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Enea Martinelli über die strapazierte Solidarität unseres Gesundheitswesens

claude chatelain am Donnerstag den 7. Juli 2011

Enea Martinelli, Spitalapotheker in Interlaken und Grossrat der BDP, liess mir nachfolgenden Denkanstoss zukommen.

Enea Martinelli, Grossrat der BDP

“Bei einer Diskussion auf der Strasse sagte mir neulich jemand folgendes: Es sei schon verrückt, dass es gegen den Lungenkrebs noch kein anständiges Medikament gäbe. Das müssten doch diese hoch bezahlten Forscher längstens herausgefunden haben. Er kam dabei so in Fahrt, dass er immer wieder husten musste. Die Röte in seinem Gesicht war kaum zu übersehen. Sie entstand nicht wegen dem Ärger, sondern wegen der grossen Anstrengung. Gleichzeitig hat er immer wieder an seinem Stumpen gezogen.

Diese Diskussion zeigt ein Dilemma der Gesundheitspolitik: Akzeptieren wir, dass wir die Folgen der Laster jedes Einzelnen mitfinanzieren, oder setzen wir enge Grenzen bei den Verhaltensregeln? Soll das Prinzip gelten: Wer sich nicht an die Vorgaben hält, soll die Behandlung der Folgen seines Tuns nicht mehr durch die Krankenkasse und damit solidarisch erhobene Prämien finanzieren können, sondern selbst in die Tasche greifen? Wollen wir Grenzen setzen oder wollen wir die völlige Freiheit zu Lasten der Allgemeinheit?

Dass die Prämien jedes Jahr steigen, daran haben wir uns bereits gewöhnt. Gross ist jeweils der Aufschrei, wenn die Tabakpreise erhöht werden. Es wird darüber diskutiert, ob das Rauchverbot in Restaurants gerechtfertigt ist und ob Fumoirs bedient werden sollen. Ebenso wird diskutiert, ob die Krankenkasse für die Drogenersatztherapien oder Alkoholentzugsmedikamente respektive –therapien aufkommen muss oder nicht.

Es ist letztendlich die Frage, wie weit die Solidarität in unserem Sozialversicherungssystem gehen soll und wie weit die Bürgerinnen und Bürger für die Folgen ihres eigenen Verhaltens zur Kasse gebeten werden können. Eigenverantwortung zu stärken ist richtig und wichtig. Nur: Wo sind die Grenzen respektive braucht es überhaupt Grenzen?

Bei den Lebensversicherungen ist der Schritt zur risikobasierten Prämie bereits getan: Wer höhere Risiken eingeht, wie zum Beispiel Base-jumping, muss auch mehr bezahlen oder kann sich gar nicht versichern. Auch die Unfallversicherungen kennen ähnliche Regeln.

Ist jemand aufgrund einer seltenen Krankheit übergewichtig oder weil er/sie schlicht zu viel isst und sich zu wenig bewegt? Ist jemand mit einer Herzerkrankung selber schuld oder genetisch so veranlagt und wie lässt sich das beweisen? Ist jemand mit chronischem Husten einfach selber schuld oder ist es eine stark belastende Arbeit, die dazu geführt hat? Ist es richtig aufgrund von genetischen Faktoren auch ohne Krankheit eine risikobasierte Prämie zu erheben?

Solche Fragen zeigen auf, dass der Problemkreis „Krankheit“ sehr viel schwieriger fassbar ist als ein klar definierter Unfall mit meistens klarer Ursache und sehr schnell an die ethisch vertretbaren Grenzen stösst. Letztendlich wird die Politik jedoch nicht darum herum kommen festzulegen, wo die solidarische Finanzierung aufhört und bis wohin die individuelle Freiheit geht.

Die totale Freiheit ohne finanzielle Mitverantwortung für das eigene Tun ist für die Allgemeinheit auf Dauer kaum finanzierbar.”
Enea Martinelli

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4 Kommentare zu “Enea Martinelli über die strapazierte Solidarität unseres Gesundheitswesens”

  1. Urs Bärtschi sagt:

    Grossrat Martinelli wirft viele Fragen auf. Und er sagt, die Politik werde nicht darum herum kommen festzulegen, wo die solidarische Finanzierung aufhört und bis wohin die individuelle Freiheit geht. Schön wäre es, Herr Martinelli würde diese Fragen gleich selber beantworten. Schliesslich ist er Gesundheitsexperte und eben auch Politiker.
    Urs Bärtschi

  2. Herr Bärtschi hat recht : es ist einfacher zu sagen, “man” oder eben “die Politik” sollte es tun.
    Er hat auch recht, dass ich Politiker bin. Nur bin ich auf jener Ebene tätig, die dazu nichts zu sagen hat.
    Gesundheitsfragen dieser Grössenordnung lösen sich national und nicht kantonal. Genau deshalb reizt es mich, an dem Ort zu politisieren, wo genau solche Fragen beantwortet und die Lösungen mitgestaltet werden.

    Konkret : Als erstes braucht es ein griffiges Präventionsgesetz. Nur der aufgeklärte Bürger kann verstehen, was er/sie soll respektive eben nicht soll.

    Als zweites braucht es eine stärkere Selbstbeteiligung und gleichzeitig deren soziale Abfederung. So wird die Eigenverantwortung gestärkt, denn unsere soziale Krankenversicherung verkommt zunehmend zum Selbstbedienungsladen für jedes Boboli.

    Im dritten Punkt stosse ich an ethische Grenzen, nämlich bei der Frage, inwiefern die Folgen von bewusst “ungesundem Leben” durch die Allgemeinheit finanziert werden müssen. Ich habe die Debatte nicht lanciert, um eine Lösung zu verkaufen, sondern um zu wissen, was die Leute darüber denken. Dann erst ist es Zeit, über die konkreten Lösungen zu diskutieren.
    Enea Martinelli

    • Ihre Anregungen sind interessant, Herr Martinelli. Nur beim zweiten Punkt habe ich eine Bemerkung: Sie verlangen mehr Selbstverantwortung mit einer sozialen Abfederung. Ich frage mich nur, wie diese soziale Abfederung funktionieren soll. Ich fürchte, das macht das System nur noch viel komplizierter als es heute schon ist. Und schliesslich haben wir das Prinzip der Prämienverbilligung, das ja ebenfalls höchst zweifelhaft ist, wenn man bedenkt, dass gegen die 40 Prozent der Haushalte in den Genuss einer solchen Vergünstigung kommen. Da könnte man ebenso gut die Kopfprämie abschaffen.
      Claude Chatelain

      • Das Hinterfragen des Systems “Prämienverbilligung” ist tatsächlich eine Diskussion wert. Ich behaupte folgendes: Wenn die Selbstbehalte massiv steigen, dann werden auch die Prämien entsprechend sinken.

        Ich stelle mir folgendes vor: Die Selbstbehalte können beispielsweise nach dem steuerbaren Einkommen/Vermögen eines Haushaltes berechnet werden, analog der heutigen Prämienverbilligung. Die effektive Prämienverbilligung könnte dann ebenfalls massiv reduziert werden, und wir hätten ein Mischsystem aus Kopfprämie und differenziertem Selbstbehalt, der wiederum der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Rechnung trägt.