlich aufgebaut und werden anders gehandelt. ETF werden, wie gesagt, an Aktienbörsen gehandelt, deshalb heissen sie ja Exchange Traded Funds. Anders der konventionelle Indexfonds. Er basiert auf dem Forward Pricing. Der Preis eines Anteils wird am Abend auf Grund der Schlusskurse ermittelt. Wenn man Fondsanteile zeichnet, kennt man deren Preis nicht.

Was spricht nun dagegen, einen Fondssparplan mit einem klassischen Indexfonds zu kombinieren? Eigentlich nichts. Nur dass die Indexfonds dünn gesät sind. Beim Fondssparplan der Berner Kantonalbank kann man zwischen acht Fonds auswählen. Keiner davon ist ein Indexfonds. Raiffeisenbank? dito. Migros Bank? dito. UBS? Der Marktleader führt 140 Fonds im Sortiment; nur deren 2 kann man als Indexfonds bezeichnen, darunter der bekannte (und auch erfolgreiche) «UBS 100 Index-Fund Switzerland». Bei der CS ist das Angebot nicht besser.

Löblich ist dagegen Swisscanto. Die Fondsgesellschaft der Kantonalbanken führt klassische Indexfonds auf 5 bekannte Börsenbarometer, darunter der Swiss Market Index (SMI) und Swiss Performance Index (SPI). Weniger löblich, dass just die Berner Kantonalbank, die ja Swisscanto-Fonds vertreibt, die 5 Indexfonds nicht mit ihrem Fondssparplan kombiniert. BEKB-Sprecher Hansrudolf Merz erklärt auf Anfrage: «Strategiefonds eignen sich unserer Meinung nach am besten für den langfristigen Vermögensaufbau. Unsere Kunden sind deshalb mit unserem Angebot gut bedient.»

Da habe ich eine ganz andere Meinung. Und so auch die Bank Coop. Mit ihrem Fondssparplan lassen sich sämtliche Fonds der gesamten Swisscanto-Palette kombinieren – auch die 5 Indexfonds.

Teure Monster

claude chatelain am Montag, den 8. Dezember 2008

«Es wird langsam unheimlich, zwei globale Bankenmonster im Land zu wissen, für deren mangelhafte Kontrollen wir womöglich die Zeche bezahlen müssen.» So stand es in dieser Zeitung am 26.Januar 2008. Anlass zu dieser Aussage gab jener Händler der Société Générale, der die zweitgrösste Bank Frankreichs im Handstreich um 8 Milliarden Franken erleichtert hatte. Die Aussage rief geharnischte Reaktionen hervor. So meinte ein subalterner Bankangestellter in einem Leserbrief, es sei «billiger Populismus und Aufhetzerei, den einzelnen Steuerzahler zum letzten Retter in der Not emporzustilisieren».

Heute wissen wir, die Befürchtung dieser Zeitung war weder populistisch noch hetzerisch. Sie hat sich bedauerlicherweise bestätigt.

Leider sind aber kaum ernst zu nehmende Anstrengungen zu beobachten, wonach das Problem der unheimlichen Bankenmonster gelöst würde. Oder hat jemand vernünftige Vorschläge gehört, wie das Klumpenrisiko begrenzt werden soll? Eher das Gegenteil ist der Fall: Der Postfinance zum Beispiel bleibt es nicht vergönnt, für etwas mehr Wettbewerb zu sorgen. Die Bankenlizenz wird ihr verweigert.

Immerhin hat die SP Vorstösse eingereicht, um das Problem an der Wurzel zu packen. Sie plädiert dafür, die Tätigkeit des Investmentbankings aufs nötige Minimum zu begrenzen. Man darf sich zwar fragen, ob dies der Weisheit letzter Schluss ist. Doch der SP ist zugutezuhalten, dass sie im Unterschied zu den bürgerlichen Kräften das Grundproblem überhaupt thematisiert. Das Grundproblem ist die Marktmacht und das Klumpenrisiko von UBS, CS und Swiss Life und nicht die mangelnde Einlagesicherung. Die Bürgerlichen sind gut beraten, die Vorstösse der SP zu prüfen, auch wenn sie für sie aus der falschen Ecke stammen.

Heute 8 Milliarden; das nächste Mal 50?

claude chatelain am Samstag, den 26. Januar 2008

Der Handelsraum der UBS in Stamford im US-Staat Connecticut ist mit 1400 Arbeitsplätzen und 2000 Monitoren der grösste dre Welt.

Kann ein einzelner Händler eine Grossbank um 8 Milliarden Franken prellen? Aufsichtsbehörden und Bankenexperten hätten diese Frage bis vorgestern vermutlich verneint. Heute wissen wir es besser: Er kann. Zumindest bei der Société Générale, der zweitgrössten Bank Frankreichs, war das möglich. Wie es so weit kam, interessiert vorerst nicht. Alarmierend ist allein die Tatsache, dass so etwas überhaupt passieren kann.

1995 hatte Nick Leeson von seinem Platz in Singapur aus die traditionsreiche Londoner Baring Bank gründlich ruiniert. Danach versicherten die Geldhäuser rund um den Globus, die internen Kontrollmechanismen und Sicherungssysteme angepasst zu haben. 1998 verspekulierte die UBS unter dem damaligen CEO Marcel Ospel mit einem Hedge Fund 1 Milliarde Franken. Postwendend hiess es, man werde daraus die Lehren ziehen, das Risikomanagement und die interne Aufsicht verbessern. Keine zehn Jahre später dann die noch nicht ausgestandene Subprime-Krise, welche die UBS offiziell 16 Milliarden Franken und inoffiziell noch mehr kosten dürfte – übrigens immer noch unter Marcel Ospel, diesmal als Verwaltungsratspräsident. Klar, dass es erneut heisst, man werde daraus die Lehren ziehen. Wer glaubt noch daran?

Wenn man einen Betrugsfall in Höhe von 8 Milliarden Franken nicht verhindern kann, lassen sich wohl auch höhere Betrugsfälle nicht vermeiden. Von aussen betrachtet, muss man sich demnach die bange Frage stellen, ob es beim nächsten Mal 20, 30 oder gar 50 Milliarden Franken sein werden. Mit 50 Milliarden Franken müssten wir nicht mehr über Zusatzkredite für die neue Alpentransversale debattieren. Mit diesem Betrag könnte die Neat gleich zweimal bezahlt werden.

Um ein 50-Milliarden-Loch zu stopfen, würde selbst die Kapitalkraft einer UBS oder CS nicht mehr ausreichen. Dann würden auch Staatsfonds nicht mehr investieren. Und im Unterschied zum Chiasso-Skandal vor 30 Jahren ist bei solchen Dimensionen auch keine Hilfe von anderen Schweizer Banken mehr zu erwarten.

«Too big to fail» würde es dann heissen. Zu gross, um scheitern zu dürfen. Also müsste der Steuerzahler einspringen. Für Bernerinnen und Berner wäre eine Bankensanierung keine neue Erfahrung. Bei der Swissair sah sich die Eidgenossenschaft auch genötigt, Steuergelder à fonds perdu zur Verfügung zu stellen. Etwa nach dem Motto: Gewinne privatisieren; Verluste sozialisieren.

Es wird langsam unheimlich, zwei globale Bankenmonster im Land zu wissen, für deren mangelhafte Kontrollen wir womöglich die Zeche bezahlen müssen.