Nach der Show ist vor der Show

Über Selbstkonsumption.

Müde und nachdenklich: Velázquez’ «Mars» von 1640. Foto: Wikipedia, Montage: Kelly Eggimann

Der französische Dichter Charles Baudelaire schrieb einst: «Man muss dennoch annehmen, dass Schicksalsfügungen gewissen Schwankungen unterliegen, hervorgerufen durch die menschliche Handlungsfreiheit.» In diesem Sinne, meine Damen und Herren, möchte ich heute über ein Gemälde schreiben, das die Ambivalenz zwischen Schicksal und Freiheit, die sich in unseren Zeiten besonders zugespitzt hat, grandios zum Ausdruck bringt, obschon das Ding knapp 400 Jahre alt ist: «Mars» von Diego Velázquez.

Das Gemälde zeigt Mars, den römischen Gott des Krieges, quasi backstage, wie man heute sagen würde. Nach der Show. Oder davor? Egal. Denn nach der Show ist vor der Show, heutzutage. Velázquez’ Mars scheint ein bisschen müde, auch nachdenklich, verwundbar, sanft, allein. Eine ironische Darstellung für den Gott der Tatkraft, Dynamik und Gewalt. Und Mars ist bei Velázquez nicht mehr der Jüngste. Er ist so mittelalt. Dafür gut in Form. Trotzdem wird hier ein Körper ausgestellt, der heute, in der Maskenkultur der digitalen Welt, der spätmodernen Vanitas-Galerie im 24-Stunden-Betrieb, für die Präsentation in sozialen Medien erst mal diverse Filterschichten und Verschönerungsapps erdulden müsste. Aber Mars hat keinen Instagram-Account.

Vergeblichkeit und Vergänglichkeit

Er wirkt verletzlich, denn er hat die Rüstung abgelegt. Bis auf den Helm, groteskerweise, was die Ironie seiner weitgehenden Nacktheit unterstreicht. Diego Velázquez hat das Gemälde 1640 fertiggestellt. Nicht wenige Betrachter sahen und sehen das Werk auch als Kommentar zu den Eroberungsfeldzügen der spanischen Weltmacht des sogenannten Siglo de Oro, des Goldenen Jahrhunderts Spaniens etwa von der Mitte des 16. bis zum späten 17. Jahrhundert, als sich für das spanische Königreich politische Macht und Expansion mit kultureller Blüte verbanden – aber auch mit Auszehrung, unfassbarem Mittelverbrauch, Überkonsumption jeder Art, Umkippen, Melancholie. Das wirft die Sinnfrage auf und zugleich eben das Vanitas-Motiv: Vergeblichkeit und Vergänglichkeit irdischen Strebens.

Diese Resignation als Kehrseite von allem, was glänzt, spiegelt sich in Velázquez’ Gemälde und seiner Lichtführung wider, sie ist zugleich ein Aufruf. Das Bild geht viel weiter, fragt: Haben wir alle Mars unterschätzt? Jürgen Habermas würde vielleicht sagen: Normativ unterfordert. Die Grundthese von Habermas lautet immer noch: Kommunikation ist Moral, ist Vernunft. Das Manko seiner Theorie besteht möglicherweise gerade darinnen, die Zunahme unvernünftigen Handelns und Sprechens, die unsere Zeit so drastisch zu kennzeichnen scheint, zu erklären und zu integrieren. In einer Ära, die so viel weiss, und deren Ignoranz zugleich nicht weniger enzyklopädisch ausfällt.

So wird dieser 400 Jahre alte Mars auch zum ironischen, symbolischen Prototyp des konsumierenden spätmodernen Menschen, zum Menetekel seiner Selbstkonsumation, in einer Gegenwart, die mehr und mehr von Algorithmen der Imitation beherrscht scheint. Das macht die Sache nicht weniger bedenklich, gerade wenn man mit Günther Anders davon ausgeht, dass diese Selbstkonsumiertheit auf ein Wesen zielt, das mutmassliche Selbst, das gar nicht existiert. Aber es bleibt die metaphysische Schönheit. Die wird die künstliche Intelligenz nie erreichen, mit ihren Algorithmen der Imitation. Und wenn ja, werden wir auch damit umgehen. Mit oder ohne Rüstung. Denn nach der Show ist vor der Show.