Schicke Gummistiefel auf dem Spaziergang?

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Ich gehe regelmässig mit ein paar Freundinnen auf den Hundespaziergang. Jetzt haben die sich alle Gummistiefel einer teuren Marke zugelegt, während ich weiterhin mit meinen alten Converse-Turnschuhen daneben herlaufe. Habe ich da etwas verpasst? Wäre es stilvoll, selbst auf dem Hundespaziergang ein modisches Statement abzugeben? Oder ist das übertrieben? S. I. aus H.

Liebe Frau I.,
ganz grundsätzlich finde ich es höchst willkommen und auch äusserst lobenswert, wenn man in jeder Lebenslage auf sein Erscheinungsbild achtet. Das zeugt von Klasse und von einem feinen Sinn für Schönes. Ein Hundespaziergang über Stock und Stein bedeutet noch lange nicht, dass man sich für diesen Zweck in gruseliges Schuhwerk oder praktisch-sackartiges Gewand hüllen muss. Ich bestaune ja immer Kultur-Touristen und wundere mich, weshalb das Studieren von Bildern im Museum oder von Kirchen oder historischen Gebäuden zwingend mit einer ausgesprochen hässlichen Garderobe einhergehen muss. Man kann dazu durchaus einen Mantel anstatt einer Windjacke und ein paar anständige Schnürschuhe anstatt ästhetisch fragwürdiger Bequemtreter montieren. Man kann sich auch die Haare kämmen und duschen. Ich denk dann immer: Da bewundert der Mensch die Schönheit der Vergangenheit und hat selbst derart kein Auge dafür! Jemand mit einem solch mangelnden ästhetischen Bewusstsein kann das doch gar nicht richtig ästimieren.

Aber jetzt zu diesen Gummistiefeln. Selbstverständlich weiss ich haargenau, welches Modell Sie meinen. Sie stammen aus England und sehen eigentlich aus, wie Gummistiefel eben so aussehen, aber weil man die Prominenz mit diesen vorzugsweise an Open-Air-Festivals rumstolpern sah, galten sie mit einem Mal als chic. In New York marschierten die jungen Frauen vor einigen Jahren dauernd mit Gummistiefeln rum, selbst Schaufensterpuppen trugen Gummistiefel, ich fand das äusserst kurios.

Es mag jetzt nicht sehr charmant klingen, aber es zeugt nicht vom modischen Sachverstand Ihrer Hunde-Freundinnen, wenn die sofort auf diesen Zug aufspringen. Sie tun damit nämlich genau das, was die Gummistiefelfirma beabsichtigt hat: Die schickt ein paar Models oder Sängerinnen oder Schauspielerinnen gratis und franko diese Stiefel zu, die tragen die und werden darin fotografiert. Und weil die Gummistiefelfirma sich darauf verlassen kann, dass es Frauen gibt, die, mit Verlaub, so doof sind, dass sie alles kaufen, was die in den Heftli tragen, geht die Rechnung wunderbar auf (das himmeltraurigste Beispiel dafür waren die Ugg-Boots, die wüstesten Schuhe der Welt, die ihren Siegeszug um den Globus nur wegen exakt dieses Mechanismus antreten konnten).

Man nennt solche Frauen auch Fashion Victims, und das ist alles andere als ein Kompliment. Bleiben Sie also bei Ihren alten Converse-Turnschuhen, die haben Klasse. Sie verströmen damit weitaus mehr Grandezza als ihre Kolleginnen, die so verkrampft in ihren Marken-Gummistiefeln daherwackeln.

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