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Nicht nur im Interesse des Prämienzahlers

Claudia Salzmann am Mittwoch den 26. Oktober 2016

Vielleicht haben Sie es auch gelesen: Die Unfallversicherer dürfen keine Detektive mehr einsetzen, um bei einem Verdacht auf Versicherungsbetrug Personen zu observieren. Das sagen fremde Richter am Europäischen Gerichtshof in Strassburg. Nun wollen Politiker subito die gesetzliche Grundlage dafür schaffen, das Ausschwärmen von Detektiven zu legalisieren. Die Unfallversicherer begründen ihr Tun mit dem Argument, dass sie dies im Dienste der Prämienzahler täten. Je tiefer die Schadenzahlungen, desto tiefer die Prämien.

Meines Erachtens sollte man in der Unfallversicherung etwas ganz anderes unterbinden. Man sollte die gesetzliche Grundlage schaffen, dass die Versicherer nicht selber entscheiden dürfen, wie weit sie für einen Schaden aufzukommen haben. Wie schon unzählige Schweizerinnen und Schweizer erfahren mussten, kennt die Schweiz einen eigenwilligen Unfallbegriff. Nicht alles, was wir als Unfall bezeichnen, gilt nach Unfallversicherungsgesetz (UVG) als Unfall. Und was kein Unfall gemäss UVG ist, gilt als Krankheit und wird nicht vom Unfallversicherer, sondern von der Krankenkasse entschädigt.

So lassen die Unfallversicherer nichts unversucht, einen Unfall als Krankheit darzustellen, wenn sich dazu eine Gelegenheit bietet. In den meisten Fällen geht die Rechnung auf: Unfallopfer haben oft nicht die Kraft, sich dagegen juristisch zu wehren. Also werden sie die bittere Pille schlucken und mit den geringeren Leistungen der Krankenkasse vorliebnehmen.

«In Tausenden von Fällen pro Jahr werden aus Unfällen Krankheiten gemacht und den Kassen zugeschoben», schrieb die NZZ im Juni vergangenen Jahres. Die Versicherer könnten nun sagen, sie täten das im Interesse der Prämienzahler. Ich fürchte, sie tun dies eher im Interesse der Aktionäre.

Abhilfe könnte nur eine neu­trale, von Unfallversicherern ­finanzierte Schadenzentrale leisten, welche begutachtet, ob ein Unfallversicherer leistungspflichtig wird. In der politischen Debatte ist das überhaupt kein Thema. Und auch fremde Richter dürften sich kaum dazu äussern.

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4 Kommentare zu “Nicht nur im Interesse des Prämienzahlers”

  1. Jürg Brechbühl sagt:

    Sie schlagen eine Art Schiedsgericht vor. Dieses läuft es auf dasselbe hinaus: Der Geschädigte muss den Schaden beweisen und er muss beweisen, dass der Schaden durch den Unfall verursacht wird Die Versicherung wiederum bekommt vom Schiedsrichter die Akten ausgehändigt und kann dann Beweisanträge stellen In teuren Schadenfällen wird sie bestreiten, dass es ein Unfall war.
    Die Vorteile dieses Schiedsgerichtes wären, dass die Versicherung nicht mehr willkürlich entscheiden darf, welche Fakten und Informationen gesammelt werden. Der Patient würde umfassender und objektiver untersucht. Seine Heilungschancen steigen.

    • Jürg Brechbühl sagt:

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      Der Nachteil dieses Schiedsgerichtes wäre, dass eine zusätzliche bürokratische Stelle geschaffen wird, die entlöhnt werden muss. Für kleine Versicherungsfälle würde es auf diese Weise sehr viel länger dauern, bis Geld kommt. Bei grösseren Fällen wären dafür die Chancen besser, das überhaupt je Geld kommt, das in einer vernünftigen Relation zum tatsächlichen Schaden ist.

    • Jürg Brechbühl sagt:

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      Ich wurde vor Jahren Opfer eines Autobahnrasers.
      Ich kämpfte 15 Jahre bis die Automobilhaftpflichtversicherung mich entschädigte. Mein Vater war Steuerexperte beim Bund und gelernter Buchhalter. Mit ihm zusammen hatte ich eine detaillierte Buchhaltung geführt und die Vollkosten für meinen Schaden geschätzt. Ich bekam am Schluss ca. 2/3 des Schadens bezahlt.
      Das ist sehr viel mehr, als alle mir bekannten oder zugetragenen Unfall opfer bekommen. Wer hartnäckig ist und einen guten Anwalt hat, bekommt maximal 1/3 bis die Hälfte des Schadens bezahlt.
      Wer verheiratet ist und Kinder ernähren muss, kann nicht so lange warten, wird zermürbt und bekommt maximal einen zehntel des Schadens…

    • Jürg Brechbühl sagt:

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      Die alleinige Verfügungsmacht der Versicherer hat dramatische Konsequenzen.
      Die Ärzte, die sich wirklich für meine Gesundheit interessierten, wollten lieber nicht zu viel machen, nicht zu viel untersuchen, nicht zu viel schreiben. Denn was immer sie in Berichte schreiben, wird vom Versicherer zerpflückt, ins Gegenteil verdreht, systematisch nach dem Haar in der Suppe abgesucht, damit man mich bei einem Richter schlechtmachen kann.
      Darum werden sinnvolle Behandlungen gar nicht vorgeschlagen. Man tut lieber nichts als dass man dem Versicherer Wissen in die Hand spielt. Jede Behandlung produziert nämlich Berichte, die wiederum gegen den Geschädigten missbraucht werden.